32
betrachten. Besonders auch Kants Stellung zur modernen Kulturläßt sich erst dann ganz verstehen, wenn sie in dieser Art geschicht-lich angesehen wird.
Im übrigen kommt der europäische Rationalismus zunächst nurals der gemeinsame Kulturhintergrund in Frage.Von ihm sollen sich die verschiedenen Gebilde der Kultur abheben,die wir uns jetzt nach ihrer Eigenart in der angegebenen Weise ge-schichtsphilosophisch zum Bewußtsein zu bringen haben, und ehewir dazu übergehen, in dem Gemeinsamen die Unterschiede zu be-trachten, ist über den Rationalismus im allgemeinen nur noch eineBemerkung hinzuzufügen. Der Terminus ratio bleibt vieldeutig. Wirsagen daher gleich ausdrücklich, was wir damit nicht meinen.
Vor allem ist der Rationalismus vom Intellektualismus zu unter-scheiden. Der soll erst behandelt werden, wenn wir zum Griechentumkommen. Doch schon jetzt stellen wir fest: stets muß zwar der In-tellektualismus rationalistisch sein, aber der Rationalismus brauchtdarum kein intellektualistisches Gepräge zu tragen. Er ist die um-fassendere Ansicht. Terminologisch mag die Trennung als willkür-lich erscheinen, denn Ratio und Intellekt kann man beide mit Ver-stand übersetzen. Doch wir haben keine geeigneteren Ausdrücke,um den sachlichen Unterschied, der hier wichtig ist, zu bezeichnen,und wir halten uns daher an diese Terminologie. Das Wort Rationehmen wir dabei in einer sehr umfassenden Bedeutung, wie das demSprachgebrauch durchaus entspricht. Es bezieht sich, so verstan-den, nicht allein auf das spezifisch theoretische oder gar auf das be-reits wissenschaftlich ausgebildete Denken, sondern auf jedes plan-volle, überlegende, zielbevußte und insofern „verständige“ mensch-liche Verfahren überhaupt.
Welchen Sinn es hat, auch ganz untheoretische Bestrebungen, indenen der Intellekt nicht herrscht, rationalistisch zu nennen, gehtschon aus den Ausführungen von Max Weber hervor. Man kann dieMusik und die bildende Kunst bis zu einem hohen Grade rationa-listisch gestalten, ohne sie damit ihres atheoretischcn Eigen-wertes zu berauben oder intellektuell zu machen. Dasselbe giltvollends von dem Leben der Gesellschaft, zumal in Wirtschaft undStaat. Ja grade der „praktische“, d. h. der wollende und der han-delnde Mensch bedarf der Ratio, und man wird daher sagen, daß