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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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lismus des europäischen Kulturlebens im allgemeinen auf diesenPunkt hinzuweisen,

Als Prinzip können wir schon jetzt aufstellen: grade weil die Philo-sophie als Wissenschaft stets rational verfährt, hat sie als Kultur-philosophie sowohl auf den rationalen Charakter ihres Materials, wiesie es in Europa vorfindet, ausdrücklich zu achten, als auch dietrotzdem vorhandenen irrationalen Momente der Kultur sorgfältigzu berücksichtigen, und besonders die Philosophie der modernenKultur muß dafür sorgen, daß sie weder die rationalen noch infolgeeines leicht entstehenden Kontrastbedürfnisses die irrationalenMächte überschätzt. Ihre Aufgabe besteht darin, beiden Seiten ge-recht zu werden. Zugleich aber wird sie streng an dem rationalenCharakter der Wissenschaft festhalten und daher auch das irratio-nale Kulturleben, ohne es dadurch in seinem Wesen zu vergewalti-gen, unter rationale Begriffe bringen, die dann als Begriffe zwarrational, zugleich aber Begriffe vom Irrationalen sind. Probleme,wie sie hier auftauchen, können nur in Europa entstehen, und dasist für unsere Fragestellung bedeutsam. Wir kommen in der Kultur-philosophie, auch wenn wir nur theoretische Wissenschaft treibenwollen, von der geschichtlich bedingten Kulturlage, zu der die Wis-senschaft selbst als Teil gehört, niemals vollständig los, vermögen esalso nicht, uns ganz ins Z e i 11 o s e zu erheben. Die Uebelstände,die damit unter rein theoretischen Gesichtspunkten verknüpft sind,lassen sich allein dann unschädlich machen, wenn wir uns über dieEigenart unserer Situation klar sind.

Damit das, was hier wichtig ist, sogleich möglichst eindringlichzum Bewußtsein kommt, reflektieren wir noch einmal auch auf dasmodernste Kulturleben, wie es sich in der Philosophie der unmittel-baren Gegenwart geltend macht, und bringen es unter den angegebe-nen allgemeinen Gesichtspunkt. Vom neuesten Irrationalismus undIntuitionismus haben wir gleich zu Beginn gesprochen, um daraufhinzuweisen, wie weit solche Strömungen vom Kantischen Denkenentfernt sind. Der Abstand, ja Gegensatz tritt besonders in dem zu-tage, was man Philosophie des Lebens nennt. Wir verstehen jetztderen Tendenz am besten, wenn wir daran denken, daß sie eine be-sondere Form der Bewegungen ist, wie sie in der rationalistischenKultur Europas sich von Zeit zu Zeit immer wieder geltend machen