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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Daraus aber folgt vor allem: auch die Wissenschaft ist ein Teil desLebens überhaupt, und als Lebensvorgang haben wir sic anzusehen,ja nur als lebendige Wissenschaft hat sie überhaupt eine Bedeutung.Alles Lebendige aber beginnt einmal zu keimen, entfaltet sich, blüht,trägt Früchte und verwelkt dann wieder, um schließlich abzuster-ben. Das ist sein unentfliehbares Schicksal. Jugend, Reife undAlter müssen daher die Maßstäbe sein, die überall anzulegen sind.Was jung ist und kräftig emporwächst, besteht zu Recht. Was grauvor Alter ist, scheint dagegen nichts weniger als göttlich. Das Jahrübt hier keine heiligende Kraft, sondern führt jede Erscheinung mitNotwendigkeit ihrem Untergang entgegen.

Wie sollte es mit der Wissenschaft anders sein? Denkt man anihren Ursprung aus dem Griechentum, dann steht sogleich fest: sieist ein Kulturprodukt, das seine Jugendblüte längst hinter sich hat.Am Leben kann sie nur erhalten bleiben, wenn sie wieder jung zuwerden versteht, und zu diesem Zweck hat sie die Reste, die sie vomAltertum her in sich trägt, zu beseitigen. Sonst unterliegt sie demSchicksal alles Lebendigen, schließlich abzusterben. Es ist klar, daßwenn solche Gedanken richtig sind, sie für unsere Betrachtung sehrwesentlich sein müssen.

Wir können nun hier nicht daran denken, die Probleme in ihremganzen Umfang zu behandeln, und wir gehen auch auf die Gründe,die man von hier aus gegen das Festhalten an der griechischen Wis-senschaft ins Feld führen wird, nicht weiter ein. Wir beschränkenuns vielmehr auf die Klarlegung des Prinzips, da schon dadurch jedeBetrachtung von Kulturprodukten wie die angedeutete sich als halt-los dartun läßt.

Zunächst wird es nötig sein, doch auch einmal die Tatsachenfestzustellen, und dann müssen wir bei unbefangener Beobachtung zudem Ergebnis kommen: es ist einfach nicht wahr, wenngesagt wird, das theoretische Leben verlaufe wie das der organischenLebewesen so, daß es keime, sich entfalte, blühe, Früchte trage unddann wieder verwelke, um schließlich abzusterben. Die Wissen-schaft hat sich vielmehr als ein Teil des Kulturlebens mit größerenUnterbrechungen bis zum gegenwärtigen Moment weiter fortent-wickelt, obwohl es Zeiten gab, in denen sie vollständig verschwundenzu sein schien. Auf einen solchen einmaligen geschichtlichen Werde-