Druckschrift 
Barfüßele
Seite
113
Einzelbild herunterladen
 

und her zu rennen, denn sie sollte die Nosel aufputzen.Sie erhielt manchen heimlichen Knuff beim Zöpfen, abersie ertrug es still.

Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar und das sollteauch gewaltig prangen. Sie wollte heute etwas Neuesdamit Probiren. Sie wollte einen Maria-Theresienzopfhaben, wie man hier zu Lande ein kunstreiches Geflechteaus vierzehn Strängen nennt; das sollte als neu Aufsehenerregen. Es gelang Barfüßele das schwere Kunstwerk zuStande zu bringen, aber kaum war es fertig, als dieRosel es im Unmuth wieder aufriß und sie sah wild auswie ihr die Stränge über den ganzen Kopf und über dasGesicht hingen, dabei war sie aber doch schön und statt-lich und gewaltig im Umfang, und ihr ganzes Gebührensprach es aus: minder als vier Rosse können nicht in demHause sein, in dasich einmal heirathe! Und in der Thalwarben viele Hofsöhne um sic, aber sie schien noch keineLust zu haben, sich für irgend einen zu bestimmen. Sieblieb nun bei den landesüblichen zwei Zöpfen, die denRücken hinabhingen, mit eingeflochtcnen rothen Bänderndie fast bis an den Boden hinabreichten. Sie stand fer-tig geschmückt da und nun verlangte sie einen Blumen-strauß. Sie selbst hatte die ihr zugehörigen Blumen ver-wildern lassen, und trotz aller Einsprache mußte Bar-füßele doch endlich nachgeben und ihre schöngehegteu Blumenvor dem Fenster fast aller Blüthen berauben. Auch daskleine Rosmarinstöckchen verlangte Rosel zu haben, aberBarfüßele wollte sich eher zerreißen lassen, ehe sie dashergab, und die Rosel spottete und lachte, schimpfte undschalt über die einfältige Ganshirtin, die so eigenwilligthue und die man doch mm Gotteswillen im Hause habe.

Auerbach, Barfüßele. 8