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Aber die Sache hat noch eine andere Seite auch für die Gegen-wart. Die Leidenschaftlichkeit, mit welcher der Antirationalismussich bisweilen geltend macht, wird nur gefördert, wo ein einseitigerRationalismus die stets vorhandenen und nie ganz zu unterdrücken-den irrationalen Momente der Kultur in ihrer Bedeutung verkennt,um sie dann theoretisch entweder zu ignorieren oder zu vergewalti-gen. In dem rationalistischen Europa entsteht immer wieder dieNeigung, a 11 e s zu rationalisieren, und es unterliegt, wie schon ge-sagt, keinem Zweifel, daß der neueste Antirationalismus zum Teilvon den Fehlern der vorangegangenen Generation lebt. Die Philo-sophie, wie sie noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts Mode war,zeigte in der Tat weitgehende Verständnislosigkeit für das nicht Ver-standesmäßige. Wollte sie doch sogar die Geschichtswissenschaft zueiner Gesetzeswissenschaft machen und empfahl dem HistorikerStudien im psychologischen Laboratorium! Man darf sich nicht dar-über wundern, daß jetzt der Pendel wieder einmal stark nach derentgegengesetzten Seite ausschlägt, oder daß viele zwischen Ratio-nalismus und Antirationalismus unsicher hin- und herschwankenund sich in solcher Not eineWeltanschauung mit zwei Schwerpunktenzurechtmachen 1 ).
So wird am Beispiel der Gegenwart, sobald man sie in einem ge-wissermaßen europäischen Licht sieht, besonders klar, worin die Auf-gabe der universal und allseitig gerichteten Philosophie besteht.Meidet sie als Kulturphilosophie nicht gleichmäßig einen einseitigenRationalismus ebenso wie einen einseitigen Antirationalismus, dannwerden die Wirrungen, die heute den Tag beherrschen, immer wie-derkehren. Europas Rationalismus bedingt seine Größe und ist zu-gleich philosophisch seine Gefahr. Auch über den Antirationalismusunserer Zeit gewinnt man Klarheit erst, wenn man ihn in diesen Zu-sammenhang einordnet. Sowohl die irrationalen als auch die ratio-nalen Kulturmächte sind historisch bedingt, und die Kulturphilo-sophie darf daher die aus ihrem Antagonismus sich ergebenden Pro-bleme nicht allein vom Standpunkt der augenblicklichen Situation
1) Diese Weltanschauung habe ich in einem Nachtrag zu meiner Abhandlungüber „Fichtes Atheismusstreit und die Kantische Philosophie“ (1899) zucharakterisieren versucht, die aut Wunsch der Kantstudien in einen Sammel-band mit demTitel „Kritizismus“ 1924 wieder abgedruckt ist.