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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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keine Rede sein. Gerade die griechische Philosophie und die von ihrabhängige europäische Forschung zeigt das aufs deutlichste. DieWissenschaft, die in Griechenland entstand, ging nicht zugrunde mitdem Volk, bei dem sie zum erstenmal auftrat, wie das hätte ge-schehen müssen, wenn man sie mit Recht als ein Lebensprodukt be-trachten soll. Die Arbeit an ihr wurde vielmehr von anderen Völkernmit frischen Kräften übernommen, und als diese Völker nieder-^gingen, fanden sich von neuem Menschen, die noch in ihrer Jugend-blüte standen und bereit waren, das von den Griechen begonneneWerk fortzusetzen. So verlieren die Worte jung und alt, aufblühendund verwelkend sogar in übertragener Redeutung ihren Sinn, sobaldman sie auf solche Kulturgüter anwendet, die wie die Wissenschaftin ihrer Entwicklung nicht auf einzelne Nationen beschränkt geblie-ben sind.

Darin kommt ein allgemeines Prinzip der Kulturwissenschaft undder Geschichtsphilosophie zum Ausdruck. Kulturgüter von sach-licher Redeutung darf man niemals nur in der Weise betrachten wiedie Menschen, die an ihnen arbeiten, und mögen die Personen auchmit Recht unter biologische Regriffe gebracht werden, so folgt dar-aus noch gar nichts für das Werk, das aus ihrer Tätigkeit hervorgeht.Hierfür bietet die Wissenschaft das klassische Beispiel. Sie bestehtals Kulturgut in Sätzen, die einen wahren theoretischen Sinn haben,und sie verdient nur so weit den Namen der Wissenschaft, als ihrsachlicher Gehalt sich loslösen läßt von den Individuen wie von denVölkern, die ihn allmählich erkannten. Will man sagen, daß auch dieWissenschaft einLeben führe, so mag man das tun. Aber es han-delt sich dann um ein Eigenleben, das einen von dem organischenLeben unabhängigen Bestand hat, und das sich daher unter diebiologischen Begriffe von Jugend und Alter, Aufblühen und Verwel-ken nicht bringen läßt. Insbesondere sagt der Umstand, daß dieWissenschaft Jahrtausendealt ist, nicht das Geringste gegen ihreJugendlichkeit, falls der Ausdruck sich auf ihr sachliches Eigen-leben beziehen soll. Das altert nicht in dem Sinn, daß damit ein Ver-fall verknüpft wäre, ja es altert überhaupt nicht, solange noch jugend-liche Individuen oder jugendlicheVölker sich in seinen Dienst stellen.

Damit sind die Gründe, die man vom Standpunkt des Lebensgegen die übergeschichtliche Bedeutung der griechischen Wissen-