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müssen. Die Modeströmung stellt, so verstanden, eine der vielenirrationalistischen und in ihrem Verhältnis zur Wissenschaft not-wendig antirationalistischen Wellen dar, wie sie schon früher über dieeuropäische Kultur hingegangen sind.
Sie werden besonders dann wiederkehren, wenn ein auf die Spitzegetriebener einseitiger Rationalismus sie als Kontrast hervor-ruft, und als solcher erscheint die Mode des Tages auch jetzt. Ist siedoch nicht einseitiger als in entgegengesetzter Richtung die rationali-stische Mode der „naturwissenschaftlichen“ Philosophie und des fa-natischen Spezialistentums es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-derts war. Kants Denken, das in einem gewissen, wenn auch einge-schränkten Sinn rationalistisch geblieben ist, konnte durch ein Miß-verständnis allenfalls mit der vorletzten Mode in Verbindung ge-bracht werden. Unserer extrem antirationalistischen Tagesphiloso-phie dagegen muß es sofort als gänzlich „unmodern“ erscheinen,denn daß Kant kein Antirationalist war, liegt auf der Hand. Dasaber schließt nicht aus, daß Kant trotzdem im weiteren Sinne mo-dern denkt.
Hat man einmal diese Zusammenhänge begriffen, so läßt sich dar-aus auch für die Gegenwart etwas lernen. Einerseits ergibt sich, wieunbesonnen und kurzsichtig der Antirationalismus unserer Lebens-philosophen ist, wenn sie sich über alle Ratio erhaben dünken undauf Gehirnakrobaten und Begriffsjongleure mitleidig herabsehen. Sieahnen nicht, einen w i e großen Teil der europäischen Kultur sie da-mit in Frage stellen, ja verneinen. Ohne seinen weitgehenden Ra-tionalismus aber wäre Europa nie zu dem geworden, was es heuteist, d. h. es hätte nie die in mancher Hinsicht weltbeherrschendeStellung erlangt, und es vermöchte sich ohne ihn auch nicht in ihr zuhalten. Daher zeugt es von ungewöhnlich beschränkter Geistesver-fassung, wenn Aestheten, Mystiker und andere „Ueberwissenschaft-ler“ heute glauben, ohne Ratio auskommen zu können. Der Ver-stand ist nicht allein für die Wissenschaft, sondern auch für andere,sehr umfassende Gebiete der europäischen Kultur gradezu entschei-dend. Da smuß schon aus den an die Spitze dieses Kapitels gestelltenDarlegungen Webers evident werden, und es gibt daher vielleichtnichts, wodurch der zeitgemäße Antirationalismus sich besser ad ab-surdum führen läßt, als durch solche Betrachtungen.