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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Rationalismus wird man hoffentlich nach der Lektüre dieser Schriftetwas vorsichtiger umgehen, aber dafür, daß ich Kantianer sei, kannman hier von neuem eine Bestätigung finden. Ein junger philosophi-scher Freund, der nicht Kantianer ist, meinte, nachdem er die Kor-rekturbogen gelesen hatte, dies sei die größte Verherrlichung Kants,die er kenne. Mir kann es recht sein, wenn man meine Schrift so auf-faßt, und auch einen Kantianer will ich mich gerne nennen lassen.Doch nur in einem bestimmten Sinn trifft die Bezeichnung zu, undmit Rücksicht darauf sei mir einBekenntnis gestattet.

Ich sehe in jedem einen Dilettanten, der ohne genaueste Vertraut-heit mit dem, was Kant und seine Nachfolger gedacht haben, philo-sophisch zu arbeiten unternimmt, und mir scheint, es gibt heute vielePhilosophen, die in diesem Sinne Dilettanten sind. Ich glaube ferner,daß seit den Griechen kein Denker gelebt hat, dem die Philosophieauch nur annähernd so viel verdankt wie dem Schöpfer des Kriti-zismus. Meint man jedoch, ein Kantianer müsse allem Wesentlichendes Kantischen Systems zustimmen, dann besitze ich auf diesenEhrennamen keinen Anspruch. Viele Teile der kritischen Philosophiehalte ich durch die nachkantischen Denker für wissenschaftlichüberholt, und grade darin scheint mir Kants Größe zu liegen, daßer nicht ein System geschaffen hat, welches man in seiner Totalitätentweder annehmen oder ablehnen muß. Ich finde vielmehr im Kriti-zismus die Grundlage für positive Weiterarbeit, die bereits weit fort-geschritten ist, und erst der wirkt meiner Ueberzeugung nach wahr-haft im Sinne Kants, der sich bemüht, die kritischen Gedanken aus-zugestalten und umzubilden. So allein treibt er Wissenschaft, dieimmer nur in fortschreitender Entwicklung leben kann.

Das steht freilich ebenfalls mit dein Begriff von Philosophie, derheute vielfach herrscht, in Widerspruch, und auch insofern ist Kant garnicht als Philosoph unserer Zeit zu betrachten. Man sieht die Werke derPhilosophen jetzt oft nur als Gebilde an, die das einzelne Individuumschafft, um darin seine persönliche Weltanschauung niederzulegen.So haben die Romantiker gelehrt, und spätromantische, recht undurch-dachte Begriffsmonstra wie z. B. Kierkegaardsexistierender Denkerwerden von Neuromantikern geradezu als Ideal desPhilosophenangesehen. Damit stellt man die Wissenschaftlichkeit der Philosophiein Frage, was selbstverständlich jedem frei steht, der Wissenschaft