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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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herausgearbeitet worden ist, und was endlich Kants stark mora-listisch und rationalistisch gefärbte Auffassung der Religion betrifft,so wird grade sie in unseren Tagen, wo man für Intuitionen wie füralles Irrationale sich begeistert, nicht von vielen für sehr moderngehalten werden, so wenig wie derAlleszermalmer, der die alteMetaphysik zerstörte, heute, da man ihre Auferstehung ersehnt, aufallgemeine Bewunderung rechnen darf.

Kurz, Kant kann in keiner Weise als ein Philosoph des Tages gel-ten. Will man sein Denken zu demGeist der Gegenwart über-haupt in Beziehung bringen, so muß man sagen: seine wichtigsten :Leistungen laufen dem extremen Intuitionismus und Antirationalis-mus, der augenblicklich alsPhilosophie des Lebens auch in derWissenschaft beliebt oder modern ist, durchaus zuwider *). Und im-mer lauter ertönen ja denn auch die Stimmen, die verkünden, Kantsei nun endlich zum alten Eisen zu werfen; der rationalistische Kan- ;tianismus habe gründlich abgewirtschaftet und vermöge unserer ;fortgeschrittenen Zeit nichts zu sagen. Das ist wenigstens ehrlich. 1

Woher trotzdem die ungezählten Kantfeiern, Kantreden, Kant- ;Schriften in West und Ost? Ist es nur der traditionelle Respekt vor jeiner abgestempelten historischen Größe, der darin zum Ausdruck jkommt? Es mag bei der zur Schau getragenen Bewunderung für jKant viel Gedankenlosigkeit und Betriebsamkeit mit unterlaufen, jund wo man Nietzsche für einengroßen Philosophenhält, da wirkt jdie Begeisterung für KantsGröße in der Tat einigermaßen ver- jdächtig. Sie wird wohl meist auf Mangel an Sachkenntnis oder anbegrifflicher Klarheit beruhen. Aber mit einer solchen Erklärungallein können wir uns nicht zufrieden geben, ja grade wenn es zwei- jfelhaft sein sollte, ob die Kantbegeisterung überall ganzecht ist, !besteht Grund zu fragen, wie es sich rechtfertigen läßt, daß man iheute Kants Philosophie für bedeutungsvoll hält. I

Doch müssen wir, um dabei weiter zu kommen, von der momen-tanen Situation, auf die wir uns bisher beschränkt haben, jetzt ab-sehen. Die Lebensphilosophie des Tages wird wie alle solche Modennicht lange dauern, und es könnte scheinen, als hätten wir uns durchden Hinweis darauf, daß Kant zu ihr nur im Verhältnis des Gegen-

1) Vgl. hierzu mein Buch: Die Philosophie des Lebens. Darstellung und Kritikder philosophischen Modeströmungen unserer Zeit. 1920, 2. Aufl. 1922.