gang, der nicht wie das Leben der Organismen einen Kreislauf dar-stellt, sondern sich dauernd so verändert, daß er stets neue, noch niedagewesene Gestalten hervorbringt, können die Begriffe nichtpassen, die sich bei der Untersuchung des sich wiederholenden orga-nischen Lebens von selbst verstehen mögen. Im historisch geworde-nen und sich entfaltenden Leben der Kultur gibt es überhaupt wederein Anfängen noch ein Aufhören von der Art, daß man seine Pro-dukte jung oder alt, aufblühend oder absterbend nennen könnte indem Sinne, in dem die Worte auf Tiere oder Pflanzen anzuwendensind. Will man Lebensbegriffe hier gebrauchen, dann bedürfen sievorher einer genauen Bestimmung. Sonst ist mit ihnen bei der Er-forschung von Kulturerscheinungen gar nichts „gesagt“.
Was also bedeutet es, daß ein Kulturgut alt oder jung ist ? Schondie Uebertragung von biologischen Begriffen auf Gemeinschaftenvon Menschen, wie die Kulturnationen es sind, muß zu Irrtümernführen, falls man vergißt, daß das Leben eines Volkes als Totalitätsich von dem Leben seiner einzelnen Glieder wesentlich unterschei-det. In jeder Generation leben sowohl junge als auch alte Indivi-duenrund deswegen darf man nicht ohne weiteres sagen, eine Gene-ration sei als Ganzes alt oder jung wie dieser oder jener einzelneMensch. Das ist so selbstverständlich, daß es eigentlich nicht nötigsein sollte, es ausdrücklich hervorzuheben, und doch wird bereitsdaraus klar, wie unbestimmt und nichtssagend die in der heutigenModephilosophie des Lebens beliebten Bedewendungen von jun-ger oder alter, aufblühender oder absterbender Kultur sind. In derWissenschaft, die bestimmte Begriffe braucht, wie wir vorläufig dochwohl noch voraussetzen dürfen, kommt man mit solchen Schlagwör-tern ohne genaüere Angabe ihrer Bedeutung nicht weiter.
Immerhin mag man bei Völkern in einem übertragenen Sinn vonJugend und Alter sprechen. Man kann hier die weitesten Zugeständ-nisse machen. Folgt daraus etwa, daß nicht nur für die Völkerselbst, sondern auch für jedes ihrer Kulturprodukte die Begriffe derJugend und des Alters, des Aufblühens und des Verwelkens brauch-bar werden?
Das wäre dann allein zutreffend, wenn der Tod eines Volkes stetsauch den Untergang aller von ihm hervorgebrachten Kulturgüterbedeutete, und davon kann, sobald man die Tatsachen ins Auge faßt,