0I_6 VÜ586 I cjol" f -^zoo^ 77Z 01 SÄ»' Sarfüßele. Berthold Auerbach. ^onve«8-8^»umy^ I« . Stuttgart und Augsburg. I. G. C o t ta ' s ch er Verlag. 1856 . Der Verfasser behält sich das Recht der Ucbersctzung in fremde Sprachen vor. Buchdruckerei der I. G. Eotta'schcn Buchhandlung in Stuttgart und Augsburg. * L Inhalt. Seite I. Die Kinder klopfen an. 1 L. Die ferne Seele. 9 3. Vom Baum am Elternhause.18 4. Thu' dich auf.24 3. Auf dem Holderwaseu.45 K. Die Eigenbrätlerin.64 7. Die barmherzige Schwester .81 8. Sack und Art.99 9. Ein ungebetener Gast .......... 109 10. Nur ein einziger Tanz.127 11. Wie's im Liede steht.143 12. Er ist gekommen.152 13. Aus einem Mutterherzen.186 14. Der Schimmelreiter.179 15. Gebannt und erlöst.187 16. Silbertrab.204 17. Ueber Berg und Thal . . ^.213 18. Das erste Herdfeuer. 229 19. Geheime Schätze.240 20. Im Familiengeleise.248 1. Die Kinder Klopfen an. Morgens früh im Herbstnebel wandern zwei Kinder von sechs bis sieben Jahren, ein Knabe und ein Mädchen, Hand in Hand durch die Gartenwege zum Dorf hinaus. Das Mädchen, um ein Merkliches älter, hält Schiefertafel, Bücher und Schreibhefte unter dem Arm; der Knabe hat das Gleiche in einem offenen grauleinenen Beutel, der ihm über die Schulter hängt. Das Mädchen hat eine Haube von weißem Drill, die fast bis an die Stirne reicht und die weit vorstehende Wölbung der Stirne um so schärfer hervortreten läßt; der Knabe ist barhaupt. Man hört nur Einen Schritt, denn der Knabe hat feste Schuhe an, das Mädchen aber ist barfuß. So oft es der Weg gestattet, gehen die Kinder neben einander, sind aber die Hecken zu eng, geht das Mädchen immer voraus. Auf dem falben Laub an den Sträuchern liegt ein weißer Duft und die Mehlbeeren und Pfaffenhütchen, besonders aber die aufrechtstehendcn Hagebutten auf nacktem Stengel sind wie versilbert. Die Sperlinge in den Hecken zwitschern und fliegen in unruhigen Haufen auf beim Herannahen der Kinder und setzen sich wieder nicht weit von ihnen, bis sie von neuem anfschwirren und endlich sich hinein in einen Garten werfen, wo sie sich auf einem Auerbach, Barfüßelc. 1 Apfelbaum niederlassen, daß die Blätter raschelnd nieder- fallcn. Eine Elster fliegt rasch auf vom Wege, feldein auf den großen Holzbirnenbaum wo die Raben still hocken; sie muß ihnen etwas mitgctheilt haben, denn die Raben fliegen auf, kreisen um den Baum und ein Alter läßt sich nieder auf der höchsten schwankenden Kronenspitze und die änderen finden auf den niederen Aesten auch gute Plätze zum Ausschauen; es verlangt sie wol auch zu wissen, warum die Kinder mit dem Schulzcuge den verkehrten Weg einschlagcn und zum Dorfe hinauswandern; ja ein Rabe fliegt wie ein Kundschafter voraus und setzt sich auf eine geköpfte Weide am Weiher. Die Kinder aber gehen still ihres Weges bis da wo sie am Weiher bei den Erlen die Fahrstraße erreichen, sie gehen über die Straße nach einem jenseits stehenden niedrigen Hanse. Das Haus ist verschlossen und die Kinder stehen an der Hausthüre und klopfen leise an. Das Mädchen ruft beherzt: „Vater! Mutter!" und der Knabe ruft zaghaft nach: „Vater! Mutter!" Das Mädchen faßt die bereifte Thürklinke und drückt erst leise, die Bretter an der Thüre knittern, es horcht auf, aber es folgt nichts nach, und jetzt wagt es in raschen Schlägen die Klinke auf und nieder zu drücken, aber die Töne verhallen in der öden Hausflur, es antwortet keine Menschenstimme und den Mund an einen Thürspalt gelegt ruft der Knabe: „Vater! Mutter!" Er schaut fragend auf zur Schwester, sein Hauch an der Thüre ist auch zu Reif geworden, wie er niederblickt. Aus dem nebelbedeckten Dorfe tönt der Taktschlag der Drescher, bald wie rascher sich überstürzender Wirbel bald langsam und müde sich nachschleppcnd, bald hell knatternd 3 und wieder dumpf und hohl, jetzt tönen nur noch einzelne Schläge, aber rasch fällt Alles wiederum ein von da und dort. Die Kinder stehen wie verloren. Endlich lassen sie ab von Klopfen und Rufen und setzen sich auf ausgegrabene Baumstümpfe. Diese lagen auf einem Haufen rings um den Stamm des Vogelbeerbaums, der an der Seite des Hauses steht und jetzt mit seinen rothen Beeren prangt. Die Kinder heften den Blick noch immer auf die Thüre, aber diese bleibt verschlossen. „Die hat der Vater im Moos-Brunnenwald geholt/' sagt das Mädchen auf die Baumstümpfe zeigend und mit altkluger Miene setzt es hinzu „die geben gut warm, die sind was Werth, da ist viel Kien drin, das brennt wie eine Kerze; aber der Spalterlohn ist das größte dabei." „Wenn ich nur schon groß wär'," erwiederte der Knabe „da nähm' ich des Vaters große Axt und den buchenen Schlägel und die zwei eisernen Speidel (Keile) und den eschenen und da muß Alles auseinander wie Glas, und dann mach' ich daraus einen schönen spitzigen Haufen wie der Kohlenbrenner Mathes im Wald und wenn der Vater heimkommt, der wird sich aber freuen! Darfst ihm aber nicht sagen, wer's gemacht hat." So schloß der Knabe indem er den Finger drohend gegen die Schwester aufhob. Diese schien doch schon eine dämmernde Ahnung davon zu haben, daß das Warten ans Vater und Mutter nicht geheuer fein könne, denn sie sah den Bruder von unten auf gar traurig an und da ihr Blick an den Schuhen haftete, sagte sie: „Dann mußt du auch des Vaters Stiefel anhaben. Aber komm', wir wollen Bräutle lösen. Und wirst sehen, ich kann weiter werfen als du." Im Fortgehen sagte das Mädchen: „Ich will dir ein 4 Räthsel aufgebcn: „Welches Holz macht heiß ohne daß man's verbrennt?" „Des Schullehrers Lineal, wenn man Tatzen kriegt," erwiederte der Knabe. „Nein, das mein' ich nicht; das Holz, das man spaltet, das macht heiß ohne daß man's verbrennt." Und bei der Hecke stehen bleibend fragte sie: „Es sitzt ans einem Stöckchen, hat ein rothes Röckchen und das Bäuchlein voll Stein, was mag das sein?" Der Knabe besann sich ganz ernstlich und rief: „Halt, du darfst mir's nicht sagen, was es ist... Das ist ja eine Hagebutte." Das Mädchen nickte beifällig und machte ein Gesicht als ob sie ihm das Näthsel zum erstenmal aufgegebcn hätte, während sie es doch schon oft gethan hatte und immer wieder aufnahm, um ihn dadurch zu erheitern. Die Sonne hatte grade die Nebel zertheilt und das kleine Thal stand in hellglitzernder Pracht als die Kinder nach dem Teiche gingen, um flache Steine auf dem Wasser tanzen zu machen. Im Vorübergehen drückte das Mädchen nochmals an der Hausklinke, aber sie öffnete sich noch immer nicht und auch am Fenster zeigte sich nichts. Jetzt spielten die Kinder voll Jubel und Lachen am Teiche und das Mädchen schien eigentlich zufrieden, daß der Bruder noch immer geschickter war und darüber triumphirte und ganz hitzig wurde; ja das Mädchen machte sich offenbar ungeschickter als es wirklich war, denn seine Steine plumpsten fast immer beim ersten Anwurfe in die Tiefe, worüber es weidlich ansgelacht wurde. Im Eifer des Spieles vergaßen die Kinder ganz, wo sie waren und warum sie eigentlich dahergekommen und doch war beides so traurig als seltsam. 5 In dem jetzt verschlossenen Hause wohnte noch vor Kurzem der Josenhans mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Amrei (Anna Marie) und Dami (Damian). Der Vater war Holzhauer im Walde, dabei aber auch anstellig zu allerlei Gewerke, denn das Haus, das er in verwahrlostem Zustande gekauft, hatte er noch selber verputzt und das Dach umgedeckt und noch im Herbste wollte er's von innen frisch ausweißeu: der Kalk dazu liegt schon dort in der mit röthlichem Neißig überdeckten Grube. Die Frau war eine der besten Taglöhnerinnen im Dorfe, Tag und Nacht in Leid und Freud zu Allem bei der Hand, denn sie hatte ihre Kinder und besonders die Amrei gut gewöhnt, daß sie schon frühe für sich selber sorgen konnten. Erwerb und haushälterische Genügsamkeit machten das Haus zu einem der glücklichsten im Dorfe. Da warf eine schleichende Krankheit die Mutter nieder und am andern Abend auch den Vater und nach wenigen Tagen trug man zwei Särge aus dem kleinen Hause. Man hatte die Kinder alsbald in das Nachbarhaus zuni Kohlenmathes gebracht und sie erfuhren den Tod der Eltern erst als man sic sonntäglich ankleidete, um hinter den Leichen drein zu gehen. Der Josenhans und seine Frau hatten keine nahen Verwandten im Ort und doch hörte man laut weinen und die Verstorbenen rühmen und der Schultheiß führte die beiden Kinder, hüben und drüben an der Hand, als sie hinter den Särgen dreingingen. Noch am Grabe waren die Kinder still und harmlos, ja sie waren fast heiter, wenn sie auch oft nach Vater und Mutter fragten, denn sie aßen beim Schultheiß am Tische und Jedermann war überaus freundlich gegen sie, und als sie vom Tische 6 aufstanden, bekamen sie noch Küchle in ein Papier gewickelt zum Mitnehmern Als am Abend indeß, nach Anordnung des Gemeinderaths, der Krappenzachcr den Dann mitnahm und die schwarze Marann' die Amrei abholte, da wollten sich die Kinder nicht trennen und weinten laut und wollten heim. Der Danri ließ sich bald durch allerlei Vorspiegelungen beschwichtigen, Amrei aber mußte mit Gewalt gezwungen werden, ja sie ging nicht vom Fleck und der Großknecht des Schultheißen trug sie endlich auf dcnr Arme in das Hans der schwarzen Marann'. Dort fand sie zwar ihr Bett ans dem Elternhanse, aber sic wollte sich nicht hineinlegen, bis sie vom Weinen müde auf dem Boden einschlief und man sie mitsammt den Kleidern in's Bett steckte. Auch den Dami hörte man beim Krappenzachcr laut weinen, worauf er dann jämmerlich schrie und bald darauf ward er stille. Die vielverschriene schwarze Marann' bewies aber schon an diesem ersten Abende, wie still bedacht sie für ihren Pflegling war. Sie hatte schon viele, viele Jahre kein Kind mehr in ihrer Umgebung gehabt und jetzt stand sie vor dem schlafenden und sagte fast laut: „Glücklicher Kinderschlaf! Das weint noch und gleich drauf im Umsehen ist es ein- gcschlafen, ohne Dämmern, ohne Hin- und Herwerfen." Sie seufzte schwer. Am andern Morgen ging Amrei bald zu ihrem Bruder und half ihn anklciden und tröstete ihn über das was ihm geschehen war; wenn der Vater käme, werde er den Krappenzacher schon bezahlen. Dann gingen die beiden Kinder hinaus an das elterliche Haus, klopften aN die Thüre und weinten laut, bis der Kohlcnmathes, der in der Nähe wohnte, herzukam und die Kinder in die Schule brachte. 7 Er bat den Lehrer, den Kindern zu erklären, daß ihre Eltern todt seien, er selber wisse ihnen das nicht deutlich zu machen und besonders die Amrei scheine es gar nicht begreifen zu wollen. Der Lehrer that sein Mögliches und die Kinder waren ruhig, aber von der Schule gingen sie doch wieder nach dem Elternhause und warteten dort hungernd wie verirrt, bis man sic abholte. Das Haus des Josenhans mußte der Hypotheken- gläubiger wieder an sich ziehen, die Anzahlung, die der Verstorbene darauf gemacht, ging verloren, denn durch die Auswanderungen ist namentlich der Häuserwerth beispiellos gesunken; es stehen viele Häuser im Dorfe leer und so blieb auch das Haus des Josenhans unbewohnt. Alle fahrende Habe war verkauft und daraus ein kleines Besitzthum für die Kinder gelöst worden; das reichte aber bei weitem nicht aus, das Kostgeld für die Kinder zu erschwingen, sie waren Kinder der Gemeinde und darum brachte man sie unter bei solchen, die sie am billigsten nahmen. Amrei verkündete eines Tages mit Jubel ihrem Bruder, sie wisse jetzt wo die Kukuksuhr der Eltern sei, der Kohlenmathes habe sie gekauft; und noch am Abend standen die Kinder draußen am Hause und warteten bis der Kukuk rief, dann lachten sie einander an. Und jeden Morgen gingen die Kinder nach dem elterlichen Hause, klopften an und spielten dort am Weiher, wie wir sie heute sehen, aber jetzt horchen sie auf, das ist ein Ruf, den man in dieser Jahreszeit sonst nicht hört, denn der Kukuk beim Kohlenmathes ruft achtmal. „Wir müssen in die Schule," sagte Amrei und wan- derte rasch mit ihrem Bruder wiederum den Gartenweg 8 hinein in das Dorf. An der hintern Scheuer des No- delbauern sagte Dami: „Bei unserm Pfleger haben sie heute schon viel gedroschen." Er deutete dabei auf die Wieden der abgedroschenen Garben, die wie Merkzeichen über dem Ha lbthore der Scheuer hingen. Amrei nickte still. 2. Die ferne Seele. Der Rodelbauer, dessen Haus mit dem rothangestri- chenen Gebälke und einem frommen Spruche in einer großen Herzform, nicht weit vom Hause des Josenhans war, hatte sich vom Gemeinderath zum Pfleger der verwaisten Kinder ernennen laßen. Er weigerte das um so weniger, da Josenhans vordem als Anderknecht bei ihm gedient hatte. Seine Pflegschaft bestand aber in weiter nichts als daß er die unverkauften Kleider des Vaters aufbewahrte und manchmal, wenn er einem der Kinder begegnete, im Vorübergehen fragte: „bist brav?" und ohne die Antwort abzuwarten, weiter schritt. Dennoch war in den Kindern ein seltsamer Stolz, da sie erfuhren, daß der Großbauer ihr Pfleger sei; sie kamen sich dadurch als etwas ganz Besonderes, fast Fürnehmes vor. Sie standen oft abseits bei dem großen Hause und schauten verlangend hinauf, als erwarteten sie etwas und wußten nicht was, und bei den Eggen und Pflügen neben der Scheune saßen die Kinder oft und lasen immer wieder den Bibelspruch am Hause. Das Haus redete doch mit ihnen, wenn auch sonst Niemand. Es War am Sonntag vor Allerseelen, als die Kinder wiederum vor dem verschlossenen Elternhause spielten — sie 10 waren wie an den Ort gebannt -— da kam die Landfried- bäuerin den Hochdorfer Weg herein; sie trug einen großen rothen Regenschirm unterm Arm und ein schwarzes Gesangbuch in der Hand. Sie machte ihren letzten Besuch in ihrem Geburtsorte, denn schon gestern hatte der Knecht auf einen: vierspännigen Wagen den gesammtcn Hausrath zum Dorfe hinausgeführt und morgen in der Frühe wollte sic mit ihrem Manne und ihren drei Kindern auf das neuerkaufte Gut im fernen Allgäu ziehen. Schon von weitem bei der Hanfbreche nickte die Landfriedbäuerin den Kindern zu, denn Kinder sind ein guter „Angang" — so nennt man die erste Begegnung — aber die Kinder konnten nichts davon sehen, so wenig als von den wch- muthsvollen Mienen der Bäuerin. Als sie jetzt bei den Kindern stand, sagte sie: „Grüß Gott, Kinder! Was thut denn ihr schon da? Wem gehöret ihr?" „Da dem JosenhanS," antwortete Amrei, auf das Haus deutend. „O ihr armen Kinder," rief die Bäuerin, die Hände zusammenschlagend, „dich hätte ich kennen sollen, Mädle, grad so hat deine Mutter auSgesehen, wie sie mit mir in die Schul' gegangen ist. Wir sind gute Kamrädinnen gewesen und euer Vater hat ja bei meinen: Vetter, den: Rodelbauer, gedient. Ich weiß Alles von euch. Aber sag' Amrei, warum hast du keine Schuhe an? Du kannst ja krank werden bei dem Wetter? Sag der Marann', die Landfriedbäuerin von Hochdorf ließe ihr sagen, es sei nicht brav, daß sie dich so herumlaufen läßt. Nein, brauchst nichts sagen, ich will schon selber mit ihr reden. Aber Amrei, du mußt jetzt groß und gescheit sein und selber auf dich Acht geben. Denk' daran, wenn das deine Mutter 11 wüßt', daß du in solcher Jahrszcit so barfuß herumläufst." Das Kind schaute die Bäuerin groß au, als wollte es sagen: weiß denn die Mutter nichts davon? Die Bäuerin aber fuhr fort: „Das ist noch das Aergste, daß ihr nicht einmal wissen könnet, was für rechtschaffene Eltern ihr gehabt; drum müssen's euch ältere Leute sagen. Denket daran, daß ihr euren Eltern erst die rechte Seligkeit gebt, wenn sie im Himmel droben hören, wie hier unten die Menschen sagen: des Josenhansen Kinder, die sind die Probe von allem Guten, da sieht man recht deutlich den Segen der rechtschaffenen Eltern." Nasche Thränen rannen bei diesen letzten Worten der Bäuerin von den Wangen. Die schmerzliche Rührung in ihrer Seele, die noch einen ganz andern Grund hatte, brach jetzt bei diesen Gedanken und Worten unaufhaltsam hervor, und Eigenes und Fremdes floß ineinander. Sie legte ihre Hand ans das Haupt des Mädchens, das im Anblicke der weinenden Frau auch heftig zu weinen begann; es mochte fühlen, wie sich eine gute Seele ihm zuwendete, und eine dämmernde Ahnung, daß es wirklich seine Eltern verloren, begann ihm klar zu werden. Das Angesicht der Frau leuchtete aber plötzlich auf. Sie richtete das Auge, in dem noch Thränen hingen, zum Himmel auf und sagte: „Guter Gott, das schickst Du mir." Dann fuhr sie zu dem Kinde gewendet fort: „Horch, ich will dich mitnehmen. Meine Lisbeth ist mir in deinem Alter genommen worden. Sag, willst du mit mir in's Allgäu gehen und bei mir bleiben?" „Ja," sagte Amrei entschlossen. Da fühlte sie sich von hinten angefaßt und geschlagen. 12 „Du darfst nicht," rief Dann, der sie umfaßte und sein ganzes Wesen zitterte. „Sei stet," beruhigte Amrei, „die gute Frau nimmt dich ja auch mit. Nicht wahr, mein Dann geht auch mit uns?" „Nein Kind, das geht nicht, ich Hab'Buben genug." „Dann bleib ich auch da," sagte Amrei und faßte ihren Bruder an der Hand. Es gibt einen Schauder, in dem Fieber und Frost sich streiten, Freude an der That und Furcht vor ihr. So war die fremde Frau in sich zusammcngcschauert und jetzt sah sie mit einer Art von Erleichterung auf das Kind. In überwallcndcr Empfindung, vom reinsten Zuge des Wohlthuns erfaßt, hatte sie eine That und eine Verpflichtung auf sich nehmen wollen, deren Schwere und Bedeutung sic nicht sattsani überlegt hatte, und namentlich wie ihr Mann ohne vorher gefragt zu sein, das aufneh- mcn werde. Als jetzt das Kind selber sich weigerte, trat eine Ernüchterung ein und ihr ward Alles rasch klar; darum ging sie mit einer gewissen Erleichterung schnell auf die Abwehr ihres Unternehmens ein. Sie hatte ihrem Herzen genügt, indem sie die That thun wollte, und jetzt, da sich Hindernisse entgegcnstelltcu, hatte sie eine eigene Art von Befriedigung, daß sie unterblieb, ohne daß sie selbst ihr Wort zurücknahm. „Wie du willst," sagte die Bäuerin. „Ich will dich nicht überreden. Wer weiß, vielleicht ist es auch besser so, daß du zuerst groß wirst. In der Jugend Noth ertragen lernen, das thut gut, das Bessere nimmt sich leicht an; wer noch etwas Rechtes geworden ist, hat in der Jugend Schweres erfahren müssen. Sei nur brav. Aber das behalt' im Andenken, daß du allzeit, wenn du 13 brav List, um deiner Eltern willen, eine Unterkunft bei mir haben sollst, so lang mir Gott das Leben läßt. Denk daran, daß du nicht verlassen bist auf der Welt, wenn dir's übel geht. Merk' dir nur die Landfriedbäuerin in Zusmarshofen im Allgäu. Und noch eins. Sag' im Dorf nichts davon, daß ich dich habe annehmen wollen; es ist auch wegen der Leute, sie werden dir's übel nehmen, daß du nicht mitgegangen bist. Aber es ist schon gut so. Wart', ich will dir noch 'was geben, daß du an mich denkst." Sie suchte in den Taschen, aber plötzlich fuhr sie sich an den Hals und sagte: „Nein, nimm nur das." Sie hauchte sich mehrmals in die steifen Finger, bis sie es zu Stande brachte, denn sie nestelte eine fünfreihige Granatschnur, daran ein gehenkelter Schweden-Dukaten hing, vom Halse und schlang das Geschmeide um den Hals des Kindes, wobei sie es küßte. Amrei sah wie verzaubert drein unter all diesen Hantierungen. „Für dich Hab' ich leider nichts," sagte die Frau zu Dann, der eine Gerte, die er in der Hand hatte, in immer kleinere Stücke zerbrach, „aber ich schicke dir ein Paar lederne Hosen von meinem Johannes, sie sind noch ganz gut. Du kannst sie tragen, wenn du größer bist. Jetzt b'hüt euch Gott, ihr lieben Kinder. Wenn's möglich ist, komme ich noch zu dir Amrei. Schicke nur jedenfalls die Marann' nach der Kirche. Bleibet brav und betet fleißig für eure Eltern in der Ewigkeit und vergesset nicht, daß ihr im Himmel und auf Erden noch Annehmer habt." Die Bäuerin, die zum behenden Gange ihren Oberrock in Zwickel aufgesteckt hatte, ließ ihn jetzt beim Eingänge des Dorfes herab, und mit raschen Schritten ging sie das Dorf hinein und wendete sich nicht mehr um. 14 Amrei faßte sich an den Hals, beugte das Gesicht nieder und wollte immer die Denkmünze betrachten, aber es gelang ihr nicht ganz. Dann kante an dem letzten Stück seiner Gerte, und als ihn jetzt die Schwester betrachtete und Thränen in seinen Angen sah, sagte sie: „Wirst sehen, du kriegst das schönste Paar Hosen im Dorf." „Und ich nehm'sic nicht," sagte Dami und spie dabei ein Stück Holz aus. „Ich will ihr schon sagen, daß sie dir auch ein Messer kaufen muß. Ich bleib' hcnt' den ganzen Tag daheim, sie kommt ja noch zu uns." „Ja, wenn sie schon da war'," entgegnete Dami, ohne zu wissen was er sagte; nur sein Zorn und das Gefühl der Zurücksetzung hatte ihm diesen mißtrauischen Vorwurf eingegeben. Es läutete schon zum erstenmale, die Kinder eilten in's Dorf zurück. Amrei übergab mit kurzem Berichte den neugewonnenen Schmuck der Marann', und diese sagte: „Du bist ja ein Glückskind! Ich will dir's gut auf- heben. Jetzt hurtig in die Kirche." Während des Gottesdienstes sahen die beiden Kinder immer nach der Landfriedbäuerin und beim Ausgange warteten sie an der Thüre, aber die vornehme Bäuerin war mit so vielen Menschen umringt, die alle in sic hineinredeten, daß sie sich immer in: Kreise drehen mußte, um bald da, bald dort zu antworten. Für den wartenden Blick der Kinder und deren ständiges Nicken fand sie keine Aufmerksamkeit. Die Landfriedbänerin hatte das jüngste Töchterchen des Nodelbauern, die Rosel, an der Hand; sie war um 15 ein Jahr älter als Amrei und diese stieß in der Entfernung immer vor sich hin als müßte sie die Zudringliche, die ihren Platz einnahm, wegdrängen. Oder hatte die vornehme Bäuerin nur ein Auge für Amrei draußen beim letzten Hause in der Einsamkeit, aber mitten unter den Menschen kannte sie sie nicht? Gelten da nur die Kinder reicher Leute, die Kinder der Verwandten? Amrei erschrak als sie diesen sich leise regenden Gedanken plötzlich laut hörte, denn Dann sprach ihn aus; aber während sie mit dem Bruder in ziemlicher Entfernung dem großen Trupp folgte, der die Landfriedbäuerin umgab, suchte sie dem Bruder und Wohl damit auch sich den bösen Gedanken ausznredcn. Die Landfriedbäueriu verschwand endlich im Hause des Nodelbauern und die Kinder kehrten stille zurück, wobei Darm plötzlich sagte: „Wenn sie zu dir kommt, sag' nur auch, daß sie auch zum Krappenzacher gehen muß und ihm sagen, daß er gut gegen mich sein soll." Amrei nickte und die Kinder trennten sich, ein jedes ging nach dem Hause, wo es eine Unterkunft gefunden hatte. Die Nebel, die sich am Morgen verzogen hatten, kamen am Mittag als voller Regenguß hernieder. Der große rothe Regenschirm der Landfriedbäueriu bewegte sich ausgespannt hin und her im Dorfe und man sah die Gestalt kaum, die darunter war. Die schwarze Marann' hatte die Landfriedbäueriu nicht getroffen und sagte bei der Heimkunft: „Sie kann ja auch zu mir kommen, ich will nichts von ihr." Die beiden Kinder wunderten wieder hinaus nach dem elterlichen Hanse und saßen dort zusammengekauert auf der Thürschwclle und redeten fast kein Wort. Wieder schien es ihnen zu ahnen, daß die Eltern doch nicht wieder kämen und Dami wollte zählen wieviel Tropfen von der Dachtraufe fielen; aber es ging ihm allzuschnell und er machte sich's leicht und schrie auf Einmal: „Tausend Millionen!" „Da muß sie vorbei, wenn sie heimgeht," sagte Amrei, „und da rufen wir sie; schrei' nur auch recht mit, und dann wollen wir schon weiter mit ihr reden." So sagte Amrei, denn die Kinder warteten hier noch auf die Landfriedbänerin. Es klatschte eine Peitsche im Dorfe. Man hörte jenes nachspritzende Pfcrdcgetrapp im aufgeweichten Wege und ein Wagen rollte herbei. „Wirst sehen, der Vater und die Mutter kommen in einer Kutsche und holen uns," rief Dami. Amrei schaute traurig nach ihrem Bruder um und sagte: „Schwätz nicht so viel." Als sie sich umwendetc, war der Wagen ganz nahe, es winkte Jemand von demselben unter einem rothen Regenschirm hervor, und fort rollte das Gefährte und nur der Spitz des Kohlenmathes bellte ihm eine Weile nach und that als wollte er mit seinen Zähnen die Speichen anfhalten; aber am Weiher kehrte.er wieder zurück, bellte noch einmal hinaus unter der Hausthüre und schlüpfte dann hinein in's Haus. „Haidi! fort ist sie!" sagte Dami wie triumphirend; es war ja die Landfriedbänerin. „Hast des Rodelbauern Rappen nicht gekannt? Die haben sie davon geführt. Vergiß meine ledernen Hosen nicht!" schrie er noch laut mit aller Kraft seiner Stimme, obgleich der Wagen bereits im Thale verschwunden war und jetzt schon die kleine Anhöhe am Holderwasen hinaufkroch. 17 Die Kinder kehrten still in's Dorf zurück. Wer weiß, wie dieß Ereigniß eine feine Wurzel im inner» Dasein bildet und was daraus aufsprossen wird? Zunächst deckt ein andres Gefühl das Bewußtsein der ersten schweren Täuschung zu. Auerbach. Barfüßele. 3. Vom Äaum am Elternhause. Am Tage vor Allerseelen sagte die schwarze Marann' zu den Kindern: „Jetzt holt ordentlich Vogelbeeren, morgen brauchen wir sie auf dem Kirchhof." „Ich weiß wo, ich kann holen," sagte Dami mit einer- wahrhaft gierigen Freude und rannte zum Dorf hinaus, daß ihn Amrei kaum erreichen konnte, und als sie am elterlichen Hause ankam, war er schon oben auf dem Baume und neckte sie stolz, sie solle auch heraufkommen; weil er wußte daß sie das nicht könne. Er pflückte nun die rothen Beeren und warf sie hinab in die Schürze der Schwester. Sie bat ihn, er möge auch die Stiele mit abpflücken, sie wolle einen Kranz machen. Er sagte: „Das ihn' ich nicht!" Und doch kam fortan keine Beere ohne Stiel mehr herunter. „Horch wie die Spatzen schelten!" rief Dami vom Baume, „die ärgern sich, daß ich ihnen ihr Futter wcg- nehme." Und als er endlich alles abgepflückt hatte, sagte er: „Ich gehe nicht mehr herunter, ich bleib' da oben Tag und Nacht, bis ich todt herunter falle, und komme gar nicht mehr zu dir, wenn du mir nicht was versprichst." „Was denn?" „Daß du deinen Anhenker von der Landfriedbäuerin nie trägst, so lange ich's sehe; versprichst du mir das?" „Nein!" „So komm' ich nicht mehr herunter!" „Meinetwegen!" sagte Amrei und ging mit den Vogelbeeren davon. Sie setzte sich aber nicht weit entfernt hinter einen Holzstoß, wand einen Kranz und schielte dabei immer hinaus, ob Dami nicht endlich käme. Sie setzte sich den Kranz auf und plötzlich überfiel sic eine unnennbare Angst wegen Dann. Sie rannte zurück, Dami saß rittlings auf einem Aste an den Stamm zurückgclchnt und die Arme übereinandergcschlagen. . „Komm herunter, ich verspreche dir was du willst!" rief Amrei und in einem Nu war Dami bei ihr auf dem Boden. Zu Hause schalt die schwarze Marann' über das alberne Kind, das sich aus den Beeren, die man znm Grabe der Eltern brauche, einen Kranz gemacht habe. Sie zerriß denselben schnell und sprach dabei einige unverständliche Worte; dann nahm sie beide Kinder an der Hand und führte sie hinaus nach dem Kirchhof. Wo zwei Erdhaufen nahe an einander waren sagte sie: „Da sind Eure Eltern." Die Kinder sahen sich staunend an. Die Marann' machte nun mit einem Stocke Furchen in Kreuzesform auf den Gräbern und wies die Kinder an, die Beeren da herein zu stecken. Dami war behend dabei und triumphirte, da er mit seinem rothen Kreuze früher fertig war als die Schwester. Amrei schaute ihn nur groß an und erwiederte nichts, und erst als Dami sagte: „das wird den Vater freuen," schlug sie ihn hinterrücks und sagte: „Sei still." Dami weinte, vielleicht 20 ärger als es ihm ernst war; da rief Amrei laut: „Um Gotteswillen verzeih mir, verzeih mir, daß ich dir das gethan Hab'. Hier, da verspreche ich dir, ich will dir mein Lebenlang Alles thun was ich kann, und Alles geben was ich Hab'; gelt Dami, ich Hab' dir nicht weh gethan? Kannst dich drauf verlassen, es geschieht nie mehr so lang ich lebe, nie mehr, nie. O Mutter, o Vater, ich will brav sein, ich versprech's euch; o Mutter, o Vater." — Sie konnte nicht weiter reden, aber sie weinte nicht laut, nur sah, man, es gab ihr einen Herzstoß nach dem andern und erst als die schwarze Marann' laut weinte, weinte Amrei mit ihr. Sie gingen heim und als Dami „gute Nacht" sagte, raunte ihm Amrei leise ins Ohr: „Jetzt weiß ich's, wir sehen unsere Eltern nie mehr auf dieser Welt;" aber noch in dieser Mittheilung lag eine gewisse kindische Freude, ein Kinderstolz, der sich damit brüstet, etwas zu wissen, und doch war in der Seele dieses Kindes Etwas aufgetaucht vom Bewußtsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges mit dem Leben, das sich aufthut im Gedanken der Elternlosigkeit. Wenn der Tod die Lippen geschlossen, die dich Kind nennen mußten, ist dir ein Lebensathem verschwunden, der nimmer wiederkehrt. Noch als die schwarze Marann' bei Amrei am Bette saß, sagte diese: „Ich mein' ich fall'und fall'jetzt immerfort, lasset mir nur eure Hand;" und sie hielt die Hand fest und begann zu schlummern, aber so oft sie die schwarze Marann' zurückziehen wollte, haschte sie wieder darnach. Die Marann' verstand was das Gefühl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte: das ist ja beim 21 Innewerden vom Tode der Eltern als schwebte man im Wnrfe, man weiß nicht woher und weiß nicht wohin. Erst spät gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann' das Bett des Kindes verlassen, nachdem sie ihre gewohnten zwölf Vaterunser wer weiß zum wie vielten Mal wiederholt hatte. Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes. Es hatte die eine Hand auf die Brust gelegt und die schwarze Marann' hob sie ihm leise weg und halblaut sagte sie vor sich hin: „Wenn nur immer ein Auge, das über dich wacht und eine Hand die dir helfen will, dir so wie jetzt im Schlafe, ohne daß du es weißt, die Schwere vom Herzen nehmen könnte! Das kann aber kein Mensch, das kann nur Er_Thu du meinem Kinde in der Fremde was ich diesem da thue." Die schwarze Marann' war eine „geschiechene" Frau, d. h. die Leute fürchteten sich fast vor ihr, so herb erschien sie in ihrem Wesen. Sie hatte vor bald achtzehn Jahren ihren Mann verloren, der bei einem räuberischen Anfall den er mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte, erschossen worden war. Die Marann' trug ein Kind unter dem Herzen als die Leiche ihres Mannes mit dem schwarzberußten Gesichte ins Dorf gebracht wurde; aber sic faßte sich und wusch dem Todten das Gesicht rein als könnte sie auch damit seine schwarze Schuld ab- waschen. Drei Töchter starben ihr und nur das Kind, das sie damals unter dem Herzen trug, war noch am Leben. Es war ein schmucker Bursch geworden, wenn auch mit seltsam schwärzlichem Gesichte und er war jetzt als Maurergesell in der Fremde. Denn von der Zeit 22 Brosi's her, und namentlich seitdem dessen Sohn Severin sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinauf- gcarbeitet, hatte sich ein großer Theil des Nachwuchses im Dorfe dem Maurerhandwerk gewidmet. Unter den Kindern war allzeit von Severin die Rede, wie von dem Prinzen im Märchen. So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann' trotz ihrer Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft, und sie die ihr Lebenlang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte hinaus zu kommen, sagte manchmal, sie komme sich vor, wie eine Henne, die eine Ente ausgebrütet; aber sie gluckste fast immer in sich hinein. Man sollte es kaum glauben, daß die schwarze Marann' eine der heitersten Personen im Dorfe war; man sah sic nie traurig, sie gönnte es den Menschen nicht, daß sie Mitleid mit ihr haben sollten. Und darum war sie ihnen unheimlich. Sie war im Winter die fleißigste Spinnerin im Dorfe und im Sommer die emsigste Holzsammlerin, so daß sie noch einen guten Theil davon verkaufen konnte, und „mein Johannes"' (so hieß ihr noch lebender Sohn) „mein Johannes," hörte man in jeder ihrer Reden. Die kleine Amrei hatte sic, wie sie sagte, nicht aus Gutmüthigkeit zu sich genommen, sondern nur weil sie ein lebendiges Wesen um sich haben wollte. Sie that gern recht rauh vor den Leuten und genoß dabei um so mehr den Stolz eines heimlichen Rechtes. Der gerade Gegensatz zu ihr war der Krappenzacher, bei dem Dami ein Unterkommen gefunden; der stellte sich draußen vor der Welt gern als der gutmüthigste Alles- verschenker, im Geheimen aber knuffte und mißhandelte er seine Angehörigen und besonders den Dami, für den 23 er nur ein geringes Kostgeld erhielt. Er hieß eigentlich Zacharias und hatte seinen Spitznamen davon, weil er einst seiner Frau ein Paar fein hergcrichtete Tauben als Braten heimgebracht hatte; es waren dies aber ein Paar gerupfte Raben, hier zu Lande Krappen genannt. Der Krappenzacher, der einen Stelzfuß hatte, verbrachte seine meiste Zeit damit, daß er wollene Strümpfe und Jacken strickte, und so saß er mit seinem Strickzeuge überall im Dorfe herum, wo es was zu plaudern gab, und dieses Geplauder, wobei er allerlei hörte, diente ihm zu sehr einträglichen Nebengeschäften. Er war der sogenannte Heirathsmacher in der Gegend, denn namentlich da, wo sich noch die großen geschlossenen Güter finden, geschehen die Heirathen in der Regel durch Vermittler, die die entsprechenden Vermögensverhältnisse genau auskundschaften und Alles vorher bestimmen, und wenn dann eine solche Heirath zu Stande gebracht war, spielte der Krappenzacher noch bei der Hochzeit die Geige auf, denn darin war er ein landeskundiger Meister. Er verstand aber auch die Clarinette und das Horn zu blasen, wenn ihm die Hände vom Geigen müde waren. Er war eben ein Allerweltmensch. Das weinerliche und empfindliche Wesen Dami's war dem Krappeuzacher höchst zuwider und er wollte es ihm damit austreiben, daß er ihn recht viel weinen machte und ihn neckte, wo er nur konnte. So waren die beiden Stämmchen, aus demselben Boden erwachsen, in verschiedenes Erdreich verpflanzt. Standort und Bodensaft und die eigene Natur, die sie in sich trugen, ließen sie verschiedenartig gedeihen. 4. Thisi dich auf. Am Allerseelentag, er war trübe und neblig, waren die Kinder mitten unter den Versammelten auf dem Kirchhofe. Der Krappenzacher hatte Dami an der Hand dahin geführt. Amrei aber war allein gekommen ohne die schwarze Marann' und viele schimpften über die hartherzige Frau, und einige trafen einen Theil der Wahrheit, indem sie sagten: die Marann' wolle nichts von dem Besuchen der Gräber, weil sie nicht wisse wo das Grab ihres Mannes sei. Amrei War still und vergoß keine Thräne, während Dami bei den mitleidigen Reden der Menschen jämmerlich weinte, freilich auch, weil ihn der Krappenzacher mehrmals heimlich geknufft und gezwickt hatte. Amrei starrte eine Zeitlang träumerisch vergessen hinein in die Lichter zu Häupten der Gräber und sah staunend, wie die Flamme das Wachs auffrißt, der Docht immermehr verkohlt, bis endlich das Licht ganz herabgebrannt ist. Unter den Versammelten bewegte sich auch ein Mann in vornehmer städtischer Kleidung, mit einem Band im Knopfloch; es war der Oberbaurath Severin, der auf einer Jnspectionsreise begriffen, hier das Grab seiner Eltern, Brosi und Moni, besuchte. Seine Geschwister und deren Angehörige umgaben ihn stets mit einer 25 gewissen Ehrerbietung und die Andacht war fast ganz abgelenkt und auf diesen Vornehmen alle Aufmerksamkeit gerichtet. Auch Amrei betrachtete ihn und fragte den Krappenzacher: „Ist das ein Hochzeiter?" „ Warum?" „Weil er einen Bändel im Knopfloch hat." Statt aller Antwort hatte der Krappenzacher nichts Eiligeres zu thun, als auf eine Gruppe loszugehen und zu sagen, welch eine dumme Rede da das Kind gethan habe. Und mitten unter den Gräbern erschallte lautes Gelächter über solche Albernheit. Nur die Rodelbäuerin sagte: „Ich finde dies gar nicht so hirnlos. Wenn's auch ein Ehrenzeichen ist, was der Severin hat, es bleibt doch wunderlich, da auf dem Kirchhof mit einer Auszeichnung hernmznlaufen; da, wo sich zeigt, was aus uns allen wird, habe man im Leben Kleider von Seide oder von Zwillich angehabt. Es hat mich schon verdrossen, daß er damit in der Kirche war; so etwas muß man abthun, ehe man in die Kirche geht, um wie viel mehr auf dem Kirchhof." Die Kunde von der Frage der kleinen Amrei mußte doch auch bis zu Severin gedrungen sein, denn man sah ihn hastig seinen Oberrock zuknöpfen und dabei nickte er nach dem Kinde hin. Jetzt hörte man ihn fragen, wer das sei und kaum hatte er die Antwort vernommen, als er auf die beiden Kinder an den frischen Gräbern zueilte und zu Amrei sagte: „Komm her, Kind, mach' deine Hand auf, hier schenke ich dir einen Dukaten; davon schaffe dir an, was du brauchst." Das Kind starrte drein und antwortete nicht. Und kaum hatte Severin den Rücken gewendet, als es ihm halblaut nachrief: „Ich nehm' nichts geschenkt," und ihm dabei den Dukaten nachschleudcrte. Viele die das gesehen hatten, kamen auf Amrei zu und schimpften auf sie hinein und eben als sie daran waren, sie zu mißhandeln, wurde sie wiederum von der Nodelbäuerin, die sie schon einmal mit Worten beschützt hatte, von den rohen Händen gerettet. Auch sie verlangte indeß, daß Amrei wenigstens Severin Nacheile und ihm danke; doch Amrei gab auf keinerlei Rede eine Antwort; sie blieb starr, so daß auch ihre Beschützerin von ihr abließ. Nur mit großer Mühe fand man den Dukaten wieder und ein Gemeinderath, der zugegen war, nahm ihn sogleich in Verwahrung, um ihn dem Pfleger der Kinder zu übergeben. Dieses Ereigniß brachte der kleinen Amrei einen seltsamen Ruf im Dorfe. Man sagte, sie sei doch erst wenige Tage bei der schwarzen Marann' und habe schon ganz deren Art und Weise. Man fand es unerhört, daß ein Kind aus solcher Armuthei einen solchen Stolz haben könne, und indem man ihr diesen Stolz auf allen Wegen und Stegen vorwarf, ward sic dessen erst recht inne, und in der jungen Kinderseele regte sich ein Trotz, ihn nur desto mehr zu bewahren. Die schwarze Marann' that auch das Ihrige um solche Stimmung zu befestigen, denn sie sagte: „Es kann einem Armen kein größeres Glück geschehen, als wenn man es für stolz hält; dadurch ist man bewahrt, daß Jedes auf einem herumtrampelt und noch verlangt, daß man sich dafür bedanke." Im Winter war Amrei sehr viel bei dem Krappenzacher und hörte ihn besonders gern geigen. Ja der Krappenzacher sagte ihr einmal das große Lob: „Du bist 27 nicht dumm," denn Amrei hatte nach einem langen Geigenspiel bemerkt: „ES ist doch wunderlich, wie so eine Geige den Athem so lange anhalten kann; das kann ich nicht." Und wenn daheim in stillen Winteruächten die schwarze Marann' funkelnde und schaucrerregcnde Zaubergeschichten erzählte, da sagte Amrei mehrmals tief aufath- mend wenn sie zu Ende waren: „O Marann', ich muß jetzt Athem schöpfen, ich Hab', so laug Ihr gesprochen habt, den Athem anhalten müssen." War das nicht ein Zeichen tiefer Hingebung an alle Vorkommnisse, und doch wieder ein Merkmal freier Beobachtung derselben und besonders des eigenen Verhaltens dabei? Das Beste ist aber, daß auf die Kinder elementarische Kräfte einwirken, die nicht fragen: was wird daraus werden? Niemand achtete sehr auf Amrei, und diese konnte träumen, wie es ihr in den Sinn kam und nur der Lehrer sagte einmal in der Gcmeinderathssitzung: solch ein Kind sei ihm noch nicht oorgekommen; es sei trotzig und nachgiebig, träumerisch und wachsam, und in der That bildete sich schon früh bei allem kindischen Selbstvergessen ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit, eine Wehrhaftigkeit im Gegensätze zur Welt, ihrer Güte und Bosheit in der kleinen Amrei aus; während Dami bei allen kleinen Anlässen weinend zur Schwester kam und ihr klagte. Er hatte immer Mitleid mit sich selber, und wenn er in Naufhändeln von Spielgenossen niedergeworfen wurde, klagte er: „Ja, weil ich ein Waisenkind bin, schlagen sie mich. O wenn das mein Vater, meine Mutter wüßte!" und dann weinte er doppelt über die erfahrne Unbill. Dami 28 ließ sich von allen Menschen zu essen schenken und wurde dadurch gefräßig, während Amrei mit Wenigem vorlieb nahm und sich dadurch äußerst mäßig gewöhnte. Selbst die wildesten Buben fürchteten Amrei, ohne daß man wußte, woran sie ihre Kraft bewiesen hatte, während Dann vor ganz kleinen Jungen davon lief. In der Schule war Dann stets spielerisch, er bewegte die Füße und bog mit der Hand die Ecken der Blätter um während er las. Amrei dagegen war stets zierlich und gewandt, aber sie weinte oft in der Schule, nicht wegen der Strafen, die sie selbst bekam, sondern so oft Dann gestraft wurde. Am meisten konnte Amrei den Dann vergnügen, wenn sie ihm Näthsel schenkte. Noch immer saßen die beiden Kinder viel am Hanse ihres reichen Pflegers, bald bei den Wagen, bald beim Backofen hinter dem Hause, an dem sie sich von außen wärmten, besonders im Herbste. Und Amrei fragte: „Was ist das Beste am Backofen? „Du weißt ja, ich kann nichts errathcn," crwiederte Dann klagend. „So will ich dir's sagen: Das Beste am Backofen ist, daß er das Brod nicht selber frißt." Und auf den Wagen vor dem Hause deutend fragte Amrei: „Was ist lauter Loch und hält doch?" Ohne lange auf Antwort zu warten, setzte sie gleich hinzu: „Das ist die Kette." „Jetzt diese Räthsel schenkst du mir," sagte Dann und Amrei erwiederte: „Ja, du darfst sie aufgeben. Aber siehst du dort die Schafe kommen? Jetzt weiß ich noch ein Räthsel." „Nein," rief Dann „nein, ich kann nicht drei behalten, ich Hab' genug an zweien." „Nein, das mußt noch hören, sonst nehm' ich die andern wieder." Und Dami sagte ängstlich in sich hinein, nm es ja nicht zu vergessen: „Kette. Selberfrcssen," während Amrei fragte: „Auf welcher Seite haben die Schafe die meiste Wolle? Mäh! Mäh! auf der auswendigen!" setzte sie sogleich mit scherzendem Gesänge hinzu, und Dami sprang davon, um seinen Kameraden die Räthsel aufzugeben. Er hielt beide Hände fest zu Fäusten zusammengepreßt als hätte er darin die Räthsel und wolle sie nicht verlieren. Als er aber bei den Kameraden ankam, wußte er doch nur noch das von der Kette, und des Rodelbauern Aeltester, den er gar nicht gefragt hatte, und der viel zu groß dazu war, sagte schnell die Auflösung und Dami kam wiederum weinend zu seiner Schwester zurück. Tie Räthsclkunst der kleinen Amrei blieb aber nicht lange verborgen im Dorfe und selbst reiche, ernsthafte Bauern, die sonst mit Niemand, am wenigsten mit einem ' armen Kinde viel Worte machen, ließen sich herbei, da und dort der kleinen Amrei ein Räthsel aufzugeben. Daß sie selber viele dergleichen wußte, das konnte sie von der schwarzen Marann' haben, aber daß sie Neugesetzte so oft zu beantworten verstand, das erregte allgemeine Verwunderung. Amrei hätte nicht mehr uuanfgehalten über die Straße oder aufs Feld gehen können, wenn sie nicht bald ein Mittel dagegen gefunden hätte. Sie stellte als Gesetz fest, daß sie Niemanden ein Räthsel löse, dem sie nicht auch eines anfgeben dürfe. Sie aber wußte solche zu drechseln, daß man wie gebannt war. Noch) nie war im Dorfe einem armen Kinde so viel Beachtung zngewendet worden als der kleinen Amrei. Aber je mehr sie heran 30 wuchs, um so weniger Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt; denn die Menschen betrachten nur die Blüthcn und die Früchte mit teilnehmendem Auge, nicht aber jenen langen Uebergang, wo das Eine zum Andern wird. Noch bevor Amrei aus der Schule entlassen wurde, gab ihr das Schicksal ein Räthsel auf, das schwer zu lösen war. Die Kinder hatten einen Ohm, der sieben Stunden von Haldenbruun, in Fluorn Holzhauer war; sie hatten ihn nur Einmal gesehen bei dem Begräbnisse des Vaters, er ging hinter dem Schultheiß, der die Kinder an der Hand führte. Seitdem träumten die Kinder viel von dem Ohm in Fluorn. Man sagte ihnen oft, er sähe dem Vater ähnlich und nun waren sie noch mehr begierig ihn Zusehen, denn wenn sie auch noch manchmal glaubten, Vater und Mutter müßte» plötzlich kommen, es könnte ja gar nicht sein, daß sie nicht mehr da wären, so gewöhnten sie sich doch nach und nach daran, die Hoffnung aufzugebcn und um so mehr, je mehr Jahre vergingen in denen sie das Grab der Eltern mit Vogelbeeren besteckten, und nachdem sie schon lange den Namen der Eltern auf ein und demselben schwarzen Kreuze lesen konnten. Auch den Ohm in Fluorn vergaßen sic fast ganz, denn sie hörten viele Jahre nichts von ihm. Da wurden die beiden Kinder eines Tages in das Haus ihres Pflegers gerufen. Dort saß ein Mann, groß und lang und mit braunem hartem Gesichte. „Kommether, Kinder," rief der Mann den Eintreten- dcn zu. Er hatte eine rauhe, trockene Stimme. „Kennet ihr mich nicht mehr?" Die Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen an. Erwachte in ihnen eine Erinnerung an den Klang der väterlichen Stimme? Der Mann fuhr fort: „Ich bin ja eures Vaters Bruder. Komm her, Lisbeth! Und auch du, Dann!" ' „Ich heiße nicht Lisbeth! Ich heiße Amrei!" sagte das Mädchen und weinte. Es gab dem Ohm keine Hand. Ein Gefühl der Verfremdung machte es zittern, weil der Ohm es bei falschem Namen genannt. Es mochte fühlen, daß da nicht die rechte Anhänglichkeit war, wo man seinen Namen nicht mehr wußte. „Wenn Ihr mein Ohm seid, warum wisset Ihr denn nicht mehr wie ich heiße?" fragte Amrei nochmals. „Du bist ein dummes Kind, gleich gehst du hin und giebst ihm die Hand," herrschte der Rodelbauer und setzte dann zu dem Fremden halblaut hinzu: „Es ist ein unebenes Kind. Die schwarze Marann' hat ihm allerlei Wunderliches in den Kopf gesetzt und du weißt ja, es ist nicht geheuer bei ihr." Amrei schaute sich verwundert um, und gab dem Ohm zitternd die Hand. Dami hatte das schon früher gethan und fragte jetzt: „Ohm, hast du uns auch was mitgebracht?" „Hab' nicht viel zum Mitbringen; ich bring' euch selber mit, ihr geht mit mir. Weißt du, Amrei, daß das gar nicht brav ist, daß du deinen Ohm nicht gern hast? Du hast ja sonst Niemand auf der Welt. Wen hast du denn sonst noch? Komm besser her, da setz dich neben mich — noch näher. Siehst du? dein Dami, der ist viel gescheiter. Er sieht auch mehr in unsere Familie, aber du gehörst doch auch zu uns." Eine Magd kam und brachte viele Mannskleider und legte sie auf den Tisch. 32 „Das sind deines Bruders Kleider," sagte der Rodelbauer zu dem Fremden und dieser fuhr zu Amrei fort: „Siehst du? das sind deines Vaters Kleider, die nehmen wir jetzt mit und ihr geht auch mit, zuerst nach Fluorn und dann über den Bach." Amrei berührte zitternd den Nock des Vaters und seine blaugcstreifte Weste. Der Ohm aber hob die Kleider ans, wies auf die zertragenen Ellbogen hin und sagte zum Rodclbaner: „Die sind nicht viel Werth, die lasse ich mir nicht hoch anschlagen, und ich weiß nicht einmal, ob ich die drüben in Amerika tragen kann ohne ausgespottet zu werden." Amrei faßte krampfhaft einen Rockzipfel. Daß man die Kleider ihres Vaters wenig Werth nannte, an die sie wie an ein kostbares und unbezahlbares Kleinod gedacht hatte, das schien sie zu kränken, und daß diese Kleider in Amerika getragen und dort ausgespottet werden sollten, das Alles verwirrte sie fast, und überhaupt, was sollte denn das mit Amerika? Sie wurde darüber bald aufgeklärt, denn die Nodel- bäncrin kam und mit ihr die schwarze Marann' und die Nodclbäucrin sagte: „Hör' einmal, Mann, ich meine, das geht nicht so schnell, daß man die Kinder da mit dem Mann nach Amerika schickt." „Es ist ja ihr einziger leiblicher Verwandter, der Bruder des Josenhans." „Ja freilich, aber er hat bis jetzt nicht viel davon gezeigt, daß er ein Verwandter, und ich meine, man kann das nicht ohne den Gemeinderath, und der kann's nicht einmal allein. Die Kinder haben hier ein Heimathsrecht, und das kann man ihnen nicht im Schlaf nehmen, denn 33 die Kinder können ja noch nicht selber sagen, was sie wollen. Das heißt einen im Schlaf forttragen." „Meine Amrei ist aufgeweckt genug, die ist jetzt dreizehn, aber gescheiter als eine andere von dreißig Jahr, die weiß was sie will," sagte die schwarze Marann'. „Ihr beide hättet sollen Gemeinderath werden," sagte der Rodelbauer „aber ich bin auch der Meinung, daß man die Kinder nicht wie Kälber am Strick nimmt und fortzieht. Gut, lasset den Mann selber mit ihnen reden, nachher läßt sich schon weiter sehen was zu machen ist; er ist einmal ihr natürlicher Annehmer und hat das Recht Vaterstelle an ihnen zu vertreten, wenn er will. Hör' einmal, geh du jetzt mit deinen Bruderskindern ein wenig vor's Dorf hinaus und ihr Weiber bleibet da, es redet ihnen Keines zu und Keines ab." Der Holzhauer nahm die beiden Kinder an der Hand und verließ mit ihnen Stube und Haus. „Wohin wollen wir gehen?" fragte er die Kinder auf der Straße. „Wenn du unser Vater sein willst, geh mit uns heim; da drunten ist unser Haus," sagte Dami. „Ist es denn offen?" fragte der Ohm. „Nein, aber der Kohlenmathes hat den Schlüssel, er hat uns aber noch nie hineingelassen. Ich springe voraus und hole den Schlüssel." Und behend machte sich Tann los und sprang davon. Amrei kam sich wie gefesselt vor an der Hand des Ohms und dieser redete doch jetzt mit zutraulicher Innigkeit in sic hinein, er erzählte fast wie zu seiner Entschuldigung, daß er selber eine schwere Familie habe, so daß er sich mit Frau und fünf Kindern nur mit Noth Auerbach. Varfüßclc. 3 fortbringen könnte. Nun aber erhalte er von einem Manne, der große Waldungen in Amerika besitze, freie Ueberfahrt und nach fünf Jahren, wenn er,den Wald umgerodet habe, ein großes Ackergut vom besten Boden als freies Eigenthum. Als Dank gegen Gott, der ihm das für sich und seine Kinder beschcerte, habe er sich sogleich vorgesetzt, eine Wohlthat zu thun und die Kinder seines Bruders mitzunehmen; er wolle sie aber nicht zwingen, und nehme sie überhaupt nur mit, wenn sie ihn von ganzem Herzen gern hätten und ihn als ihren zweiten Vater betrachteten. Amrei sah ihn nach diesen Worten groß an. Wenn sie es nur hätte machen können, daß sie diesen Mann liebte! Aber sie fürchtete sich fast vor ihm; sie wußte nichts dagegen zu thun. Und daß er so plötzlich wie aus den Wolken fiel und verlangte: Hab mich lieb! das machte sie eher widersacherisch gegen ihn. „ Wo ist denn deine Frau?" fragte Amrei. Sie mochte mol fühlen, daß eine Frau sie milder und allmäliger angefaßt hätte. „Ich will dir nur ehrlich sagen," erwicderte der Ohm, „meine Frau mengt sich nicht in diese Sache, sie hat gesagt, sie rede mir nicht zu und nicht ab. Sie ist ein bischen herb, aber nur von Anfang, und wenn du gut gegen sic bist, und du bist ja gescheit, so kannst du sie um den Finger wickeln. Und wenn dir auch einmal etwas geschieht, was dir nicht recht ist, denk' du bist bei deines Vaters Bruder und sag' mir's ganz allein, und ich will dir helfen wo ich kann. Aber du wirst sehen, du fängst jetzt erst zu leben an." Amrei standen die Thränen in den Augen bei diesen Worten und doch konnte sie nichts sagen, sie fühlte sich 35 fremd diesem Manne gegenüber. Seine Stimme bewegte sie, aber wenn sie ihn ansah, wäre sie gerne entflohen. Da kam Dann mit dem Schlüssel. Amrei wollte ihm denselben abnehmen, aber er gab ihn nicht her. In der eigcnthümlichen pedantischen Gewissenhaftigkeit der Kinder sagte er, daß er des Kohlenmathesen Fran heilig versprochen habe, den Schlüssel nur dem Ohm zu geben. Dieser empsing ihn und Amrei war's, als ob sich ein zaubervolles Geheimniß aufthne, da der Schlüssel znm ersten Male im Schloße rasselte und jetzt sich drehte — die Klinke bog sich nieder und die Thüre ging auf. Eine eigenthüm- liche Gruftkälte hauchte ans dem schwarzen Hausflur, der zugleich als Küche gedient hatte. Auf dem Heerde lag noch ein Häufchen Asche, an der Stubenthüre waren noch die Anfangsbuchstaben vom Caspar Melchior Balthes und darunter die Jahrzahl vom Tode der Eltern mit Kreide angeschriebcn. Amrei las sie laut, das hatte noch der Later angeschrieben. „Schau," rief Dann, „der Achter ist grade so gezogen, wie du ihn machst, und wies der Lehrer nicht leiden will, so von rechts nach links." Amrei winkte ihm still zu sein. Sic fand cS fürchterlich und sündhaft, daß der Dann hier so laut sprach, hier, wo es ihr war wie in der Kirche, ja wie mitten in der Ewigkeit, ganz außerhalb der Welt und doch mitten drin. Sic öffnete selber die Stubenthüre. Die Stube war finster wie ein Grab, denn die Laden waren geschlossen und nur durch eine Nitze drang ein zitternder Sonnenstrahl herein und just auf einen Engelkopf am Kachelofen, so daß der Engel zu lachen schien. Amrei fiel erschreckt nieder, und als sie sich aufrichtete, hatte der Ohm einen Fensterladen geöffnet und warme Luft drang von außen herein. Hier 36 innen war es so kalt. In der Stnbe war nichts mehr von Hausrath als eine an die Wand genagelte Bank. — Dort hatte die Mutter gesponnen und dort hatte sie die Händchen Amrei's zusammengefügt und sie stricken gelehrt. „So, Kinder, jetzt wollen wir wieder gehen," sagte der Ohm, „da ist nicht gut sein. Kommet mit zum Bäcker, ich kauf' Jedem ein Weißbrod; oder wollet ihr lieber eine Brezel?" „Nein, noch eine Weile dableiben," sprach Amrei und streichelte immer den Platz, worauf die Mutter gesessen hatte. Auf einen weißen Fleck an der Wand deutend fuhr sie dann halblaut fort: „da hat unsere Kukuksuhr gehangen und dort der Soldatenabschied von uuserm Vater und da sind die Stränge Garn gehangen, die die Mutter gesponnen hat; sie hat noch feiner spinnen können als die schwarze Marann', ja die schwarze Marann' hat's selber gesagt: immer einen Schneller mehr aus dem Pfund als jedes Andere und alles so gleichliug — da ist kein Knötele drin gewesen, und siehst da den Ring da oben an der Decke? Das ist schön gewesen, wenn sie da den Zwirn gemacht hat. Wenn ich damals schon bei Verstand gewesen wäre, hätte ich nicht zugegeben, daß man der Mutter ihre Kunkel verkauft, es wäre mein Erbstück; aber es hat sich Niemand unserer angenommen. O Mutter lieb! o Vater lieb! wenn ihres wüßtet, wie wir herumgestoßen worden sind, es thäte euch noch jammern in der Seligkeit." Amrei sing lagt an zu weinen und Dann weinte mit. Selbst der Ohm trocknete sich eine Thräne und drang nochmals darauf, daß man jetzt fortgehe, denn es ärgerte 37 ihn zugleich, daß er sich und den Kindern dieses unnöthige Herzeleid gemacht; Amrei aber sagte streng: „Wenn Ihr auch gehet, ich gehe nicht mit." „Wie meinst du das? Du willst gar nicht mitgehen?" Amrei erschrack, sie ward jetzt erst inne, was sie gesagt hatte, und fast mochte es ihr sein, als wenn das eine Eingebung gewesen wäre, aber sie erwiedcrte bald: „Nein, vom Andern weiß ich noch nichts. Ich meine nur so, gutwillig gehe ich jetzt nicht aus dem Haus, bis ich Alles wicdergesehcn habe. Komm Dann, du bist ja mein Bruder, komm mit auf den Speicher, weißt? wo wir Vcrsteckens gespielt haben, hinterm Kamin; und dann wollen wir zum Fenster 'nausgncken, wo wir die Morcheln getrocknet haben. Weißt nicht mehr, das schöne Gnldenstück, das der Vater dafür bekommen hat?" Es raschelte etwas und kollerte über der Decke. Alle drei erschraken. Aber der Ohm sagte schnell: „Bleib da. Dann, und du auch. Was wollet ihr da oben? Höret ihr nicht, wie die Maus' rasseln?" „Komm du nur mit, die werden uns nicht fressen," drängte Amrei, aber Dann erklärte, daß er nicht mit- gehe, und obgleich Amrei innerlich Furcht hatte, faßte sie sich doch ein Herz und ging allein zum Speicher hinauf. Sie kam aber bald wieder zurück, leichenblaß, und hatte nichts als einen Büschel altes Küunnelstroh in der Hand. „Der Dann geht mit mir nach Amerika," sagte der Ohm zu der Hinzutrctcnden, und diese erwiedcrte, das Stroh in der Hand zerbrechend: „Ich habe nichts dagegen. Ich weiß noch nicht was ich thue, aber er kann auch allein gehen." „Nein," rief Dami, „das thu' ich nicht. Du bist damals mit der Landfriedbäueriu nicht gegangen, wie sie dich hat mitnchmen wollen, und so gehe ich auch nicht allein, aber mit dir." „Nun denn, so überleg' dir's, du bist gescheit genug," schloß der Ohm, verriegelte wiederum den Laden, so daß man im Finstern stand, drängte dann die Kinder zur Stubenthür und zum HauSslur hinaus, verschloß die Hausthüre und ging, dem Kohlenmathes den Schlüssel wieder zu bringen und dann mit Dann allein in's Dorf hinein. Noch aus der Ferne rief er Amrei zu: „Du hast noch bis morgen Früh Zeit, daun geh' ich fort, ob ihr nütgehet oder nicht." Amrei war allein und sie schaute den Weggehendeu nach, und es kam ihr seltsam vor, daß ein Mensch vom andern Weggehen kann. „Dort geht er hin und er gehört düch zu dir und du zu ihm." Seltsam! Wie es im wirklichen Traume geht, daß das blos leise Angeregte sich in ihm erneuert und mit allerlei Wunderlichkeiten verflicht, so erging es jetzt Amrei ini wachen Traume. Nur ganz flüchtig hatte Dami von der Begegnung mit der Landfriedbänerin gesprochen; ihr Gedenken war halb erloschen in der Erinnerung, und jetzt wachte es wieder hell auf wie ein Bild aus vergangenem vorgeträumtcm Leben. Amrei sagte sich fast laut: „Wer weiß, ob sie nicht auch manchmal so plötzlich, mau kann nicht sagen woher, au dich denkt, und vielleicht jetzt eben in dieser Minute und hier, dort unten hat sie dir's ja versprochen, daß sie dir eine Annehmerin sein will, wenn du kommst, dort bei den Kopfweiden. Warum bleiben nur die Bäume stehen, daß man sie allzeit sicht? Warum wird nicht auch ein Wort so etwas wie ein Baum, das 39 steht fest und man kann sich dran halten? Ja, es kommt nur darauf an, ob man will, da hat man's so gut wie einen Baum_und was so eine ehrenhafte Bäuerin sagt, das ist fest und getreu, und sie hat doch auch geweint, weil sie fort mußte von der Heimath, und ist doch schon lang hinaus verheirathet aus dem Dorfe und hat Kinder, ja, und der Eine heißt Johannes." Amrei stand an dem Vogelbeerbaum und legte die Hand an seinen Stamm und sagte: „Du, warum gehst denn du nicht fort? warum heißen dich die Menschen nicht auch auswandern? Vielleicht wäre dir's auch besser anderswo. Aber freilich, du bist zu groß und du hast dich nicht selber hergcsetzt, und wer weiß, ob du nicht au einem andern Ort verkämest. Man kann dich nur umhacken und nicht versetzen. Dummes Zeug! Ich Hab' ja auch von da weg- gcmußt. Ja, wenn's mein Vater wäre, da müßt' ich mit ihm gehen. Er hat mich nicht zu fragen, und wer viel fragt, geht viel irr'. Es kann mir Niemand rathen, auch die Marann' nicht. Und beim Ohm ist's doch so, er denkt: ich ihn dir Gutes und du mußt mir's wieder bezahlen. Wenn er hart gegen mich ist und gegen den Dami, weil er ungeschickt ist, und wir gehen auf und davon_ Wohin sollen wir dann in der wilden fremden Welt? Und hier kennt uns jeder Mensch und jede Hecke, jeder Baum hat ein bekanntes Gesicht. Gelt, du kennst mich?" sagte sie wieder anfschaucnd zu dem Baum. „O wenn du reden könntest! Du bist doch auch von Gott geschaffen, o warum kannst du nicht reden? Du hast doch auch meinen Vater und meine Mutter so gut gekannt, warum kannst du mir nicht sagen, was sic mir rathen würden? O lieber Vater, o liebe Mutter, mir 40 ist so weh, daß ich fort soll. Ich habe doch hier nichts und fast niemand, aber mir ist's, als müßt' ich aus dem warmen Bett in den kalten Schnee. Ist das, was mir so Weh thut, ein Zeichen, daß ich nicht fort soll? Ist das das rechte Gewissen, oder ist cs nur eine dumme Angst? O lieber Himmel, ich weiß es nicht. Wenn jetzt nur eine Stimme vom Himmel kam' und thät' mirs sagen." Das Kind zitterte von innerer Angst und der Zwiespalt des Lebens that sich zum erstenmal schreiend in ihm auf. Und wieder sprach sie halb, halb dachte sie, aber jetzt entschlossen: „Wenn ich allein wäre, da weiß ich fest, ich ginge nicht, ich bliebe da; es thut mir zu weh; und ich kann mir schon allein forthelfcn. Gut, merk' dir das. Also Eins hast du fest, mit dir selber bist dn im Reinen. Ja, aber was ist das für ein dummes Denken! Wie kann ich mir's denn denken, daß ich allein wäre ohne den Dami? Ich bin ja gar nicht allein da, der Dami gehört zu mir und ich zu ihm. Und für den Dami wär's doch besser, er wäre in einer Vatersgewalt; das thät' ihn aufrichten. Wozu brauchst du aber einen Andern? kannst du nicht selber für ihn sorgen, wenn's nöthig ist? und wenn er so eingeheimst wird, ich seh' schon, da bleibt er sein Lebenlang nichts als ein Knecht, der Pudel für andere Leute; und wer weiß, wie die Kinder des Ohms gegen uns sind. Weil sie selber arme Leute sind, werden sie die Herren gegen uns spielen. Nein, nein, sie sind gewiß brav und das ist schön, wenn man so sagen kann: Guten Tag, Vetter, guten Morgen, Bas'. Wenn ,nnr der Ohm eins von den Kindern mitgebracht hätt', da könnt' -41 ich viel besser reden, und könnte auch Alles besser erkundschaften. O lieber Gott, wie ist das Alles auf einmal so schwer." Amrci setzte sich nieder am Baum und ein Buchfink kam dahergctrippelt, pickte sich ein Körnchen auf, schaute sich um und flog davon, lieber das Gesicht Amrei's kroch etwas, sie wischte es ab. Es war ein Abgottskäfer. Sie ließ ihn auf ihrer Hand herumkriechen, zwischen Berg und Thal ihrer Finger, bis er auf die Spitze des Fingers kam und davon flog. „Was der wohl erzählen wird wo er gewesen sei, dachte Amrci, und so ein Thierchen hat es gut: wo es hinfliegt, ist es daheim. Und hotch! wie die Lerchen singen, die haben's gut, die brauchen sich nicht zu besinnen was sie zu sagen und was sie zu thun haben. Und dort treibt der Metzger mit seinem Hund ein Kalb aus dem Dorfe. Der Metzgerhund hat eine ganz andere Stimme als die Lerche, aber freilich, mit Lerchensang kann man auch kein Kalb treiben." „Wohin mit dem Füllen?" rief der Kohlenmathes aus seinem Fenster einem jungen Burschen zu, der ein schönes junges Füllen am Halfter führte. „Der Nodelbauer hat's verkauft," lautete die Antwort, und bald wieherte das Füllen weiter unten im Thale. Amrei, die das hörte, mußte wiederum denken: „Ja, so ein Thier verkauft man von der Mutter weg und die Mutter weiß es kaum; und wcr's bezahlt, der hat's eigen; aber einen Menschen kann man nicht kaufen und wer nicht will, für den giebt's kein Halfter. Und dort kommt jetzt der Nodelbauer mit seinen Pferden, und das große Füllen springt neben her. Du wirst auch bald cin- gespannt. Und vielleicht wirst du auch verkauft. Ein Mensch 42 wird nicht gekauft, er verdingt sich bloß. So ein Thier kriegt für seine Arbeit keinen andern Lohn als Essen und Trinken und braucht auch sonst nichts, aber ein Mensch kriegt noch Geld dazu als Lohn. Ja, ich kann jetzt Magd sein und von meinem Lohn thu' ich den Dami in die Lehre, er will ja auch Maurer werden. Und wenn wir beim Ohm sind, ist der Dami nicht mehr so mein wie jetzt. Und horch, jetzt fliegt der Staar heim, da oben ins Haus, das ihm noch der Vater hergerichtet und er singt noch einmal lustig. Und der Vater hat das Haus aus alten Brettern gemacht. Ich weiß noch, wie er gesagt hat, daß ein Staar nicht in ein Haus von neuen Brettern zieht, und so ist mir's auch-Du Baum,- jetzt weiß ich's: Wenn du rauschest, so lange ich heute noch da bin, so bleibe ich da."... Und Amrei horchte tief auf. Bald war's ihr als rauschte der Baum, dann aber sah sie nach den Zweigen und diese waren unbewegt, sie wußte nicht mehr was sie hörte. Mit lärmendem Geschnatter kam es jetzt herbei und eine Staubwolke ging voraus. Es war die Gänseheerdc, die vom Holderwasen hereinkam. Amrei ahmte vor sich hin lange das Geschnatter nach. Die Augen fielen ihr zu, sie war eingeschlummert. Ein ganzer Frühling von Blüthen war aufgebrochen in dieser Seele und die Blüthenbäume im Thale, die den Nachtthau einsogen, schickten ihre Düfte hinüber zu dem Kinde, das eingeschlafen war auf der Heimatherde von der es sich nicht trennen konnte. Es war schon lange Nacht als sie erwachte und eine Stimme rief: „Amrei, wo bist du?" Sic richtete sich auf und antwortete nicht. Sie schaute verwundert nach den Sternen, und es war ihr, als ob diese Stimme vom 43 Himmel käme; erst als sich die Stimme wiederholte, erkannte sie den Ton der Marann' und antwortete: „Da bin ich!" Und jetzt kam die schwarze Marann' und sagte: „O das ist gut, daß ich dich gefunden habe. Im ganzen Dorf sind sie wie närrisch. Der Eine sagt: er habe dich im Walde gesehen; der Andere ist dir im Felde begegnet, wie du jammernd dahin gerannt bist und auf keinen Ruf dich umgekehrt hast. Und mir ist's gewesen als wenn du in den Teich gesprungen wärst. Brauchst dich nicht zu fürchten, liebes Kind, brauchst nicht zu entfliehen. Es kann dich Niemand zwingen, daß du mit deinem Ohm gehst." „Wer hat denn gesagt, daß ich nicht will?" Plötzlich fuhr ein rascher Windhauch durch den Baum, daß er mächtig rauschte. „Und freilich will ich nicht!" schloß Amrei und hielt die Hand an den Baum. „Komm heim, es bricht ein arges Wetter los, der Wind wird's gleich da haben," drängte die schwarze Marann'. , . Wie taumelnd ging Amrei mit der schwarzen Marann' in's Dorf hinein. Was war denn das, daß die Menschen sie durch Feld und Wald irrend gesehen haben wollten oder sprach das nur die Marann'? Die Nacht war stockdunkel und nur Plötzlich leuchteten rasche Blitze und ließen die Häuser im Hellen Tageslicht erscheinen, so daß das Auge geblendet wurde und man stillstehen mußte, und war der Blitz verschwunden, so sah man gar nichts mehr. Im eigenen Heimathsdorfe waren die beiden wie in der Fremde verirrt und schritten nur unsicher vorwärts. Dazu wirbelte ein Staub auf, so daß man vor Betäubung fast nicht vom Flecke kam; in Schweiß gebadet arbeiteten sich die Beiden vorwärts und kamen endlich unter schwer- fallenden Tropfen.an ihrer Behausung an. Ein Windstoß riß die Hausthürc auf und Amrei -- sagte: „Thu' dich auf." k Sie "wchtc an ein Märchen gedacht haben, wo sich auf ein Räthselwort ein Zauberschloß aufthnt. 5. Auf dem Holderwasen. . Als am andern Morgen der Ohm kam, erklärte Amrei, daß sie dabliebe. — Es lag eine seltsame Mischung von Bitterkeit und Wohlwollen darin als der Ohm sagte: „Freilich, du artest deiner Mutter nach, und die hat nie etwas von uns wissen wollen; aber ich kann den Dann allein nicht mitnehmen, wenn er auch ginge. Der kann noch lange Nichts als Brod essen; du hättest eS anw verdienen können." Amrei entgegnete, daß sie das vor der Hand hier zu Lande wolle, und daß sie mit ihrem Bruder später, wenn der Ohm noch so gut gesinnt bleibe, ja zu ihm kommen könne. In der Art, wie nun der Ohm seine Theilnahme für die Kinder ausdrückte, wurde der Entschluß Amrci's wieder etwas schwankend, aber in ihrer besondern Weise wagte sie daS nicht kund zu geben; sie sagte nur: „Grüßet mir auch Eure Kinder und saget ihnen, daß es mir recht hart ist, daß ich meine nächsten Anverwandten gar nie gesehen Hab', und daß sie jetzt weit übcr's Meer ziehen und iw sic jetzt vielleicht mein Lebenlang nicht mehr sehe." Der Ohm machte sich rasch auf und gab nur noch Amrei den Auftrag, den Dami von ihm zu grüßen, er babe keine Zeit mehr, ihm Lebewohl zu sagen. Er ging davon. Als bald darauf Dann kam und die Abreise des Ohm's erfuhr, wollte er ihm nachrennen und selbst Amrei war fast entschlossen dazu; aber sie bezwang sich wieder, dem nicht nachzugcben. Sie redete und that als ob Jemand ihr jedes Wort und jede Regung befohlen hätte, und doch schweiften ihre Gedanken fort die Wege nach, die jetzt der Ohm ging. Sie ging mit ihrem Bruder Hand in Hand durch das Dorf und nickte allen Leuten zu, die ihr begegneten. Sie war ja jetzt erst wieder zu Allen zurück- gekehrt. Man hatte sie ja fortreißen wollen und sie meinte, alle Anderen müßten ebenso froh sein wie sie selber; aber sie merkte bald, daß man sic nicht nur gern gehen ließ, sondern daß man ihr sogar zürnte, weil sie nicht gegangen war. Der Krappenzacher machte ihr die Augen ans, indem er sagte: „Ja Kind, du hast einen Trotzkopf und das ganze Dorf ist dir bös, weil du dein Glück mit Füßen von dir gestoßen hast. Wer weiß, ob's ein Glück gewesen war', aber sie nennen's jetzt so, und wer dich ansieht, rechnet dir vor, was du Alles ans der Gemeinde hast. Darum mach', daß du bald ans dem öffentlichen Almosen kommst." „Ja, was soll ich machen?" „Die Nodelbäuerin möchte dich gern in Dienst nehmen, aber der Bauer will nicht." Amrei mochte fühlen, daß sic sich fortan doppelt tapfer halten müsse, damit sie kein Vorwurf treffe, weder von sich noch von Andern, und sie fragte daher abermals: „Wisset Ihr denn gar nichts?" „Freilich, du mußt dich nur vor nichts scheuen als vorm Betteln. Hast denn nicht gehört, daß der närrische 47 Fridolin gestern der Kirchbäuerin zwei Gänse todtgeschlagen hat? Der Ganshirtcndienst ist nun leer und ich rathe dir, nimm du ihn." Das war nun bald geschehen und am Mittag trieb Amrei die Gänse auf den Holderwascn, wie man den Weideplatz ans der kleinen Anhöhe beim Hungcrbrunnen nannte. Dann half der Schwester getreulich dabei. Die schwarze Marann' war indeß sehr unzufrieden mit dieser neuen Bedienstung und behauptete, wohl nicht mit Unrecht: „Es geht einem sein Lcbenlang nach, wenn man so einen Dienst gehabt hat; die Leute vergcssen's einem nie und sehen einen immer drauf an, und cs besinnt sich Jedes, dich einmal in Dienst zu nehmen weil es heißen wird: das ist ja die Gänsehirtin; und wenn inan dich auch aus Barmherzigkeit uimmt, kriegst du schlechten Lohn und schlechte Behandlung, da heißt es immer: das ist gut genug für die Gänsehirtin." „Das wird nicht so arg sein" erwicdcrte Amrei, „und Ihr habt mir ja viel hundert Geschichten erzählt, wie eine Gänsehirtin Königin geworden ist." „Das war in alten Zelten. Aber wer weiß, du bist noch von der alten Welt; manchmal ist mir's gar nicht als wärst du ein Kind, werweiß, du alte Seele, vielleicht geschieht dir noch ein Wunder." Der Hinweis, daß sie noch nicht auf der untersten Stufe der Ehrculeiter gestanden, sondern daß cs noch etwas gebe, wodurch sie hcrabsteige, machte Amrei plötzlich stutzig. Für sich selber eroberte sie nichts weiter daraus, aber sie duldete es fortan nicht mehr, daß Dann mit ihr die Gänse hütete. Er war ein Mann, er sollte einer werden, und ihm konnte es schaden, wenn man ihm einst 48 nachsagtc, daß er vormals die Gänse gehütet habe. Aber mit allem Eifer konnte sie ihm das nicht klar machen, nnd er trotzte mit ihr; denn so ist es immer: gerade an dem Pnnkte wo das Verständnis; anfhört, beginnt eine innere Verdrossenheit. Die innere Unmacht übersetzt sich in äußeres Unrecht nnd erfahrene Kränkung. Amrei freute sich fast, daß Dann vieleTage so bös mit ihr sein konnte; er lernte doch jetzt an ihr sich gegen die Welt zu stemmen nnd auch seinen eigenen Willen zn behaupten. Dann bekam indeß auch bald ein Amt. Er wurde von seinem Pfleger dem Rodelbaucr als Vogelscheuche benutzt; er durfte im Banmgartcn des Rodelbaucrn den ganzen Tag die Rassel drehen, um die Sperlinge von den Frühkirschcn nnd aus den Salatbeeten zn verscheuchen, aber er gab das Amt, das ihn Anfangs als Spiel vergnügt hatte, bald wieder auf. Es war ein fröhliches aber auch ein mühsames Amt, das Amrei übernommen hatte; besonders war es ihr oft schwer, daß sie nichts zu machen wußte, wodurch sie die Thicre an sich fesselte. Ja, sie waren kaum voneinander zu unterscheiden. Und eS war nicht uneben, was ihr einst die schwarze Marann', als sie ans dem Moosbrunnen- waldc kam, darüber sagte, „Die Thicre, die in Hcerdcn leben, sind alle jedes für sich allein dumm." „Und ich mein' auch" setzte Amrei fort: „Die Gänse sind deswegen dumm, weil sie zn vielerlei können; sic können schwimmen und laufen und fliegen, sind aber nicht im Wasser, nicht auf dem Boden und nicht in der Luft recht daheim nnd das macht sie dumm." „Ich bleib' dabei" entgegnete die schwarze Marann' „in dir steckt noch ein alter Einsiedel." In der That bildete sich auch ein einsiedlerisches Träumen in Amrei aus, seltsam durchzogen von allerlei Heller Lebensberechnnng. Wie sie bei allem Träumen und Betrachten emsig forstrickte und keine Masche fallen ließ, und wie hier an der Hecke beim Holzbirnenbaum der betäubende Nachtschatten und die erfrischende Erdbeere so nahe beieinanderwachsen, daß sie fast aus derselben Wurzel zu sprossen scheinen, so war klares Ausschaucn und träumerisches Hindämmern im Herzen des Kindes nahe bei einander. Der Holderwascn war kein einsam abgelegener Platz, den die stille Märchenwelt, draus es glimmt und glitzert, gerne heimsucht. Mitten durch den Holderwasen führte ein Feldweg nach Endringen und nicht weit davon standen die verschiedenfarbigen Grenzpfähle mit den Wappenschildern zweier Herren, deren Länder hier an einander stießen. Mit Ackerfuhrwerk allerlei Art zogen hier die Bauern vorüber und Männer, Frauen und Mädchen gingen hin und her mit Hacke, Sense und Sichel. Die Landjäger der beiden Länder kamen auch oft vorüber und der Flintenlauf glitzerte von fernher und noch weit nach. Ja Amrei wurde fast immer vom Endringer Landjäger begrüßt, wenn sie am Wege saß, und sie sollte manchmal Auskunft geben ob nicht Dieser und Jener hier vorbeigekommen sei; aber sie wußte nie einen Bescheid, vielleicht auch verhehlte sie ihn aus jener innern Abneigung des Volkes und besonders der Dorfkinder, die die Landjäger für allzeit gewaffnete Feinde der Menschheit halten, die da umgehen und suchen wen sie verschlingen. Der Theisles-Manz, der hier am Wege die Steine klopfte, redete fast kein Wort mit Amrei; erging verdrossen Auerbach, Barfüßelc. 4 50 von Steinhaufen zu Steinhaufen und sein Klopfen war noch unaufhörlicher als das Picken des Spechtes im Moosbrunnenwalde und gehörte mit zu dem Schrillen und Zirpen der Heuschrecken in den nahen Wiesen und Kleefeldern. Aber über alles menschliche Getriebe hinüber wurde Amrei doch oft in's Reich der Träume getragen. Frei schwang sich ihre Seele hinauf und wiegte sich im unbegrenzten Aether. Wie die Lerchen in der Luft singen und jubeln und nichts davon wollen: wo ist die Grenze des Ackers von Diesem und Jenem? ja wie sie sich hinweg- schwingcn über die Grenzpfähle ganzer Länder, so wußte die Seele des Kindes nichts mehr von den Schranken, die das beengte Leben der Wirklichkeit setzt. Das Gewohnte wird zum Wunder, das Wunder wird zum Alltäglichen. Horch, wie der Kukuck ruft! Das ist das lebendige Echo deS Waldes, das sich selbst ruft und antwortet; und jetzt sitzt der Vogel über dir im Holzbirnenbaum, darfst aber nicht aufschauen, sonst fliegt er fort. Wie er so laut ruft, so unermüdlich! wie weit das tönt, wie weit man das hört! der kleine Vogel hat eine stärkere Stimme als ein Mensch. Setz' dich auf den Baum, ahme ihn nach, man hört dich nicht so weit als den faustgroßen Vogel. Still, vielleicht ist es doch ein verzauberter Prinz und plötzlich fängt er an zu reden. Ja, gicb du mir nur Räthscl auf, laß mich nur besinnen, ich finde schon die Auflösung und dann erlöse ich dich, und wir ziehen in dein goldenes Schloß und nehmen die schwarze Marann' und den Dami mit und der Dami heirathct die Prinzessin, deine Schwester; und wir lassen den Johannes von der schwarzen Marann' in der ganzen Welt suchen und wer ihn findet kriegt ein 51 Königreich. Ach, warum ist denn das Alles nicht wahr? und warum hat man denn das Alles ausgedacht, wenn es nicht wahr ist? Während die Gedanken Amrci's über alle Grenzen hinausgegangen waren, fühlten sich auch die Gänse unbeschränkt und thaten sich gütlich an benachbarten Klee- oder gar Gersten- und Haferäckern. Aus ihren Träumen erwachend scheuchte dann Amrei mit schwerer Mühe die Gänse wieder zurück, und wenn diese Freibeuter bei ihrem Regimente angckommcn waren, wußten sie gar viel zu erzählen von dem gelobten Lande wo sic sich gütlich gcthan; da war des Erzählens und Schnatterns kein Ende und noch lange sprach da und dort eine Gans wie träumend ein bedeutsames Wort vor sich hin und da und dort steckte eine den Schnabel unter die Flügel und träumte in sich hinein. Und wieder trug eS Amrei hinauf. Schau, dort fliegen die Vögel, kein Vogel in der Luft strauchelt, auch die Schwalbe nicht in ihrem Kreuzfluge; immer sicher, immer frei. O! wer nur auch stiegen könnte! Wie müßte die Welt ansschcn von da oben wo die Lerche ist. Juchhe! Immer höher, immer höher und weiter und weiter! Ich stiege in die weite Welt zu der Landfried- bänerin, und sehe was sie macht und trage ob sie noch mein gedenkt. „Gedenkst du mein in fernen Landen?" So sang Amrei plötzlich ans all dem Denken, Schwirren und Sinnen heraus. Und ihr Athem, der beim Gedanken des Fluges tiefer und rascher gegangen war, als schwebte sic schon wirklich in höherer Luftschichte, wurde wieder ruhig und gemessen. 52 Aber nicht immer glühen die Wangen in wachen Träumen, nicht immer leuchtet die Sonne hell in die offenen Blüthen und in die wogende Saat. Noch im Frühling kamen jene naßkalten Tage, in denen die Blüthenbäumc wie frierende Fremdlinge stehen und Tagelang läßt sich die Sonne kaum blicken und ein starres Frösteln geht durch die Natur, nur bisweilen unterbrochen vom Aufzucken eines Windstoßes, der Blüthen von den Bäumen reißt und fortträgt. Die Lerche allein jubilirt noch in den Lüften, wohl über den Wolken, und der Fink stößt seinen klagenden Ton aus vom Holzbirnenbaum, an dessen Stamm gelehnt Amrei steht. Der Theisles-Manz hat sich weiter unten beim rothangestrichenen hölzernen Kreuze unter die Linde gestellt und jetzt in streifweißen Schlittern prasselt der Hagel hernieder, und die Gänse strecken die Schnäbel empor, wie man sagt, damit cs ihnen das weiche Hirn nicht einschlage; aber da drüben hinter Endringen ist's schon hell und die Sonne bricht bald hervor, und die Berge, der Wald, die Felder, Alles sieht aus wie ein Menschenantlitz das sich in Furcht ansgeweint hat und nun hellglänzend in Freude strahlt. Die Vögel in der Luft und von den Bäumen jubeln und die Gänse, die sich im Wetter- schauer zusammengedrängt und die Schnäbel verwundert aufgcstreckt hatten, wagen sich wieder auseinander und grasen und schnattern und besprechen das vorübergegan- . gcne Ereigniß mit der jungen flaumweichen Brut, die dergleichen noch nicht erlebt hat. -— Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter überfallen worden war, hatte sie für künftige Fälle Vorsorge getroffen. Sie trug immer einen leeren Kornsack, den sie noch vom Vater ererbt hatte, mit hin,ns auf den Ganstrieb. 53 Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sacke abgemalt, und bei Gewittern deckte sie sich mit dem Sacke zu und wickelte sich fast hinein; da saß sie dann wie unter einem schützenden Dache und schaute hinein in den unfaßbaren wilden Kampf am Himmel. Ein kalter Schauer, der in Wehmuth überging, wollte sich gar oft Amrei's bemächtigen, sie wollte weinen über ihr Schicksal, das sie so allein, verlassen von Vater und Mutter, hinaus stellte; aber sic gewann schon früh eine Kunst und eine Kraft, die sich schwer lernt und übt: die Thränen hinabwürgcn. Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten in allem Trübsal und aus ihm heraus. Amrei bezwang ihre Wehmuth besonders in Erinnerung an einen Spruch der schwarzen Marann': Wer nicht will, daß ihm die Hände frieren, muß eine Faust machen. Amrei that so, geistig und körperlich, sah trotzig in die Welt hinein und bald kam Heiterkeit über ihr Antlitz; sie freute sich der prächtigen Blitze und ahmte leise vor sich den Donner nach. Die Gänse, die sich wieder znsammengeduckt hatten, schauten wieder seltsam drein, sic hatten's aber doch gut: alle Kleider, die sie brauchen, sind ihnen auf den Leib gewachsen und für das was man ihnen im Frühling ausgerupft hat, ist schon wieder anderes da, und jetzt da das Wetter vorüber ist, jubelt wieder alles in der Luft und auf den Bäumen und die Gänse freuen sich des seltenen Schmauses; in drängenden Haufen zerren sie an Schnecken und Fröschen, die sich herausgewagt haben. Von dem tausendfältigen Sinnen, das in Amrei lebte, erhielt nur die schwarze Marann' bisweilen Kunde, wenn 54 sie vom Walde kommend ihre Holzlast und ihre in einem Sacke gefangenen Maikäfer und Würmer bei der Hirtin abstellte. Da sagte Amrei eines Tages: „Bas', wisset Ihr auch warum der Wind weht?" „Nein, weißt denn du's?" „Ja, ich hab's gemerkt. Gucket, Alles was wächst muß sich umthun. Der Vogel da stiegt, der Käfer da kriecht, der Hast, der Hirsch, das Pferd und alle Thiere die laufen, und der Fisch schwimmt und der Frosch auch, und da steht der Baum und das Korn und das Gras und das kann nicht fort und soll doch wachsen und sich umthun, und da kommt der Wind und sagt: bleib du nur stehen, ich will dich schon umthun, so. Siehst du, wie ich dich drehe und wende und biege und schüttle? Sei froh, daß ich komm', du müßtest sonst verhockeu und es würde nichts aus dir; es thut dir gut, wenn ich dich müd mache, du wirst es schon spüren." Die schwarze Marann' sagte in der Regel auf solche Kundgebungen nichts weiter als ihren gewohnten Spruch: „Ich bleibe dabei, in dir steckt die Seele von einem alten Einsiedel." Nur einmal half die Marann' den stillen Betrachtungen Amrei's auf eine andere Spur. Die Wachtel schlug bereits im hohen Roggenfelde und neben Amrei sang fast einen ganzen Tag unaufhörlich eine Feldlerche am Boden, sie wanderte hin und her und sang immer so innig, so in's tiefste Herz hinein, es war wie ein Saugen der Lebenslust. Das klang noch viel schöner als die Töne der Himmelslerche, die sich aufschwingt in die Luft, und oftmals kam der Vogel ganz nahe und Amrei sagte fast laut vor sich hin: „Warum 55 kann ich dir's nicht sagen, daß ich dir nichts thnn will? Bleib nnr da!" aber der Vogel war scheu und versteckte sich immer wieder. Und Amrei sagte schnell überlegt vor sich hin: „Es ist doch wieder gut, daß die Vögel scheu sind, man könnte ja sonst die diebischen Sperlinge nicht vertreiben." Als am Mittag die Marann' kam, sagte Amrei: „Ich möcht nur wissen, was so ein Vogel den lieben langen Tag zu sagen hat, und er schwätzt sich gar nicht aus." Darauf erwiederte die Marann': „Schau, so ein Thierlcin kann nichts bei sich behalten und in sich hinein reden, im Menschen aber spricht sich immer Etwas in ihm fort, das hört auch nie auf, aber es wird nicht laut; da sind Gedanken, die singen, weinen und reden, aber ganz still, man hört's selber kaum; so ein Vogel aber, wenn er zu singen aufgehört hat, ist fertig und frißt oder schläft." Als die schwarze Marann' mit ihrer Holztraget fortging, schaute ihr Amrei lächelnd nach: „die ist jetzt ein stillsingender Vogel" dachte sie und Niemand als die Sonne sah wie das Kind noch lange vor sich hinlächelte. Tag auf Tag lebte Amrei so dahin, Stundenlang konnte sic träumerisch zusehen, wie der Schatten vom Ge- zweige des Holzbirnenbaums sich von dem Winde auf der Erde bewegte, daß die dunkeln Punkte wie Ameisen durcheinanderkrochen, dann starrte sie wieder auf eine feststehende Wolkenbank, die am Himmel glänzte, oder auf jagende flüchtige Wolken, die einander fortschoben. Und wie draußen im weiten Raume, so standen und jagten, stiegen und zerflossen auch in der Seele des Kindes allerlei Wolkenbilder, unfaßlich und nur vom Augenblick Dasein 56 und Gestalt empfangend. Wer aber weiß, wie die Wol- kenbildnngen draußen in der Weite und im engen Hcr- zensraum zerfließen und sich wandeln? Wenn der Frühling anbricht über der Erde, du kannst nicht fassen all das tausendfältige Keimen und Sprossen auf dem Grunde, all das Singen und Jubeln auf den Zweigen und in den Lüften. Eine einzige Lerche fasse fest mit Auge und Ohr, sie schwingt sich auf, eine Weile siehst du sie noch wie sie die Flügel schlägt, eine Weile unterscheidest du sie noch als dunkeln Punkt, dann aber ist sie verschwunden dem Auge und auch dem Ohr. Du hörst nur noch ein Singen und weißt nicht von wannen es kommt. Und könntest du nur einer einzigen Lerche im freien Raume einen ganzen Tag lauschen, du würdest hören, daß sie am Morgen, am Mittag und am Abend ganz anders singt; und könntest du ihr nachspüren vom ersten zaghaften Frühlingsjauchzen an, du würdest hören, wie ganz andere Töne sie im Frühling, in: Sommer und im Herbste in ihren Gesang mischt. Und schon überden ersten Stoppelfeldern singt eine neue Lerchenbrut. Und wenn der Frühling anbricht in einem Menschen- gemüthe, wenn die ganze Welt sich aufthut, vor ihm, in ihm, du kannst die tausend Stimmen die es umfließen, das tausendfältige Knospen auf dem Grunde und wie es immer weiter gedeiht nicht fassen und festhalten. Du weißt nur noch, daß es singt, daß es sproßt. Und wie still lebt sich's dann wieder, wie eine festgewurzelte Pflanze. Da ist der Wiesenzaun beim Holzbirnenbaum, die Schlehen blühen früh auf und werden nur selten zeitig. Und welch eine schöne Blüthe hatte die Mehlbeere, wie kräftig duftete das und jetzt sind schon 57 kleine Birnen daraus geworden und schon färben sie sich roth und auch die giftige Eimbcere beginnt schon schwarz zu werden. Es kommen jene Hellen, schnittreifen Erntetage, wo der Himmel so wolkenlos blau, daß man den ganzen Tag den Halbmond, und wie er sich dann füllt und wieder abnimmt, wie ein feingezirkeltes Wölkchen am Himmel steht. Draußen in der Natur Md im Men- schengemüthe ist es wie ein leises Athemanhalten vor einem Ziele. Das war bald ein Leben auf dem Wege der durch den Holderwascn führt! Schncllrasselnd fuhren die leeren Leiterwagen dahin und darauf saßen Frauen und Kinder und lachten, auf- und uiedcrgehoben vom Schlittern des Wagens wie vom Lachen, und dann fuhren die garbcn- beladcnen Wagen leise und nur manchmal krächzend heimwärts und Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher. Amrei hatte von der reichen Ernte fast nicht mehr als ihre Gänse, die sich manchmal in kecker Zudringlichkeit an die beladenen Wagen hersndrängten und eine herunterhängende Aehre abrauften. Wenn das erste Stoppelfeld draußen im Feldgebreite sich aufthut, kommt bei aller Freude über den eingeheimS- tcn Erntesegen doch auch eiu gewisses Bangen in das Menschengemüth; die Erwartung ist Erfüllung geworden, und wo alles so wogend stand wird es nun kahl. Die Zeit wandelt sich. Der Sommer wendet sich zur Neige. Der Brunnen auf dem Holderwasen, in dessen Abfluß sich die Gänse behaglich tummelten, hatte das beste Wasser in der Gegend und die Vorübergehenden versäumten selten, au der breiten Röhre zu trinken, während 58 ihr Zugvieh indeß vorauslicf; sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend lief man ihm dann nach. Und andere tränkten vom Feld hcimkehrend hier ihr Zugvieh. Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen Topf, den sie sich von der schwarzen Marann' erbettelt hatte, und so oft nun ein Borüberziehender sich nach dem Brunnen begab, kam Amrei herbei und sagte: „Da könnet Ihr besser trinken." Bei der Rückgabe des Topfes ruhte mancher freundliche Blick bald länger bald kürzer ans ihr und das that ihr so wohl, daß sie fast böse wurde, wenn Leute vorübergingen ohne zu trinken. Sie stand dann mit ihrem Topfe beim Brunnen, ließ voll laufen und goß aus und wenn all dieses Zeichengeben nichts half, überraschte sie die Gänse mit einem unverhofften Bade und überschüttete sie. Eines Tages kam ein Bernerwägelein mit zwei stattlichen Schimmeln daher gefahren, ein breiter oberländischer Bauer nahm den Doppelsitz fast vollends ein. Er hielt am Wege und fragte: „Mädle! hast du nichts, daß man da trinken kann?" „Freilich, ich hol' schon." Behend brachte Amrei ihr Gefäß voll Master herbei. „Ah!" sagte der Oberländer, nachdem er einen guten Zug gethan und absetzte, und mit triefendem Munde fuhr er dann, halb in den Krug hinein sprechend, fort: „Es gibt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr." Er setzte wiederum an und winkte dabei Amrei, daß sie still sein solle, denn er hatte eben wieder mächtig zu trinken begonnen, und es gehört zu den besonderen Unannehmlichkeiten, während des Trinkens angesprochen zu 59 werden. Man trinkt in Hast und spürt ein Drücken davon. Das Kind schien das zu verstehen und erst nachdem der Bauer den Krug zurückgegeben, sagte es: „Ja, das Wasser ist gut und gesund, und wenn Ihr Eure Pferde tränken wollt, für die ist es besonders gut; sie kriegen keinen Stränge!." „Meine Gänl' sind heiß und dürfen jetzt nicht saufen. Bist du von Haldenbrunn, Mädle?" „Freilich!" „Und wie heißt du?" „Amrei." „Und wem gehörst du?" „Niemand mehr. Mein Vater ist der Josenhans gewesen. " „Der Josenhans, der beim Rodelbauer gedient hat?" „Ja!" „Hab' ihn gut gekannt. Ist hart, daß er so früh hat sterben müssen. Wart, Kind, ich geb' dir was." Er holte einen großen Lederbeutel aus der Tasche, suchte lange darin und sagte endlich: „Säh! da, nimm!" „Ich will nichts geschenkt, ich danke, ich nehm' nichts." „Nimm nur, von mir kannst schon nehmen. Ist nicht der Rodelbauer dein Pfleger?" „Ja wohl." „Hätt' auch was Gescheiteres thun können, als dich zur Ganshirtin machen. Behüt dich Gott!" Fort rollte der Wagen und Amrei hielt eine Münze in der Hand. „Von mir kannst schon nehmen.. . Wer ist denn der Mann, daß er das sagt, und warum gibt er sich nicht 60 zu erkennen? Ei das ist ein Groschen, da ist ein Vogel draus. Nun, er wird nicht arm davon und ich nicht reich." Den ganzen Tag bot Amrei keinem Vorüberziehenden mehr ihren Topf an. Sie hatte eine geheime Scheu, daß sie wieder beschenkt werden könnte. Als sie am Abend heim kam, sagte ihr die schwarze Marann', daß der Rodelbauer nach ihr geschickt habe, sie solle gleich zu ihm kommen. Amrei eilte zu ihm und der Rodelbauer sagte zu ihr beim Eintritte: „Was hast du dem Landfriedbaucr gesagt?" „Ich kenne keinen Landfriedbaucr." „Er ist ja heut-bei dir gewesen auf dem Holderwasen und hat dir was geschenkt." „Ich Hab' nicht gewußt wer cs ist und da ist sein Geld noch." „Das geht mich nichts an. Sag offen und ehrlich du Teufelsmädle: habe ich dir zugeredet, daß du Ganshirtin werden sollst? Und wenn du es nicht noch heut' am Tage anfgibst, bin ich dein Pfleger nicht mehr. Ich lasse mir so was nicht nachsagen." „Ich werde allen Menschen berichten, daß Ihr nicht dran Schuld seid; aber den Dienst aufgeben, das kann ich nicht, den Sommer über wenigstens bleib' ich dabei. Ich muß ausführcn, was ich angefangen Hab'." „Du bist ein hagebüchenes Gewächs," schloß der Bauer und verließ die Stube; die Bäuerin aber, die krank im Bette lag, rief: „Du hast Recht, bleib nur so, ich prophezeie dir's, daß dir s noch gut geht. Man wird noch in hundert Jahren von Einem das Glück hat im Dorfe sagen: dem gehts wie des Brosi's Severin und 61 wie des Josenhansen Amrci. Dir fällt dein trocken Brot noch in den Honigtopf." Die kranke Rodelbäucrin galt für überhirnt, und von einer wahren Gespensterfurcht gepackt, ohne ihr eine Antwort zu geben, eilte Amrei davon. Der schwarzen Marann' erzählte Amrei, daß ihr ein Wunder geschehen sei: der Landfriedbaucr, an dessen Frau sie so oft denke, habe mit ihr geredet, sich ihrer beim Nodelbaner angenommen und ihr etwas geschenkt. Sie zeigte nun das Geldstück. Da rief die Marann' lachend: „Ja, das hätt' ich von selbst errathen, daß das der Landfriedbauer gewesen ist. Das ist der Acchte! Schenkt der dem armen Kind einen falschen Groschen." „Warum ist er denn falsch?" fragte Amrei und Thrä- nen schossen ihr in die Augen. „Das ist ein abschätziger Vögcles-Groschen, der ist nur anderthalb Kreuzer werth." „Er hat mir eben nur anderthalb Kreuzer schenken wollen," sagte Amrci streng. Und hier znm ersten Mal zeigte sich ein innerer Widerspruch Amrei's mit der schwarzen Marann'. Diese freute sich fast über jede Boshaftigkeit, die sie von den Menschen hörte, Amrei dagegen legte gerne Alles zum Guten ans, sie war immer glücklich, und so sehr sie sich auch in der Einsamkeit in Träume verlor, sie erwartete doch in der That Nichts; sie war überrascht von Allem was sie bekam und war stets dankbar dafür. „Er hat mir nur anderthalb Kreuzer schenken wollen, nicht mehr, und das ist genug und ich bin zufrieden." Das sagte sie noch oft trotzig vor sich hin, während sie einsam ihre Suppe aß, als spräche sic noch mit der 62 Blarann', die gar nicht in der Stube war und unterdes; ihre Ziege molk. Noch in der Nacht nähte sich Amrci zwei Flicken zusammen und den Groschen dazwischen, hing das wie ein Amulett um den Hals und verbarg es an der Brust. Es war als ob der geprägte Vogel auf der Münze allerlei in der Brust, darauf er ruhte, wecke; denn voll innerer Lust saug und summte Amrei allerlei Lieder, Tagelang vom Morgen bis zum Abend, und dabei dachte sie immer wieder hinaus zu dem Landfriedbauer; sie kannte jetzt den Bauer und die Bäuerin und hatte von Beiden ein Andenken, und cs war ihr immer, als ließe man sie nur noch eine Weile da, dann kommt wieder das Berner- wägelcin mit den zwei Schimmeln, drin sitzen die Bauersleute und holen sie ab und sagen: Du bist unser Kind; denn gewiß erzählt jetzt der Bauer daheim von der Be- gcguiß mit ihr. Mit seltsamem Blick starrte sie oft in den Herbsthimmel, er war so hell, so wolkenrein; und auf der Erde, da sind die Wiesen noch so grün und der Haus liegt zum Dörren darauf gebreitet wie ein feines Netz, die Zeitlosen schauen dazwischen auf und die Raben fliegen darüber hin und ihr schwarzes Gefieder glitzert hell im Sonncnglanz; kein Luftzug weht, die Kühe weiden auf den Stoppeläckern, Peitschenknallen und Singen tönt von allen Aeckern und der Holzbirnenbaum schauert still in sich zusammen und schüttelt die Blätter ab. Der Herbst ist da. So oft Amrei jetzt Abends heimkchrte, schaute sie die schwarze Marann' fragend an, sie meinte, diese müsse ihr sagen, daß der Landfricdbaner geschickt habe, um sie 63 abzuholcn, und mit schwerem Herzen trieb sie die Gänse auf die Stoppelfelder, die so entfernt waren vom Wege und immer wieder lenkte sic nach dem Holderwasen. Aber schon standen die Hecken blätterlos, die Lerchen zwitscherten kaum mehr in schwerem niederem Fluge, und noch immer kam keine Nachricht, und Amrei hatte ein tiefes Bangen vor dem Winter, als wie vor einem Kerker. Sic tröstete sich nnr mit dem Lohne, den sie jetzt erhielt, und der war allerdings reichlich. Keine ihrer Untergebenen war gefallen, ja nicht einmal eine flügellahm geworden. Die schwarze Marann' verkaufte nicht nur die Federn, die Amrei gesammelt hatte, zu gutem Preise, sondern wies auch Amrei an, daß sie sich nicht nach altem Brauche neben dem allgemeinen Gcldlohn ein Stück Kirchweihkuchen geben lasse für jede einzelne Gans die sie gehütet hatte; sie ließ sich vielmehr den Kuchen in Brod verwandeln, und so hatten sie fast den ganzen Winter vollauf Brod, freilich oft sehr altbackenes, aber Amrei hatte, wie die schwarze Marann' sagte, lauter gesunde Mauszähnc, mit denen sie alles knuppern konnte. Als man im Dorfe nichts als Dreschen hörte, sagte Amrei einmal: „Den ganzen Sommer lang hört das Korn in der Aehre nichts als Lerchensang, und jetzt schlagen ihm die Menschen mit dem Dreschflegel auf den Kopf; das klingt ganz anders." „In dir steckt eben ein alter Einsiedel," lautet^ wiederum der Endreim der schwarzen Marann'. 6. Die Eigenbrätlerin. Eine Frau, die ein einsam abgeschiedenes Leben führt, sich ihre Nahrung ganz allein kocht und brät, nennt man eine Eigenbrätlerin und eine solche hat in der Regel auch noch allerlei Besonderheiten. Niemand hatte mehr Recht und mehr Neigung eine Eigenbrätlerin zu sein als die schwarze Marann', obgleich sie nie etwas zu braten hatte, denn Habermns und Kartoffeln und Kartoffeln und Habermus waren ihre einzigen Speisen. Sie lebte immer abgesondert in sich hinein und verkehrte nicht gern mit den Menschen. Nur gegen den Herbst war sic stets voll hastiger Unruhe, sic plauderte um diese Zeit viel vor sich hin und redete auch die Menschen von freien Stücken an, besonders Fremde, die durch das Dorf gingen; denn sie erkundigte sich, ob die Maurer von da und dort schon zur Winterrast heimgekchrt seien und ob sie nichts von ihrem Johannes berichtet hätten. Wenn sie die Leinwand, die isie den Sommer über gebleicht hatte, noch einmal kochte und answnsch und dabei die ganze Nacht aufblieb, murmelte sie stets vor sich hin. Man verstand nichts davon, nur der Zwischenruf war deutlich, denn da hieß es: „Das ist für dich und daS ist für mich;" sie sprach nämlich täglich zwölf Vaterunser für ihren Johannes, aber in der Waschnacht da wurden sie zu unzähligen. Und wenn der erste Schnee fiel, war sie immer besonders heiter. Jetzt giebt's keine Arbeit mehr draußen, jetzt kommt er gewiß heim. Sie sprach dann oft mit einer weißen Henne im Gitter und sagte ihr, daß sie sterben müsse, wenn der Johannes komme. So trieb sie's nun schon viele Jahre und die Leute im Dorfe ließen ab, ihr vorzuhalten daß es närrisch sei, immer an die Heimkehr des Johannes zu denken, aber sie ließ sich nicht bekehren und wurde den Menschen unheimlich. In diesem Herbste wurden es nun achtzehn Jahre seitdem der Johannes davon gegangen war, und jedes Jahr wurde Johann Michael Winkler als verschollen ausgeschrieben in der Zeitung bis zu seinem fünfzigsten Jahre. Er stand jetzt gerade im sechs und dreißigsten. Im Dorfe ging die Sage, Johannes sei unter die Zigeuner gegangen, und die Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner dafür, der dem Verschollenen auffallend ähnlich sah; er war auch so „pfostig" (untersetzt), hatte die gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben, daß man ihn für den Johannes hielt; aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt, sie hatte noch das Gesangbuch und den Confirmandenspruch des Johannes und wer den nicht kennt und nicht anzugeben weiß, wer seine Pathen sind, und was mit ihm geschehen ist, an dcm^iage als des Brosi's Severin mit der Engländerin ankam und später als der neue Rathhausbrunnen gegraben wurde, wer diese und andere Merkzeichen nicht kennt, das ist der Falsche. Dennoch beherbergte die Marann' immer den jungen Zigeuner so oft Auerbach, Barfüßcle. 5 66 er in das Dorf kam und die Kinder auf der Straße schrieen ihm: Johannes! nach. Der Johannes wurde als militärpflichtig auch als Ausreißer ausgeschrieben und obgleich die Mutter sagte, daß er als „zu klein" unter dem Maß durchgcschlüpft wäre, wußte sie doch, daß er bei der Heimkehr einer Strafe nicht entgehe und sie meinte, er käme nur deßwegen nicht wieder, und es war mm gar seltsam wie sie in Einem Athem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des Landesfürsten betete; denn man hatte ihr gesagt, daß wenn der regierende Fürst stürbe, der Thronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straferlaß für alles Geschehene verkünden werde. Jedes Jahr ließ sich die Marann' vom Schullehrer das Blatt schenken, in dem Johannes ausgeschrieben war, und sie legte es zu seinem Gesangbuch; aber dieses Jahr war es gut, daß die Marann' nicht lesen konnte, und der Lehrer schenkte ihr ein anderes Blatt statt des gewünschten. Denn ein seltsames Gemurmel ging durch das ganze Dorf. Wo Zwei bei einander standen sprach man davon und da hieß es: „Der schwarzen Marann' sagt man nichts. Das bringt sie um. Das macht sie närrisch." Es war nämlich ein Bericht des Gesandten ^ aus Paris angekommen, der, laut einer Mittheilung aus Algier durch alle hohen und niederen Aemter bis zum Gemeinderath die Nachricht gab, daß Johannes Winkler von Haldenbrunn in Algier *bei einem Vorpostcngefechte gefallen sei. Man sprach im Dorfe viel davon, wie wunderlich es sei, daß so viele hohe Aemter sich jetzt um den todten Johannes so viel bemühten. Aber am Schluffe des so 67 wohlgeleiteten Berichtestroms hielt man ihn auf. In der Gcmeinderath-Sitzung wurde beschlossen, daß man der schwarzen Marann' nichts davon sage. Es wäre Unrecht, ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern, indem man ihr ihren letzten Trost raube. Statt aber die Nachricht geheim zu halten, hatten die Gemeinderäthe nichts Eiligeres zu thun als es daheim auszuplaudern und nun wußte das ganze Dorf davon bis ans die schwarze Marann' allein. Ein Jeder betrachtete sie mit seltsamem Blick; man fürchtete sich vor ihr, daß man sich verrathe, man redete sie nicht an, man dankte kaum ihrem Gruße. Es bedurfte der ganzen eigentümlichen Art der schwarzen Marann', um dadurch nicht verwirrt zu werden. Und sprach ja einmal Jemand mit ihr und ließ sich verleiten vom Tode des Johannes zu reden, so geschah es nur in jener vermutlichen und beschwichtigenden Weise, die schon seit Jahren gäng und gebe war und die Marann' glaubte jetzt eben so wenig daran als ehedem, denn von dem Todtenscheine sprach ja Niemand. Es wäre wol besser gewesen, auch Amrei hätte nichts davon gewußt; aber es lag ein eigener verführerischer Reiz darin, dem Unberührbaren so nahe als möglich zu kommen und darum sprach Jedes mit Amrei von dem * traurigen Ereignisse, warnte sie, der schwarzen Marann' etwas davon zu sagen und wollte wissen, ob die Mutter keine Ahnungen, keine Träume habe, ob cs nicht umgehe im Hause. Amrei war immer innerlich voll Zittern und Beben. Sie allein war der schwarzen Marann' so nahe und hatte etwas, was sie vor ihr verborgen halten mußte. Auch die Leute, bei denen die schwarze Marann' eine kleine Stube zur Miethe hatte, hielten es nicht mehr aus 68 in ihrer Nähe, und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit, daß sie ihr die Miethe aufkündigten. Aber wie seltsam hängen die Dinge im Leben zusammen! Eben durch dieses Ercigniß erfuhr Amrei Leid und Lust, denn das elterliche Haus öffnete sich wieder; die schwarze Marann' zog in dasselbe und Amrei, die Anfangs voll Beben darin hin und herging, und wenn sie Feuer anmachte und wenn sie Wasser holte, immer glaubte: jetzt müsse die Mutter kommen und der Vater, fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben. Sie spann Tag und Nacht bis sie so viel erübrigt hatte, um vom Kohlcn- mathes die Kuckuksuhr, die ihren Eltern gehört hatte, wieder zu kaufen. Jetzt hatte sie doch auch wieder ein Stück eigenen Hansrath. Aber der Kuckuk hatte Noth gelitten in der Fremde, er hatte die Hälfte seiner Stimme verloren, die andere Hälfte blieb ihm im Halse stecken, er rief nur noch „Kuck" und so oft er das that setzte Amrei in der ersten Zeit immer das andere „Kuck!" hinzu fast unwillkürlich. Als Amrei darüber klagte, daß die Kuckuksuhr nur noch halb tönte und überhaupt nicht mehr so schön sei wie in ihrer frühen Kindheit, da sagte die Marann': „Wer weiß, wenn man in späteren Jahren das wieder bekäme was einen in der Kindheit ganz glücklich gemacht hat, ich glaube, es hätte auch nur noch den halben Schlag wie deine Kuckuksuhr. Wenn ich's dir nur lehren könnte, Kind! es hat mir viel gekostet, bis ichs gelernt habe: Wünsch' dir nie was von gestern! Aber freilich, so etwas kann man nicht schenken; das kriegt mau nur für einen halben Schoppen Schweiß und einen halben Schoppen Thränen gut durcheinander geschüttelt. Das 69 kauft man in keiner Apothek'. Häng dich an nichts, an keinen Menschen und an keine Sache, dann kannst du fliegen." Die Reden der Marann' waren wild und scheu zugleich und sie kamen nur heraus in Dämmerzeit, wie das Wild im Walde. Es gelang Amrei nur schwer, sich an sie zu gewöhnen. Die schwarze Marann' konnte das Rückrufen nicht leiden und hing das Schlaggewicht an der Uhr ganz aus, so daß die Uhr nur noch mit dem Pendelschlag hin und herpickte, aber keine Stunde mehr laut angab. Der schwarzen Marann' war das Sprechen der Uhr zuwider, ja sogar das Ticken störte sic und die Uhr blieb endlich ganz unaufgezogcn, denn die Marann' sagte, sie habe allzeit die Uhr im Kopfe und es war in der That wunderbar wie das eintraf. Sie wußte zu jeder Minute anzngeben, wie viel es an der Zeit sei, obgleich ihr das sehr gleichgültig sein konnte; aber es lag eine besondere Gewecktheit in der Harrenden und wie sie immer hinaushorchte, um ihren Sohn kommen zu hören, so war sie eigenthümlich wach, und obgleich sie Niemand im Dorfe besuchte und mit Niemanden sprach, wußte sie doch Alles, selbst das Geheimste was im Dorfe vorging. Sie crrieth es aus der Art wie sich die Menschen begegneten, aus abgerissenen Worten. Und weil dies wunderbar erschien, war sie gefürchtet und gemieden. Sie bezeichnete sich selbst gern nach einem landläufigen Ausdruck als eine „alterlebte Frau," und doch war sie äußerst behend. Jahraus jahrein aß sie täglich einige Wachholderbeeren und man sagte: davon sei sie so munter und man sehe ihr ihre 66 Jahre gar nicht an. Eben daß jetzt die beiden Scchse bei ihr 70 bei einander standen, ließ sie auch nach einem alten Wortspiele, obgleich man nicht recht daran glauben wollte, als Hexe betrachtet werden. Man sagte: sie melke ihre schwarze Ziege oft stundenlang und diese gebe immer gar viel Milch, aber die schwarze Marann' ziehe während sie melke nur immer den Kühen dessen, den sie Haffe, die Milch ans dem Euter, besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen, und die große Hühnerzucht, die die schwarze Marann' trieb, galt auch für Hexerei; denn woher nahm sie das Futter für sie, und woher konnte sie immer Eier und Hühner verkaufen? Freilich sah mau sie oft im Sommer Maikäfer, Heuschrecken und allerlei Würmer sammeln, und in mondlosen Nächten sah man sie wie ein Irrlicht durch die Gräben schleichen; sie trug einen brennenden Spahn und sammelte die Regenwürmer die da herausschlichen und murmelte allerlei dabei. Ja, man sagte, daß sie in stillen Winternächten mit ihrer Ziege und ihren Hühnern, die sie bei sich in der Stube überwinterte, allerlei wunderliche Gespräche hielte. Das ganze von der Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen- und Zaubergcschichten wachte wieder auf und wurde an die schwarze Marann' geheftet. Amrei fürchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternächten, wenn sic spinnend bei der Marann' saß und man nichts hörte als manchmal das verschlafene Gluksen der Hühner und ein traumhaftes Meckern der Ziege und es erschien in der That zauberisch, wie schnell die Marann' immer spann. Ja, sie sagte einmal: „ich meine mein Johannes hilft mir spinnen," und doch klagte sie wieder, daß sie in diesem Winter zum erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren Johannes denke. Sie machte sich Vorwürfe darüber und sagte: sie sei eine schlechte Mutter und klagte, es sei ihr immer, als wenn ihr die Züge ihres Johannes nach und nach verschwinden, als ob sie vergesse, was er da und da gethan habe, wie er gelacht, gesungen und geweint und wie er auf den Baum geklettert und in den Graben gesprungen sei. „Es wäre doch schrecklich," sagte» sie, „wenn einem das nach und nach so verschwinden könnte, daß man nichts Rechtes mehr davon weiß," und sie erzählte dann Amrei mit sichtlichem Zwange Alles bis aufs Kleinste und Amrei war es tief unheimlich, so immer und immer wieder von einem Todten hören zu müssen, als ob er noch lebte. Und wieder klagte die Marann': „Es ist doch süudlich, daß ich gar nicht mehr weinen kann um meinen Johannes. Ich habe einmal gehört, daß man um einen Verlorenen weinen kann so lang er lebt und bis er verfault ist. Ist er wieder zu Erde geworden, so hört auch das Weinen auf. Nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein, mein Johannes kann nicht todt sein; das darfst du mir nicht anthun, du dort oben, oder ich werf' dir den Bettel vor die Thüre. Da, da, vor meiner Thüre, da sitzt der, Tod, da ist der Weiher und da kann ich mich ersäufen wie einen blinden Hund, und das geschieht, wenn du mir das anthust; aber nein, verzeih mir's guter Gott, daß ich so wider die Wand renne, aber mach' da einmal eine Thür auf, mach' auf und laß meinen Johannes her- cinkommen. O die Freud! Komm, da setz dich her, Johannes. Erzähl' mir gar nichts, ich will gar nichts wissen, du bist da, und jetzt ist's gut. Die langen langen Jahre sind nur eine Minute gewesen. Was geht's mich an, wo du gewandert bist? Wo du gewesen bist, da bin ich 72 nicht gewesen, und jetzt bist du da. Und ich lasse dich nicht mehr von der Hand bis sie kalt ist. O Amrci, und mein Johannes muß warten bis du groß List, ich sag' weiter nichts.' Warum red'st du nichts?" Amrei war die Kehle wie zngeschnürt. Es war ihr immer als ob der Todte dastünde, gespensterhaft; auf ihren Lippen ruhte» das Geheimniß und sie konnte es anrnfen und die Decke siel ein und Alles war begraben. Manchmal aber war die Marann' auch gesprächsam in anderer Weise, obgleich Alles auf dem einen Grunde ruhte, ans dem Andenken an ihren Sohn. Und schwer stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus: „Warum hier ein Kind todt, auf das die Mutter wartet, so zitternd, mit ganzer Seele wartet, und ich und mein Dann wir sind verlorene Kinder, möchten so gerne die Hand der Mutter fassen und diese Hand ist Staub geworden?" . . . Das war ein dumpfes nächtiges Gebiet, wohin das Denken des armen Kindes getrieben wurde und es wußte sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen, als indem es leise das Einmaleins vor sich hin sagte. Besonders an Samstagabenden erzählte die schwarze Marann' gern. Nach altem Aberglauben spann sic am Samstagabend nie, da strickte sie immer, und wenn sie eine Geschichte zu erzählen hatte, wickelte sie zuerst ein gut Theil von ihrem Garnknäuel ab, um nicht anfgehaltcn zu sein und dann erzählte sie am Faden fort ohne Unterbrechung. „O Kind," schloß sic dann oft: „Merk dir etwas, in dir steckt ja auch ein Einsiedel: wer gut grad fort leben will, der sollte ganz allein sein, Niemand gern haben und von Niemand was mögen. Weißt du, wer 73 reich ist? Wer nichts braucht als was er aus sich hat. Und wer ist arm? Wer auf Fremdes wartet, was ihm zukommt. Da sitzt Einer und wartet auf seine Hände, die ein Anderer am Leib hat, und wartet auf seine Augen, die einem Andern im Kopf stecken. Bleib' allein für dich, dann hast du deine Hände immer bei dir, dann brauchst du keine anderen, kannst dir selber helfen. Wer auf Etwas hofft, was ihm von einem Andern kommen soll, der ist ein Bettler; hoffe nur etwas vom Glück, von einem Geschwister, ja von Gott selbst: du bist ein Bettler, du stehst da und hältst die Hand auf bis dir etwas hineinfliegt. Bleib' allein, das ist das Beste, da hast du Alles in Einem; allein, o wie gut ist Allein! Schau, tief im Ameisenhaufen liegt ein klein winziger funkelnder Stein, wer den findet kann sich unsichtbar machen und kann ihm Niemand was anhaben; aber das kriecht durcheinander, wer findet ihn? und es giebt ein Geheimnis; in der Welt, aber wer kann's fassen? Nimm's auf, nimm's zu dir. Es giebt kein Glück und kein Unglück. Jeder kann sich Alles selber machen, wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch, aber nur unter einem Beding: er muß allein bleiben. Allein! Allein! Sonst hilft's nichts." Aus dem Tiefsten heraus gab die Marann' dem Kinde noch halbverschlossene Worte; das Kind konnte sie nicht fassen, aber wer weiß, was auch von Halbvcrstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt? Und nach wildem Umschauen fuhr die schwarze Marann' fort: „O könnt' ich nur allein sein! Aber ich habe mich vergeben, ein Stück von mir ist unterm Boden und ein anderes läuft in der Welt herum, wer weiß wo? Ich wollt' ich wäre die schwarze Ziege da." 71 So freundlich und hell auch die schwarze Maraun' begann, immer ging der Schluß ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern über, und sie, die allein sein wollte, an nichts denken und nichts lieben, lebte doch nur im Denken an ihren Sohn und in der Liebe zu ihm. Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel, um aus diesem unheimlichen Alleinsein mit der schwarzen Marann' erlöst zu werden; sie verlangte, daß auch Dami ins Haus genommen werde, und so heftig sich auch die schwarze Marann' dagegen wehrte, Amrei drohte, daß sie selber das Haus verlasse und schmeichelte der schwarzen Marann' so kindlich und that ihr was sic an den Augen absehen konnte, bis sie endlich nachgab. Dami, der vom Krappenzachcr das Wollstricken gelernt hatte, saß nun mit in der elterlichen Stube und Nachts, wenn die Geschwister auf dem Speicher schliefen, weckte Eines das Andere, wenn sie die schwarze Marann' drunten murmeln und hin- und herlaufen hörten. Durch die Uebersiedelung Dami's zur schwarzen Marann' kam indeß neues Ungemach. Dami war überaus unzufrieden, daß er dies elende Handwerk, das nur für einen Krüppel tauge, habe lernen müssen; er wollte auch Maurer werden, und obgleich Amrei sehr dagegen sprach, denn sie ahnte, daß ihr Bruder nicht dabei aushielte, bestärkte ihn die schwarze Marann' darin. Sie hätte gern alle jungen Bursche zu Maurern gemacht, um sie in die Fremde zu schicken, damit sie Kundschaft erhalte von ihrem Johannes. Die schwarze Marann' ging selten in die Kirche, aber sie liebte es, wenn man ihr Gesangbuch entlehnte, um damit in die Kirche zu gehen, cs schien ihr ein eigenes 75 Genügen, daß ihr Gesangbuch dort sei, und eine besondere Freude hatte sie, wenn ein fremder Handwerksbursch, der im Ort arbeitete, das zurückgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zwecke entlehnte; es schien ihr als ob ihr Johannes bete in der heimathlichen Kirche, weil aus seinem Gesangbuche die Worte gesprochen und gesungen wurden, und Dami mußte nun jeden Sonntag zweimal mit dem Gesangbuche des Johannes in die Kirche. Ging aber die schwarze Marann' nicht zur Kirche, so war sie bei einer Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardörfern immer zu sehen. Es gab nämlich kein Leichenbegängniß, bei dem die schwarze Marann' nicht leidtragend mitging und bei Predigt und Einsegnung, selbst am Grabe eines kleinen Kindes, weinte sie so heftig, als wäre sie die nächste Angehörige, aber dann war sie auf dem Heimwege immer wieder ganz besonders aufgeräumt; dieses Weinen schien ihr eine wahre Erleichterung zu sein. Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille Trauer hinunter, daß sie dankbar dafür war, wenn sie wirklich weinen konnte. War es nun den Menschen zu verargen, daß sie sie für eine unheimliche Erscheinung hielten und zumal da sie noch dazu ein Geheimniß gegen sie auf den Lippen hatten? Auch auf Auwei ging ein Theil dieser Gemieden- heit über, und in manchen Häusern, wo sie sich helfend oder mittheilend auf Besuch einstellte, ließ man sie nicht undeutlich merken, daß man ihre Anwesenheit nicht wünsche, zumal da sie schon jetzt eine Seltsamkeit zeigte, die Allen im Dorfe wunderbar vorkam. Sie ging mit Ausnahme des höchsten Winters barfuß und man sagte, sie müsse ein Geheimmittel haben, daß sie nicht krank werde und sterbe. 76 Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern geduldet, war ja der Rodelbauer ihr Vormund und die Rodelbäuerin, die sich immer ihrer angenommen hatte, und ihr versprach, daß sie sie einst zu sich nehme, wenn sie erwachsener sei, konnte diesen Plan nicht ausführcu. Sie selber wurde von einem Andern angenommen; der Tod nahm sie zu sich. Während sonst erst ini späteren Leben sich die Schwere des Daseins aufthut, wie da und dort ein Anhang abfällt und nur noch ein Gedenken daran verbleibt, erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrühe und heftiger als alle Angehörigen weinten die schwarze Marann' und Amrei bei dem Begräbnis; der Rodelbäuerin. Der Rodelbaner klagte immer fast nur, wie herb es sei, daß er jetzt schon das Gut abgeben müsse, llnd noch war keines seiner drei Kinder verheirathet. Aber kaum war ein Jahr vorüber, der Dann arbeitete schon den zweiten Frühling im Steinbruche, als eine Doppelhochzeit im Dorfe gefeiert wurde, denn der Rodelbauer verheirathete seine älteste Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn dem er am Tage der Hochzeit das Gut übergab; da wurde Amrei eben auf dieser Doppelhochzeit neu benamt und in ein anderes Leben übergcführt. Auf dem Vorplatze des großen Tanzbodens waren die Kinder versammelt und während die Erwachsenen drinnen tanzten und jauchzten, ahmten die Kinder hier das Gleiche nach. Aber seltsam! mit Amrei wollte kein Knabe und kein Mädchen tanzen, und man wußte nicht, wer es zuerst gesagt, aber man hatte es gehört, daß eine Stimme rief: „Mit dir tanzt Keiner, du bist ja das Barfüßele" und: „Barfüßele! Barfüßele! Barfüßelc!" schrie cs nun von allen Seiten. Amrei stand das Weinen in den Augen, 17 aber hier übte sie schnell wieder jene Kraft, mit der sie Spott und Kränkung bezwang; sie drückte die Thränen hinab, faßte hüben und drüben ihre Schürze, tanzte mit sich allein herum und so zierlich, so biegsam, daß alle Kinder inne hielten, lind bald nickten die Erwachsenen unter der Thüre einander zu, und ein Kreis von Männern und Frauen bildete sich um Amrei und besonders der Rodclbauer, der sich an diesem Tage doppelt gütlich gethan hatte, schnalzte mit den Händen und pfiff lustig den Walzer, den die Musik drinnen aufspielte, und Amrei tanzte unaufhörlich fort und schien gar keine Müdigkeit zu kennen. Als endlich die Musik verstummte, faßte der Rodelbauer Amrei an der Hand und fragte: „Du Blitz- mädle, wer hat dir denn das so schön gelehrt?" „Niemand." „Warum tanzest du denn mit Niemand?" „Es ist besser man thut's allein, da braucht man auf Niemand zu warten und hat seinen Tänzer immer bei sich." „Hast schon was von der Hochzeit bekommen?" fragte der Rodelbauer wohlgefällig schmunzelnd. „Nein." „Komm herein und iß," sagte der stolze Bauer und führte das arme Kind hinein und setzte es an den Hochzeitstisch, auf dem immerfort den ganzen Tag aufgetragen wurde. Amrei aß nicht viel und der Rodelbauer wollte sich den Spaß bereiten, das Kind trunken zu machen, es erwiederte aber keck: „Wenn ich noch mehr trinke, da muß man mich führen und da kann ich nicht mehr allein gehen und die Marann' sagt: Allein ist das beste Fuhrwerk, da ist immer eingespannt." Alles staunte über- die Weisheit des Kindes. Der junge Rodelbaner kam mit seiner Frau und fragte das Kind neckisch: „Hast du uns auch ein Hochzritgeschenk gebracht? Wenn man so ißt, muß man auch ein Hochzeitgeschenk bringen." Der Hochzeitsvater steckte in unbegreiflicher Großmuth dem Kinde bei dieser Frage heimlich einen Sechsbätzner zu. Amrei aber behielt den Sechsbätzner fest in der Hand, nickte gegen den Alten und sagte dann dem jungen Paare: „Ich Hab' das Wort und ein Drangeld. Eure Mutter selig hat mir immer versprochen, daß ich bei ihr dienen und Niemand undcrs als ich Kindsmagd bei ihrem ersten Enkelchen sein soll." „Ja, das hat die Bäuerin selig immer gewollt," sagte der Alte und redete zu. Was er ans Furcht, daß er die Waise dann versorgen müßte, seiner Frau ihr Lebenlang versagt hatte, das that er jetzt, wo er ihr keine Freude mehr damit machen konnte, und gab sich vor den Leuten den Anschein, als ob er's zu ihrem Gedenken thue. Aber er that's auch jetzt noch nicht aus Güte, sondern in der richtigen Berechnung, daß die Waise ihm, dementthronten Bauer, der ihr Pfleger war, dienstgefällig sein werde und die Last ihrer Versorgung, die die bloße Ablehnung überstieg, fiel Anderen zu, nicht ihm selber. Die jungen Brautleute sahen einander an, und der junge Rodelbauer sagte: „Bring' morgen dein Bündel in unser Haus. Du kannst bei uns einstehen." „Gut," sagte Amrei, „morgen bring' ich mein Bündel; aber jetzt möcht' ich mein Bündel mitnehmen. Gebet mir da ein Fläschchen Wein und das Fleisch will ich einwickeln und es der Marann' und meinem Dann bringen." Man willfahrte Amrei, aber der alte Rodelbaner 79 sagte ihr jetzt leise: „Gieb mir meinen Sechsbätzner wieder. Ich Hab' gemeint, du willst ihn schenken." „Ich will ihn als Drangeld von Euch behalten," erwiederte Amrei schlau „und ihr werdet sehen, ich will ihn Euch schon wett machen." Der Rodelbauer lachte halb ärgerlich in sich hinein und Amrei ging mit Geld, Wein, und Fleisch davon zu der schwarzen Marann'. DaS Haus war verschlossen, und es war ein großer Abstand zwischen dem lauten musikschallenden Lärmen und Schmausen in dem Hochzeitshause und der stillen Oede hier. Amrei wußte, wo sie die Marann' erwarten konnte auf ihrem Heimwege; sie ging fast immer nach dem Steinbruch und saß dort eine Zeit lang hinter der Hecke und hörte zu wie Spitzhammer und Meißel arbeitete. Das war ihr wie eine Melodie, die aus den Zeiten klang, wo Johannes einst auch hier gearbeitet hatte und da saß sie oft lange und hörte es picken. Amrei traf hier richtig die Marann' und noch eine halbe Stunde vor Feierabend rief sie auch den Dami aus dem Steinbruche und hier draußen bei den Felsen wurde ein Hochzeitmahl gehalten, fröhlicher als drinnen bei der rauschenden Musik. Besonders Dami jauchzte laut und die Marann' that auch heiter, nur trank sie keinen Tropfen Wein, sie wollte nicht eher einen Tropfen Wein über die Lippen bringen, als bis zur Hochzeit des Johannes. Als Amrei nun unter Heiterkeit erzählte, daß sie einen Dienst bei dem jungen Rodelbauer bekommen habe und morgen antrcte, da erhob sich die schwarze Marann' in wildem Zorn und einen Stein aufhebend und ihn an die Brust drückend sagte sie: „Es wäre tausendmal besser, ich hätte 80 dich da drinnen, so einen Stein, als ein lebendig Herz. Warum kann ich nicht allein sein? Warum habe ich mich wieder verführen lassen, Jemand gern zu haben? Aber jetzt ist's vorbei, auf ewig! Wie ich den Stein da hinunterschleudere, so schleudere ich fort alle Anhänglichkeit an irgend einen Menschen. Du falsches treuloses Kind! Kaum kannst du die Flügel heben, fort sliegt's. Aber es ist gut so, ich bin allein und mein Johannes soll auch allein bleiben, wenn er kommt, und es ist Nichts was ich gewollt Hab'." Und fort rannte sie dem Dorfe zu. „ Es ist doch eine Hexe," sagte Dami hinter ihr drein, „ich will den Wein nicht mehr trinken, wer weiß ob sie ihn nicht verhext hat." „Trink du ihn nur, sie ist eine strenge Eigenbrätlerin und hat ein schweres Kreuz auf sich; ich will sie schon wieder gut machen." So tröstete Amrei. 7. Die barmherzige Schwester. Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodelbauern. Barfüßele, so hieß man nun fortan Amrei, war anstellig zu Allem und wußte sich gleich bei Allen beliebt zu machen; sie wußte der jungen Bäuerin, die fremd ins Dorf und ins Haus gekommen war, zu sagen, was hier der Brauch sei, sie lehrte sie die Eigenschaften ihrer nächsten Angehörigen kennen und sich danach richten, und dem alten Rodelbauer, der den ganzen Tag trotzte und sich nicht befriedigen konnte, weil er sich so frühe zur Ruhe begeben, wußte sic allerlei Gefälligkeiten zu erweisen und ihm zu erzählen, wie gar gut die Söhnerin sei, und es nur nicht von sich zu geben wisse; und als in der That kaum nach einem Jahre das erste Kind kam, zeigte sich Amrei darüber so glücklich und in allen Erfordernissen so geschickt, daß Jedes im Hause ihres Lobes voll war; aber nach Art dieser Leute so voll, daß man sie bei dem kleinsten Ungeschick, eher dafür zankte, als daß man sie je in der That lobte. Aber Amrei wartete auch nicht darauf, und namentlich dem Großvater wußte sie das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu entziehen, daß man seine Freude daran haben mußte. Beim Auerbach. Barfüßele. 6 82 ersten Zahne des Enkels, den sie dem Rodclbauer zeigen konnte, sagte dieser: „Ich schenke dir einen Sechsbätzner, weil dn mir die Freude machst. Aber weißt du? den, den du mir gestohlen hast an der Hochzeit; jetzt darfst du ihn ehrlich behalten." Dabei war aber die schwarze Marann' nicht vergessen. Es war allerdings ein schwer Stück Arbeit, mit ihr wieder ins Geleise zu kommen. Die Marann' wollte vom Barfüßele nichts mehr wissen, und ihre neue Herrschaft wollte es nicht dulden, daß sie zu ihr hinginge, besonders nicht mit dem Kinde, da mau noch immer fürchtete, daß ihm durch die Hexe ein Leid geschehe. Es bedurfte großer Kunst und Ausdauer, um diese Feindseligkeit zu besiegen; aber es gelang dennoch. Ja, Barfüßele wußte es dahin zu bringen, daß der Nodelbauer die schwarze Marann' mehrmals besuchte. Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorfe berichtet. Aber die Besuche wurden bald wieder eingestellt, denn die schwarze Marann' sagte einmal: „Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines Großbauern ausgckommen; es ist mir nicht der Mühe Werth, das noch zu ändern." Auch Dann war natürlich oft bei seiner Schwester, aber der junge Rodelbauer wollte das nicht dulden, denn er sagte nicht mit Unrecht, er müsse dadurch den groß- gewachsenen Burschen auch ernähren; man könne in einem solchen Hause nicht aufpasseu, ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke. Er verbot daher außer Sonntags Nachmittags Dann den Besuch des Hauses. Dann hatte indes; selbst zu sehr in das Behagen hineingeschaut, in einem so reich erfüllten Baucruwescn zu stehen; ihm wässerte der Mund danach, auch so mitten drin zu sein und sei es mir als Knecht. Das Stciumetzenlebcn war gar so hungrig. Barfüßele hatte viel zu widersprechen;' er solle bedenken, das; er nun schon das zweite Handwerk habe und dabei bleiben müsse; das sei nichts, daß man immer wieder anderes anfange und glaube, dabei sei mau glücklich, man müsse ans dem Flecke, auf dem mau steht, es sein, sonst werde man es nie. Dami ließ sich eine Zeitlang beschwichtigen, und so groß war bereits die unwillkürliche Geltung Barfüßeles, und so natürlich die Annahme, daß sie für ihren Bruder sorge, daß man ihn immer nur „des Barfüßcle's Dami" hieß, als wäre er nicht ihr Bruder, sondern ihr Sohn, und doch war er um einen Kops größer als sic, und that nicht als ob er ihr unterthan sei. Ja, er sprach es oft aus, wie es ihn wurme, daß man ihn für geringer halte als sie, weil er nicht solch Äaulwerk habe. Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf ließ er zuerst und immer an der Schwester aus. Sie trug es geduldig, und weil er nun vor der Welt zeigte, daß sie ihm gehorchen müsse, gewann sie dadurch nur immermehr an Ansehen und Ucbermacht in der Öffentlichkeit; denn Jeder sagte: es sei brav von dem Barfüßele, was sie an ihrem Bruder thätc, und sie stieg dadurch noch, daß sie sich von ihm gewaltthätig behandeln ließ, während sie für ihn sorgte wie eine Mutter; denn in der That wusch und nähte sie ihm in den Nächten, daß er zu den Saubersten im Dorfe gehörte, und bei zwei Paar Rahmeuschuhcn, die sie als Theil ihres Lohnes jedes halbe,Jahr bekam, hatte sic beim Schuhmacher noch draufbezahlt, damit er solche ihren: Dami mache, und sie selber ging allzeit barfuß und nur selten sah man sie einmal des Sonntags in Schuhen in die Kirche gehen. 84 Barsüßele hatte viel Kummer davon, daß Dann, man wußte nicht wie, allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war. Sie ließ ihn scharf darum au, daß er das nicht dulden solle, er aber verlangte: sie möge es den Leuten wehren und nicht ihm, er könne nicht dagegen aufkommen. Das war nun nicht thunlich, und innerlich war es dem Dann auch eigentlich gar nicht unlieb, daß er überall gehänselt wurde; es kränkte ihn zwar manchmal, wenn alles über ihn lachte und viel Jüngere sich etwas gegen ihn Herausnahmen, aber es wurmte ihn noch weit mehr, wenn man ihn gar nicht beachtete, und dann machte er sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis. Bei Barsüßele dagegen war allerdings die Gefahr, der Einsiedel zu werden, den die Marann' immer in ihr erkennen wollte. Sie hatte sich au eine einzige Gespielin angeschlossen, es war die Tochter des Kohleumathes, die aber nun schon seit Jahren in einer Fabrik im Elsaß arbeitete und man hörte nichts mehr von ihr. Barsüßele lebte so für sich, daß man sic gar nicht zur Jugend im Dorfe zählte; sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprächsam, aber ihre eigentliche Gespielin war doch nur die schwarze Marann'. Und eben weil Barsüßele so abgeschieden lebte, hatte sie keinen Einfluß auf das Verhalten Dami'S, der, wenn auch geneckt und gehänselt, doch immer des Anschlusses bedürftig war und nie allein sein konnte wie seine Schwester. Jetzt aber hatte sich Dami plötzlich ganz frei gemacht und eines schönen Sonntags zeigte er seiner Schwester die Draugabe, die er bekommen hatte, denn er hatte sich als Knecht zum Scheckennarr von Hirlingcn verdungen. 85 „Hättest du mir das gesagt," sagte Barfüßele, „ich hätte einen bessern Dienst für dich gewußt. Ich hätte dir einen Brief gegeben an die Landfriedbänerin im Allgäu, und da hättest dn's gehabt wie der Sohn vom Haus." „O schweig' nur von der," sagte Dann hart, „die ist mir nun schon bald dreizehn Jahre ein paar lederne Hosen schuldig, die sie mir versprochen hat. Weißt du noch? Damals, wie wir klein gewesen sind und gemeint haben, wir könnten noch klopfen, daß Vater und Mutter auf- machen. Schweig' mir von der Landfriedbäuerin, wer weiß, ob die noch mit Einem Wort an uns denkt, wer weiß ob sie gar noch lebt." „Ja sie lebt noch, sie ist ja eine Verwandte von meinem Haus und es wird oft von ihr gesprochen, und sie hat alle ihre Kinder verheirathet bis auf einen einzigen Sohn, der den Hof kriegt." „Jetzt willst du mir nur meinen neuen Dienst verleiden," klagte Dami, „und sagst mir, ich hätte einen bessern kriegen können. Ist das recht?" Seine Stimme zitterte. „O, sei nicht immer so weichmüthig," sagte Barfüßele. „Schwätz' ich dir denn was von deinem Glück herunter? Du thust immer gleich, als ob dich die Gänse beißen. Ich will dir nur noch sagen: jetzt bleib einmal bei dem was du hast, sei darauf bedacht, daß du auf deinem Platz bleibst. Das ist nichts, so wie ein Kuckuk jede Nacht auf einem andern Baum schlafen. Ich könnte auch andere Plätze kriegen, aber ich will nicht, und ich hab's dahin gebracht, daß mir's hier gut geht. Schau, wer jede Minut' auf einen andern Platz springt, den behandelt man auch wie einen Fremden; man weiß, daß 86 er morgen nicht mehr zum Haus gehören kann und da ist er schon heut nicht daheim drin." „Ich brauch' deine Predigt nicht/' sagte Dann, und wollte zornig daoon gehen. „ Gegen mich thust du immer kratzig und gegen die ganze Welt bist dn geschmeidig. " „Weil du eben mein Bruder bist," sagte Barfüßele lachend und streichelte jetzt den Unwilligen. In der That hatte sich eine seltsame Verschiedenheit der Geschwister herausgebildet. Dami hatte etwas Bet- telhaftcs und dann wieder plötzlich Stolzes, während Barfüßele immer gefällig und fügsam, dabei doch von einem inneren Stolze getragen war, den sie bei aller Dicnstfertigkeit nicht ablegte. Es gelang ihr jetzt den Bruder zu beschwichtigen und sie sagte: „Schau, mir fällt was ein, aber du mußt vorher gut sein, denn auf einem bösen Herzen darf der Rock nicht liegen. Der Rodclbauer hat ja noch die Kleider von unscrm Vater selig; du bist jetzt groß, die sind dir jetzt grad recht und du giebst dir auch ein Ansehen, wenn du mit solchem rechtschaffenen Gewand auf den Hof kommst, da sehen deine Nebendicnsten auch, wo du her bist und was du für ordentliche Eltern gehabt hast." Das leuchtete Dami ein, und trotz vielem Widerspruch, denn er wollte die Kleider jetzt noch nicht hcr- geben, brachte Barfüßele den alten Nodelbauer dazu, daß er dieselben Dami eiuhändigte und dann führte Barfüßele den Dami hinauf in ihre Kammer und er mußte sogleich den Nock und die Weste des Vaters anzichen; er widerstrebte, aber was sie einmal wollte, das mußte doch geschehen. Nur den Hut ließ sich Dami nicht aufzwingen. 87 und als er den Rock anhatte legte sie die Hand auf die Schulter und sagte: „So, jetzt bist du mein Bruder und mein Vater, und jetzt geht der Nock zum ersten Male wieder über Feld und es ist ein neuer Mensch driu. Schau Dami, du hast das schönste Ehrenkleid, was es geben kann auf der Welt; halt' es in Ehren, sei drin so rechtschaffen wie unser Vater selig gewesen ist." Sie konnte nicht mehr weiter sprechen und legte ihr Haupt auf die Schulter des Bruders und Thränen fielen ans das wieder ans Licht gezogene Kleid des Vaters. „Du sagst, ich sei weichmüthig," tröstete sie Dami, „und du bist es weit eher." Zn der That war Barfüßele von Allem schnell tief ergriffen, aber sie war dabei auch stark und leichtlebig wie ein Kind; es war wie damals die Marann' bei ihrem ersten Einschlafen bemerkt hatte: Wachen und Schlafen, Weinen und Lachen hart nebeneinander; sic ging in jedem Ercigniß und jeder Empfindung vollauf, kam aber auch rasch wieder darüber hinweg und ins Gleichgewicht. Sie weinte noch immer. „Du machst einem das Herz so schwer," jammerte Dami, „und es ist schon schwer genug, daß ich fort muß aus der Heimath unter fremde Menschen. Du hättest mich eher aufheitern sollen, als jetzt so, so —" „Rechtschaffenes Denken ist die beste Aufheiterung," sagte Barfüßele, „das macht gar nicht schwer. Aber du hast Recht, du hast geladen genug, und da kann ein einziges Pfund, das man darauf thut, einen niederreißen. Ich bin halt doch dumm. Aber komm', ich will jetzt sehen, was die Sonne dazu sagt, wenn der Vater jetzt 88 zum erstenmale wieder vor sie kommt. Nein, das Hab' ich ja nicht sagen wollen. Komm, jetzt wirst schon wissen, wo wir noch hingehen wollen, wo du noch Abschied nehmen mußt; und wenn du nur eine Stunde weit fortgehst, du gehst doch aus dem Ort, und da muß man dort Abschied nehmen. Ist mir auch schwer genug, daß ich dich nicht mehr bei mir haben soll, nein, ich meine, daß ich nicht mehr bei dir sein soll; ich will dich nicht regieren, wie die Leute sagen. Ja, ja, die alte Marann' hat doch Recht: allein, das ist ein großes Wort, das lernt man nicht aus was da drin steckt. So lang du noch da drüben über der Gasse gewesen bist, und wenn ich dich oft acht Tage nicht gesehen habe, was thuts? Ich kann dich jede Minute haben, das ist so gut als wenn man bei einander ist; aber jetzt? Nun, es ist ja nicht aus der Welt. Aber ich bitt' dich, verhebe dich nicht, daß du keinen Schaden leidest, und wenn du was zerrissen hast, schick' mir's nur, ich flick' und strick' dir noch, und jetzt komm', jetzt wollen wir auf den Kirchhof." Dann wehrte sich dagegen und wiederum mit dem Vorhalte, daß es ihm schon schwer genug sei, und daß er sich's nicht noch schwerer machen wolle. Barfüßele willfahrte auch diesem. Er zog die Kleider des Vaters wieder aus und Barfüßele packte sie in den Sack, den sie einst beim Gänsehüten als Mantel getragen hatte und auf dem noch der Name des Vaters stand. Sie beschwor aber Dami, daß er ihr den Sack mit nächster Gelegenheit wieder zurückschicke. Die Geschwister gingen mit einander fort. Ein Hir- linger Fuhrwerk fuhr durch das Dorf. Dami rief es an und Packte schnell seine Habseligkeiten auf. Dann ging er 89 Hand in Hand mit der Schwester das Dorf hinaus und Barfüstele suchte ihn zu erheitern, indem sie sagte: „Weißt du noch, was ich dir da beim Backofen für ein Näthsel aufgcgebcn habe?" „Nein!" „Besinn dich: was ist das Beste am Backofen? Weißt's nicht mehr?" „Nein!" „Das Beste am Backofen ist, daß er das Brod nicht selber frißt." „Ja, ja, du kannst lustig sein, du bleibst daheim." „Du hast's ja gewollt, und du kannstauch lustig sein; wolle du nur recht." Still geleitete sie ihren Bruder bis auf den Holderwasen, dort beim Holzbirnenbaum sagte sie: „Hier wollen wir Abschied nehmen. Behüt dich Gott und fürcht' dich vor keinem Teufel." Sie schüttelten sich wacker die Hände und Dann ging Hirlingen zu, Barfüßele nach dem Dorfe. Erst unten am Berge, wo Dami sie nicht mehr sehen konnte, wagte sie es, die Schürze aufzuheben und sich die Thränen abzutrocknen, die ihr die Wangen hcrabrollten, und laut vor sich hin sagte sie: „Verzeih mir's Gott, daß ich das von dem Allein auch gesagt Hab'; ich danke dir, daß du mir einen Bruder gegeben hast. Laß mir ihn nur, so lang ich lebe." Sie kehrte in's Dorf zurück, es kam ihr so leer vor, und in der Dämmerung als sie die Kinder des Nodel- bauern einwiegte, konnte sie nicht ein einziges Lied über die Lippen bringen, während sic sonst iumer sang wie eine Lerche. Sie mußte immer denken, wo jetzt ihr Bruder W sei, was man mit ihm rede, wie man ihn empfange, und doch konnte sie sich das nicht oorstellen. Sie wäre gern hingccilt und hätte gern allen Menschen gesagt, wie gut er sei und daß sie gegen ihn auch gut sein mögen; aber sie tröstete sich wieder, daß Niemand ganz und überall für den Andern sorgen könne. Und sie hoffte, es würde ihm gut thun, daß er sich selber forthelfe. Als es schon Nacht war, ging sie in ihre Kammer, wusch sich auf's Neue, zöpfte sich frisch und kleidete sich nochmals an, als ob cs Morgen wäre; und mit dieser seltsamen Verdoppelung des neuen Tages, begann ihr fast nochmals ein neues Erwachen. Als Alles schlief, ging sie noch einmal hinüber zur schwarzen Marann' und ohne Licht saß sie Stundenlang bei ihr an dem Bette in der dunklen Stube; sie sprachen davon wie das sei, wenn man einen Menschen draußen in der Welt habe, der doch ein Stück von einem sei, und erst als die Marann' eingeschlafen war, schlich sich Barfüßele davon. Sie nahm aber noch den Kübel und trug Wasser für die Marann' und legte das Holz auf den Heerd und so geschichtet, daß es am andern Morgen nur augezündet zu werden brauchte. Dann erst ging sie nach Hause. Was ist Wohlthätigkeit, die in Geldspenden besteht? Eine in die Hand gelegte Kraft, die wiederum von ihr entäußert wird. Wie anders ist es, die eingeborne Kraft selbst einzusctzen, ein Stück Leben hinzugeben und noch dazu das einzige das verblieben ist. Die Stunden der Ruhe, die Sonntagsfreiheit, die Barfüßele gegeben war, opferte sic alle der schwarzen Marann' und sie ließ sich dabei noch zanken und schelten, wenn sie etwas gegen die 91 Gewohnheit der Eigenbrötlern: gethan hatte, und es fiel ihr nicht ein, dabei zu denken oder zu sagen: wie könnt' Ihr mich noch zanken und schelten über etwas was ich Euch schenke? Ja sie wußte kaum mehr daß sie dieses that. Nur wenn sie an Sonntagabenden bei der Vereinsamten still vor dem Hause saß und zum tausendsten Male gehört hatte, welch ein schmucker Bursch der Johannes am Sonntage gewesen sei und wenn dann die jungen Burschen und Mädchen durch das Dorf zogen und allerlei Lieder sangen, da wurde sie etwas davon gewahr, daß sie hier saß und ihre Lustbarkeit opferte und sie sang leise vor sich hin die Lieder mit, die von den Wandelnden im Verein gesungen wurden; aber wenn sie die Marann' ansah, hielt sie inne und sie dachte darüber nach, wie es doch eigentlich gut wäre, daß der Dami nicht mehr im Dorfe sei, Er war nicht mehr die Zielscheibe allgemeiner Neckerei und wenn er znrnckkam, war er gewiß ein Bursch vor dem Alle Respekt haben mußten. An Winterabenden, wenn im Hause des Rodelbauern gesponnen und gesungen wurde, da allein durfte Barfü- ßele mitsingen, und obgleich sie einen Hellen, lauten Ton hatte, ließ sie sich doch dazu herbei, fast immer die zweite Stimme zu singen. Die Rosel, des Rodelbauern noch ledige Schwester, die um ein Jahr älter als Barfüßele war, sang immer die erste Stimme, und es verstand sich von selbst, daß auch die Stimme Barfüßeles ihr dienen mußte, wie denn überhaupt die Rosel, eine stolze und schneidige Person, das Barfüßele durchaus als Lastthier im Hause betrachtete und behandelte; allerdings weniger vor den Leuten als im Geheimen. Und eben weil Barfüßele im ganzen Dorfe-dafür angesehen war, daß sie im 92 Hauswesen des Rodelbauern wacker angriff und alles in Stand hielt, war es eine Hauptangelegenheit der Nosel, sich bei den Leuten zu berühmen, wie viel Geduld man mit dem Barfüßele haben müsse, wie ihm die Gänsehirtin in allen Stücken nachginge, und wie sie es als ein Werk der Barmherzigkeit betrachte, das Barfüßele nicht so vor den Augen der Welt erscheinen zu lassen wie es eigentlich sei. Ein besonderer Gegenstand des Aufziehens und des nicht immer wichtigen Spottes waren die Schuhe des Barfüßele. Es ging fast immer barfuß, und höchstens im Winter in abgeschnittenen Stiefeln des Bauern, und dennoch ließ sie sich bei jedem halbjährigen Lohne die gebräuchlichen Nahmenschuhe geben; sie standen aber oben in der Kammer unberührt und Barfüßele ging doch so stolz als hätte es Me die Schuhe auf Einmal an, sie trug sie im Bewußtsein. Sechs Paar Schuhe standen neben einander seitdem Dami beim Scheckennarren diente. Die Schuhe waren mit Heu ausgestopft und von Zeit zu Zeit tränkte sie Barfüßele mit Fett, damit sie geschmeidig blieben. Barfüßele war vollauf herangewachsen, nicht sehr hoch, aber stämmig untersetzt. Sie kleidete sich immer ärmlich, aber sauber und anmuthig, und Anmuth ist die Pracht der Armuth, die nichts kostet und nicht zu kaufen ist. Nur weil es der Rodelbauer der Ehre des Hauses angemessen hielt, zog Barfüßele des Sonntags ein besseres Kleid an, um sich vor den Leuten zu zeigen, dann aber kleidete sie sich rasch wieder um, und saß bei der schwarzen Marann' in ihrem Werktagskleids oder sie stand auch bei ihren Blumen, die sie vor ihrem Dachfenster in alten Töpfen pflegte. Nelken, Gelbveigelein und Rosmarin gediehen hier 93 vortrefflich, und wenn sie auch manchen Ableger davon auf das Grab der Eltern, gepflanzt hatte, es wucherte alles doppelt nach, und die Nelken hingen in windenartigen Büscheln fast hinab bis auf den Laubengang der sich um das ganze Haus zog. Das weit vorgcncigte Strohdach des Hauses bildete aber auch einen vortrefflichen Schutz für die Blumen und wenn Barfüßele daheim war, fiel im Sommer kein warmer Regen, bei dem sie nicht die Blumenscherben in den Garten trug, um sie dort ganz nahe dem mütterlichen Boden vollrcgncn zu lassen. Besonders ein kleiner Rosmarinstock, der in dem Topfe war, den einst Barfüßele ans dem Holderwasen zum allgemeinen Gebrauch bei sich gehabt hatte, besonders dieser Nos- marinstock war äußerst zierlich gekaut wie ein kleiner Baum, und Barfüßele ballte oft die rechte Faust und schlug die andre Hand darüber, indem sie vor sich hin sagte: „Wenn's eine Hochzeit giebt von meinen nächsten, ja von meinem Dami, dann steck' ich den an." Ein anderer Gedanke stieg in ihr auf, vor dem sie erröthete bis in die Schläfe hinein und sie beugte sich und roch an dem Rosmarin; wie einen Duft aus der Zukunft sog sie etwas aus ihm ein, sie wollte es nicht dulden und mit wilder Hast versteckte sie das Rosmarinstämmchen zwischen die andern großen Pflanzen, daß sie es nicht mehr sah und eben schloß sie das Fenster, da läutete es Sturm. „Es brennt beim Scheckennarren in Hirlingen!" hieß es bald. Die Spritze wurde herausgethan und Barfüßele fuhr auf derselben mit der Löschmannschaft davon. „Mein Dami! mein Dami!" jammerte sie immer in sich hinein, aber es war ja Tag und bei Tag konnten 94 Menschen nicht in einem Brande verunglücken. Und richtig! als man bei Hirlingen ankam, war das Haus schon niedergebrannt, aber am Wege in einem Baumgarten stand Dami und band eben die beiden Schecken, schöne, stattliche Pferde an einen Baum, und rings herum lief Alles scheckig, Ochsen, Kühe und Rinder. Man hielt an, Barfüßcle durfte abstcigen, und mit einem: „Gottlob, daß dir nichts geschehen ist," eilte sic auf den Bruder zu. Dieser aber antwortete ihr nicht und hielt beide Hände auf den Hals des einen Gaules gelegt. „Was ist? Warum redest du nicht? hast du dir Schaden gethan?" „Ich nicht, aber das Feuer." „Was ist denn?" „All mein Sach' ist verbrannt, meine Kleider und mein bischen Geld. Ich habe nichts als was ich auf dem Leib trage." „Und des Vaters Kleider sind auch verbrannt?" „Sind sie denn feuerfest?" sagte Dami zornig. „Frage nicht so dumm." Barfüßcle wollte weinen über dieses harte Anlassen des Bruders, aber sie fühlte rasch, wie durch einen Naturtrieb, daß Unglück sehr oft im ersten Anprall unwirsch, hart und händelsüchtig macht; sie sagte daher nur: „Dank' Gott, daß du dein Leben noch hast; des Vaters Kleider, freilich, da ist was mit verbrannt, was man sich nicht mehr erwerben kann, aber sie wären doch auch einmal zu Grunde gegangen, so oder so." „All dein Geschwätz ist für die Katz'," sagte Dann und streichelte immer das Pferd. „Da steh' ich nun wie der Gott verlaß mich nicht. Da, wenn die Gäule reden 95 könnten, die würden anders reden, aber ich bin eben zum Unglück geboren. Was ich gut thue, ist nichts, und doch" —- Er konnte nicht mehr reden, es erstickte ihm die Stimme. „Was ist denn geschehen?" „Da die Gäule und die Kühe und Ochsen, ja es ist uns kein Stückle Vieh verbrannt außer den Schweinen, die haben wir nicht retten können. Schau, der Gaul da drüben, der hat mir da mein Hemd anfgerissen, wie ich ihn aus dem Stall ziehe, mein zuderhändiger Gaul der hat mir nichts gethan, der kennt mich. Gelt, du kennst mich Humpele? Gell wir kennen einander?" Der Gaul legte seinen Kopf über den Hals des andern und schaute Dann groß an, der jetzt fortfuhr: „Und wie ich dem Bauer mit Freude berichte, daß ich das Vieh alles gerettet habe, da sagt er: das war nicht nöthig, ist alles versichert und gut, hätt' mir besser bezahlt werden müssen! Ja, denk ich bei mir, aber daß das unschuldige Vieh sterben soll, ist denn das nichts? Jst's denn, wenn's bezahlt ist, Alles? Ist denn das Leben nichts? Der Bauer muß mir was angesehen haben von dem was ich denk', und da fragt er mich: du hast doch dein Gewand und dein Sach' gerettet? und da sag ich: nein, nein, kein Fädele, ich bin gleich in den Stall gesprungen, und da sagt er: du bist ein Dralle! Wie? sag' ich, Ihr seid ja versichert, wenn das Vieh bezahlt worden wäre, da werden doch auch meine Kleider bezahlt und es sind auch noch Kleider von meinem Vater selig dabei und 14 Gulden, meine Taschenuhr und meine Pfeife. Und da sagt er: Rauch drau'.S! Mein Sach' ist versichert und 96 nicht das von den Dienstboten! Ich sag: das wird sich zeigen, und ich lass' es auf einen Prozeß ankommen, und da sagt er: So? Jetzt kannst du gleich gehen. Wer einen Prozeß anfangcn will, hat aufgekündigt. Ich hätte dir ein paar Gulden geschenkt, aber so kriegst du keinen Heller. Jetzt mach', daß du fortkommst!... Da bin ich nun, und ich mein', ich sollt' meinen zuderhändigen Gaul mitnehmen, ich Hab ihm das Leben gerettet, und er ging' gern mit mir. Gelt du? Aber ich habe das Stehlen nicht gelernt, und ich wüßt' mir auch nicht zn helfen, und es wäre am besten, ich spränge jetzt in's Wasser. Ich komme mein Lebtag zu nichts und ich Hab' nichts." „Aber ich Hab' noch und will dir helfen.." „Nein, das thu' ich nicht mehr, daß ich dich aussauge; du mußt dir's auch sauer verdienen." Es gelang Barfüßele ihren Bruder zn trösten und ihn so weit zu bringen, daß er mit ihr heimging; aber kaum waren sie hundert Schritte gegangen, als etwas hinter ihnen drein trabte. Der Gaul hatte sich losgerissen und war Dann gefolgt und dieser mußte das Thier, das er so sehr liebte, mit Steinwürfen znrückjagen. Dann schämte sich seines Unglücks und ließ sich fast vor keinem Menschen sehen, denn es ist die Eigenheit schwacher Naturen, daß sie ihre Kraft nicht im Selbstgefühle empfinden, sondern gern durch äußerlich Erobertes zeigen was sie eigentlich vermögen, Mißgeschick sehen sie als Zeichen ihrer Schwäche an, und wenn sie solches nicht verbergen können, verstecken sie sich selber. Nur an den ersten Häusern des Dorfes hielt sich Dann auf. Die schwarze Marann' schenkte ihm einen Rock ihres erschossenen Mannes. Dami hatte einen 97 unüberwindlichen Abscheu davor, ihn anzuziehen, aber Barfüßele, die ehedem den Nock des Vaters als ein Heiligthum betrachtet und gepriesen hatte, fand jetzt eben so viel Gründe zu beweisen, daß ein Rock doch eigentlich nichts sei, daß gar nichts darauf ankäme, wer ihn einst auf dem Leibe gehabt. Der Kohlenmathes, der nicht weit von der schwarzen Marann' wohnte, nahm Dami mit als Gehülfen beim Holzschlagen und Kohlenbrennen. Dami war das abgeschiedene Leben am willkommensten; er wollte nur noch ausharren bis er Soldat werden mußte und dann wollte er als Einsteher eintreten und auf Lebenszeit Soldat bleiben; beim Soldatenleben ist doch Gerechtigkeit und Ordnung und da hat Niemand Geschwister und Niemand ein eigen Haus und man ist in Kleidung und Speise und Trank versorgt und wenn's Krieg gibt, ist ein frischer Soldatentod noch das Beste. Das war es was Dami am Sonntag im Moosbrunnenwalde aussprach, wenn Barfüßele hinabkam zum Meiler, ihm Schmalz und Mehl und Rauchtabak brachte und ihn oft belehren wollte, wie er außer der gewöhnlichen Speise der Waldköhler, die in schmalzgebähtem Brod besteht, auch die Knödel, die er sich selbst bereitete, schmackhafter machen könne; aber Dami wollte das nicht, gerade so wie sie auskamen, war es ihm recht: er würgte gern Schlechtes hinab, obgleich er hätte Besseres essen können und überhaupt gefiel er sich in einer Selbstverwahrlosung, bis er einst zum Soldaten herausgeputzt würde. Barfüßele kämpfte gegen dieses ewige Hinausschauen auf eine kommende Zeit und das Verlorengehenlassen der Gegenwart, sie wollte den Dami, der sich in innerer Schlaffheit wohl- gesiel und sich dabei selbst bemitleidete, immer aufrichten; Auerbach, Barfüßele. 7 98 aber diesem schien in dem inneren Zerfallen fast Wohl zu sein. Er konnte sich eben dabei recht bemitleiden, und bedurfte keiner Kraftanstrcngung. Nur mit Mühe brachte es Barfüßele dahin, daß sich Dami aus seinem Verdienste wenigstens eine eigene Axt erwarb und zwar die des Vaters, die der KohlenmatheS bei der Versteigerung gekauft hatte. Mit tiefer Verzweiflung kehrte oft Barfüßele aus dem Walde zurück, aber sie hielt nicht lange an; die innere Zuversicht und der frohe Muth der in ihr lebte, drängte sich unwillkürlich als Heller Gesang auf ihre Lippen, und wer es nicht wußte, hätte nie gemerkt, daß Barfüßele je einen Kummer gehabt oder je einen habe. Die Freudigkeit die aus der unbewußten Empfindung floß, daß sie straff und unverdrossen ihre Pflicht that und Wohlthätig- keit übte an der schwarzen Marann' und an Dami, prägte ihrem Antlitz eine unvertilgbare Heiterkeit auf. Zm ganzen Hause konnte Niemand so gut lachen als das Barfüßele, und der alte Nodelbauer sagte: ihr Lachen töne just wie Wachtelschlag, und weil sie ihm allzeit dienstfertig und ehrerbietig war, gab er ihr zu verstehen, daß er sie einstmals in sein Testament setze. Barfüßele kümmerte sich nicht darum und baute nicht viel darauf, sie erwartete nur den Lohn, den sie mit Recht und Sicherheit ansprechen konnte, und was sie that, that sie aus einem Innern Wohlwollen ohne auf Entgelt zu warten. War das nicht die echte barmherzige Schwester? 8. Sack und Art. Das Haus des Scheckennarren war wieder aufgebaut, stattlicher als je; der Winter kam herbei und die Loosnng der Rekruten. Noch nie war mehr Betrübniß über ein glückliches Loos entstanden als da Dann sich freispielte. Er war verzweifelt und Barfüßele fast mit ihm, denn auch ihr war das Soldatenwcsen als ein treffliches Mittel erschienen, nm das lässige Wesen Dami's aufzurichten; dennoch sagte sie ihm jetzt: „Nimm das als Fingerzeig, du sollst jetzt für dich selber als Mann einstehen. Aber du thust noch immer wie ein kleines Kind, das nicht allein essen kann und dem man zu essen geben muß." „Du wirfst mir vor, daß ich dich ausfresse?" „Nein, das mein' ich nicht. Sei nicht immer so leid- müthig, steh nicht immer da: Wer will mir was thun? Gutes oder Böses? Schlag' selber um dich!" „Und das will ich auch und ich hole weit aus!" schloß Dann. Er gab lange nicht kund, was er eigentlich vorhatte, aber er ging seltsam aufrecht durch das Dorf und sprach mit Jedem frei, er arbeitete fleißig im Walde bei den Holzschlägern, er hatte die Axt des Vaters und mit ihr fast die Kraft dessen, der sie ehedem so rüstig gchandhabt. 100 Als ihm Barfüßele einmal im ersten Frühling bei der Heimkehr vom Moosbrunnenwalde begegnete, sagte er, die Axt von der Schulter nehmend: „Was meinst, wo die hingeht?" „Ins Holz!" antwortete Barfüßele. „Aber sie geht nicht allein, man muß sie hacken." „Hast Recht, aber sic geht zu ihrem Bruder, und der Eine hackt hüben und der Andere drüben und da krachen die Bäume wie geladene Kanonen und du hörst nichts davon, oder wenn du willst, ja, aber Keiner im Ort." „Ich verstehe dich vom Simri kein Mäßle," antwortete Barfüßele. „Ich bin zu alt zum Räthselaufgeben. Red' deutlich." „Ja, ich gehe zum Ohm nach Amerika." „So? Gleich heut?" scherzte Barfüßele. „Weißt wie des Maurers Martin einmal seiner Mutter zum Fenster hinaufgerufen hat: Mutter, wirf mir ein frisches Sacktuch 'raus, ich will nach Amerika spazieren? Die so leicht fliegen wollen, sind Alle noch da." „Wirst schon sehen, wie lang ich noch da bin," sagte Dami und ging ohne Weiteres fort in das Hans des Kohlenmathes. Barfüßele wollte über den lächerlichen Plan Dami's sich lustig machen, aber es gelang ihr nicht; sie fühlte, daß etwas Ernst dabei sei, und noch in der Nacht, als Alles schon im Bett lag, eilte sie nochmals zu ihrem Bruder und erklärte ihm ein für allemal, daß sie nicht nütginge. Sie glaubte ihn dadurch plötzlich besiegt zu haben, aber Dami sagte kurzweg: „Ich bin dir nicht angewachscn." Sein Plan wurde immer fester. In Barfüßele war auf einmal wieder all das Wogen von Ueberlegungen, das sie schon einmal in der Kindheit 101 befallen hatte; aber jetzt sprach sie nicht mehr mit dem Vogelbeerbaum, als ob er ihr Antwort geben könne, und aus allen lleberleguugen heraus lautete der Schluß: „Er hat Recht, daß er geht; ich Hab' aber auch Recht, daß ich da bleibe!" Sie freute sich eigentlich innerlich, daß Dami einen so kühnen Entschluß haben könne; das zeigte doch von männlicher Kraft, und that es ihr auch tief wehe, fortan vielleicht allein zu sein in der weiten Welt, so fand sie es doch recht, daß der Bruder mit gesundem Muth hinausgriff. Dennoch glaubte sie ihm noch nicht ganz. Am andern Abend paßte sie ihm ab und sagte ihm: „Sprich nur mit keinem Menschen von deinem Aus- wanderungs-Plan, sonst wirst du ausgelacht, wenn du's nicht ausführst." „Hast Recht!" sagte Dami, „aber nicht deswegen; ich fürchte mich nichts davor, mich vor anderen Menschen zu binden; so gewiß als ich die fünf Finger da an der Hand habe, so gewiß gehe ich ehe hier die Kirschen zeitig sind; und wenn ich mich durchbetteln und wenn ich mich durchstehlen muß, daß ich fortkomme. Nur das Eine thut mir weh, daß ich fort muß und nicht dem Scheckennarren einen Tuck anthun kann, den er sein Lebeulang spürt." „Das ist die rechte Großmännigkeit," eiferte Barfüßele, „das ist die echte Herzensliederlichkeit, einen Rachegedanken hinter sich zu lassen. Dort, dort drüben liegen unsere Eltern, komm' mit, komm' mit auf ihr Grab und sage das dort noch einmal, wenn du kannst. Weißt, Werder Nichtsnutzigste ist? Wer sich verderben läßt. Gieb die Axt her, du bist nicht Werth da die Hand zu haben, wo 102 der Vater seine Hand gehabt hat, wenn du das nicht gleich mit Stumpf und Stiel aus der Seele reißest! Die Axt gieb her! Die soll kein Mensch haben, der von Stehlen und Morden spricht. Die Axt gieb her! Oder ich weiß nicht was ich thue." Kleinlaut sagte Dami: „Es ist nur so ein Gedanke gewesen. Glaub' mir, ich hab's nicht gewollt, ich kann ja das auch nicht; aber weil sie mich immer so den Kegelbuben heißen, da Hab' ich gemeint, ich müsse auch einmal wettern und dreinfluchen und dreinhauen. Aber du hast Recht. Sieh, wenn du willst, gehe ich noch heut Nacht hin zum Scheckennarrcn und sage ihm, daß ich keine bösen Gedanken im Herzen gegen ihn Hab'." „Das brauchst du nicht, das ist zuviel; aber weil du so Einsicht annimmst, so will ich dir helfen was ich kann." „Das Beste wäre, du gingst mit." „Nein, das kann ich nicht, ich weiß nicht warum, aber ich kann nicht. Aber das habe ich nicht verschworen: wenn du mir schreibst, daß dir's beim Ohm gut geht, da komme ich nach. So in den Nebel hinein, wo man nichts weiß... ich ändere nicht gern, und ich hab's ja eigentlich gut hier. Aber jetzt laß uns überlegen, wie du fort kommst." Es ist eine Eigenheit vieler Auswandernden, und gibt Zeugniß von einer finstern Seite der Menschennatur überhaupt und unserer vaterländischen Zustände insbesondere, daß die lebendig Scheidenden gern noch vor ihrem Abgänge ungestraft Rache nehmen, und bei Vielen ist es das Erste was sie in der neuen Welt thun, daß sie nach der alten Welt an die Gerichte schreiben, und allerlei Angebereien über geheimgebliebene Verbrechen machen. 103 Es waren schreckliche Beispiele dieser Art in der Gegend vorgekommen, nnd Barfüßcle flammte darum doppelt im Zorn auf, weil auch ihr Bruder sich zu den aus dem Verstecke Schießenden hatte gesellen wollen. Darum war sie jetzt doppelt freudig, als sic den bösen Willen Dami's besiegt hatte; denn tiefer als alle Wohlthat erquickt das innere Gefühl, einen Andern von Laster und Irrweg zurückgeführt zu haben. Mit der ganzen sichern Klarheit ihres Wesens erwog sic nun alle Umstände. Die Frau des Ohms hatte an ihre Schwester geschrieben, daß cs ihnen wohl gehe, nnd so wußte man den Aufenthaltsort des Ohms. Die Ersparnisse Dami's waren sehr gering, und auch die Barfüßeles reichten nicht voll ans. Dann sprach davon, daß ihm die Gemeinde eine namhafte Beisteuer geben müsse; die Schwester wollte nichts davon wissen, und sie sagte: „Das soll das letzte sein, wenn alles Andere fehlgeschlagen hat." Sic erklärte nicht, was sie noch sonst versuchen könne. Ihr erster Gedanke war allerdings, sich an die Landfriedbäuerin in Zusmarshofen zu wenden; aber sie wußte, wie solck ein Bettelbrief einer reichen Bäuerin erscheinen müsse, die vielleicht auch nicht einmal baar Geld habe; dann dachte sie an den Nodelbauer, der ihr versprochen hatte, sie in sein Testament zu setzen, er sollte ihr jetzt das Zngedachte geben, und wenn es auch weniger sei. Dann fiel ihr wieder ein, daß man vielleicht den Schcckennarren, dem es jetzt wieder überaus Wohl erging, zu einer Beisteuer bewegen könne. Sie sagte von alledem dem Dami nichts, aber wie sie sein Gewand musterte, wie sie mit vieler Mühe der schwarzen Marann' von ihrer aufgcspeichcrten Leinwand ein Stück auf Borg 104 abkaufte, alsbald Zuschnitt und in der Nacht vernähte, alle diese gesetzten, festen Vorbereitungen machten Dami fast zittern. Er hatte freilich gethan, als ob der Auswanderungsplan bei ihm unerschütterlich fest sei, und doch kam er sich jetzt wie gebunden, wie gezwungen vor, als ob er durch den festen Willen der Schwester zur Ausführung gedrängt würde. Ja, die Schwester erschien ihm fast hartherzig, als ob sie ihn fortdränge, ihn los sein wolle. Er wagte jedoch nicht, dieß deutlich zu sagen, er wußte nur allerlei Quengeleien vorzubringen, und Bar- füßele deutete diese als das verdeckte Wehe des Abschieds, das kleine Hindernisse gern als die Nöthigung davon ab- zulasscn annimmt, um nur sich wieder abbringen zu lassen. Sie machte sich nun vor Allem an den alten Rodelbauer und verlangte geradezu, daß er ihr das Erbstück, welches er schon lange versprochen, jetzt gebe. Der alte Rodelbauer sagte: „Was pressirst du so? Kannst nicht warten? Was hast?'' „Nichts Hab' ich und ich kann nicht warten." Sie erzählte, daß sie ihren Bruder aussteuern wolle, der nach Amerika auswandere. Das war ein glücklicher Griff für den alten Rodelbauer; er konnte seine Zähigkeit noch als Gutmüthigkeit, als weise Fürsorge hinstellen, und bedeutete Barfüßele, daß er ihr jetzt keinen rothen Heller gäbe, er wolle nicht schuld sein, daß sie sich ganz ausziehe für ihren Bruder. Nun bat Barfüßele, daß er der Fürsprech sei beim Scheckennarren; dazu ließ er sich endlich herbei, und that groß damit, daß er sich zum Betteln hergebe bei einem fremden Mann für einen fremden Menschen; aber er verschob die Ausführung von Tag zu Tag, und erst als Barfüßele nicht abließ, machte er sich endlich auf 105 den Weg. Er kam, wie vorauszusehen war, mit leerer Hand zurück, denn des Scheckcnnarren erste Frage war natürlich: was denn der Rodclbauer gebe, und als dieser geradezu sagte, daß er sich vor der Hand zu nichts verstehe, war das der gewiesene Weg und der Schcckenuarr blieb auch auf demselben. Als Barfüßcle der schwarzen Marann' ihren Kummer über diese Hartherzigkeit klagte, traf die Alte die Spitze der Empfindung, indem sie sagte: „Ja, so sind die Menschen! Wenn morgen Einer ins Wasser springt, und man zieht ihn todt heraus, da sagt ein Jedes: hält' er mir's nur gesagt, was ihm fehlt, ich hätt's ihm ja gern gegeben und ihm in Allem geholfen. Was gab' ich nicht drum, wenn ich ihn wieder ins Leben bringen könnte! — Aber ihn beim Leben erhalten, dazu wollte sich keine Hand aufthun." Und seltsam, eben dadurch, daß sich Barfüßele die ganze Schwere der Dinge immer voll auf that, lernte sie sie leicht ertragen. „Drum muß man sich nur auf sich selbst verlassen," war ihr innerer Wahlspruch, und statt sich Niederdrücken zu lassen von Hindernissen, wurde sie dadurch immer nur schnellkräftigcr. Sie raffte zusammen und machte zu Gelde, was sich nur thuu ließ, und der reiche Anhenker, den sie einst von der Landfriedbäuerin erhalten, wanderte zur Wittwe des alten Heili- genpflcgers, die sich in ihrem Wittwenstande an einen: ergiebigen Wucher auf Faustpfänder erfreute. Auch der Dukaten, den sie einst dem Oberbaurath auf dem Kirchhofe nachgeworfen hatte, wurde jetzt wieder gefordert und seltsamer Weise erbot sich jetzt der Rodelbauer, beim Gemeinderath in dem er saß, eine namhafte Unterstützung für den answandernden Dami zu erwirken. Mit öffentlichen 106 Geldern war er gern großmüthig und tugendhaft. Dennoch erschrak Barfüßcle, als er ihr nach wenigen Tagen verkündete, es sei beim Gcmcinderath Alles bewilligt, aber nur ans die Bedingung hin, daß Dann jedes Hei- mathsrccht im Dorfe anfgcbe. Das hatte sich von selbst verstanden, man hatte gar nicht anders gedacht; aber jetzt, da es eine Bedingung war, erschien es als ein Schreckbild: nirgends mehr daheim zu sehn. Dem Dann sagte Barfüßele nichts von diesen ihren Gedanken und Dann schien wiederum froh und wohlgcmnth. Besonders die schwarze Marann' redete ihm viel zu, denn sie hätte gern das ganze Dorf in die Fremde geschickt, um endlich Kunde von ihrem Johannes zu bekommen, und jetzt glaubte sie steif und fest, daß ihr Johannes über dem Meer sei. Der Krappenzacher hatte ihr gesagt: das Meer, die salzige Fluth, verhindere die Thränen, die man um Einen weinen wolle, der am andern Ufer sei. Barfüßcle erhielt die Erlaubniß von ihrer Dienstherrschaft, den Bruder zu begleiten, als er seinen Uebcrfahrts- vertrag mit dem Agenten in der Stadt abschließen wollte. Wie erstaunten sie aber, als sie hier hörten, daß dies bereits geschehen sei. Der Gemeinderath hatte es schon bewerkstelligt, und Dami genoß des Armenrechtes und der entsprechenden Verpflichtungen. Er mußte vom Schiff aus, bevor dasselbe ins weite Meer segelte, eine Bescheinigung seiner Abfahrt unterzeichnen und erst dann wurde das Geld ausgezahlt. Die Geschwister kehrten traurig heim ins Dorf, schweigend gingen sie dahin. Dami war von seiner Verdrossenheit überfallen, daß nun Etwas geschehen müsse, weil er's einmal gesagt, und Barfüßele empfand ein tiefes 107 Wehe, daß doch ihr Bruder eigentlich wie auf dem Schub fortgeschafft würde. An der Gemarkung sagte Dami laut zu dem Stock, worauf der Ortsname und Amtsbezirk stand: „Du da! Behüt dich Gott! Ich bin nicht mehr bei dir daheim, und alle Menschen da drin die sind mir jetzt grad so viel wie du." Barfüßele weinte, aber sie nahm sich vor, daß dies das letzte Mal sein solle bis zur Abreise Dami's und auch bei dieser selbst. Sie hielt Wort. Die Leute im Dorfe sagten: Das Barfüßele müsse kein Herz im Leibe haben, denn es waren ihr nicht die Augen naß geworden als ihr Bruder schied und die Leute wollen gerne selbst die Thränen sehen. Was gehen sie die heimlich geweinten an? Barfüßele aber hielt sich wach und straff. Nur in den letzten Tagen vor der Abreise Dami's versäumte sie zum erstenmal ihre Pflicht, denn sie vernachlässigte ihre Arbeit und war immer beim Dami; sie ließ' sich von der Rosel darüber ausschelten und sagte nur: „Du hast Recht." Sie lief aber doch ihrem Bruder überall nach, sie wollte keine Minute verlieren da er noch da war, sie meinte, sie könne ihm in jedem Augenblick noch etwas Besonderes erweisen, noch etwas Besonderes sagen für Lebenlang, und quälte sich wieder, daß sie ganz gewöhnliche Sachen sprach, ja, daß sie sogar manchmal mit ihm stritt. O diese Abschiedsstunden, wie pressen sie das Herz, wie preßt sich alle Vergangenheit und Zukunft in einen Augenblick zusammen und man weiß nirgends anzufassen und nur ein Blick, eine Berührung muß Alles sagen! Amrei gewann indeß doch noch Worte. Als sie ihrem 108 Bruder das Leincnzeug vorzählte, sagte sie: „Das sind gute saubere Hemden, halt' dich gut und sauber drin." Und als sie Alles in den großen Sack packte auf dem noch der Name des Vaters stand, sagte sie: „Bring' den wieder mit, voll lauter Gimgold. Wirst sehen, wie gern du dann hier wieder die Bürgerannahme bekommst, und des Rodelbaucrn Nosel, wenn sie bis dahin noch ledig ist, springt dir über sieben Häuser nach." Und als sie die Axt des Vaters in die große Kiste legte, sagte sie: „O wie glatt ist der Stiel! Wie oft ist der durch des Vaters Hand gegangen und ich mein', ich spür' noch seine Hand da drauf. So, jetzt Hab ich das Wahrzeichen: Sack und Axt! Arbeiten und Einsammeln das ist das Beste und da bleibt man luftig und gesund und glücklich. Behüt dich Gott! und sag auch recht oft vor dich hin: Sack und Axt. Ich will's auch oft thun und das soll unser Gedenken sein, unser Zuruf, wenn wir weit, weit von einander sind, bis du mir schreibst oder mich holst oder wie du's kannst, wie's eben Gott will. Sack und Axt! da drin steckt Alles. Da kann man Alles hinein- thun, alle Gedanken und Alles was man erworben hat." Und noch als Dami auf dem Wagen saß und sie ihm zum letztenmal die Hand reichte, die sie lange nicht lassen wollte, bis er endlich davon fuhr, da rief sie ihm noch mit Heller Stimme nach: „Sack und Axt! Vergiß das nicht." Er schaute zurück und winkte, und verschwunden war er. 9. Ein ungebetener Galt. Gelobt sei Amerika! rief der Nachtwächter zum Ergötzen Aller mehrere Nächte beim Stundenanrufen aus, statt des üblichen Dankspruches gegen Gott. Und der Krappenzacher, der, weil er selber nichts galt, gern bei den „rechten" Leuten auf die Armen schimpfte, sagte beim Ausgang ans der Kirche am Sonntag und Nachmittags, aus der langen Bank vor dem Auerhahn. „Der Colum- bus ist ein wahrer Heiland gewesen. Von was kann der einen nicht alles erlösen! Ja, das Amerika ist der Saukübel von der alten Welt, da schüttet man hinein was man in der Küche nicht mehr brauchen kann: Kraut und Rüben und Alles durcheinander und für die wo im Schloß hinterm Haus wohnen und Französisch verstehen oni! oni! ist es noch ein gutes Fressen." Bei der Armuth an Gesprächstoffen war natürlich der ausgewanderte Dann geraume Zeit der Gegenstand der Unterhaltung, und wer znm Gemeindcrathe gehörte, pries seine Weisheit, daß er sich von einem Menschen befreit habe, der gewiß einmal der Gemeinde zur Last gefallen wäre. Denn wer in allerlei Gewerben herumkntschirt, fährt ins Elend. Natürlich gab es' viele gntmüthige Menschen, die 110 Barfüßele Alles berichteten, was man über ihren Bruder sagte und wie man über ihn spottete. Aber Barfüßele lachte darüber und als von Bremen aus ein schöner Brief von Dann kam — man hätte es gar nicht geglaubt, daß er Alles so ordentlich setzen kann — da triumphirte sie vor den Augen der Menschen und las den Brief mehrmals vor. Innerlich aber war sie traurig, einen solchen Bruder Wohl auf ewig verloren zu haben. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie ihn nicht genug habe aufkommen lassen, daß sie ihn nicht genug vorn hin gestellt habe; denn das zeigte sich jetzt, welch ein geweckter Bursch der Dami war und dabei so gut. Er, der von Allem im Dorfe hatte Abschied nehmen wollen wie von dem Stock an der Gemarkung, füllte jetzt fast eine ganze Seite mit ,lauter Grüßen an Einzelne und Jeder hieß der „Liebe" und der „Gute" und der „Brave" und Barfüßele erntete vieles Lob, überall wo sie die Grüße ausrichtete und dabei immer genau zeigte: „Seht, da stcht's!" Barfüßele war eine Zeitlang still und in sich gekehrt, es schien sic zu gereuen, daß sic den Bruder fortgclassen oder nicht mit ihm gegangen war. Sonst hörte man sie in Stall und Scheune und Küche und Kammer und beini Ausgang, mit der Sense über der Schulter und dem Grastuch unterm Arm, immer singen; jetzt war sie still. Sie schien das gewaltsam zurückzuhalten. Aber es gab ein gutes Mittel, die Lieder wieder hinaustönen zu lassen. Am Abend schläferte sie die Kinder des Rodelbauern ein und dabei saug sie unaufhörlich, wenn die Kinder auch schon lauge schliefen. Dann eilte sie noch zur schwarzen Marann' und versorgte sie mit Holz und Wasser und Allem was sie bedurfte. 111 An Sonntag-Nachmittagen, wenn Alles sich vergnügte, stand Barfüßele oft still nnd unbewegt an der Thürpfoste ihres Hauses und schaute hinein in die Welt und den Himmel nnd sah wie die Vögel flogen und träumte so vor sich hin, bald hinaus ins Weite, wo der Dami jetzt sei und wie es ihm ergehe, nnd dann konnte sie wieder unverwandten Blickes lange Zeit einen umgelegten Pflug vor ihr betrachten und einem Huhn, das sich in den Sand eingrub, zuschauen. Wenn ein Fuhrwerk dnrch's Dorf fuhr, schaute sie auf und sagte fast laut: „Die fahren zu Jemand! Auf allen Straßen der Welt geht kein Mensch zu mir, denkt kein Mensch zu mir; und gehör' ich denn nicht auch her?" Und dann war's ihr immer als erwarte sie Etwas, ihr Herz pochte schneller wie einem Ankommenden. Und unwillkürlich tönte es von ihren Lippen: Alle Wässertem auf Erden Die haben ihren Lauf Kein Mensch ist ja auf Erden, Der mir mein Her; macht auf. „Ich wollte, ich wäre so alt wie Ihr," sagte sie einmal als sie aus solchen Träumen heraus bei der schwarzen Marann' ankam. „Sei froh, daß der Wunsch kein Wahr ist," erwie- derte die schwarze Marann'. „Wie ich so alt war wie du, da war ich lustig und Hab drunten in der Gipsmühle 132 Pfund gewogen." „Ihr seid doch einmal wie das andermal und ich bin gar nicht gleich." „Wenn man gleich sein will, muß man sich die Nase abschneiden, da ist man im ganzen Gesicht gleich. Du Närrle, gräm' dir deine jungen Jahre nicht ab, es giebt sie dir Keiner wieder heraus. Die alten kommen schon von selber." Es gelang der schwarzen Marann' leicht, Barfüßele zu trösten. Mr wenn sie allein war, lag noch ein seltsames Bangen auf ihr. Was soll das werden? Eiu wunderliches Rumoren ging durch das Dorf. Man sprach seit vielen Tagen davon, daß es in Endringen eine Nachhochzeit gebe, wie seit Mcnschengedenken keine in der Gegend gewesen sei. Die älteste Tochter des Dominik und des Ameilc — die wir noch vom Lehnhold her kennen — heirathete einen reichen Holzhändler im Murgthal und man sagte, das gäbe eine Lustbarkeit wie mau sie noch nie erfahren. Der Tag rückte immer näher heran. Wo sich zwei Mädchen begegnen ziehen sie sich hinter eine Hecke, eine Heuflur und können gar kein Ende finden und behaupten doch stets, daß sie gewaltig Eile hätten. Man sagt, es käme Alles aus dem Oberlande und aus dem ganzen Murgthal und dreißig Stunden Wegs her, denn das sei eine große Familie. Am Rathhausbrunnen, da war erst das rechte Leben, da wollte kein Mädchen ein neues Kleidungsstück haben, um sich andern Tages umsomehr an der Ueberraschung und dem Staunen zu erfreuen. Vorlauter Fragen und Hin- und Herreden vergaß man das Wasserschöpfcn, und Barfüßele, die am spätesten gekommen war, ging am frühesten mit vollem Kübel wieder heim. Was ging sie der Tanz an! Und doch war's ihr immer als hörte sie überall Musik. Am andern Tage hatte Barfüßele viel im Hause hin und her zu rennen, denn sie sollte die Nosel aufputzen. Sie erhielt manchen heimlichen Knuff beim Zöpfen, aber sie ertrug es still. Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar und das sollte auch gewaltig prangen. Sie wollte heute etwas Neues damit Probiren. Sie wollte einen Maria-Theresienzopf haben, wie man hier zu Lande ein kunstreiches Geflechte aus vierzehn Strängen nennt; das sollte als neu Aufsehen erregen. Es gelang Barfüßele das schwere Kunstwerk zu Stande zu bringen, aber kaum war es fertig, als die Rosel es im Unmuth wieder aufriß und sie sah wild aus wie ihr die Stränge über den ganzen Kopf und über das Gesicht hingen, dabei war sie aber doch schön und stattlich und gewaltig im Umfang, und ihr ganzes Gebühren sprach es aus: minder als vier Rosse können nicht in dem Hause sein, in dasich einmal heirathe! Und in der Thal warben viele Hofsöhne um sic, aber sie schien noch keine Lust zu haben, sich für irgend einen zu bestimmen. Sie blieb nun bei den landesüblichen zwei Zöpfen, die den Rücken hinabhingen, mit eingeflochtcnen rothen Bändern die fast bis an den Boden hinabreichten. Sie stand fertig geschmückt da und nun verlangte sie einen Blumenstrauß. Sie selbst hatte die ihr zugehörigen Blumen verwildern lassen, und trotz aller Einsprache mußte Bar- füßele doch endlich nachgeben und ihre schöngehegteu Blumen vor dem Fenster fast aller Blüthen berauben. Auch das kleine Rosmarinstöckchen verlangte Rosel zu haben, aber Barfüßele wollte sich eher zerreißen lassen, ehe sie das hergab, und die Rosel spottete und lachte, schimpfte und schalt über die einfältige Ganshirtin, die so eigenwillig thue und die man doch mm Gotteswillen im Hause habe. Auerbach, Barfüßele. 8 114 Barfüßele antwortete nicht nnd sie sah Rosel nur an mit einem Blick, vor dem Rosel die Augen niederschlug. Jetzt hatte sich eine rothe Wollrose auf dem linken Schuh verschoben und Barfüßele war eben niedergeknict, uni sie behutsam festzunähen, da sagte die Rosel halb in Reue über ihr Benehmen halb doch noch im Spott: „Barfüßele, heut thu' ich's nicht anders, heut mußt du mit zum Tanz." ' „Spotte nicht so, was willst du denn von mir?" „Ich spotte nicht," betheuerte die Rosel noch halb neckisch, „Du solltest auch einmal tanzen, bist ja auch ein junges Mädle, und es wird auch deinesgleichen auf dem Tanz sein; unser Noßbub geht ja auch und es kann auch ein Bauernsohn mit dir tanzen, ich will schon einen überzähligen schicken." „Laß mich in Frieden oder ich steche dich," mahnte Barfüßele am Boden, zitternd vor Freude und Trauer. „Die Schwägerin hat Recht," nahm die junge Bäuerin jetzt das Wort, die bis jetzt zu Allem geschwiegen hatte, „und ich gebe dir kein gutes Wort mehr, wenn du heute nicht mit zum Tanz gehst. Komm, da setz' dich hin, ich will dich auch einmal bedienen." Und einmal über das andere übergoß Barfüßele eine Flammenröthe, wie sie so da saß und ihre Meisterin sie bediente, und als sie ihr die Haare aus dem Gesichte that und sie alle nach hinten wendete, wollte Barfüßele fast vom Stuhle sinken, da die Bäuerin sagte: „Ich zöpf'dich, wie die Allgäuerinncn gehen. Das wird dich ganz gut herausputzen , und du siehst auch so aus wie eine Allgäuerin; so untersetzt und so braun und so kugelig; du sichst aus wie die Tochter von der Landfricdbänerin in Zusmarshofcn." 115 „Was die? warum wie die?" fragte Barfüßele und zitterte am ganzen Leibe. Was war's, warum sie jetzt grade an die Bäuerin erinnert wurde, die ihr von Kind auf im Sinne lag und die ihr damals erschienen war wie eine wohlthätige Fee ans den Märchen? Aber sie hatte keinen Ring den sic drehen konnte, damit sie erscheinen müsse; nur innerlich konnte sie sie herbannen, und das geschah oft fast unwillkürlich. „Halt' dich ruhig, sonst rupf' ich dich," befahl die Bäuerin, und Barfüßele hi^lt still und athmetc kaum. Und wie ihr die Haare so mitten dnrchgetheilt wurden, und wie sie so da saß, die Hände zusammengepreßt und alles mit sich machen lassen mußte, und die hochschwangere Frau sie bald warm anhauchte, bald an ihr hernm- bosselte, da kam sie sich vor als würde sie plötzlich verzaubert, und sie redete kein Wort, als dürfe sie den Zauber nicht verscheuchen, und senkte demüthig den Blick. „Ich wollt', ich könnte dich zu deiner Hochzeit so einkleiden!" sagte die Bäuerin, die heute von lauter Güte überfloß. „Ich möchte dir einen rechtschaffenen Hof gönnen und es wäre Keiner mit dir angeführt; aber heutigen Tages geschieht das nicht mehr. Da springt das Geld nach dem Geld. Nun sei du nur zufrieden. So lang mir ein Auge offen steht, soll dir bei mir nichts fehlen, und wenn ich sterbe — ich weiß nicht, cs ist mir dießmal so bang um die schwere Stunde — gelt, du verläß'st meine Kinder nicht und vertrittst an ihnen Mutterstelle?" „O Gott im Himmel, wie könnt Ihr nur so etwas denken!" rief Barfüßele und Thränen rannen ihr aus den Augen. „Das ist eine Sünde, und man kann auch 116 sündigen, daß man Gedanken über sich kommen läßt, die nicht recht sind." „Za, ja, du hast Recht," sagte die Bäuerin, „aber wart' noch, sitz' noch still, ich will dir meinen Anhenkcr holen und den will ich dir um den Hals thun." „Nein, um Gotteswillen nicht; ich trage nichts was nicht mein ist. Ich thät' mich in den Boden hinein schämen vor mir selber." „Ja, aber so kannst du nicht gehen Oder hast du vielleicht noch selber Etwas?" Barfüßele erzählte, daß sie allerdings einen Anhenker habe, den sie als Kind von der Landfriedbäucrin erhalten, der aber wegen Dami's Auswanderung verpfändet sei bei der Wittwe des Heiligenpslegers. Barfüßele mußte nun stillsitzen und versprechen, sich nicht im Spiegel zu sehen, bis die Bäuerin wieder käme, die nun fort eilte, um das Kleinod zu holen und selber für das Darlehen zu bürgen. Welche Schauer flössen nun durch die Seele Bar- füßelcs wie sie nun so da saß, sie, die allzeit Dienende nun bedient, und in der That fast wie verzaubert. Sie fürchtete sich fast vor dem Tanze, sie war jetzt so gut und so freundlich behandelt — wer weiß wie sie herumgestoßen wird und Keiner sieht nach ihr um, und all ihr äußerer Schmuck und ihre innere Lust ist vergebens! „Nein," sagte sie vor sich hin, „und wenn ich weiter nichts habe als daß ich mich gefreut habe, das ist auch genug; und wenn ich mich gleich wiederum ausziehcu und daheim bleiben müßte, ich wäre schon glückselig." Die Bäuerin kam mit dem Schmucke und das Lob des Schmuckes und Schimpfen auf die Heiligenpflegerin, 117 die einem armen Mädchen solche Blutzinsen abnehme, ging seltsam durcheinander. Sie versprach, noch heute das Darlehen zu bezahlen und es Barfüßele allmälig am Lohne abzuziehen. Jetzt endlich durfte sich Barfüßele betrachten. Die Frau hielt ihr selber den Spiegel vor und aus den Mienen Beider glänzte es und sprach es wie ein jauchzender Wechselgesang der Freude. „Ich kenn' mich gar nicht! ich kenn' mich gar nicht!" sagte Barfüßele immer und betastete sich auf und nieder mit beiden Händen im Gesicht. „Ach Gott, wenn nur mein' Mutter mich so sehen könnte! Aber sie wird Euch gewiß vom Himmel herab segnen, daß Ihr so gut zu mir seid, und sie wird Euch beistehen in der schweren Stunde; brauchet nichts zu fürchten." „Jetzt mach' aber ein ander Gesicht," sagte die Bäu- rin, „nicht so ein Gotteserbarm; aber es wird schon kommen, wenn du die Musik hörst." „Ich mein', ich höre sie schon," sagte Barfüßele. „Ja, horchet, da ist sie." In der That fuhr eben ein großer Leiterwagen nnt grünen Reisern besteckt durch das Dorf und drauf saß die ganze Musik, und der Krappenzacher stand mitten zwischen den Musikanten und blies die Trompete, daß es schmetterte. Nun war kein Halt mehr im Dorfe, Alles machte sich eilig davon. Die Bernerwägelein, einspännig und zweispännig, aus dem Dorfe selber und aus den benachbarten, die hier durchmußten, jagten fast einander wie im Wettrennen. Rosel stieg zu ihrem Bruder auf den Vordersitz und Barfüßele saß hinten im Korbe. Es schaute immer vor sich nieder, so lange man durch das Dorf 118 fuhr, so schämte es sich. Nur beim Elteruhause wogte es aufzublicken: die schwarze Marann' grüßte heraus, der rothe Gockelhahu krähte auf der Holzbeige und der Vogelbeerbaum nickte: „Glück auf den Weg!" Jetzt fuhr man durch das Thal wo der Mauz die Steine klopfte, jetzt über den Holderwasen, wo eine alte Frau die Gänse hütete. Barfüßele nickte ihr freundlich. Ach Gott, wie komm' denn ich dazu, daß ich hier so stolz und geschmückt vorbeifahre, und ist's denn nicht eine gute Stunde bis Endringen und man meint doch, man wäre kaum eingesessen und jetzt heißt's schon: absteigen! und die Rosel ist schon begrüßt und umstanden von allerlei Gefreundeten und: „ist das eine Schwester deiner Schwägerin, die du da bei dir hast?" heißt es vielfach. „Nein, cs ist nur unsere Magd," antwortet Rosel. Mehrere Bettler aus Holdenbrunn die hier waren, betrachteten Barfüßele staunend, sie kannten sie offenbar nicht und erst als sie sie lange angesehen hatten riefen sie: „Ei, das ist ja das Barfüßele." „Das ist nur unsere Magd." Dieses Wörtchen „nur" war Barfüßele tief in's Herz gedrungen, aber sie faßte sich schnell und lächelte, denn in ihr sprach cs: „Laß dir nicht von einem Wörtchen deine Freude verderben. Wenn du das anfängst, da trittst du überall auf Dornen." Die Rosel nahm Barfüßele bei Seite und sagte: „Geh du nur einstweilen auf den Tanzboden, oder anderswohin wenn du sonst Bekannte im Ort hast. Bei der Musik sehe ich dich hernach schon wieder." Ja, da stand Barfüßele wie verlassen und sie kam sich vor als hätte sie ihre Kleider gestohlen und gehöre gar nicht daher, sie war ein Eindringling. „Wie kommst 119 Du dazu, daß du zu so einer Hochzeit gehst?" fragte sie sich und sie wäre am liebsten wieder heimgekehrt. Sie ging durch das Dorf aus und ein, dort an dem schönen Hause vorbei, das für den Brost erbaut worden war und worin auch heute viel Leben sich zeigte, denn die Ober- bauräthiu hielt mit ihren Söhnen und Töchtern hier ihre Sommerfrische. Barfüßele ging wieder das Dorf hinein und schaute sich nicht um und doch wünschte sic, daß Jemand sie anrufe, damit sie sich zu ihm geselle. Am Ende des Dorfes begegnete ihr ein schmucker Reiter auf einem Schimmel, der das Dorf hcreinritt. Er trug eine fremde Bauerntracht und sah stolz drein; jetzt hielt er an, stemmte die Rechte mit der Reitgerte in die Seite, mit der Linken klatschte er den Hals seines Pferdes und sagte: „Guten Morgen, schönes Jungferle! Schon müde vom Tanz?" „Für unnöthige Fragen bin ich schon müde," lautete die Antwort. Der Reiter ritt davon und Barfüßele saß lange Zeit hinter einer Haselhecke und mußte Allerlei in sich hincin- denkcn und ihre Wangen glühten von einer Nöthe, die der Zorn über sich selbst, über die spitze Antwort auf eine harmlose Frage, die Betroffenheit und ein unbegreifliches inneres Wogen anfachte und unwillkürlich drängte sich ihr das Lied auf die Lippen: „Es waren zwei Liebchen im Allgäu, Die hatten einander so lieb." So zu Jubel gespannt hatte sie den Tag begonnen und jetzt wünschte sie sich den Tod. „Hier hinter der Hecke einschlafen und nicht mehr sein, o wie herrlich wäre 120 das! Du sollst keine Freude haben, warum noch so lange herumlaufen? Wie zirpen die Heimchen im Grase und ein warmer Dampf steigt ans von der Erde und eine Grasmücke zwitschert immer fort und cs ist als ob sie mit ihrer Stimme immer in sich hinein lange und frische noch innigere Töne hcranshole und sich gar nicht genug thun könne, das so recht von ganzem Herzen zu sagen was sie zu sagen hat, und droben singen die Lerchen und jeder Vogel singt für sich und Keiner hört auf den Andern und Keiner stimmt dem Andern bei und doch ist Alles . . . Noch nie in ihrem' Leben war Amrei am Hellen Tage und nun gar des Morgens eingcschlafen und jetzt, sie hatte ihr Kopftuch über die Augen gezogen, und jetzt küßte der Sonnenstrahl ihre geschlossenen Lippen, die im Schlafe noch immer wie trotzig gepreßt waren und die Röthe ans ihrem Kinn färbte sich röther. Sie schlief wohl eine Stunde, da wachte sic zuckend plötzlich auf. Der Reiter auf dem Schimmel war auf sie zugeritten und jetzt eben hob das Pferd seine beiden Vorderfüße, um sie auf ihre Brust zu stellen. Es war nur ein Traum gewesen und Amrei schaute sich um, als wäre sie plötzlich vom Himmel gefallen; sie sah staunend wo sie war, betrachtete verwundert sich selbst; aber Musikklang aus dem Dorfe weckte schnell Alles und sie ging neu gekräf- tigt ins Dorf zurück, wo bereits Alles noch lebendiger geworden war. Sie spürte es, sie hatte sich ausgcruht von dem Allerlei was heute schon mit ihr vorgegangcn war. Jetzt sollten sie nur kommen die Tänzer! Sie wollte tanzen bis zum andern Morgen und nicht ansruhen und nicht müde werden. Die frische Rothe eines Kinderschlafes lag auf ihrem Angesichte und Alles sah sie staunend an. Sie ging nach dem Tanzboden; da tönte die Musik, aber in den leeren Raum, es waren keine Tänzer da. Nur die Mädchen, die heute zur Bedienung der Gäste gedungen waren, tanzten miteinander herum. Der Krappenzacher betrachtete Barfüßele lauge und schüttelte den Kopf. Er schien sie offenbar nicht zu kennen. Amrei drückte sich an den Wänden hin und wieder hinaus. Sie begegnete Dominik dem Fnrchcnbauer, der heut in voller Freude strahlte. „Mit Verlaub," sagte er, „gehört die Jungfer zu den Hochzeitsgästen?" „Nein, ich bin mir eine Magd, und bin mit meiner Haustochter, des Rodelhauern Rosel gekommen." „Gut, so geh' hinauf auf den Hof zur Bäuerin, und sag' ihr, ich schick' dich, du wolltest ihr helfen; man kann heute nicht Hände genug in unserm Hanse haben." „Weil Ihr es seid, recht gern," sagte Amrei und machte sich auf den Weg. Unterwegs mußte sie viel daran denken, daß der Dominik auch Knecht gewesen sei und . . . „ja, so etwas kommt nur alle hundert Jahr' Einmal vor. Und es hat viel Blut gekostet ehe er zu dem Hof gekommen ist, das ist doch arg." Die Furchenbäuerin Ameile hieß die Ankommende, die im Anerbieten ihrer Dienste zugleich die Jacke abzog und sich eine große Schürze mit Brustlatz ausbat, freundlich willkommen; aber die Bäuerin that es nicht anders, Amrei mußte vorher selber sattsam Hunger und Durst stillen bevor sie Andere bediente. Amrei willfahrte ohne viel Umstände und schon mit den ersten Worten gewann sie die Furchenbäuerin, -denn sie sagte: „Ich will nur 122 gleich zugreifen, ich muß gestehen, ich bin hungrig und ich will Euch nicht viel Mühe machen mit Zureden." Amrei blieb nun in der Küche und gab den Auftragenden Alles so geschickt in die Hand und wußte bald Alles so zu stellen und zu greifen, daß die Bäuerin sagte: „Ihr beiden Amrei's, du da und meine Bruderstochter, Ihr könnet jetzt schon Alles machen und ich will bei den Gästen bleiben." Die Amrei von Siebenhöfen, die sogenannte Schmalzgräfin, die weit nrw breit als stolz und trotzig bekannt war, benahm sich ausnehmend freundlich gegen Barfüßele und die Furchcnbäuerin sagte einmal zu Barfüßele: „Es ist schad, daß du kein Bursch bist; ich glaub', die Amrei thät' dich auf dem Fleck heiratheu und dich nicht heimschicken wie alle anderen Freier." „Ich Hab' einen Bruder, der ist noch zu haben, aber er ist in Amerika," scherzte Barfüßele. „Laß ihn drüben," sagte die Schmalzgräfin, „am besten wär's, man könnte alle Mannsleute hinüberschicken und wir blieben allein da." Amrei verließ den Hof nicht bis wieder Alles au Platz gestellt war und als sie ihre Schürze auszog, war sie noch so weiß und unzerknittert wie beim Anziehen. „Du wirst müd sein und nimmer tanzen können," sagte die Bäurin als Amrei endlich mit einem Geschenke Abschied nahm und diese sagte: „Was müd' sein? Das ist ja nur gespielt. Und glaubet mir, cs ist mir jetzt wohler, daß ich heut schon etwas geschafft habe. So einen ganzen Tag bloß zur Lustbarkeit, ich wüßt' ihn nicht herumzubringen, und das ist's gewiß auch gewesen, warum ich heute Morgen so 123 traurig war, es hat mir was gefehlt; aber jetzt bin ich vollauf zum Feiertag aufgelegt, ganz aus deni Geschirr, jetzt wäre ich erst recht aufgelegt zum Tanzen — wenn ich nur Tänzer kriege." Ameile wußte Barfüßele keine bessere Ehre anzuthun, als indem sie sie wie eine vornehme Bäuerin im Hause herumführte und in der Brautstube zeigte sie die große Kiste mit den Kunkelschenken (Hochzeitsgeschenken) und öffnete die hohen, blaugemalten Schränke drauf Name und Jahrzahl geschrieben war und darin vollgestopft die Aussteuer und zahlreiches Linnenzeug, alles mit bunten Bändern gebunden und mit künstlichen Nelken besteckt. Im Kleiderschranke mindestens dreißig Kleider, daneben die hohen Betten, die Wiege, die Kunkel mit den schönen Spindeln um und um mit Kinderzeug behängen, das die Gespielen geschenkt hatten. „O lieber Gott!" sagte Barfüßele „wie glücklich ist doch so ein Kind aus so einem Haus." „Bist du neidisch?" fragte die Bäuerin und im Andenken, daß sie das Alles einer Armen zeige, setzte sie hinzu: „Glaub mir, das viele Sach' macht es nicht aus; es sind viele glücklicher, die keinen Strumpf von den Eltern bekommen." „Ja wohl, das weiß ich, und bin auch nicht neidisch um das viele Gut, weit eher darum, daß Euer Kind Euch und so vielen Menschen danken kann für das Gute, was es von ihnen hat. Solche Gewänder von der Mutter müssen doppelt warm halten." Die Bäuerin zeigte ihr.Wohlgefallen an Barfüßele dadurch, daß sie ihr das Geleite gab bis vor den Hof, ebensogut als einer die acht Roßköpfe in Stall hatte. 124 Es tummelte sich schon Alles wild durcheinander als Amrei auf den Tanzboden kam. Sie blieb zuerst schüchtern auf der Flur stehen. Wo ist denn die Kinderschaar, die sonst sich hier tummelte und die Vorfreude des künftigen Lebens im Vorhofe genoß? Ach freilich, das ist ja jetzt von der hohen Staatsregierung verboten, das Kirchen - und Schulamt hat die Kinder verbannt, daß sie nicht zu- sehen dürfen oder gar sich selbst nach den Tanzweisen drehen wie einst noch in der Kinderzeit Amrei's. Es ist das auch einer jener stillen Mordschläge vom grünen Tisch. Auf der leeren Flur, über die nur manchmal Einer hin und her eilt, wandelt der Landjäger einsam auf und ab. Als der Landjäger Amrei so daher kommen sah, wie lauter Licht im Angesichte, ging er auf sie zu und sagte: „Guten Abend, Amrei! So? kommst auch?" Amrei schauderte zusammen und stand leichenblaß: hatte sie etwas Straffälliges gethan? War sie mit dem bloßen Licht in den Stall gegangen? — Sie durchforschte ihr ganzes Leben und wußte nichts und er that doch so vertraut als ob er sie schon einmal transportirt hätte. In diesen Gedanken stand sie schaudernd da als müßte sie eine Verbrecherin sein und erwiederte endlich: „Dank'schön, ich weiß nichts davon, daß wir uns dutzen. Wollt Ihr was?" „Oho wie stolz, ich freß' dich nicht, darfst mir ordentlich Antwort geben. Warum bist denn so bös? Was?" „Ich bin nicht bös, ich will Niemand was zu leid thun, ich bin halt ein dummes Mädle." „Stell dich nicht so duckmäuserig." „Woher wisset Ihr denn was ich bin?" 125 „Weil du so mit dem Licht flankirst." „Was? Wo? Wo Hab ich mit dem Licht flankirt? Ich nehm' immer eine Laterne wenn ich in den Stall gehe." Der Landjäger lachte und sagte: „Da, da, mit deinen braunen Gnckerle, da flankirst du mit dem Licht, deine Augen, die sind ja wie zwei Feuerkugeln." „Gehet aus den: Weg, daß Ihr nicht anbrennet, Ihr könntet in die Luft fahren mit eurem Pulver da in der Patrontasche." „Es ist nichts drin," sagte der Landjäger in Verlegenheit, um doch Etwas zu sagen. „Aber mich hast du schon versengt." „Ich sehe nichts davon, es ist Alles noch ganz. Es ist genug, lasset mich gehen." „Ich halt' dich nicht, du Krippenbeißerle, du könntest einem das Leben sauer machen, der dich gern hat." „Braucht mich Niemand gern zu habe»," sagte Amrei nnd riß sich loS als wäre sie plötzlich von Ketten befreit. Sie stellte sich unter die Thüre wo noch viele Zuschauer sich zusammcndrängten. Eben begann wieder ein neuer Tanz, sie wiegte sich ans dem Platze nach dem Takte hin und her; das Gefühl, Einen abgetrumpft zu haben, machte sie neu lustig, sie hätte es mit der ganzen Welt ausgenommen und nicht nur mit einem einzigen Landjäger. Dieser war aber auch bald wieder da, und stellte sich hinter Amrei und redete Allerlei zu ihr; sie gab keine Antwort und that als ob sic gar nichts höre, sie nickte den Vorübertanzenden zu, als ob sie von ihnen begrüßt worden wäre. Nur als der Landjäger sagte: „Wenn ich heirathen dürfte, dich thät ich nehmen," da sagte sic: 126 „Was nehmen? Ich geb' mich aber nicht her." Der Landjäger war froh, wenigstens wieder eine Antwort zu haben, und er fuhr fort: „Wenn ich nur einmal tanzen dürfte, ich thät' gleich Einen mit dir machen." „Ich kann nicht tanzen,-" sagte Amrei. Eben schwieg die Musik und Amrei stieß die Vordern mächtig an, drängte sich hinein, um ein verborgenes Plätzchen zu suchen; sie hörte nur noch hinter sich sagen: „die kann tanzen, besser als eine landauf und landab." 10. Nur ein einziger Tanz. Der Krappenzacher reichte Barfüßele von der Musikbühne herab das Glas. Sie nippte und gab es zurück und der Krappenzacher sagte: „Wenn du tanzest, Amrei, da spiele ich alle meine Instrumente durch, daß die Engel vom Himmel herunter kämen und mitthäten." „Ja, wenn kein Engel vom Himmel herunter kommt, und mich auffordert, werde ich keinen Tänzer kriegen," sagte Amrei halb spöttisch, halb schwermüthig, und jetzt dachte sie darüber nach, warum denn ein Landjäger beim Tanze sein müsse. Sie hielt sich aber bei diesem Gedanken nicht auf und dachte gleich weiter: er ist doch auch ein Mensch wie andere, wenn er auch einen Säbel um hat, und bevor er Landjäger worden ist, war er doch auch ein Bursch wie Andere, und es ist doch eine Plag' für ihn, daß er nicht mittanzen darf. Aber was geht das mich an? Ich muß auch zugucken und ich krieg' kein Geld dafür. Eine kurze Weile ging Alles viel stiller und gemäßigter auf dem Tanzboden her, denn „die englische Frau," so hieß im Dorfe in der ganzen Umgegend noch immer Agh, die Frau des Oberbauraths Severin, war mit ihren Kindern ans dem Tanz gekommen. Die vornehmen 128 Holzhändler ließen Champagner knallen und brachten der Engländerin ein Glas, sie trank ans das Wohl des jungen Paares und wußte dann Jeden durch ein huldvolles Wort zu beglücken. In den Mienen aller Anwesenden stand ein stetiges wohlgefälliges Lächeln. Agy that manchem Burschen, der ihr im blumenbekräuzten Glase zutrank, mit Nippen Bescheid, und die alten Weiber in der Nähe Barfüßeles wußten viel Lob von der englischen Frau zu sagen und waren schon lange anfgestandcn, ehe sie sich ihnen nahte und ein paar Worte mit ihnen sprach. Und als Agy wcggegangen war brach der Jubel, Singen, Tanzen und Stampfen und Jauchzen mit neuer Macht los. Der Oberknecht des Rodelbanern kam auf Amrei zu und sie schauerte schon in sich zusammen, voller Erwartung, aber der Oberknccht sagte: „Da Barfußele, heb' mir meine Pfeif' auf bis ich getanzt habe." Und viele junge Mädchen aus dem Orte kamen und von der einen erhielt sie eine Jacke, von der andern eine Haube, ein Halstuch, einen Hausschlüssel, Alles ließ sie sich aufhalsen und sie stand immer mehr bepackt da je mehr ein Tanz nach dem andern vorüber- giug. Sie lächelte immer vor sich hin, aber es kam Niemand. Jetzt wurde ein Walzer aufgespielt, so weich, das geht ja wie wenn man drauf schwimmen könnte, und jetzt ein Hopser, so wild rasend, hei! wie da Alles hüpft und stampft und springt, wie sie Alle in Lust hoch aufath- men, wie die Augen glänzen und die alten Weiber die in der Ecke sitzen, wo Amrei steht, klagen über Staub und Hitze, gehen aber doch nicht heim. Da. . . Amrei zuckt zusammen, ihr Blick ist auf einen schönen Burschen geheftet, der jetzt stolz in dem Getümmel hin und hcrgeht. 129 Das ist ja der Reiter, der ihr heute Morgen begegnete und den sie so schnippisch abgefcrtigt. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, wie er die linke Hand auf dem Rücken, mit der rechten die silbcrbeschlagene Pfeife hält, sein silbernes Uhrbehänge tanzt hin und her, und wie schön ist die schwarzsammtne Jacke und die schwarzsammtnen weiten Beinkleider und die rothe Weste. Aber schöner ist noch sein runder Kopf mit gerolltem braunem Haare, die Stirne ist schneeweiß, von den Angen an aber das Antlitz tief gebräunt und ein leichter voller Bart bedeckt Kinn und Wange. „Das ist ein Staatsmensch,'' sagte eine der alten Frauen. „Und was hat der für himmelblaue Augen!" ergänzte eine Andere, „die sind so schelmisch und so gutherzig zugleich." „Woher der nur sein mag? Aus der hiesigen Gegend ist er nicht," sprach eine dritte, und eine vierte fügte hinzu: „Das ist gewiß wieder ein Freier für die Amrci." Bartüßcle zuckte zusammen. Was soll das sein? Was soll das heißen? Sie wird bald belehrt was damit gemeint ist, denn die erste sagte wieder: „Da dauert er mich, die Schmalzgräfin führt alle Mannsleut' am Narrenseil herum." Ja, auch die Schmalzgräfin heißt Amrei. Der Bursche war mehrmals durch den Saal gegangen und ließ die Angen um und um schweifen, da plötzlich bleibt er stehen, nicht weit von Barfüßele, er winkt ihr, es überläuft sic siedend heiß, aber sie ist wie festgebannt, sie regt sich nicht. Und nein, er hat gewiß Auerbach, Barfüßele. 0 130 Jemand hinter dir gewinkt, dich meint er gewiß nicht. Er drängt vor, Amrei macht Platz. Er sucht gewiß eine Andere. „Nein, dich will ich," sagt der Bursche ihre Hand fassend. „Willst du?" Amrei kann nicht reden, aber was braucht's dessen auch? Sie wirft schnell Alles was sie in der Hand hat in einen Winkel: Jacken, Halstücher, Hauben, Tabakspfeifen und Hausschlüssel. Sie steht flügge da und der Bursche wirft einen Thaler zu den Musikanten hinauf und kaum sieht der Krappeuzacher Amrei an der Hand des fremden Tänzers, als er in die Trompete stößt, daß die Wände zittern, und fröhlicher kann es den Seligen nicht erklingen beim jüngsten Gerichte als jetzt Amrei; sie drehte sich, sie wußte nicht wie, sie war wie getragen von der Berührung des Fremden und schwebte von selbst, und es war ja gar Niemand sonst da. Freilich, die beiden tanzten so schön, daß Alle unwillkürlich anhielten und ihnen zuschauten. „Wir sind allein," sagte Amrei während des Tanzes und gleich darauf spürte sie den heißen Athem des Tänzers, der ihr erwiderte: „O wären wir allein, allein aus der Welt! Warum kann man nicht so fort tanzen bis in den Tod hinein?" „Es ist mir jetzt grad," sagte Amrei, „wie wenn wir zwei Tauben wären, die in der Luft fliegen. Juhu! fort, in den Himmel hinein" und „Juhu!" jauchzte der Bursche laut, daß- es aufschoß wie eine feurige Rakete, die zum Himmel aufspringt und Juhu! jauchzte Amrei mit und immer seliger schwangen sic sich und Amrei sagte: „Sag', ist denn auch noch Musik? Spielen denn die Musikanten noch? Ich höre sie gar nicht mehr." 131 „Freilich spielen sie noch, hörst du denn nichts?" „Äa, jetzt, ja," sagte Amrei und sie hielten inne, ihr Tänzer mochte fühlen, daß es ihr vor Glückseligkeit fast schwindelig zu Muthe werden wollte. Der Fremde führte Amrei an den Tisch und gab ihr zu trinken, er ließ dabei ihre Hand nicht los. Er faßte den Schweden-Dukaten an ihrem Halsgeschmeide und sagte: „Der hat einen guten Platz." „Es ist auch von guter Hand," erwiederte Barfüßele, „ich Hab' den Anhenker geschenkt gekriegt als kleines Kind." „Von einem Verwandten?" „Nein, die Bäuerin ist nichts mit mir verwandt." „Das Tanzen thut dir wohl, wie es scheint?" „O wie wohl! Denk' nur, man muß das ganze Jahr so viel springen und es spielt einem Niemand ans dazu. Jetzt thut das doppelt wohl." „Du siehst kugelig rund aus," sagte der Fremde scherzend, „du mußt gut im Futter steheu." Rasch erwiederte Amrei: „das Futter macht's nicht aus, aber.wie's einem schmeckt." Der Fremde nickte und nach einer Weile sagte er wieder halb fragend: „Du bist des Bauern Tochter von ...?" „Nein, ich dien'," sagte Amrei und schaute ihm fest ins Auge, er aber wollte das seine Niederschlagen, die Wimper zuckte und er hielt das Auge gewaltsam auf, und dieser Kampf und Sieg des leiblichen Auges schien das Abbild dessen was in ihm vorging; er wollte fast das Mädchen stehen lassen, doch wie im Selbsttrotze sich zwingend sagte er: „Komm', wir wollen noch einen tanzen." Er hielt ihre Hand fest und nun begann von neuem 132 Jubel und Lust, aber diesesmal ruhiger und stetiger. Die Beiden fühlten, daß die Gehobenhcit in den Himmel nun wol zu Ende sei, und wie aus diesem Gedanken heraus sagte Amrci: „Wir sind doch glückselig mit einander gewesen, wenn wir uns auch unser Lebtag nimmer wieder sehen und Keines weiß wie das Andere heißt" Der Bursche nickte und sagte: „Ja Wohl." Amrci nahm in Verlegenheit ihren linken Zopf in den Mund und sagte wieder nach einer Weile: „Was man einmal gehabt hat, das kann man einem nicht mehr nehmen, und sei du auch wer du bist, laß dich's nicht gereuen, du hast einem armen Mädchen für sein Lebcnlang ein Gutes geschenkt." „Es reut mich nicht," sagte der Bursche, „aber dich hat's gereut, wie du mich heute Morgen so abgctrmnpft hast." „O ja, da hast du Gottes Recht," sagte Amrei, und der Bursche fragte: „Getraust du dir mit mir ins Feld zu gehen?" „Ja." „Und traust du mir?" „Ja." „Was werden aber die Deinigen dazu sagen?" „Ich Hab' mich vor Niemand zu verantworten als vor mir selber, ich bin ein Waisenkind." Hand in Hand verließen die beiden den Tanzsaal. Barfüßele hörte verschiedentlich hinter sich flüstern und pispern und sie hielt die Augen auf den Boden geheftet. Sie hatte sich doch wol zu viel zugetrant. Draußen zwischen den Kornfeldern, wo eben kaum die 133 ersten Aehren aufschossen und noch halb verhüllt in den Deckblättern lagen, da schauten die beiden einander stumm an. Sie redeten lange kein Wort und der Bursche fragte zuerst wiederum halb für sich: „Ich möcht' nur wissen: woher es kommt, daß man einem Menschen beim ersten Anblick gleich, ich weiß nicht wie, gleich so ... gleich so. . . vertraulich sein kann. Woher weiß man denn, was in dem Gesicht geschrieben steht?" „Da haben wir eine arme Seele erlöst," rief Amrei, „denn du weißt ja, wenn Zwei in derselben Minute das Gleiche denken, erlösen sie eine arme Seele, und just auf das Wort hin Hab' ich dasselbe was du sagst, bei mir' gedacht." „So? und weißt du nun warum?" „Ja." „Willst du mir's sagen?" „Warum nicht? Schau, ich bin Ganshirtin gewesen..." Bei diesen Worten zuckte der Bursche wieder zusammen, aber er that als ob ihm was ins Auge geflogen wäre und rieb sich die Augen und Barfüßele fuhr unverzagt fort: „Schau, wenn man so allein draußen sitzt und liegt im Feld, da sinnt man über Hunderterlei und da kommen einem wunderliche Gedanken und da Hab' ich ganz deutlich gesehen: -— gieb nur acht darauf, und du wirst cs auch finden — jeder Fruchtbaum sieht, wenn man ihn so überhaupt und im Ganzen betrachtet, just aus wie die Frucht die er trägt. Schau den Apfelbaum, sieht er nicht aus, so ins Breite gelegt, so mit Schrundcnschnit- ten, wie ein Apfel selber? Und so der Birncubaum und so der Kirschcnbaum. Sieh sie nur einmal drauf an; schau, was der Kirschcnbaum' einen langen Stiel hat, wie die Kirsche selber. Und so mein' ich auch" . .. „Ja, was meinst du?" „Lach' mich nicht aus. Wie die Fruchtbäume aus- sehcn wie die Früchte die sie tragen, so wäre es auch bei den Menschen, und man sieht es ihnen gleich an. Aber freilich, die Bäume haben ihr ehrlich Gesicht und die Menschen können sich verstellen. Aber gelt, ich schwätz' dummes Zeug?" „Nein, du hast nicht umsonst die Gänse gehütet," sagte der Bursche in seltsam gemischter Empfindung, „mit "dir läßt sich gut reden. Ich möchte dir gern einen Kuß geben, wenn ich mich nicht einer Sünde fürchten thät'." Barfüßele zitterte am ganzen Leibe; sie bückte sich um eine Blume zu brechen, ließ aber wieder ab. Es entstand eine lange. Pause und der Bursche fuhr fort: „Wir sehen uns wol niemals wieder, drum ist's besser so." Hand in Hand gingen die Beiden wiederum zurück in den Tanzsaal. Und nun tanzten sie noch einmal ohne ein Wort zu reden und als der Tanz zu Ende war, führte sie der Bursche wiederum an den Tisch und sprach: „Jetzt sag' ich dir Lebewohl! Aber verschnaufe nur und dann trink noch einmal." ' Er reichte ihr das Glas und als sie es absetzte sagte er: „Du mußt austrinken, mir zu lieb, ganz bis aut den Grund." Amrei trank fort und fort und als sie endlich das leere Glas in der Hand hatte und sich umschaute, war 135 der fremde Bursche verschwunden. Sie ging hinab vor das Haus und da sah sie ihn noch nicht weit entfernt auf seinem Schimmel davon reiten; aber er wendete sich nicht mehr um. Die Nebel zogen wie Schleierwolken auf dem Wiesenthal dahin, die Sonne war schon hinab, Barfüßele sagte fast laut vor sich hin: „Ich wollt' es sollte gar nicht wieder morgen werden, immer heut', immer heut'" und sie stand in Träumen verloren. Die Nacht kam rasch herbei. Der Mond wie eine dünne Sichel stand schon auf den dunkeln Bergen und nicht weit von ihm, Haldenbrunn zu, der Abendstern.— Ein Bcrnerwägclchen nach dem andern fuhr wiederum davon. Barfüßele hielt sich zum Gefährte ihres Meisters, das eben auch angespannt wurde. Da kam Rosel und sagte ihrem Bruder, daß sie den Burschen und Mädchen aus dem Dorfe versprochen habe: heute gemeinsam mit ihnen heimzugehen, und es verstand sich nun von selbst, daß der Bauer nicht allein mit der Magd fuhr. Das Bernerwägelein raffelte heim. Die Rosel mußte Barfüßele gesehen haben, aber sie that als ob sie nicht da wäre und Barfüßele ging noch einmal hinaus, den Weg, den der fremde Reiter dahin geritten war. Wohin ist er nur geritten? Wie viel hundert Dörfer und Weiler liegen hier nach diesem Wege hinaus, wer kann sagen, wo er sich hingewendet? Barfüßele fand die Stelle, wo er sie heute früh zum ersten Male begrüßt; sie wiederholte laut Anrede und Antwort vor sich hin. Sie saß noch einmal dort hinter der Haselhecke, wo sie heute Morgen geschlafen und geträumt. Eine Goldammer saß auf einer schlanken Spitze und ihre sechs Tone lauteten gerade: Was thust 136 denn du noch da? Was thust denn du noch da? Barfüßele hatte heute eine ganze Lebensgeschichte erlebt. War denn das nur ein einziger Tag? Sie kehrte wiederum zurück zum Tanze, aber sie ging nicht mehr hinauf, sie ging allein heimwärts nach Haldenbrnnn, Wohl den halben Weg, aber plötzlich kehrte sie wieder um, sie schien nicht fortzukönnen von dem Ort, wo sic so glückselig gewesen war, und sic sagte sich mir, es schicke sich nicht, daß sie allein heimkehre. Sie wollte gemeinsam mit den Burschen und Mädchen ihres Dorfes gehen. Als sie wieder vor dem Wirthshause in Endringen ankam, waren bereits Mehrere aus ihrem Orte versammelt. Und: So? Bist auch da, Barfüßele? das war der einzige Gruß, der ihr ward. Nun gab cs ein Hin- und Herlaufen, denn Manche, die gedrängt hatten, daß man heimkehre, tanzten noch oben, und jetzt kamen noch fremde Bursche und baten und bettelten und drängten, daß man nur noch diesen Tanz dableibc. Und in der That willfahrte man und Barfüßele ging mit hinauf, aber sie sah nur zu. Endlich hieß es: Wer jetzt noch tanzt, den lassen wir da! Und mit vieler Mühe, mit Hin- und Herrennen war endlich die ganze Haldcnbrunner Truppe beisammen vor dem Hause. Ein Theil der Musik gab ihnen das Geleite bis vor das Dorf und mancher verschlafene Hausvater sah noch heraus, und da und dort kam eine hier verheiratete Gespielin, die nicht mehr zum Tanze ging, an das Fenster und rief: Glück auf den Weg! Die Nacht war dunkel. Man hatte lange KieferspLne als Fackeln mitgenommen, und die Burschen, die sie trugen, tanzten damit auf und nieder und jauchzten. Kaum aber war die Musik znrückgekehrt, kaum war man eine Strecke vor Endringen hinansgekommcn, als cs hieß: „die Fackeln blende» nur!" und besonders zwei beurlaubte Soldaten, die in ganzer Uniform unter dem Trupp waren, spotteten im Bewußtsein ihrer angchängtcn Säbel über die Fackeln. Man verlöschte sie in einem Graben. Nun fehlte noch Dieser und Jener und Diese und Jene. Man rief ihnen zu und sie antworteten auS der Ferne. Die Rosel wurde von des Kappelbauern Sohn von Lauterbach begleitet, aber kaum war er fort und war sie bei ihren Ortsangehörigen, als sic laut sagte: „Ich will Nichts von Dem." Einige Bursche stimmten ein Lied an und Einzelne sangen mit, aber es war kein rechter Zusammenhalt mehr, denn die Soldaten wollten neue Lieder znm Besten geben. Es wurde mir manchmal laut gelacht, denn einer der Soldaten war ein Enkel des lustigen Brost, der Sohn der Gipsmüllerin Monika, und der brachte allerlei Witze vor, denen besonders der Schneiderjörg, der mit ging, zum Stichblatt dicneu mußte. Und wieder wurde gesungen und jetzt schien man sich geeinigt zu haben, denn es tönte voll und hell. Barfüßele ging immer hinter drein, eine gute Strecke von ihren Ortsangehörigcu entfernt. Man ließ sic gewähren und das war das Beste, was man ihr anthun konnte. Sie war bei ihren Ortsangchörigen und doch allein und sie schaute sich oft um nach den Feldern und Wäldern: wie war das wunderlich jetzt in der Nacht, so fremd, und doch wieder so vertraut. Die ganze Welt war ihr so wunderlich wie sie sich selbst geworden war. Und wie sie ging, einen Schritt nach dem andern, wie fortgeschoben und gezogen, und nicht wußte, daß sie sich bewegte, so bewegten sich die Gedanken in ihr von selbst. 138 hin und her; das schwirrte von selbst so fort, sie konnte es nicht fasten, nicht leiten; sie wußte nicht was es war. Ihre Wangen erglühten als ob jeder Stern am Himmelszelt eine heißstrahlende Sonne wäre und in ihr entflammte das Herz. Und jetzt, ja als hätte sie's selbst angegeben, als hätte sie's selbst angestimmt, sangen ihre vorausgehenden Ortsgenossen das Lied, das ihr am Morgen auf die Lippen gekommen war. Es waren zwei Liebchen im Allgäu, Und die hatten einander so lieb. Und der junge Knab zog in Kriege: „Und wann kommst Du wiederum heim?" „Das kann ich Dir ja nicht sagen Welches Jahr, welchen Tag, welche Stund" ... Und jetzt wurde das Nachtlied gesungen und Amrei sang mit aus der Ferne: Zur schonen guten Nacht, Schatz lebe wohl! Wenn alle Leute schlafen So muß ich wachen, Muß traurig seyn. Zur schönen guten Nacht, Schatz lebe Wohl! Leb immer in Freuden Und ich muß Dich meiden Bis ich wiederum komm. Wenn ich wiederum komm, komm ich recht zu Dir, Und dann thu ich Dich küssen Und das schmeckt so süße, Schatz, Du bist mein. 139 Schatz, Du bist mein und ich bin Dein!/ Und das thnt mich erfreuen Und Du wir'sts nicht bereuen, Schatz, lebe wohl! Man kam endlich am Dorfe an und eine Gruppe nach der andern fiel ab. Barfüßele blieb an ihrer Elternhause bei dem Vogclbeerbaum noch lange sinnend und träumend stehen. Sie wollte hinein und der Marann' Alles sagen, gab es jedoch auf. Warum heute noch die Nachtruhe stören und wozu solls? Sie ging still heimwärts, Alles lag in festem Schlaf. Als sie endlich in das Haus eintrat, kam ihr Alles noch viel seltsamer vor als draußen: so fremd, so gar nicht dazugehörig. „Warum kommst du denn wieder heim? Was willst du denn eigentlich da?" Es war ein wundersames Fragen das in jedem Tone für sie lag, wie der Hund bellte und wie die Treppe knackte, wie die Kühe im Stalle brummten, das Alles war ein Fragen: „Wer kommt denn da Heini? Wer ist denn das?" Und als sie endlich in ihrer Kammer war, da saß sie still nieder und starrte ins Licht und plötzlich stand sie auf, faßte die Ampel und leuchtete damit in den Spiegel und sah darin ihr Antlitz und sie selber fragte fast immer: „wer ist denn das?... Und so hat er mich gesehen, so sichst du aus," setzte ein zweiter Gedanke hinzu. „Es muß ihm doch was an dir gefallen haben, warum hätt' er dich sonst so angesehen?" Ein stilles Gefühl der Befriedigung stieg in ihr auf, das noch gesteigert wurde durch den Gedanken: „Du bist doch jetzt auch einmal als eine Person angesehen worden, du bist bis daher immer nur zum Dienen und Helfen für Andere dagewesen. Gut Nacht, Amrei, das 140 war einmal ein Tag!" Aber cs mußte doch endlich dieser Tag ein Ende haben. Mitternacht war vorüber und Barfüßele legte ein Stück nach dem andern von ihrer Kleidung gar sorglich wieder zusammen. „Ei, da ist ja noch die Musik, horch, wie der wiegende Walzer tönt!" Sie öffnete das Fenster. Es tönt keine Musik, sie liegt ihr nur in den Ohren. Drunten bei der schwarzen Mar- ann' kräht schon der Hahn, die Frösche quaken, es nahen Schritte von Männern, die des Weges kommen, das sind Wok späte Hcimgänger von der Hochzeit, die Schritte tönen so laut in der Nacht. Die jungen Gänse im Hause schnattern in der Steige. Ja, die Gänse schlafen nur stundenweise, so bei Tag, so bei Nacht. Die Bäume stehen still, unbewegt. Wie ist doch so ein Baum ganz anders in der Nacht als am Tage! Solch eine geschlossene dunkle Masse, wie ein Riese in seinem Mantel. Wie muß das sich regen in dem unbewegt stehenden Baume. Was ist das für eine Welt, in der solches ist! — Kein Windhauch regt sich, und doch ist es wieder wie ein Tropfen von den Bäumen; das sind wol Raupen und Käfer die niederfallen. Eine Wachtel schlägt, das kann keine andere sein, als die beim Auerhahnwirth eingc- sperrte. Sie weiß nicht, daß cs Nacht ist. Und schau, der Abendstcrn der bei Sonnenuntergang entfernt und tief unter dem Monde stand, steht jetzt nahe und über ihm, und je mehr man ihn ansieht, je mehr glänzt er. Spürt er wol den Blick eines Menschen? Jetzt still, horch, wie die Nachtigall schlägt, das ist ein Gesang, so tief, so weit; ist es denn nur ein einziger Vogel? Und jetzt, — Amrci schaudert zusammen — mit dem Glockenschlag Ein Uhr rutscht ein Ziegel von 141 dem Dache und fällt klatschend auf dem Buden. Amrei zittert, wie von Gespenstcrfurcht gepackt, sic zwingt sich, noch eine Weile der Nachtigall zuzuhorchen, dann aber schließt sie das Fenster. Ein Nachtfalter, der wie eine große fliegende Nanpe mit vielen Flügeln aussieht, hat sich mit in das Dachstübchen gewagt und fliegt um das Licht, angezogen und abgestoßen, so grau und grauenhaft. Amre! faßt ihn endlich und wirft ihn hinaus in die Nacht. Indem sie nun Haube, Goller und Jacke in eine Truhe legte, ergriff sie unwillkürlich ihr altes Schreibebuch von der Schule her, das sie noch aufbewahrt hatte, und sie las darin, sic wußte selbst nicht warum, allerlei Sittcnsprüche. Wie steif und sorglich waren die dahin gezeichnet. Ja, cs mochte sie aus diesen Blättern etwas anmuthen, daß sie doch einmal eine Vergangenheit gehabt, denn es schien, daß das Alles verschwunden war. „Jetzt hurtig ins Bett!" rief sie sich zu; aber mit der ganzen Bedachtsamkeit ihres Wesens knüpfte sie die Bänder alle leise und ruhig auf, und verknotete sich einmal eine Schlinge, sie ließ nicht ab bis sie mit Fingern, Zähnen und Nadeln auseinander gebracht war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen Knoten entzwei geschnitten, und noch jetzt in ihrer hohen Erregung verließ sie nicht ihr bedachtsamer Ordnungssinn, und es gelang ihr das anscheinend Unentwirrbarste zu lösen. Endlich löschte sie ruhig und behutsam die Ampel und lag im Bett; aber sie fand keine Ruhe, rasch sprang sie wieder heraus und legte sich unter das offene Fenster, hineinstarrend in die dunkle Nacht und in das Sternengeflimmer, und in keuscher Schamhaftigkeit vor sich selber bedeckte sie Busen und Hals mit beiden Händen. 142 Das war ein Schauen und Sinnen, so schrankenlos, so wortlos, so nichtswollend und doch Alles fassend, eine Minute Gestorbensein und Leben im All, in der Ewigkeit. In der Seele dieser armen Magd in der Dachkammer hatte sich aufgethan alles unendliche Leben, alle Hoheit und alle Seligkeit, die der Mensch in sich schließt, und diese Hoheit fragt nicht, wer ist es, aus dem ich erstehe, und die ewigen Sterne erglänzen über der niedersten Hütte. . . . Ein Windzug, der das Fenster klappend zuschlug, weckte Amrei auf, sie wußte nicht, wie sie ins Bett gekommen war, und jetzt war Tag. 11. Wie^s im Liede steht. „Kein Feuer, keine Kohle Kann brennen so heiß, Als heimlich stille Liebe, Von der Niemand nichts weiß." So sang Amrei Morgens am Herdfeuer stehend, während Alles im Hause noch schlief. Der Roßbub, der den Pferden zum ersten Male Futter aufsteckte, kani in die Küche und holte sich eine Kohle für seine Pfeife. „Was thust denn du schon so früh auf, wenn die Spatzen murren?" fragte er Barfüßele. „Ich mache eine Tränke für die Kälberknh," antwortete Barfüßele, Mehl und Kleie einrührend, ohne sich umzuschauen. „Ich und der Oberknecht wir haben dich gestern Abend beini Tanz noch gesucht, aber du bist nirgends zu finden gewesen," sagte der Noßbub. „Freilich, du hast nimmer tanzen wollen; du bist zufrieden, daß dich der fremde Prinz zum Narren gehalten hat." „Es ist kein Prinz und er hat mich nicht zum Narren gehabt. Und wäre das auch, ich möcht' lieber von so einem zum Narren als von dir und dem Oberknecht zum Gescheiten gehabt sein."' 144 „Warum hat er dir aber nicht gesagt, wer er ist?" „Weil ich ihn nicht gefragt habe," erwicdcrte Bar- füßelc. Der Noßbub machte einen derben Witz und lachte selber darüber; Vennes giebt Gebiete, in denen der Einfältigste noch witzig ist. Das Antlitz Barfüßelcs flammte auf in doppelter Rothe, angcglüht vom Hcrdfeuer und von innerer Flamme, sie knirschte die Zähne über einander und jetzt sagte sic: „Ich will dir was sagen: du mußt selber wissen was du Werth bist und ich kann dir's nicht verbieten, daß du vor dir selber keinen Ncspcct hast; aber das kann ich dir verbieten, daß du vor mir keinen Ncspcct hast. Das sag' ich dir. Und jetzt gehst du hinaus aus der Küche, du hast hier nichts zu thun, und wenn du nicht gleich gehst, will ich dir zeigen, wie man hinauskommt." „Willst du die MeistcrSlcutc wecken?" „Ich brauch' sie nicht," rief Barfüßele und hob ein brennendes Scheit vom Herde, das knatternd Funken sprühte. „Fort, oder ich zeichne dich." Der Roßbub schlich mit gezwungenem Lachen davon. Barfüßele aber schürzte sich hoch auf und ging schwer auf- athmcnd mit der dampfenden Tränke hinab in den Stall. Die Kälbcrküh schien es mit Dank zu empfinden, daß sie schon in so früher Stunde bedacht wurde, sie brummte, setzte mehrmals ab im Saufen und schaute Barfüßele mit großen Augen an. „Ja, jetzt werd' ich viel gefragt und gehänselt werden," sagte Barfüßele vor sich hin, „aber was thuts?" Mit dem Melkkübel auf eine andere Kuh losgehend saug sic: 145 „Dreh dich um und dreh dich um Rothg'scheckete Kuh, Wer wird dich denn melken Wenn ich heirathen thu?" „Dummes Zeug!" setzte sie daun, wie sich selbst ausscheltend hinzu. Sie vollführte ihre Arbeit nun still, und allmälig erwachte das Leben im Hause, und kaum war Rolel erwacht, als sie Barfüßele nachlief und sie ausschalt, denn Rosel hatte ein schönes Halstuch verloren. Sie behauptete, sie habe es Barfüßele zum Aufbewahren gegeben, diese aber habe in ihrer Mannstollheit Alles weggcworfen als der Fremde sie aufforderte, und wer weiß ob's nicht ein Dieb war, der den Gaul und die Kleider gestohlen hat und den man morgen in Ketten einbringt, und es sei eine Schande gewesen, wie Barfüßele laut beim Tanze gejauchzt habe, und sie solle sich in Acht nehmen, denn der Enzian-Valentin habe gesagt: wenn eine Henne kräht wie ein Hahn, schlägt das Wetter ein und gibt's Unglück. Sie habe sie zum ersten und letzten Male mit zum Tanz genommen; sie habe sich fast die Augen aus dem Kopfe geschämt, daß sie sich überall habe müssen sagen lassen: so Eine dient bei Euch. Wenn ihr die Schwägerin nicht die Stange hielte und es ihr nachginge, müßte die Gänschirtin sogleich fort aus dem Haus. Barfüßele ließ Alles ruhig über sich ergehen, sie hatte heute schon die beiden Endpunkte dessen wahrgenommen, was sic nun erfahren müsse, und sie hatte darauf von selbst gethan, wie sie es nun immer halten wollte: wer sie ausschimpfte, den schüttelte sie mit Schweigen von sich, cher sie anSspottcte, den trumpfte sie ab. Hatte sie auch nicht immer ein brennendes Scheit bei der Hand wie beim Auerbach, Barfüßele. 10 146 Roßbuben; sie hatte Blicke und Worte, die den gleichen Dienst thaten. Barfüßele konnte der schwarzen Marann' nicht genug erzählen, was ihr die Nosel anthat im Hanse, und da sie es zu Hause nicht thun konnte, ließ Barfüßele hier ihre Zunge los und schalt auf die Nosel mit den heftigsten Worten. Schnell aber besann sie sich wieder und sagte: „Ach Gott, das ist nicht recht, die macht mich jetzt auch so schlecht, daß ich solche Worte in den Mund nehme." Die Marann' aber tröstete: „Daß du so schimpfest, das ist brav. Schau, wenn man etwas Ekelhaftes sieht, muß man ausspeien, sonst wird man krank, und wenn inan etwas Schlechtes sicht und hört und erfährt, da muß man schimpfen, da muß die Seele auch ausspeien, sonst wird sie schlecht." Barfüßele mußte lachen über die wunderlichen Tröstungen der schwarzen Marann'. Tag um Tag verging in alter Weise und man vergaß bald Hochzeit und Tanz und Alles was dabei geschehen war. Barfüßele aber spürte ein ewiges Hinausdenken, das sie gar nicht bewältigen konnte. Es war gut, daß sie der schwarzen Marann' Alles anvertrauen konnte. „Ich meine, ich habe mich versündigt, daß ich damals so über Alles hinaus lustig war," klagte sie einmal. „An wem hast dich versündigt?" „Ich meine, Gott straft mich dafür." „O Kind, was machst du da? Gott liebt die Menschen wie seine Kinder. Giebt es für Eltern eine größere Freude als ihre Kinder lustig zu sehen? Ein Vater, eine Mutter, die ihre Kinder fröhlich tanzen sehen, sind doppelt 1L7 glücklich, und so denk' auch: Gott hat dir zngesehen wie du getanzt hast und hat sich recht gefreut und deine Eltern haben dich auch tanzen sehen und haben sich auch gefreut. Laß du die ungestorbeneu Menschen reden was sie wollen. Wenn mein Johannes kommt, hei, der kann tanzen! Aber ich sage nichts. Du hast an mir einen Menschen, der dir Recht gicbt; was brauchst du denn mehr?" Freilich, Wort und Beistand der schwarzen Maranu' war tröstlich, aber Barfüßcle hatte ihr doch nicht Alles gesagt; es war ihr nicht bloß um das Gerede der Menschen zu thun, und cs war nicht mehr wahr, daß sie sich genügen ließ: nur Einmal vollauf glücklich gewesen zu sein. Sie sehnte sich doch wieder nach dem Manne, der ihr wie eine erlösende Erscheinung gekommen war, der sic so ganz verändert hatte, und nun nichts mehr von ihr wußte. Ja, Barfüßele war sehr verändert. Sie ließ es an keiner Arbeit fehlen, man konnte ihr nichts Nachreden; aber eine tiefe Schwermut!) setzte sich in ihr fest. Jetzt kam noch ein andrer Grund dazu, der sich vor der Welt offen geltend machen durfte. Dann hatte von Amerika aus noch kein Wort geschrieben und sie vergaß sich so weit, daß sie einmal zur schwarzen Maranu' sagte: „ES heißt nicht umsonst im Sprichwort, wenn man Feuer unter einem leeren Topf hat, verbrennt eine arme Seel'. Unter meinem Herzen brennt ein Feuer und meine arme Seele verbrennt." „Was ist denn?" „Daß der Dann auch nicht schreibt! Das Warten, das ist die schrccklichst gemordete Zeit, cs giebt keine, die man ärger nmbringen-kann als mit dein Warten; da ist 148 inan ja in keiner Stunde, in keiner Minute mehr daheim, aus keinem Boden mehr fest, und immer mit einem Fuß in der Luft." „O Kind! Sag' das nicht," jammerte die Marann'. „Was willst denn du vom Warten reden? Denk'an mich und ich warte geduldig und ich warte bis zu meiner letzten Stunde und gcb's nicht auf." Zn der Erkcnntniß fremden Kummers loste sich der Schmerz Barftißeles in Thränen auf und sie klagte: „Mir ist so schwer, ich denk' jetzt immer an's Sterben. Wie viel tausend Kübel Wasser muß ich noch holen und wie viel Sonntage gicbt's noch? Man sollte sich eigentlich gar nicht so viel grämen, das Leben hat ja so bald ein Ende, und wenn die Roscl zankt, denk' ich: ja zank du nur, wir sterben beide bald, dann hat's ein End'; und dann überfällt mich wieder eine Angst, daß ich mich so arg vor dem Sterben fürchte. Wenn ich so liege und will mir denken, wie es ist, wenn ich todt bin: ich höre nichts, ich sehe nichts, dieses Auge, dieses Ohr ist todt, Alles da um mich her ist nicht mehr da, cs wird Tag und ich weiß nichts mehr davon; man mäht, man erntet, ich bin nicht mehr dabei. O warum ist denn daS Sterben! . . Was willst du machen? Haben Andre auch sterben-müssen und die waren noch mehr als du. Man muß cs ruhig ertragen. — Horch, der Schütz schellt auS,"so unterbrach sich Barfüßele in der seltsamen Klage, und sie, die eben sterben wollte und wieder nicht sterben wollte, hätte doch gern erfahren, was der Dorfschütze noch ausschellt. „Laß ihn schellen, er bringt dir doch nichts," sagte die Alte wehmüthig lächelnd. „O was ist der Mensch! Wie muß Jeder wieder die harte Nuß anfznknacken suchen und 149 sie doch endlich ungeöffnet bei Seite legen! Ich will dir sagen, Amrei, was mit dir ist: Du bist jetzt stcrbens- vcrliebt. Sei froh, so gut wird cs wenigen Menschen, es wird wenigen Menschen so wohl, daß sie eine rechte Liebe in sich spüren; aber nimm dir ein Beispiel an mir, laß die Hoffnung nicht fahren. Weißt, wer schon bei lebendigem Leibe gestorben ist? Wer nicht von jedem Tag, absonderlich wer nicht von jedem Frühling meint: Jetzt' fängt das Leben erst recht an, jetzt kommt etwas was noch gar nie dagewesen ist. Dir muß es noch gut gehen, du thust ja lauter Gottcsthaten. Was hast du an deinem Bruder gcthan, was an mir, was am alten Rodelbauer, was an allen Menschen! Aber es ist gut, daß du nicht weißt, was du thust. Wer Gutes thnt und betet und immer daran denkt und sich was drauf cinbildet, der betet sich durch den Himmel durch und muß auf der andern Seite die Gänse hüten." „Das Hab' ich schon hier gethan, davon bin ich erlöst," lachte Barfüßele und die Alte fuhr fort: „Mir sagt eine Stimme, daß der, der mit dir getanzt hat, mein Johannes gewesen ist, kein anderer Mensch. Und ich will dir's nur sagen: wenn er nicht verheirathet ist, dich muß er nehmen. Sammetkleider hat inein Johannes immer gern gehabt und ich denk' jetzt so: er läuft jetzt um die Grenze herum, bis unser König stirbt, dann kommt er herein ins Land; aber Unrecht ist's, daß er mir nichts sagen läßt und cs thnt mir so and (sehnsüchtig) nach ihm." Barfüßele schauderte vor der unverwüstlichen Hosf- nungskraft der schwarzen Marann' und wie sie sich immer und immer an ihr festhielt. 150 Sie erwähnte fortan selten den Fremden, nur wenn sie von der Hoffnung auf Wiederkehr sprach und dabei Dami nannte, konnte sie sich nicht enthalten, dabei anck innerlich an den Fremden zu denken. Er war ja nicht über dem Meer und konnte doch auch wiederkommen und schreiben; aber freilich, er hat dich ja nicht gefragt: wo du her bist. Wieviel Tausend Städte und Dörfer' und Einsicdelhöfe giebt's in der Welt, vielleicht sucht er dich und findet dich nimmer wieder. Aber nein, er kann ja in Endringen fragen. Er kann nur den Dominik fragen und das Ameile und die werden ihm gut Bescheid geben. Aber ich weiß nicht, wo er ist, ich kann nichts thun." Es war wiederum Frühling geworden und Amrei stand Lei ihren Blumen am Fenster, da kam eine Biene daher- geslogen und saugte sich fest an dem offenen Kelche. Ja so ist's, dachte Barfüßele, so ein Mädchen ist wie eine Pflanze festgewachsen an den Ort, das kann nicht herumgehen und suchen, das muß warten bis das da zufliegt. „Wenn ich ein Vöglein war' Und auch zwei Flllgelein hätt, Flog ich zu dir; Weil's aber nicht kann sein, Bleib ich allhicr. Bin ich gleich weit von dir, Bin ich doch im Traum bei dir Und red mit dir; Wenn ich erwachen ihn, Bin ich allein. Es vergeht kein' Stund in. der Nacht, Daß nicht mein Herz erwacht Und an dich denkt — 151 So sang Barfüßele. Es war wunderbar, wie jetzt alle Lieder auf Barfüßele gesetzt waren, und wie viel Tausend haben sich diese schon aus der Seele gesungen und wie viel Tausende werden sie sich noch aus der Seele singen. Ihr, die ihr euch sehnt und endlich ein Herz umschlungen haltet, ihr haltet damit umschlungen das Lieben aller derer, die je waren und sein werden. 12. Er ist gekommen. Barfüßele stand eines Sonntags Nachmittags nach ihrer Gewohnheit an die Thürpfoste des Hauses gelehnt und schaute träumend vor sich hin, da kam der Enkel des Kohlenmathes das Dorf heraufgesprungen und winkte schon von Ferne und rief: „Er ist gekommen! Barfüßele, er ist gekommen!" Barfüßele zitterten die Kniee und mit bebender Stimme rief sie: „Wo ist er? wo?" „Bei meinem Großvater im Moosbrunnenwald." „Wo? Wer? Wer schickt dich?" „Dein Dami. Er ist drunten im Wald." Barfüßele mußte sich auf die Steinbank vor dem Hause setzen, aber nur eine Minute, dann bezwang sie sich selbst, richtete sich straff auf mit den Worten: „Mein Dami? Mein Bruder?" „Ja, des Barfüßeles Dami," sagte der Knabe treuherzig, „und er hat mir versprochen, du gäbest mir einen Kreuzer, wenn ich zu dir Boten gehe und es dir sage;' jetzt gieb mir meinen Kreuzer." „Mein Dami wird dir schon drei dafür geben." „O nein," sagte der Knabe, „er hat ja zu meinem Großvater geheult, weil er keinen Kreuzer mehr habe." „Ich habe jetzt auch keinen," sagte Barsüßele, „aber ich bleib' dir gut dafür." Sie ging schnell zurück ins Haus, bat die Nebenmagd, an ihrer Statt des Abends die Kühe zu melken, wenn sie zum Abend nicht wieder da sei; sie müsse schnell einen Gang machen. Mit Herzklopfen, bald im Zorn auf Dami, bald in Wehmuth über ihn und sein Ungeschick, bald in Aerger, daß er wieder da sei und dann wieder in Vorwürfen, daß sie ihrem einzigen Bruder so begegne, ging Barsüßele das Feld hinaus, das Thal hinab nach dem Moosbrunnenwald. Der Weg zum Koh- lenmathes war nicht zu verfehlen, obgleich man von dein Fußweg abseits gehen mußte. Der Geruch des Meilers führte unfehlbar zu ihm. >— Wie singen die Vögel in den Bäumen und ein jammerndes Menschenkind wandelt drunter hin, und wie traurig muß es Dami sein, der das Alles wiedersieht, und es muß ihm hart gegangen sein, wenn er keinen andern Ausweg mehr weiß, als heim und sich an dich hängen und dich aussaugen. Andre Schwestern haben von den Brüdern eine Hülfe und ich . . - Aber ich will dir jetzt schon zeigen, Dami, du mußt bleiben wo ich dich hinstclle und darfst nicht zucken. In solcherlei Gedanken ging Barsüßele dahin und war endlich beim Kohlenmathes angckommen. Aber sie sah hier keinen Menschen außer dem Kohlenmathes, der vor seiner Blockhütte beim Meiler saß und seine Holzpfeife mit beiden Händen hielt und rauchte, denn ein Köhler thnt es seinem Meiler nach und raucht immer. „Hat mich Jemand zum Narren gehabt?" fragte sich Barsüßele. „O das wäre schändlich! Was thue ich denn den Menschen, daß sie mich zum Narren haben? Aber ich 154 krieg's schon heraus, wer das angestellt hat, der soll mir's büßen." Mit geballter Faust und flammenrothem Gesicht stand sie jetzt vor dem Kohlcmnathes. Dieser hob kaum das Antlitz nach ihr, viel weniger daß er ein Wort redete; er war, so lang die Sonne schien, fast immer wortlos und nur des Nachts, wenn ihm Niemand in's Auge sehen konnte, sprach er viel und gern. Barfüßelc starrte eine Minute in das schwarze Antlitz des Köhlers und dann fragte sie zornig: „wo ist mein Dami?" Der Alte schüttelte mit dem Kopfe verneinend. Da fragte Barfüßele nochmals mit dem Fuße aufstampfend: „Ist mein Dami bei Euch?" Der Alte legte die Hände aus einander und zeigte rechts und links, daß er nicht da sei. „Wer hat denn zu mir geschickt?" fragte Barfüßelc immer heftiger: „So redet doch!" Der Köhler wies mit dem rechten Daumen nach der Seite, wo ein Fußweg sich um den Berg hinzog. „Um Gotteswillen, saget doch ein Wort," drängte Barfüßele vor Zorn weinend, „nur ein einziges Wort. Ist mein Dami da oder wo ist er?" Endlich sagte der Alte: „Er ist da, dir entgegengegangen, den Fußweg," und gleich als hätte er viel zu viel gesprochen, preßte er rasch die Lippen zusammen und ging um den Meiler. Da stand nun Barfüßele und lachte höhnisch und wehmüthig über den einfältigen Bruder. „Er schickt nach mir und bleibt doch nicht an einer Stelle, wo man ihn finden kann; und wenn ich jetzt den Weg hinauf gehe — wie konnte er nur glauben, daß ich den Fußweg gehe? das ist ihm jetzt gewiß auch eingefallen und er geht einen andern und ist nicht mehr zu finden und wir laufen um einander herum wie im Nebel." Barfüßele setzte sich still auf einen Baumstumpf und in ihr brannte eS wie in dem Meiler, die Flamme konnte nicht ausschlagen, sie mußte still in sich verkohlen. Die Vögel sangen, der Wald rauschte, ach, was ist das Alles, wenn kein Heller Ton im Herzen klingt. . . Wie ans einem Traume erinnerte sich jetzt Barfüßcle, wie sie einst Liebesgedanken nachgehangen. Wie kommst Du dazu, solches in dir aufkommen zu lassen? Hast du nicht Elend genug an dir und an deinem Bruder? Und der Gedanke dieser Liebe war ihr jetzt wie mitten im Winter die Erinnerung an einen Hellen Sommertag. Man kann's nur glauben, daß es einst so sonnig warm gewesen, aber man weiß nichts mehr davon. Jetzt mußte sie lernen was „Warten" heißt: hoch oben auf einer Spitze, wo kaum eine Hand breit Boden; und wenn du erst weißt wie es ist, bist du im alten Elend und in noch größerem . . . Sie ging hinein in die Blockhütte des Köhlers, da lag ein Sack locker und kaum halb voll, und auf dem Sacke stand der Name des Vaters. „O wie bist du herumgeschleppt!" sagte sie fast laut. Sie ging aber schnell über die Erregung des Gemüthes hinweg und wollte sehen was denn Dami wieder mit zurückgebracht. „ Er hat doch mindestens die guten Hemden noch, die du ihm von der Leinwand der schwarzen Ma- raun' hast machen lassen? Und vielleicht ist auch ein Geschenk von dem Ohm aus Amerika darin. Aber wenn er noch etwas Ordentliches hätte, wäre er dann zuerst 156 zum Kohlenmathes im Walde? Hätte er sich nicht gleich im Dorfe gezeigt?" Barfüßele hatte Zeit diesen Gedanken nachzuhängen, denn das Sackbändel war wahrhaft kunstmäßig verknotet, und nur ihrer gewohnten Geschicklichkeit und Uuablässig- keit gelang es, ihn endlich zu entwirren. Sie that Alles heraus was in dem Sacke war und mit zornigem Blicke sagte sie vor sich hin: „O du Garnichts! da ist ja kein heiles Hemd mehr. Du hast jetzt die Wahl, ob du Bet- tcllump oder Lumpenbettler heißen willst." Das war keine gute Stimmung, in der sie den Bruder zum erstenmale wieder begrüßen konnte, und dieser mochte es fühlen, denn er stand lauernd am Eingänge der Blockhütte, bis Barfüßele wieder Alles in den Sack gethan hatte. Dann trat er auf sie zu und sagte: „Grüß Gott Amrei! Ich bringe dir nichts als schwarze Wäsche, aber du bist sauber und wirst mich auch wieder . . . ." „O lieber Darm, wie siehst du aus!" schrie Barfüßele und lag an seinem Halse, aber schnell riß sie sich wieder los und sagte: „Um Gotteswillen, du riechst ja nach Branntwein. Bist du schon so weit?" „Nein, der Kohlenmathes hat mir nur ein bischen Wachholdergeist gegeben, ich Hab' auf keinem Bein mehr stehen können; cs ist mir schlecht gegangen, aber schlecht bin ich drum nicht geworden, das glaub' mir, ich kann dir's freilich nicht beweisen." „Ich glaub' dir. Du wirst doch das Einzige was du auf der Welt hast, nicht betrügen? O wie verwildert und elend siehst du aus! Du hast ja einen großen Bart wie ein Scherenschleifer. Das leid' ich nicht, den mußt du 157 herunter machen. Du bist doch sonst gesund? Es fehlt dir dock nichts?" „Gesund bin ich und will Soldat werden." „WaS du bist und was du wirst, das wollen wir schon noch überlegen; jetzt sag', wie es dir ergangen ist." Dann stieß ein Scheit halbverbrauntes Holz, von den sogenannken unbrauchbaren Bränden, mit dem Fuße weg und sagte: „Siehst du? Grad so bin ich; nicht ganz Kohle geworden und doch auch kein frisch Holz mehr." Barfüßele ermahnte ihn, er solle ohne Klagen, erzählen, und nun berichtete Dami eine lange, lange Geschichte wie er es beim Ohm nicht ausgchalten, wie hartherzig und eigennützig der sei, besonders aber, wie ihm die Frau jeden Bissen mißgönnt habe, den er im Hause genoß, wie er dann da und dort gearbeitet, aber immer mehr die Hartherzigkeit der Menschen erfahren habe; in Amerika da könnten die Menschen einen Andern im Elend verkommen sehen und schauen nicht nach ihm um. Barfüßele mußte fast lacken als in der Erzählung immer und immer wieder der Endreim vorkam: „Und da haben sie mich ans die Straße geworfen." Sie konnte nicht umhin cin- zuschaltcn: „Ja, so bist du, du läßt dich immer werfen. Bist schon als Kind so gewesen: wenn du einmal gestolpert bist, da hast du dich fallen lassen wie ein Stück Holz. Man muß aus dem Stolper auch einen Hopser macken, drum sagt man ja im Sprichwort: von Stolpe nach Danzig (tanz ich). Sei lustig. Weißt, was man thnn muß, wenn einein die Menschen weh thnn wollen?" „Man muß ihnen aus dem Weg gehen." „Nein, inan muß ihnen weh thnn, wenn man kann, und an: wehesten thut man ihnen, wenn man sich 158 aufrecht erhält und was vor sich bringt. Aber du stellst dick immer hin und sagst zur Welt: Thu' mir gut, thu' mir bös, küss' mich, schlag' mich, wie du willst. — Das ist leicht. Du lassest dir Alles geschehen und dann hast Erbarmen mit dir selbst. War' mir auch recht, wenn mich ein Anderes da und dort hinstclltc, wenn ich's nicht selbst zu thun hätte; aber du musst jetzt selbst Einstcher für dick sein, hast dich genug in der Welt hcrnmstoßen lassen, jetzt zeig' einmal den Meister." Vorwürfe und Lehren werden einem Unglücklichen gegenüber oft zu ungerechten Härten und auch Dann nahm die Worte der Schwester als solche. Es war fürchterlich, daß sie es nicht einsah, wie er der unglücklichste Mensch auf der Welt sei. Sie konnte ihm streng Vorhalten, daß er das nicht glauben möge und wenn er es nicht glaube, so sei es auch nicht. Aber das Schwierigste von Allem ist: einem Menschen den Glauben an sich beizubringen; die Meisten gewinnen ihn erst, nachdem ihnen etwas gelungen ist. Dann wollte der herzlosen Schwester kein Wort weiter - erzählen und erst später gelang cs ihr, daß er ausführlich von seinen Fahrten und Schicksalen berichtete und wie er zuletzt als Heizer auf einem Dampfschiff nach Veralten Welt zurückgekchrt sei. Indem sic ihm jetzt seine selbstquälerische Weichmüthigkcit vorhielt, ward sic inne, daß auch sie nicht frei davon war. Durch den fast ausschließlichen Verkehr mit der schwarzen Marann' hatte sie sich gewöhnt, immer so viel von sich zu reden und an sich zu denken, und sic war in ein schweres Wesen gerathen. Jetzt, indem sie den Bruder anfrichtcte, that sie cs auch unwillkürlich mit sich selbst-, 159 denn das ist die geheimnißvolle Macht des Menschenzu- sannnenhanges, daß wir immer, indem wir Anderen Helsen, uns selbst mit helfen. „Wir haben vier gesunde Hände," schloß sie, „und da wollen wir sehen, ob wir uns nicht durch die Welt durchschlagen, und durchschlagen ist tausendmal besser als sich durchbetteln. Jetzt komm', Dann, jetzt komm' mit heim." Dami wollte sich im Orte gar nicht zeigen, er fürchtete sich vor dem Gespötte, das von allen Seiten auf ihn losbreche, er wollte vor der Hand noch versteckt bleiben; aber Barfüßele sagte ihm: „Jetzt gehst mit, am Hellen Sonntag, und mitten durch das Dorf und läßst dich aus- spottcn. Laß sie nur reden und deuten und lachen, dann bist du fertig und bist's los, hast den bittern Kolben auf Einmal verschluckt und nicht tropfenweis." Erst nach vielem und heftigem Widerstreben und erst nachdem der schweigsame Kohlcnmathcs auch sein Wort und Barfüßele Recht gegeben hatte, ließ sich Dami führen. Und in der That hagelte und regnete es von allen Seiten bald grob bald spitz auf des Barfüßcles Dann los, der auf Gcmeiudekosten eine Vergnügungsreise nach Amerika gemacht habe. Nur die schwarze Marann' nahm ihn freundlich auf und ihr zweites Wort war: „Hast Tu nichts von meinem Johannes gehört?" Dami konnte keine Kunde geben. Und in doppelter Weise mußte Dami heute Haare lassen, denn noch am Abend brachte Barfüßele den Bader, der ihm den wilden Vollbart abnchmcn und ihm das landesübliche glatte Gesicht geben mußte. Schon am andern Mittag wurde Dami aufs RathhauS beschicken und da er davor zitterte, er wußte nicht warum, versprach Barfüßele ihn zu begleiten und das war gut, wenn es gleich nicht viel half. Der Gcmeindcrath verkündete Dann, daß er aus dem Orte ausgewicscn sei; er habe kein Recht hier zu bleiben, um vielleicht der Gemeinde wiederum zur käst zu fallen. Alle Gemeindcräthe staunten, da Barfüßele hierauf crwicdcrte: „Ja Wohl, Ihr könnet ihn answeiscn; aber wisset Ihr wann? Wenn ihr hinansgchen könnt auf den Kirchhof, dort wo unser Vater und unsere Mutter liegt und wenn ihr zn den Begrabenen sagen könnt: Auf! geht fort mit Eurem Kind! — Dann könnt Ihr ihn answeiscn. Man kann Niemand answeiscn aus dem Ort, wo seine Eltern begraben sind, da ist er mehr als daheim; und wcnn's tausend und tausend mal da in den Büchern steht (sic deutete auf die gebundenen Regierungsblätter) und anders stehen mag, es geht doch nicht und Ihr könnet nicht." Ein Gemeinderath sagte dem Schullehrer ins Ohr „diese Reden hat das Barfüßele von Niemand anders gelernt als von der schwarzen Marann'!" Und der Heilgenpfleger neigte sich zum Schultheiß und sagte: „Warum duldest du, daß das Aschenbuttel so schreit? Klingle dem Schütz, er soll sic ins Narrenhänslc stecken." Der Schultheiß aber lächelte und erklärte Barfüßele, daß sich die Gemeinde von allen Ucbcrlasten, die ihr durch den Dann werden könnten, losgckauft habe, indem sic den größten Thcil des Ucbcrfahrtgcldes für ihn auslcgte. „Ja, wo ist er denn jetzt daheim?" fragte Barfüßele. „Wo man ihn annimmt, aber hier nicht und vor der Hand nirgends." 161 „Ja, ich bin nirgends daheim," sagte Dann, dem es fast wohl that, immer noch mehr unglücklich zu sein. Jetzt konnte es doch Niemand läugnen, daß es keinem Menschen auf der Welt schlechter ginge als ihm. Barfüßele kämpfte noch dagegen, aber sie sah bald, hier half nichts, das Gesetz war wider sie und nun betheuerte sic,, daß ihr eher das Blut unter den Nägeln hcrvorfließen solle, che sie je wieder etwas für sich und ihren Bruder von der Gemeinde annehme und sie versprach alles Erhaltene zurückzuerstatten. „Soll ich das auch in's Protokoll nehmen?" fragte der Gemcindeschreiber die Umsitzenden und Barfüßele antwortete: „Ja, schreibet's nur, bei euch gilt ja doch nur das Geschriebene." Barfüßele Unterzeichnete das Protokoll, aber als dieß geschehen war, wurde dennoch Dann verkündet, daß er als Fremder die Erlaubniß habe: drei Tage im Dorfe zu bleiben, wenn er bis dahin kein Unterkommen gefunden, werde er ausgewiesen und nötigenfalls mit Zwangsmitteln über die Grenze gebracht. Ohne weiter ein Wort zu sagen verließ Barfüßele mit Dann das Nathhans und Dann weinte darüber, daß sie ihn unnöthig gezwungen habe, ins Dorf zurückzukehren; er wäre besser im Walde geblieben und hätte sich dadurch den Spott und jetzt den Kummer erspart, zu wissen, daß er aus seinem Heimathsorte als Fremder auSgewiesen sei. Barfüßele wollte ihm erwiedern, daß es besser sei, wenn man Alles klar wisse und sei es auch das Herbste, aber sic verschluckte das, sie selber fühlte, daß sie alle Kraft brauche, um sich aufrecht zu erhalten; sic fühlte sich auch ansgewiesen mit ihrem Bruder und sie empfand es, daß sie einer Welt gegenüber stand, die sich auf Macht und Auerbach, Barfüßele. 11 162 Gesetze stützte und sie selber hatte nur die leere Hand; aber sie hielt sich jetzt aufrechter als je. Das Ungeschick und Mißgeschick Dami's drückte sie nicht nieder, denn so ist der Mensch: hat er ein Schmerzen das ihn ganz erfüllt, trägt er ein anderes, und sei cs noch so schwer, oft leichter, als wenn es allein gekommen wäre. Und weil Barfüßcle ein unnennbares Wehe empfand, gegen das sie nichts thun konnte, trug sie das nennbare, gegen das sie wirken konnte, um so williger und freier. Sie gönnte sich keine Minute der Träumerei mehr und ging immer mit straffen Armen und mit geballter Faust hin und her, als wollte sie sagen: wo ist denn die Arbeit und sei cs auch die schwerste, ich nehme sie über mich, wenn ich nur mich und meinen Bruder auS der Abhängigkeit und Verlassenheit heransbringe. Sie dachte jetzt selber daran mit Dann ins Elsaß zu wandern und dort in einer Fabrik zu arbeiten. Es kam ihr schrecklich oor, daß sie das sollte; aber sie wollte sich dazu zwingen. Wenn nur der Sommer vorüber war, dann sollte es fortgchen, und Lebewohl Heimath! Wir sind ja auch Daheim in der Fremde. Der nächste Annehmer, den die beiden Waisen in der Ortsregierung gehabt hatten, war jetzt machtlos. Der alte Rodelbaner lag schwer krank danieder und in der Nacht nach der stürmischen Gemeinderathssitzung verschied er. Barfüßcle und die schwarze Marann' waren diejenigen, die am meisten bei seiner Beerdigung auf dem Kirchhofe weinten. Za, die schwarze Marann' sagte auf dem Heimwege noch als besonderen Grund: „Der Rodelbaner ist der letzte noch Lebende gewesen, mit dem ich einstmals in meinen jungen Jahren getanzt habe. Mein letzter Tänzer ist nun gestorben." 163 Bald aber hielt sie ihm eine andere Nachrede, denn es zeigte sich, daß der Rodelbauer, der Barfüßelc so jahrelang darauf vertröstet hatte, sie in seinem Testamente gar nicht erwähnte, viel weniger ihr etwas vererbte. Als die schwarze Marann' gar nicht aufhören wollte mit Klagen und Schelten sagte Barfüßele: „Das geht jetzt in Einem hin, es ist jetzt einmal so, es hagelt jetzt von allen Seiten auf mich los, aber die Sonne wird schon wieder scheinen." Die Hinterlassenen des Rodelbauern schenkten indeß Barfüßele einige Kleider des Alten;, sie hätte sie gern zurückgewicsen, aber durfte sie cs wagen, jetzt noch mehr Trotz kund zu geben? Auch Dann wollte die Kleider nicht annchmen, aber er mußte nachgebcn. Es schien einmal sein Loos, in den Kleidern allerlei Abgeschiedener sein Leben zu verbringen. Der Kohlenmathes nahm Dami zu sich in den Wald znm Meiler, und Zuträger sagten dem Dami, er solle nur einen Prozeß anfangen, man könne ihn nicht aus- weisen, weil er noch an keinem andern Orte angenommen sei, das sei stillschweigende Voraussetzung beim Aufgeben des Heimathsrechtes. Die Leute schienen sich fast daran zu erlustigen, daß die armen Waisen weder Zeit noch Geld hatten, einen Rechtsstreit anzufangen. Dami schien sich wohlzngcfallen in der Einsamkeit des Waldes. Es war so nach seiner Art, daß man sich nicht an-und auszuziehen brauchte, und jedesmal am Sonntag Nachmittag kostete cs Barfüßele einen Kampf, bis sich Dami nur ein bischen reinigte; dann saß sie bei ihm und dem Mathes, und man sprach wenig, und Barfüßele konnte ihre Gedanken nicht abhalten, daß sie in der Irre 16 L umhergingcn in der Welt und Den suchten, der sie einst einen ganzen Tag so glücklich gemacht und in den Himmel gehoben hatte. Wußte er nichts mehr von ihr und dachte er nicht mehr an sie? Kann denn der Mensch den andern vergessen, mit dem er einmal so glücklich war? Es war am Sonntag Morgen gegen Ende Mai, Alles war in der Kirche. Es hatte am Tage vorher geregnet. Ein frischer erquickender Athen: hauchte von Berg und Thal, denn die Sonne schien hell hernieder. Auch Bar- füßele hatte in die Kirche gehen wollen, aber sie lag wie festgcbannt unter dem Fenster, wahrend es läutete, und sie versäumte die Kirche. Das war seltsam und noch nie geschehen. Nun da es zu spät war, entschloß sie sich, allein zu bleiben und daheim in ihrem Gesangbuche zu lesen. Sie kramte in ihrer Truhe und war überrascht von allerlei Sachen, die sie besaß. Sie saß auf dem Boden und las eben einen Gesang und summte ihn halblaut vor sich hin, da regte sich etwas am Fenster. Sie schaute sich um, eine weiße Taube steht auf dem Simse und schaut nach ihr, und wie sich die Blicke des Mädchens und der Taube begegnen, fliegt die Taube davon und Barfüßele schaut ihr nach, wie sie hinausfliegt über das Feld und sich dort niederläßt. Dieses Bcgcgniß, das doch so natürlich war, macht sie plötzlich ganz froh, und sie nickt immer hinaus ins Weite nach den Bergen, nach Feld und Wald. Sie ist den ganzen Tag ungewöhnlich heiter. Sie kann nicht sagen warum, es ist ihr, als ob ihr eine Freude in der Seele jauchzte, sie weiß nicht woher sie kam. Und so oft sie auch an: Mittag an die Thürpfoste gelehnt, über die seltsame Erregung die sie spürt, den Kopf schüttelt, sie weicht nicht von ihr. „Es 165 muß sein, es muß doch sein, daß Jemand gut an dich gedacht hat; und warum kann das nicht sein, daß so eine Taube der stille Bote ist, der mir das sagt? Die Thierc leben doch auch auf der Welt, wo die Gedanken der Menschen hin und her fliegen, und wer weiß, ob sie nicht Alles still davon tragen." Die Menschen, die an Barfüßele vorübergingen, konnten nicht ahnen, was für ein seltsames Leben sich in ihr bewegte. 13. Aus einem Muttrrherzen. Während Barfüßele im Dorf und in Felv und Wald träumte und sorgte und kümmerte, bald von seltsamen Freudenschaucrn sich durchrieselt fühlte, bald sich wie ausgestoßen vorkam in der weiten Welt, schickten Eltern ihr Kind fort, freilich, damit es um so reicher wiedcrkäme. Droben im Allgäu, ans dem großen Bauernhöfe, genannt zur „wilden Reuthe," saß der Landfriedbauer mit seiner Frau bei ihrem jüngsten Sohne, und der Bauer sagte: „Hör einmal Johannes, jetzt ist mehr als ein Jahr um, seitdem du zurückgckehrt bist, und ich weiß nicht, was mit dir ist; du bist damals wie ein geschlagener Hund heim gekommen und hast gesagt, du wollest dir lieber hier in der Gegend eine Frau suchen, aber ich sehe nichts davon. Willst du mir noch einmal folgen, dann will ich dir kein Wort mehr zureden." „Ja, ich will," sagte der junge Mann, ohne sich aufzurichten. „Nun gut, versuch's noch einmal, Einmal ist Keinmal, und ich sage dir, du machst mich und die Mutter glücklich, wenn du dir eine Frau nimmst aus unserer Gegend, und am liebsten, wo die Mutter her ist. Ich kann dir's schon in's Gesicht sagen, Bäuerin, es gibt in der ganzen Welt nur Einen guten Schlag Weibsleut', und der ist bei uns daheim, und du bist gescheit, Johannes, du wirst schon eine Rechtschaffene finden, und dann wirst du es uns noch auf dem Todtcnbette danken, daß wir dich in unsere Heimath geschickt haben, dir eine Frau zu holen. Wenn ich nur fort könnte, ich ginge mit dir, und wir Beide fänden schon die Rechte. Aber ich Hab' mit unserm Jorg geredet, er will mit dir gehen, wenn, du ihn darum ansprichst. Reit' hinüber und sag's ihm." „Wenn ich meine Meinung sagen darf," erwiederte der Sohn, „wenn ich noch einmal gehen soll, möcht' ich wieder allein. Ich bin einmal so. Das verträgt bei mir kein anderes Aug', ich möcht mit Niemand darüber reden. Wenn's möglich wär' möcht ich am liebsten ungesehen und stumm Alles erkundschaften; und kömmt man nun gar zu Zweit', da ist's so gut, wie wenn man's ausschellen ließ', und Alles putzt sich ans." „Wie du willst," sagte der Vater, „du bist einmal so aus der Art. Weißt was? Mach' dich jetzt gleich auf den Weg; es fehlt uns ein Gespann zu unserm Schimmel, such' dir einen dazu, aber nicht auf dem Markt; und wenn du so in den Häusern herumkommst, kannst du schon viel sehen und kannst auch auf dem Heimweg ein Ber- nerwägeleiu kaufen. — Der Dominik in Endringen soll ja noch drei Töchter haben wie die Orgelpfeifen, such' dir Eine aus, aus dem Haus wäre uns eine Tochter recht." „Ja," ergänzte die Mutter „das Ameile hat gewiß brave Töchter." „Und besser wär's," fuhr der Vater fort, „du sichst dir einmal in Siebenhöfeu die Amrei an, des Schmalzgrafen Tochter, die hat eineü ganzen Hof, den könnte man gut 168 verkaufen, die Siebenhöfener Bauern, die schlecken die Finger darnach, wenn sie nur noch Accker kriegen könnten, und da ist baar Geld, da giebt's keine Zieler; aber ich red' dir weiter nichts zu, du hast ja deine Angen selber bei dir. Komm', mach' dich gleich auf den Weg. Ich füll' dir die Gcldgnrte voll. Zweihundert Kronenthaler werden genug sein, und der Dominik leiht dir, wenn du mehr brauchst. Gieb Dich nur zu erkennen. Ich kann's noch nicht verstehen, daß du dich damals auf der Hochzeit nicht zu erkennen gegeben hast; es muß dir was geschehen sein, aber ich will nichts wissen." „Ja, weil er's nicht sagt," ergänzte die Mutter lächelnd. Der Bauer machte sich nun gleich daran, die Geldgurte zu füllen. Er brach zwei gestößelte Rollen auf und man sah es ihm an', es that ihm wohl, wie er so die grobe Münze von der einen Hand in die andere laufen ließ. Er machte Häufchen von je zehn Thalern und zählte sie zwei-, dreimal ab, um sich ja nicht zu irren. „Nun meinetwegen," sagte der junge Mann und richtete sich auf. — Es ist der fremde Tänzer, den wi'r bei der Hochzeit in Endringen kennen gelernt. Bald bringt er den gesattelten Schimmel aus dem Stall, schnallt noch den Mantelsack darauf und ein schöner Wolfshund springt dabei an ihm empor nnd leckt ihm die Hände. „Ja, ja, ich nehm' dich mit," sagte der Bursche zu dem Hunde und erschien zum erstenmale im ganzen Gesicht freundlich und er rief zum Vater hinein in die Stube: „Vater, darf ich den Lux mitnchmen?" „Ja, wie du willst," lautete von drinnen die Antwort ans dem Klingen der Thaler heraus. Der Hund 169 schien Hin- und Widerrede verstanden zu haben, i Er sprang bellend und sich iin Kreise drehend im Hofe umher. Der Bursche ging hinein in die Stube und indem er sich die Geldgurte umschnallte sagte er: „Ihr habt Recht Vater, cs wird mir jetzt schon wohler, weil ich jetzt aus dem so Hinleben mich herausmache, und ich weiß nicht, man soll freilich keinen Aberglauben haben, aber es hat mir doch wohlgcthan, daß der Schimmel sich nach mir wendet wie ich in den Stall komme und wiehert, daß der Hund so auch mit will; es ist doch ein gutes Zeichen, und wenn man die Thicre befragen könnte, wer weiß, ob die Einem nicht den besten Rath geben könnten." Die Mutter lächelte, aber der Vater sagte: „Vergiß nicht, daß du dich an den Krappcnzacher hältst und geh' nicht voran und bind' dich nicht ehe du ihn befragt hast; der kennt das Inwendige aller Menschen ans zehn Stunden Wegs im Umkreis und ist ein lebendiges Hhpothcken- bnch. Jetzt behüt' dich Gott und laß dir Zeit, du kannst auf zehn Tage ausbleiben." Vater und Sohn schüttelten sich die Hände und die Mutter sagte: „Ich geb' dir noch ein Stück das Geleite." Der Bursche führte nun das Pferd am Zügel und ging neben der Mutter her, still bis hinaus vor den Hof und erst bei einer Biegung des Weges sagte die Mutter zagend: „Ich möchte dir gern Anweisungen geben." „Ja, ja, nur zu, ich höre gern drauf." Nun begann die Mutter indem sie die Hand des Sohnes faßte: „Bleib stehen, ich kann im Gehen nicht gut reden. — Schau, daß sie dir gefällt, das ist natürlich 170 das Erste; ohne Lieb' ist keine Freud', und ich bin nun eine alte Frau, gelt ich darf Alles sagen?" „Ja, ja!" „Wenn du dich nicht darauf freust und es nicht wie ein Gnadengeschenk vom Himmel ansiehst, daß du ihr einen Kuß geben darfst, da ist's die rechte Liebe nicht, aber .. . bleib doch stehen . . . und auch diese Liebe reicht noch nicht aus, da kann sich noch etwas anderes dahinter verstecken. Glaub mir..Die alte Frau hielt stotternd inne und wurde flammroth im Gesichte. „Schau, wo der rechte Respekt nicht ist, und wo man nicht Freud daran hat, daß eine Frau grad so eine Sache in die Hand nimmt und grad so wegstellt und nicht anders, da geht's schwer; und vor Allem achte darauf, wie sic sich zu den Dienstboten stellt." „Ich will Euch immer abnehmen und in klein Geld wechseln, was Ihr meinet, Mutter; das Sprechen wird Euch schwer. Jetzt das verstehe ich schon. Sie darf nicht zu stolz und nicht zu vertraut sein." „Das freilich, aber ich seh's einer am Mund an, ob der Mund schon geflucht und geschimpft und gescholten hat, und ob er's gern thnt. Ja, wenn du sie im Aer- ger weinen sehen, wenn du sie im Zorn ertappen könntest, da wäre sie am besten kennen zu lernen; da springt der versteckte inwendige Mensch heraus und das ist oft einer mit Gcierkrallen wie ein Teufel. O Kind! Ich Hab' viel erfahren und ins Aug' gefaßt. Ich seh' daran, wie eine das Licht auslöscht, wie's in ihr aussieht und was sie für ein Gemüth hat. Die so im Vorbeigehen mit einem Hui das Licht ausbläst, mag's fünkeln und blaken, das ist eine, die sich auf ihr schnelles Schaffen 171 was einbildet und sie thut doch Alles nur halb und hat keine Ruhe im Gemnth." „Ja, Mutter, das machet Ihr mir zu schwer; eine Lotterie ist und bleibt es immer." „Ja, ja, du brauchst auch nicht Alles zu behalten, was ich mein', nur so obenhin, wenn dir's nachher vorkommt, wirst schon finden, wie ich's gemeint habe, und dann paß auf: ob sic gut beim Arbeiten redet, ob sie etwas in die Hand nimmt, wenn sie mit dir spricht, und nicht allemal still hält, wenn sie ein Wort sagt, und nicht eine Scheinarbeit thut. Ich sage dir, Arbeitsamkeit ist bei einer Frau Alles. Meiner Mutter Red' ist immer gewesen: ein Mädchen darf nie mit leeren Händen gehen und muß über drei Zäune springen, um ein Feder- chcn aufzulesen. Und dabei muß sie doch beim Schaffen ruhig und stetig sein, nicht so um sich rasen und aufbe- gehreu, als wolle sie jetzt grad' ein Stück von der Welt herunter reißen. Und wenn sie dir Red' und Antwort gibt, merk' auf, ob sie nicht zu blöd' und nicht zu keck ist. Du glaubst gar nicht, die Mädchen sind ganz anders, wenn sie einen Mannshut sehen, als wenn sie unter sich sind, und die wo immer gar so thun, als ob sie bei jedem sagen wollten: friß mich nicht! das sind die schlimmsten, aber die so ein gewetztes Mundstück haben und die meinen, wenn Jemand in der Stube sei, dürfe das Maul gar nicht still stehen, die sind noch ärger." Der Bursche lachte und sagte: „Mutter, Ihr solltet einmal predigen gehen in der Welt herum und Kirche halten für die Mädchen allein." „Ja, das könnte ich auch," sagte die Mutter eben» falls lachend, „aber ich bringe das Letzte zuerst vor. Natürlich, daß du zuerst drauf siehst, wie sie zu Elteru und Geschwistern steht; du bist ja selber ein gutes Kind, da brauch' ich dir nichts zu sagen. Das vierte Gebot kennst du." „Ja, Mutter, da seid ruhig und da habe ich mein besonderes Merkzeichen: die viel Wesens von der Elternliebe machen, da ist's nichts; das zeigt sich am besten wie man thnt; und wer viel davon schwätzt, ist müd und matt, wenn's an's Thun geht." „Du bist ja gescheit," sagte die Mutter in spöttischer Glückseligkeit, legte die Hand auf die Brust und schaute zu ihrem Sohne auf: „Soll ich dir noch mehr sagen?" „Ja, ich hör' Euch immer gern." „Mir ist, wie wenn ich heut' zum erstenmale so recht mit dir reden könnte, und wenn ich sterbe, so habe ich nichts mehr hinter mir was ich vergessen habe. Das vierte Gebot! ja, da fällt mir ein was mein Vater einmal gesagt hat. O, der hat Alles verstanden und viel in Schriften gelesen und ich habe einmal zugehört wie er zum Pfarrer, der oft bei ihm war, gesagt hat: Ich weiß den Grund warum beim vierten Gebot allein eine Belohnung ansgesetzt ist, und man meint doch da wäre cs grad am unnöthigstcn, denn das ist ja das natürlichste, aber es heißt: Ehre Vater und Mutter damit du lange lebest! . . damit ist nicht gemeint, daß ein braves Kind siebzig oder achtzig Jahr alt wird; nein, wer Vater und Mutter ehrt, lebt lange, aber rückwärts. Er hat das Leben von seinen Eltern in sich, in der Erinnerung, in Gedanken, und das kann ihm nicht genommen werden und er lebt lange ans Erden wie alt er auch sei. Und wer Vater und Mutter nicht ehrt, der ist erst heut auf die Welt gekommen und morgen nicht mehr da." 173 „Mutter, das ist ein gutes Wort, das verstehe ich und werde es auch nicht vergessen nnd meine Kinder sollend auch lernen; aber je mehr Ihr so redet, je schwerer wird mir's, daß ich Eine finde; ich meine sie müßte so sein wie Ihr." „O Kind, sei nicht so einfältig! Mit neunzehn, zwanzig Jahren bin ich auch noch ganz anders gewesen, wild und eigenwillig, und auch jetzt bin ich noch nicht wie ich sein möchte! Aber was ich dir noch sagen wollte? ja, von wegen der Frau. Es ist wunderlich, warum es gerade dir so schwer wird. Aber dir ist von Klein auf Alles schwerer geworden, du hast erst mit zwei Jahren laufen gelernt und kannst doch jetzt springen wie ein Füllen. Nur noch ein paar Kleinigkeiten, aber da kennt man oft Großes drauS. Merk' auf, wie sie lacht; nicht so pflat- schig zum Ausschütten, und nicht so spitzig zum Schnä- belchen machen, nein, so von innen heraus, ich wollt', du wüßtest wie du lachst, dann könntest du's schon abmerken." Der Sohn mußte hierbei laut auflachcn und die Akut- ' tcr sagte immer: „ja, ja, so ist's, so hat gerad mein Vater auch gelacht, so hat's ihm den Buckel geschüttelt und die Achseln gehoben." Und je mehr die Mutter das sagte, um so mehr mußte der Sohn lachen und sie stimmte endlich selbst mit ein und so oft das Eine aufhörte, steckte das fortgesetzte Lachen des Andern es wieder an. Sic setzten sich an einen Wegrain, ließen das Pferd grasen und indem die Mutter ein Maasliebchen abpflückte und damit in der Hand spielte, sagte sie: „Ja das ist auch was, das hat viel zu bedeuten. Gib Acht, ob ihr Blumen gedeihen, da steckt viel drin, mehr als man glaubt." Man hörte in der Ferne Mädchen singen und die 174 Mutter sagte: „ Merk auch auf, ob sie beim Singen gern gleich die zweite Stimme singt; die wo gern immer den Ton angeben, das hat etwas zu bedeuten; und schau! da kommen Schulkinder, die sagen mir auch was. Wenn du's erkundschaften kannst, ob sie ihr Schreibbuch aus der Schule noch hat, das ist auch wichtig." „Ja, Mutter, Ihr nehmt noch die ganze Welt zum Wahrzeichen. Was soll denn das jetzt zu bedeuten haben, ob sie ihr Schreibbuch noch hat?" „Daß du noch fragst, das zeigt, daß du noch nicht ganz gescheit bist. Ein Mädchen, das nicht gern alles anfbewahrt, was einmal gegolten hat, das hat kein rechtes Herz." Der Sohn hatte während des Redens versucht, die Treibschnur an der Peitsche, die sich verknotet hatte, aufzuknüpfen; jetzt holte er das Messer aus der Tasche und schnitt den Knoten entzwei. Mit dem Finger darauf hin- dentend, sagte die Mutter: „Sichst du? das darfst Du thun, aber das Mädchen nicht. Gieb Acht, ob sie einen Knoten schnell zerschneidet; da liegt ein Geheimniß drin." „Das kann ich errathen," sagte der Sohn. „Aber Euer Schuhbändel ist Euch aufgegangen und wir müssen jetzt fort." „Ja, und du bringst mich damit noch auf was," sagte die Mutter. „Schau, das ist noch eins der besten Zeichen : gieb Acht, wie sie die Schuhe vertritt, nach innen oder nach außen, und ob sie schlürkt und viel Schuhwerk zerreißt." „Da müßte ich zum Schuhmacher laufen," sagte der Sohn lächelnd, „o Mutter, Alles das, was Ihr sagt, das findet man nicht bei einander." 175 „Ja, ja, ich red' zu viel und du brauchst ja nicht Alles behalten, es soll dich nur daran erinnern, wenn's dir vorkommt. Ich meine nur: nicht was eine hat oder erbt ist die Hauptsache, sondern was eine braucht. Jetzt aber, du weißt, ich habe dich ruhig gehen lassen, jetzt mach' mir dein Herz auf und sag': Was ist dir denn geschehen, daß du voriges Jahr von der Hochzeit in Endringen heim gekommen bist wie behext und seitdem nicht mehr der alte Bursch bist von ehedem? Sag's vielleicht kann ich dir helfen." „O Mutter, das könnet ihr nicht, aber ich will's Euch sagen. Ich Hab' Eine gesehen, die die Rechte gewesen wäre, aber es ist die Unrechte gewesen." „Um GotteSwillen! Du hast dich doch nicht in eine Ehefrau verliebt?" „Nein, es ist aber doch die Unrechte gewesen. Was soll ich da viel drum herum reden? Es war eine Magd." Der Sohn athmete tief auf und Mutter und Sohn schwiegen eine geraume Weile; endlich legte die Mutter die Hand auf seine Schulter und sagte: „O du bist brav, ich danke Gott, daß er dich so hat werden lassen. Das hast du brav gemacht, daß du dir das aus dem Sinn geschlagen hast. Dein Bater hätt' das nie zugegeben und du weißt ja was Vatersegen zu bedeuten hat." „Nein, Mutter, ich will mich nicht braver machen als ich bin; es hat mir selber ganz allein nicht gefallen, daß sie eine Magd ist; das geht nicht und drum bin ich fort. Aber cs ist mir doch härter geworden, mir das aus dem Sinn zu bringen als ich geglaubt habe, aber jetzt ist's vorbei, und es muß vorbei sein, ich habe mir das Wort gegeben, daß ich mich nicht nach ihr erkundige, Niemand 176 frage wo sie ist und wer sic ist, ich bringe Euch, will's Gott, eine rechte Bauerntochter." „Tn hast doch den Rechtschaffenen an dem Mädchen gemacht und hast ihm nicht den Kopf verwirrt?" „Mutter, da, meine Hand, ich habe mir nichts vor- znwerfev." „Ich glaube dir," sagte die Mutter, und drückte mehrmals seine Hand, „und Glück und Segen auf den Weg." Der Sohn stieg auf und die Mutter sah ihm nach und jetzt rief sie: „Halt', ich muß dir noch was sagen, ich habe das Beste vergessen." Der Sohn wendete das Pferd und bei der Mutter angekommen, sagte er lächelnd: „Aber nicht wahr, Mutter, das ist das Letzte?" „ Ja, uud die beste Probe. Frage das Mädchen auch nach den Armen im Ort und dann lauf' herum und horch die Armen aus was sie über sie reden. Das muß eine schlechte Bauerntochter sein, die nicht ein Armes an der Hand hat, dem sie Gutes thut. Merk' dir das, und jetzt behüt' dich Gott und reit' scharf zu." Und wie er nun davonritt sprach die Mutter noch ein Gebet auf seinen Weg, dann kehrte sie zurück nach dem Hof. „Ich hält' ihm doch noch sagen sollen, daß er sich auch nach des Josenhanscn Kindern erkundigen soll, was ans denen geworden ist," sagte die Mutter in seltsamer Erregung vor sich hin, und wer weiß die verborgenen Wege, die die Seele geht, die Strömungen die hinziehen über unserer erkennbaren Schicht oder tief unter ihr? Es erwacht eine längst verklungene Lied- und Tauzwcise in deiner Erinnerung, du kannst sie nicht laut singen, du bringst die Töne nicht zusammen, aber innerlich bewegt es sich dir ganz deutlich und es ist dir als ob du es hörtest. Was ist's, das plötzlich diese verklungenen Töne in dir erweckte? Warum dachte jetzt die Mutter an diese Kinder, die schon längst aus ihrem Gedächtnis geschwunden waren? War die andächtige Stimmung von jetzt wie eine Erinnerung an eine andere längst verklungene und erweckte sie damit die begleitenden Umstände derselben? Wer kann die unwägbaren und unsichtbaren Elemente fassen, die hin und her von Mensch zu Mensch von Erinnerung zu Erinnerung schweben und schwingen! Als die Mutter in den Hof zurückkam zu dem Bauer, sagte dieser spöttisch: „Du hast ihm gewiß noch viel Unterweisung gegeben, wie man die beste fischt; ich habe auch dafür vorgesorgt, ich habe voraus an den Krappenzacher geschrieben, der wird ihn schon in die rechten Häuser bringen. Er muß eine bringen, die brav Batzen hat." „Das Batzenhaben macht die Bravheit nicht aus," entgegnete die Mutter. „So gescheit bin ich auch," höhnte der Bauer, „aber warum soll eine nicht brav sein können und doch auch brav Batzen haben?" Die Mutter schwieg. Nach einer Weile aber sagte sie: „An den Krappenzacher hast ihn gewiesen? Beim Krappenzacher ist der Bub vom Josenhans untergebracht gewesen." So knüpfte sie jetzt durch den Namen laut an ihre frühere Erinnerung an, und jetzt erst wurde sie sich bewußt, wessen sie sich erinnert hatte, und kam später bei nachfolgenden Ereignissen, die sich uns bald auf- thun werden, noch oft darauf zurück. Auerbach. Varfüßelc 12 178 „Ich weiß nicht, was du redest," sagte der Bauer, „was hast du mit dem Kind? Warum sagst du jetzt nicht, daß ich das gescheit gemacht habe?" „Ja, ja, das ist gescheit," bestätigte die Frau, aber dem Alten genügte das nachträgliche Lob nicht, und er ging brummend hinaus. Ein gewisses ärgerliches Bangen, daß es doch mit dem Johannes schief gehen könne, und daß man sich vielleicht zu sehr übereilt habe, machte den Alten für die Gegenwart und Alles was ihn umgab unwirsch. 14. Der Schimmelrciter. Am Abend desselben Tages, an dem Johannes aus- gerittcn war von Znsmarshofen, kam der Krappenzacher ins Hans des Rodelbauern und saß mit diesem lange im Hintcrstübchen und las ihm leise einen Brief vor. „Hundert Kronenthaler mußt du mir geben, wenn die Sache ins Reine kommt, und das will ich schriftlich," sagte der Krappenzacher. „Ich meine, fünfzig Kronenthaler wären auch genug, das ist ein schön Stück Geld." „Nein, keinen rothen Heller weniger als runde Hundert, und ich schenke dir dabei noch gut und gern hundert, aber ich gönne es dir und deiner Schwester, und thue gern einem im Ort einen Gefallen. Ich bekäme in Endringen und in Siebenhöfen gut und gern das Doppelte. Deine Rosel ist eine rechte Banerntochter, da kann man nichts dagegen sagen, aber was Besonderes ist sie nicht, da kann man fragen: was kostet das Dutzend von denen?" „Sei still, das leid' ich nicht." „Ja, ja, will still sein, und dich nicht im Schreiben verwirren. Jetzt schreib' gleich." Der Rodelbauer mußte dem Krappcnzacher willfahren und als er geschrieben hatte, sagte er: 180 „Wie meinst, soll ich meiner Nosel etwas davon sagen?" „Freilich mußt du das, aber sie soll sich nichts merken lassen, und auch Niemand im Ort; das verträgt das Schnaufen nicht, und ein Jedes hat seine Feinde, du und deine Schwester auch. Kannst mir's glauben. Sag' der Rosel, sie soll sich alltagsmäßig anziehen, und die Kühe melken, wenn er kommt. Ich lasse ihn allein zu dir ins Haus, hast ja gelesen, daß der Landfricdbauer schreibt, er habe seinen eignen Kopf, und liefe gleich davon, wenn er merke, daß da etwas angelegt sei. Mußt aber noch schnell heut' Abend hinüberschicken nach Lauterbach, und dir den Schimmel von deinem Schwager holen lassen; ich will den Freier dann schon durch einen Unterhändler nach einem Gaul zu dir schicken. Lass' du dir auch nichts merken." Der Krappenzacher ging weg und der Nodelbauer rief seine Schwester und seine Frau ins Hinterstübchen und theilte ihnen unter Angelobung der Geheimhaltung mit, daß morgen ein Freier für die Rosel käme, und zwar ein Mensch wie ein Prinz, der einen Hof habe, wie es keinen zweiten gebe, mit Einem Wort, des Landfriedbauern Johannes von ZuSmarshofen. Er gab nun die weiteren Anordnungen, wie sie der Krappenzacher bestimmt hatte, und empfahl das strengste Geheimhalten. Nach dem Nachtessen konnte sich indeß Nosel nicht enthalten, das Barfüßele zu fragen, ob sie, wenn sic heirathe, gern mit ihr ginge als Magd, sie gäbe ihr doppelt mehr Lohn als sie jetzt habe, und sie brauche dann auch nicht über den Rhein in eine Fabrik. Barfüßele gab ausweichende Antwort, denn sie war nicht geneigt mit der Nosel zu gehen und wußte, daß diese bei ihrem Anträge noch andere Absicktcn hatte: sie wollte zuerst ihren Triumph anbringen, daß sie einen Mann kriege, und was für einen, und dann sollte Barfüßele ihr das Hauswesen in Stand halten, um das sie sich bisher fast gar nichts bekümmert hatte. Das hätte nun Barfüßele gern gethan für eine ihr zugeneigte Herrin, aber nicht für Nosel, und sollte sie einmal von ihrer jetzigen Meisterin fort, dann wollte sie nicht mehr in Dienst, dann lieber für sich, sei es auch in der Fabrik mit ihrem Bruder. Und noch als sich Barfüßele zu Bette legen wollte, rief sie die Meisterin, und vertraute ihr das Geheimniß mit dem Hinzufügen: „Du hast zwar immer Geduld gehabt mit der Nosel, jetzt aber Hab' doppelte, so lange der Freier da ist, daß es keinen Lärm im Hause gibt." „Ja, ich finde es aber schlecht, daß sie jetzt das einzige Mal die Kühe melken will; das heißt ja den guten Menschen betrügen, und sie kann ja gar nicht melken." „Du und ich wir können die Welt nicht ändern," sagte die Meisterin, „ich mein', du hast für dich allein schwer genug; laß du Andre treiben was sie wollen." Barfüßele legte sich mit dem schweren Gedanken nieder, wie doch die Menschen sich gar kein Gewissen daraus machen, einander zu betrügen. Sie wußte zwar nicht, wer der Betrogene sein würde; aber sie hatte tiefes Mitleid mit dem armen jungen Mann und schwarz wurde es ihr vor den Augen als sie denken mußte: Wer weiß, vielleicht wird die Nosel mit ihm ebenso angeführt als er mit ihr. Am Morgen alp Barfüßele in aller Frühe zum Fenster hinaus sah, schrak sie plötzlich zurück als wäre ihr 182 ein Schuß an die Stirne gefahren. „Himmel was ist denn das?" Sie rieb sich hastig die Augen und riß sic wieder auf und fragte sich, ob sie noch träume. „Das ist ja der Schimmelreiter von der Endringer Hochzeit, er kommt daher ins Dorf, er holt dich, nein, er weiß nichts; aber er soll's wissen. Nein, nein, was willst du? Er kommt näher, immer näher, er schaut nicht auf.. . Eine doppelt aufgeblühte Nelke fällt von der Hand Barfüßeles über dem Fensterbrett auf ihn nieder, sie trifft den Mau- tclsack seines Pferdes, aber er sieht sie nicht, und sie fällt auf die Straße und Barfüßele eilt hinab und nimmt das verrätherische Zeichen wieder zu sich und jetzt geht cs ihr auf wie ein neuer fürchterlicher Tag: das ist ja der Freier der Rosel, der ist's, den sie gemeint hat am gestrigen Abend. Sie hatte ihn nicht genannt, aber es kann kein Anderer sein, Keiner, und der soll betrogen werden? Im Schuppen auf dem grünen Klee, den sie den Kühen auf- steckcn wollte, kniete Barfüßele und betete inbrünstig zu Gott, daß er ihn davor bewahren möge, daß er die Rosel bekäme. Daß er ihr eigen werden sollte —- sic wagte es nicht sich dem Gedanken hinzugeben und nicht ihn zu verscheuchen. Kaum hatte sie gemolken als sie zur schwarzen Marann' hinüber eilte; sie wollte sie fragen, was sie thun solle; die schwarze Marann' lag schwer krank, sie war fast taub geworden und verstand kaum mehr zusammenhängende Worte, und Barfüßele wagte es nicht, das Ge- heimuiß, das ihr halb anvertraut worden und das sic halb errathen hatte, so laut zu schreien, daß cs die schwarze Marann' verstehen konnte. Es konnten Leute von der Straße es hören. Sie kehrte wieder rathlos nach Hause zurück. Barfüßelc mußte ins Feld und den ganzen Tag draußen bleiben beim Einpflanzen der Rübensetzlinge. Bei jedem Schritte fast zögerte sie und wollte zurück und dem Fremden Alles sagen, aber das Gebot der Unter- thänigkeit eben so sehr als eine besondere Betrachtung drängte sie fort zu ihrer angewiesenen Pflicht. Wenn er so einfältig und unbesonnen ist, daß er so fahrlässig hineinrennt, dann ist ihm nicht zu helfen, dann verdient er's nicht besser und —- versprochen ist ja noch nicht geheirathet, tröstete sie sich zuletzt; aber sie war doch den ganzen Tag voll Unruhe, und als sie Abends heimgekehrt die Kühe melkte und Rosel mit dem vollen Kübel an einer ansgemolkenen Kuh saß und hell sang, da hörte sie den Fremden mit dem Bauer im benachbarten Pferdestall. Es handelte sich um einen Schimmel. Aber woher kam denn der Schimmel in den Stall? sie hatten ja bisher keinen? Jetzt fragte der Fremde: „Wer ist das, das daneben singt?" „Das ist meine Schwester," sagte der Bauer und auf dieses Wort hin fiel Barfüßele ein und sang die zweite Stimme so mächtig, so trotzig, daß sie ihn zwingen wollte, daß er auch fragen müsse, wer denn drüben das sei; aber das Singen hatte den Uebelstand, daß man dadurch nicht hören konnte, ob er denn wirklich gefragt habe. Und als Rosel mit dem vollen Kübel über den Hof ging, wo eben jetzt der Schimmel vorgeführt und beschaut wurde, sagte der Bauer: „Da, die da, das ist meine Schwester. Rosel! Stell ab und richt' was zum Nachtessen, wir haben einen Verwandten zum Gast, ich will ihn schon hinaufbringen." „Und die Kleine da hat wol die zweite Stimme 18 L gesungen?' fragte der Fremde. „Ist das auch eine Schwester?" „Nein, das ist so halb und halb ein angenommenes Kind; mein Vater ist sein Pfleger gewesen." Der Bauer wußte recht Wohl, daß solche Mildthätig- keit ein schöner Ruhm eines Hauses sei und darum hatte er cs vermieden, Barfüßele gradaus Magd zu nennen. Barfüßele war aber innerlichst froh, daß der Fremde nun doch von ihr wußte. Wenn er gescheit ist, muß er sich bei mir nach der Nosel erkundigen, berechnete sie richtig, und dann war die Anknüpfung gegeben, und er war wenigstens vor Unglück bewahrt. Rosel trug das Essen auf, und der Fremde war gar erstaunt, daß so schnell eine so schöne Gasterei hergerichtet sei; er konnte nicht wissen, daß Alles vorbereitet war, und Rosel entschuldigte, daß er einstweilen fürlieb nehmen sollte mit der geringen Aufwartung, er sei's gewiß zu Hause besser gewohnt. Sie rechnete nicht ohne Klugheit, daß das Hervorhebcn eines weltbekannten Ruhmes Jedem wohlthue. Barfüßele mußte heute in der Küche bleiben und Rosel alles in die Hand geben und immer und immer bat sie: „So sag' mir doch um Gotteswillen, wer ist's denn? Wie heißt er denn?" Aber Nosel gab keine Antwort, und die Meisterin löste endlich das Gehcimniß, indem sie erklärte: „Jetzt kannst du's schon sagen, es ist des Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen. Nicht wahr, Amrei, du hast noch ein Andenken von seiner Mutter?" „Ja, ja," sagte Barfüßele, und sie mußte sich auf den Herd niedersetzcn, so war es ihr in die Kniee gefahren. Wie wunderbar war das Alles! Also der Sohn 185 ihrer ersten Wohlthäteriu ist es. „Nun muß ihm geholfen werden, und wenn das ganze Dorf mich steinigt, ich leid's nicht!" sprach sie in sich hinein. Der Fremde ging fort, man gab ihm das Geleite, aber noch auf der Treppe kehrte er wieder um und sagte: „Meine Pfeife ist mir ausgegangen, und ich zünd' mir sie am liebsten mit einer Kohle an." Er wollte offenbar mustern, wie es in der Küche aussähc. Die Nosel drängte sich vor ihm herein, und reichte ihm mit einer Zange eine Kohle, sie stand gerade vor Barfüßele, das hinten an der Esse auf dem Herd saß. Und noch spät in der Nacht, als Alles im Hause schon schlief, verließ Barfüßele dasselbe und rannte im Dorfe hin und her. Sie sucht Jemanden, dem sie es sagen könnte, damit er den Johannes warne, aber sie weiß Niemand. Halt, da wohnt der Heiligenpfleger, der ist ein Feind des Nodclbauern, und der weiß alles geschmälzt anzubringen; aber . . zu einem Feinde deines Meisters gehst du nicht, und überhaupt zu Keinem hier. Hast schon Feinde genug von der Gemeiuderathssitzung her wegen des Dann. Ja, der Dami, der kann's. Warum nicht? Ein Mann kann eher davon reden, was kann man ihm Hinterhältiges zutrauen? Und der Johannes, ja, so heißt er, er wird ihm das nicht vergessen, ja, und dann hat der Dami einen Annehmer, und was für einen! So einen Mann! So eine Familie! Da kann's ihni nicht mehr fehlen. Nein, der Dami darf sich nicht ins Dorf wagen. O lieber Gott, er ist ja ausgewiesen! Aber der Kohlenmathes, der könnte es, und vielleicht doch der Dami. Hin und her wie ein Irrlicht schweifte ihr Denken, nnd sie selber irrte durch die Feldwege, ohne zu wissen 186 wohin, und es war ihr heute so schreckhaft, wie das immer ist, wenn man nichts weis; von der Welt und in Gedanken so dahin geht; sie erschrak vor jedem Tone, die Frösche im Weiher krächzten so fürchterlich, und die Schnarren in den Wiesen so heimtückisch, die Bäume stehen so schwarz in die Nacht hinein. Es hat heute gegen Endringen zu gewittert. Der Himmel ist von fliegenden Wolken überzogen, nur manchmal blinkt ein Stern hervor. Barfüßele eilt durch das Feld in den Wald, sie will doch zum Dami, sie muß sich wenigstens mit einem Menschen davon ausreden. Wie ist es im Wald so dunkel! Was ist das für ein Vogel, der jetzt in der Nacht zwitschert, fast wie eine Amsel, wenn sie am Abend heimfliegt, und „ich komm' komm' komm'; komm'schon, komm' schon!" lautet der Klang? Und jetzt schlägt die Nachtigall, so ohne Athcmholen, so von innen heraus, quellend, sprudelnd, leise rieselnd, wie ein Waldquell, der ans dem Innersten der Erde gespeist wird. Mehr hin und her schlängelten sich nicht die Wurzeln auf dem Waldwege, als die Gedanken Barfüßeles durcheinander liefen. „Nein, der Plan ist nichts! Geh nur wieder heim," sagte sie sich endlich, und kehrte um, aber noch lange wanderte sie in den Feldern umher, sie glaubte nicht mehr an Irrlichter, aber heute war es doch, als ob sie eines hin- und hcrführte, und heute zum crstemnale spürte sic auch, daß sie im Nachtthau so lange barfuß umherging, und dabei brannten ihr die Wangen. In Schweiß gebadet kam sie endlich heim in ihre Kammer. 15. Gebannt und erlöst. Am Morgen als Barfüßele erwachte, lag das Halsgeschmeide, das sie einst von der Landsriedbäuerin erhalten, ans ihrem Bette; sie mußte sich lange besinnen, bis sic sich erinnerte, daß sie dasselbe noch gestern Abend herausgenommen und lange betrachtet hatte. Als sie sich aufrichten wollte, waren ihr alle Glieder wie zerschlagen und die Hände mühsam ineinander klammernd jammerte sie: „Um Gotteswillen nur jetzt nicht krank sein! Ich habe keine Zeit dazu, ich kann jetzt nicht." Wie im Zorn gegen ihren Körper, ihn mit der Willenskraft gewaltsam bezwingend, stand sie auf, aber wie erschrak sie, als sie jetzt sich in dem kleinen Spiegel betrachtete. Ihr ganzes Gesicht war geschwollen. „Das ist die Strafe, weil du gestern Nacht noch so herum gelaufen bist und hast fremde Menschen und auch böse zu Hülfe rufen wollen." Sie schlug sich wie zur Züchtigung ins schmerzende Gesicht, nun aber verband sie sich über und über und ging an ihre Arbeit. Als die Meisterin sie sah, wollte sie, daß sie sich zu Bette lege, aber die Rosel schimpfte, das sei eine Bosheit des Barfüßele, daß sie jetzt krank sein wolle, sie habe das zum Possen gethan, weil sie wisse, daß man 188 sie jetzt nöthig habe. Barfüßele war still und als sie im Schuppen war und Klee in die Raufe steckte, da sagte eine Helle Stimme: „Guten Morgen! Schon fleißig?" Es war seine Stimme. „Nur ein bisle," antwortete Barfüßele und biß dann die Zähne über einander, vor Allem über den neidischen Teufel, der sie so verhext und entstellt hatte, daß er sie unmöglich erkennen konnte. Sollte sie sich jetzt zu erkennen geben? Man muß es abwartcn. Während sie nun molk, fragte Johannes Allerlei. Zuerst über das Milchergebniß der Kühe und ob man verkaufe und wie, und wer buttere und ob vielleicht eines im Hanse Buch darüber führe. Barfüßele zitterte, es war jetzt in ihrer Hand, ihre Nebenbuhlerin zu beseitigen, indem sie zeigte wie sie war; aber wie seltsam zusammengesponnen sind die Fäden alles Thuns! Sie schämte sich vor Allem, über ihre Meistersleute schlecht zu sprechen, obgleich sie nur eigentlich die Rosel getroffen hätte, denn die Anderen waren brav, aber sie wußte, daß es auch einen Dienstboten schändet, wenn er das innere Wesen des Hauses zur Schande preisgiebt und sie sicherte sich daher, indem sie zuerst sagte: das stehe einem Dienstboten nicht wohl an, seine Mcisters- leute zu beurtheileu; „und gutherzig sind sie Alle," setzte sie in innerem Gerechtigkeitssinn hinzu, denn in der That war dies auch Rosel trotz ihres heftigen und herrischen Wesens. Jetzt siel ihr was Gutes ein. Sagte sie gleich wie die Rosel sei, so reiste er schnell wieder ab, er war dann freilich von der Rosel los, aber er war dann auch fort, und mit kluger Rede sagte sie daher: „Ihr scheint mir bedachtsam, wie auch Eure Eltern den Namen dafür haben. Ihr wisset aber, daß man kein Stückle Vieh in Einem Tag recht kennt; so mein' ich, Ihr solltet ein bischen hier bleiben und nachher können auch wir Zwei einander besser kennen lernen und da wird dann schon ein Wort das andre geben, und wenn ich Euch dienstlich sein kann, an mir soll's nicht fehlen. Ich weiß zwar nicht, warum Ihr so viel ausfraget. .." „O du bist ein Schelm, aber du gefällst mir," sagte Johannes. Barfüßele zuckte zusammen, so daß die Kuh vor ihr zurückwich und sie fast den Melkkübel verschüttete. „Und du sollst auch ein gutes Trinkgeld haben," setzte Johannes hinzu und ließ einen Thaler, den er schon in der Hand gehabt, wieder in die Tasche fallen. „Ich will Euch noch 'was sagen," begann Barfüßele nochmals, als sic sich zu einer andern Kuh begab. „Der Heiligenpfleger ist ein Feind von meinem Meister, daß Ihr das ja wisset, wenn er sich an Euch anklammern will." „Ja, ja, ich seh' schon, mit dir kann man reden; aber du hast ja ein geschwollenes Gesicht, den Kops verbinden, das hilft dir nichts, wenn du so barfuß gehst." „Ich bin's so gewohnt," sagte Barfüßele, „aber ich will Euch folgen. Ich danke." Man hörte oben Schritte sich nahen. „Wir reden schon noch mehr mit einander," schloß der Bursche und ging davon. „Ich danke dir, dicker Backen!" sagte Barfüßele hinter ihm drein und hätschelte sich die geschwollene Wange, „du bist gescheit gewesen; durch dich kann ich ja mit ihm reden, wie wenn ich nicht da wäre, unter der Larve wie der Fastnachtshansel. Juchhe! das ist lustig." Ivo Wunderbar war's, wie diese innere Freudigkeit ihr körperliches Fiebern fast auflöste, nur müde war sie, unsäglich müde, und es war ihr theils lieb, theils wehe, als sie den Obcrkuecht das Bernerwägcleiu schmieren sah und hörte, daß der Meister jetzt gleich mit dem Fremden über Land fahren wolle. Sie eilte in die Küche und da hörte sie, wie in der Stube der Bauer zu Johannes sagte: „Wenn du reiten willst, Johannes, das wäre ganz geschickt; da könntest du zu mir anfs Bernerwägelein sitzen Noscl, und du Johannes reitest neben her." „Da fährt die Bäuerin aber auch mit," setzte Johannes nach einer Panse hinzu. „Ich habe ein Kind an der Brust, ich kann nicht weg," sagte die Bäuerin. „Und ich mag auch nicht so am Werktag im Land hernmfahren," ergänzte Noscl. „Oh was! Wenn so ein Vetter da ist, darfst du schon einen freien Tag machen," drängte der Bauer, denn er wollte, daß Johannes alsbald mit der Nosel beim Fnr- chenbauer ankomme, damit sich dieser keine Hoffnung mache für eine seiner Töchter; zugleich wußte er auch, daß so eine kleine Ausfahrt über Land ihr Gutes habe und die Leute rascher zusammenbringe als achttägiger Besuch im Hause. Johannes schwieg und der Bauer in seinem innern Drängen stieß ihn an und sagte halblaut: „Red' ihr doch zu; es kann sein, sie folgt dir eher und geht mit." „Ich mein'," sagte Johannes laut, „deine Schwester hat Recht, daß sie nicht so mitten in der Woche im Land herumfahren will. Ich spann' meinen Schimmel zu deinem, dann können wir auch sehen wie sie mit einander gehen 191 und zum Nachtessen sind wir wieder da, wenn nicht schon früher." Barfüßele, die das Alles hörte, biß sich auf die Lippen und konnte sich fast gar nicht halten vor Lachen über die Rede des Johannes, „ja, dachte sie vor sich hin, den habt ihr noch nicht ani Halfter geschweige denn am Zaum, der läßt sich nicht gleich in der Welt hernmführen wie versprochen, daß er nicht mehr zurückkann." Sie mußte ihr Tuch von dem Gesichte abthnn, so heiß wurde es ihr vor Freude. Das war nun ein seltsamer Tag heute im Hanse und Rosel erzählte halb ärgerlich, was für wunderliche Fragen der Johannes an sie gestellt habe, und Barfüßele jubelte innerlich, denn Alles das was er wissen wollte, und wovon sie sich recht gut abnehmen konnte, warum er es fragte, alles das war ja in ihr erfüllt. Aber was nützt das? Er kennt dich nicht, und wenn er dich auch kennt, du bist ein armes Waisenkind und in Dienst, da kann nimmer was draus werden. Er kennt dich nicht und wird dich nicht fragen. Am Abend als die beiden Männer znrückkehrtcn, hatte Barfüßele schon das Tuch um die Stirne abnehmen können, nur das um Kinn und Schläfe gebundene aber mußte sie noch behalten und breit vorziehen. Johannes schien jetzt weder Wort noch Blick für sie zu haben. Dagegen war sein Hund bei ihr in der Küche und sie gab ihm zu fressen und streichelte ihn und redete auf ihn hinein: „Ja! Wenn du ihm nur Alles sagen könntest, du würdest ihm gewiß alles treu berichten!" Der Hund legte seinen Kopf in den Schooß Barsüßeles und schaute sie mit verständnißreichen Augen an, 192 dann schüttelte er den Kopf, wie wenn er sagen wollte: es ist hart, ich kann leider Gottes nicht reden. Jetzt ging Barfüßele hinein in die Kammer und sang die Kinder, die schon lange schliefen, noch einmal ein mit allerlei Liedern, aber den Walzer, den sie einst mit Johannes getanzt, sang sic am meisten. Johannes horchte wie verwirrt darauf hin und schien abwesend in seinen Reden. Nosel ging in die Kammer und hieß Barfüßele schweigen. Noch spät in der Nacht, als Barfüßele eben für die schwarze Marann' Wasser geholt hatte und mit dem vollen Kübel ans dem Kopfe nach dem Elternhause ging, begegnete ihr eben Johannes, der sich nach dem Wirthshause begab. Mit gepreßter Stimme sagte sie: „Guten Abend!" „Ei, du bist's?" sagte Johannes, „wohin denn noch mit dem Wasser?" „Zu der schwarzen Marann'." „Wer ist denn das?" „Eine arme bettlägerige Frau." „Die Nosel hat mir ja gesagt, es gebe hier keine Armen?" „O, lieber Gott, mehr als genug; aber die Nosel hat's gewiß nur gesagt, weil sie meint, es wäre eine Schande für das Dorf. Gutmüthig ist sie, das könnt Ihr mir glauben, sie schenkt gern weg." „Du bist eine gute Vertheidigerin, aber bleib' nicht stehen mit dem schweren Kübel. Darf ich mit dir gehen?" „Warum nicht?" „Du hast Recht, du gehst einen guten Weg und da bist du behütet und vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten." 193 „Ich fürchte mich vor Niemand und am wenigsten vor Euch. Ich hab's Euch heute angesehen, daß Ihr gut seid." „Wo denn?" „Weil Ihr mir gerathen habt, wie ich das geschwollene Gesicht wegbringe; es hat mir schon geholfen, ich Hab' jetzt Schuhe an." „Das ist brav von dir, daß du folgst," sagte Johannes mit Wohlgefallen und der Hund schien das Wohlgefallen an Barfüßele zu bemerken, denn er sprang an ihr hinauf und leckte ihre freie Hand. „Komm her, Lux," befahl Johannes. „Nein, lasset ihn nur," entgegnete Barfüßele, „wir sind schon gute Freunde, er ist heute bei mir in der Küche gewesen; mich und meinen Bruder haben die Hunde alle gern." „So? du hast auch noch einen Bruder?" „Ja, und da Hab' ich Euch bitten wollen, Ihr thätet Euch einen Gotteslohn erwerben, wenn Ihr ihn als Knecht zu Euch nehmen könntet; er wird Euch gewiß sein Lebenlang treu dienen." „Wo ist denn dein Bruder?" „Da drunten im Walde, er ist vor der Hand Kohlenbrenner." „Ja, wir haben wenig Wald und gar keine Köhlerei, einen Senn' könnt' ich eher brauchen." „Ja, dazu wird er sich auch anschicken. Jetzt, da ist das Hans." „Ich warte, bis du wieder kommst," sagte Johannes, und Barfüßele ging hinein, das Wasser abzustellen das Feuer herznrichten, und der Marann' frisch zu betten. Auerbach, Barfüßele. 13 194 Als sie heraus kam, stand Johannes noch da, der Hund sprang ihr entgegen, und lange stand sie hier noch bei Johannes an dem Vogelbeerbaum, der flüsterte so still und wiegte seine Zweige, und sie sprachen über allerlei, und Johannes lobte ihre Klugheit und ihren regen Sinn, und sagte zuletzt: „Wenn du einmal deinen Platz ändern willst, du wärst die rechte Person für meine Mutter." „Das ist das größte Lob, was mir ein Mensch auf der Welt hätte sagen können," betheuerte Barfüßele, „und ich habe noch ein Andenken von ihr." Sie erzählte nun die Begebenheit aus der Kinderzeit, und Beide lachten, als Barfüßele bemerkte, wie der Dami es nicht vergessen wolle, daß die Landfriedbäuerin ihm noch ein Paar lederne Hosen schuldig sei. „Er soll sie haben," betheuerte Johannes. Sie gingen noch mit einander das Dorf hinein, und Johannes gab ihr eine Hand zur „Guten Nacht." Barfüßele wollte ihm sagen, daß er ihr schon einmal eine Hand gegeben, aber wie von dem Gedanken erschreckt, flog sie davon und hinein ins Haus. Sie gab ihm keine Antwort auf seine Gute Nacht! Johannes ging sinnend und innerlich verwirrt in seine Herberge im Auerhahn. Barfüßele aber fand am andern Morgen den dicken Backen wie weggeblasen, und lustiger trällerte es noch nie durch Haus, Hof und Stall und Scheuer, als am heutigen Tage, und heute auch sollte sich's entscheiden, heute mußte sich Johannes erklären. Der Nodelbauer wollte seine Schwester nicht länger ins Geschrei bringen, wenn's vielleicht doch nichts wäre. Fast den ganzen Tag saß Johannes drinnen in der Stube bei der Rosel, sie nähte an einem Mannshemde, und gegen Abend kamen die Schwiegereltern des Rodelbauern und andere Gefreundete. Es muß sich entscheiden. In der Küche prozelte der Braten, und das Fichtenholz knackte, und die Wangen BarfüßeleS brannten von dem Feuer auf dem Herde und von innerem Feuer angefacht. Der Krappenzacher ging ab und zu, herauf und herunter in großer Geschäftigkeit, er that im ganzen Hause wie daheim, und rauchte aus der Pfeife des Nodelbauern. „Also ist's doch entschieden!" klagte Barfüßele in sich hinein. Es war Nacht geworden, und viele Lichter brannten im Hause, Noscl ging hoch aufgepntzt zwischen Stube und Küche hin und her und wußte doch nichts anzurühren. Eine alte Frau, die ehemals als Köchin in der der Stadt gedient hatte, war mit zum Kochen angenommen worden. Es war Alles bereit. Jetzt sagte die junge Bäuerin zu Barfüßele: „Geh uauf und mach' dich g'sunntigt" (sonntäglich angekleidet). „Warum?" „Du mußt heute aufwarten, du kriegst dann auch ein besser Letzgeld." „Ich möchte in der Küche bleiben." „Nein, thu' was ich dir gesagt habe, und mach' hurtig." Amrei ging in ihre Kammer, und todmüde setzte sie sich eine Minute verschnaufend auf ihre Truhe; es war ihr so bang, so schwer, — wenn sie nur jetzt einschlafen und nimmer aufwachen könnte. Aber die Pflicht rief, und kaum hatte sie das erste Stück ihres Sountagsgewandes in der Hand, als Freude in ihr aufblitzte, und das Abendrot!), das einen Hellen Strahl in die Dachkammer schickte, zitterte auf den hochgerötheten Wangen Amrei's. 196 „Mach' dich g'snnntigt!" Sie hatte mir Ein Sonntagskleid, und das war jenes, das sie damals beim Tanze auf der Nachhochzcit in Endringen angehabt, und jedes Biegen und Rauschen des Gewandes tönte Freude und jenen Walzer, den sie danials getanzt; aber wie die Nacht rasch hereinsank und Amrei nur noch im Dunkeln alles festknüpfte, so bannte sic auch wieder alle Freude hinweg, und sie sagte sich nur, daß sie Johannes zu Ehren sich so ankleide, und um ihm zu zeigen, wie sehr sie Alles, was aus seiner Familie komme, Hochhalte, band sie zuletzt auch noch den Anhenker um. So kam Barfüßele zmn Tanze geschmückt, wie damals in Endringen, von ihrer Kammer herab. „Was ist das? Was hast du dich so anzuziehen?" schrie Nosel im Aerger und in der Unruhe, daß der Bräutigam so lang ausblieb. „Was hast du deinen ganzen Reichthmn an? Ist das eine Magd, die so ein Halsband anhat und so eine Denkmünze? Was muß er davon denken! Gleich thnst du das herunter!" „Nein, das thu' ich nicht, das hat mir seine Mutter geschenkt, wie ich noch ein kleines Kind war und das Hab' ich angehabt wie wir in Endringen mit einander getanzt haben." Man hörte etwas fallen ans der Treppe, aber Niemand achtete darauf, denn Nosel schrie jetzt: „So, du nichtsnutzige verteufelte Hex, du wärst ja in Lumpen verfault, wenn man dich nicht heransgcnom- men hätte, du willst mir meinen Bräutigam wegnehmen?" „Heiß' ihn nicht so, ehe er's ist," antwortete Amrei mit einer seltsamen Mischung von Tönen und die alte Köchin ans der Küche rief: „Das Barfüßele hat Reckt, 197 man darf ein Kind nicht bei seinem Namen nennen, el>' es getauft ist; das ist lebensgefährlich." Amrei lachte und die Rosel schrie: „Warum lachst du?" „Soll ich heulen?" sagte Barfüßcle, „ich hätte Grund genug, aber ich mag nicht." „Wart', ich will dir zeigen was du mußt," schrie Rosel: „da!" und sie riß Barfüßcle nieder auf den Boden und schlug ihr ins Gesicht. „Ich will mich ja ausziehen, laß los!" schrie Barfüßcle, aber Rosel ließ ohnedies ab, denn wie aus dem Boden heraus gewachsen, stand jetzt Johannes vor ihr. Er war leichenblaß, seine Lippen bebten, er konnte kein Wort hervorbringcn und legte nur die Hand schützend ans Barfüßele, die noch auf der Erde kniete. Barfüßele war die erste, die ein Wort sagte und sie rief: „Glaubet mir, Johannes, sie ist noch nie so gewesen, in ihrem ganzen Leben nicht, und ich bin Schuld..." „Ja, du bist Schuld, und komm', mit mir gehst du, und mein bist du! Willst du? Ich Hab' dich gefunden und habe dich nicht gesucht! und jetzt bleibst du bei mir, meine Frau. Das hat Gott gewollt." Wer jetzt in das Auge Barfüßeles hätte sehen können! Aber noch hat kein sterbliches Auge den Blitz ani Himmel völlig erfaßt, und erwarte es ihn noch so fest, cs wird doch geblendet; und es giebt Blitze im Mcnschenange, die nie und nimmer fest gesehen, es giebt Regungen im Mcnschcngemüthe, die nie und nimmer fest gefaßt werden; sie schwingen sich über die Welt und lassen sich nicht halten. Ein rascher Freudcnblitz wie er in dem Auge erglänzen müßte, dem sich der Himmel aufthnt, hatte aus dem 198 Antlitze Amreis gezuckt und jetzt bedeckte sie das Gesicht mit beiden Händen und die Thränen quollen ihr zwischen den Fingern hervor. Johannes hielt seine Hand auf ihr. Alle Gefreundeten waren herzugekommcn, und sahen staunend was hier vorging. „Was ist denn das mit dem Barfüßele? Was ist denn da?" lärmte der Nodelbaucr. „So? Barfüßele heißt du?" jauchzte Johannes, er lachte laut und heftig und rief wieder: „Jetzt komm'. Willst du mich? Sag's nur hier gleich, da sind Zeugen und die müssen's bestätigen. Sag Ja! und nur der Tod soll uns von einander scheiden." „Ja! und nur der Tod soll uns von einander scheiden!" rief Barfüßele und warf sich an seinen Hals. „Gut, so nimm sic gleich aus dem Haus!" schrie der Rodelbauer schäumend vor Zorn. „Ja, und das brauchst du mir nicht zu heißen, und ich dank' dir für die gute Aufwartung, Vetter; wenn du einmal zu uns kommst, wollen wir's wett machen." So erwiedertc Johannes. Er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf und rief: „Herr Gott! O Mutter, Mutter! Was wirst Du dich freuen!" „Geh hinauf, Barfüßele, und nimm deine Truhe gleich mit, cs soll nichts mehr von dir im Haus sein," befahl der Rodelbauer. „Ja wohl, und mit weniger Geschrei geschieht das auch," erwiedertc Johannes. „Komm', ich geh' mit dir, Barfüßele, sag', wie heißt du denn eigentlich?" „Amrei!" „Ich hält' schon einmal eine Amrei haben sollen, die ist die Schmalzgräfin, und du bist meine Salzgräsin. Juchhe! Jetzt komm', ich will auch deine Kammer sehen, wo du so lange gelebt hast; jetzt kriegst du ein großes Haus." Der Hund ging immer mit borstig aufstehenden Rückenhaaren um den Rodelbauer herum, er merkte Wohl, daß der Rodelbauer eigentlich gerne den Johannes erwürgt hätte, und erst als Johannes und Barfüßele die Treppe hinauf waren, ging der Hund ihnen nach. Johannes ließ die Kiste stehen, weil er sie nicht aufs Pferd nehmen konnte und packte alle Habseligkeiten Bar- füßeles in den Sack, den sie noch von dem Vater ererbt hatte und Barfüßele erzählte dabei durcheinander, was der Sack alles schon mitgemacht habe und die ganze Welt drängte sich zusammen in eine Minute und war ein tausendjähriges Wunder. Barfüßele sah staunend drein als Johannes ihr Schreibebuch aus der Kindheit mit Freude begrüßte und dabei rief: „Das bring' ich meiner Mutter, das hat sie geahnt; es giebt noch Wunder in der Welt." Barfüßele fragte nicht weiter danach. War denn nicht Alles ein Wunder, was mit ihr geschah? Und als wüßte sie, daß die Rosel alsbald die Blumen ausreißcn und ans die Straße werfen würde, so fuhr sie noch einmal mit der Hand über die Pflanzen alle hin, sie kühlten ihre Hand mit Nachtthau und jetzt ging sic mit dem Johannes hinab und eben als sie das Haus verlassen wollte, drückte ihr noch Jemand im Finstern still die Hand, es war die Bäuerin, die ihr so noch Lebewohl sagte. Auf der Schwelle rief noch Barfüßele, indem sie die Hand an die Thürpfoste hielt, an der sie so oft träumend gelehnt hatte: „Möge Gott diesem Hause alles Gute vergelten und alles Böse vergeben!" Aber kaum war sie einige Schritte entfernt als sie rief: „Ach Gott, ich habe ja alle meine Schuhe vergessen; die stehen oben auf dem Brett." Und noch hatte sie diese Worte kaum ausgesprochen als wie nachtrabend die Schuhe von dem Fenster herabflogen auf die Straße. „Lauf' drin zum Teufel!" schrie eine Stimme aus dem Dachfenster. Die Stimme tönte tief, und doch war's die Rosel. Barfüßele las die Schuhe zusammen und trug sie mit Johannes, der den Sack auf dem Rücken hatte, nach dem Wirthshause. Der Mond schien hell und im Dorfe war bereits Alles still. Bürfüßclc wollte nicht im Wirthshause bleiben. „Und ich möchte am liebsten heut' noch fort," setzte Johannes hinzu. „Ich will bei der Marann' bleiben," entgegnete Barfüßele, „das ist mein Elternhaus, und du läßst mir deinen Hund.. Gelt, dn bleibst bei mir, Lux? Ich fürchte, sie thun mir heute Nacht was an, wenn ich hier bleibe." „Ich wach' vor dem Haus," entgegnete Johannes, „aber es wäre besser, wir gingen jetzt gleich; was willst du denn noch hier?" „Bor Allem muß ich noch zu der Marann'. Sie hat Mutterstelle an mir vertreten und ich Hab' sie heute den ganzen Tag noch nicht gesehen und nichts für sie sorgen können, und sie ist noch krank dazu. Ach Gott, es ist hart, daß ich sie allein lassen muß. Aber was will ich machen? Komm', geh mit zu ihr." Sic gingen mit einander durch das schlafende mond- beschienene Dorf Hand in Hand. Nicht weit von dem Eltcrnhanse blieb Barfüßele stehen nnd sagte: „Siehst dn? Aus diesem Fleck da, da hat mir deine Mutter den Anhenker geschenkt und einen Kuß gegeben." „So? Und da hast noch einen und noch einen." Selig umarmten sich die Liebenden. Der Vogelbeer- banm rauschte drein, und vom Wald her tönte Nachtigallenschlag. „So, jetzt ist's genug, nur noch den und dann gehst mit herein zur Marann'. O lieber Gott im siebenten Himmel! Was wird die sich freuen!" Sie gingen mit einander hinein in das Haus und als Barfüßele die Stubenthür öffnete, fiel eben wieder, wie damals der Sonnenstrahl, jetzt ein breiter Mondstrahl ans den Engel am Kachelofen, und er schien jetzt noch fröhlicher zu lachen und zu tanzen, und jetzt rief Barfüßele mit mächtiger Stimme: „Marann'! Marann'! Wachet auf! Marann', Glück und Segen ist da. Wachet auf!" Die Alte richtete sich auf, der Mondstrahl fiel auf ihr Antlitz und ihren Hals, sic riß die Augen weit aus nnd fragte: „Was ist? Was ist? Wer ruft?" „Freut Euch, da bring' ich Euch meinen Johannes!" „Meinen Johannes!" schrie die Alte gellend. „Lieber Gott, meinen Johannes! Wie lang .. . wie lang ... ich Hab' dich, ich Hab' dich, ich danke dir Gott tausend und tausendmal! O mein Kind! Ich sehe dich mit tausend Augen und tausendfach ... Nein da, da deine Hand!... Komm her! dort in der Kiste die Aussteuer ... Nehmt das Tuch... Mein Sohn! Mein <^ohn! Ja, ja, die ist dein ... Johannes, mein Sohn! mein Sohn!" Sie lachte krampfhaft ans 202 und fiel zurück ins Bett. Amrei und Johannes waren davor niedcrgekniet und als sie sich aufrichteten und sich über die Alte beugten, athmete sie nicht mehr. „O Gott, sie ist todt, die Freude hat sic getödtet!" schrie Barfüßele, „und sie hat dich für ihren Sohn gehalten. Sie ist glücklich gestorben. O! wie ist denn das Alles in der Welt, o wie ist das Alles!" Sie sank wiederum am Bette nieder und weinte und schluchzte bitterlich. Endlich richtete sie Johannes auf und Barfüßele drückte der Todten die Augen zu. Sie stand lange mit Johannes still am Bette, dann sagte sie: „Komm', ich will Leute wecken, daß sie bei der Leiche wachen. Gott hat's wunderbar gut gemacht. Sie hat Niemand mehr gehabt, der für sie sorgt, wenn ich fort bin, und Gott hat ihr noch die höchste Freude in der letzten Minute gegeben. Wie lang, wie lang hat sie auf diese Freude gewartet!" »Ja, jetzt kannst aber heute nicht hier bleiben," sagte Johannes „und jetzt folgst mir und gehst gleich heute noch mit mir." Barfüßele weckte die Frau des Todtengräbers und schickte sie zur schwarzen Marann', und sie war so wunderbar gefaßt, daß sie dieser sogleich sagte, man solle die Blumen, die auf ihrem Fensterbrett stehen, auf das Grab der schwarzen Marann' pflanzen und nicht vergessen, daß man ihr, wie sie immer gewünscht hätte, ihr Gesangbuch und das ihres Sohnes unter den Kopf lege. Als sie endlich Alles angcordnet hatte, richtete sie sich hoch auf, streckte uud bäumte sich', und sagte: „So! Jetzt ist alles fertig; aber verzeih mir nur, du guter Mensch, daß du jetzt gleich so mit mir in das Elend hinein sehen 203 mus;t und verzeih mir auch, wenn ich jetzt nicht so bin wie ich eigentlich sein möcht'; ich seh' Wohl, es ist Alles gut, und Gott hätt's nicht besser machen können, aber der Schreck liegt mir noch in allen Gliedern, und Sterben ist doch gar eine harte Sache/du kannst nicht glauben, wie ich mir darüber fast das Hirn aus dem Kopf gedacht habe. Aber jetzt ist's schon gut, ich will schon wieder heiter sein, ich bin ja die glückseligste Braut auf Erden." „Ja, du hast Recht, komm, wir wollen fort. Willst du mit mir auf dem Gaul sitzen?" fragte Johannes. „Ja. Ist das noch der Schimmel den du auf der Endringer Hochzeit gehabt hast?" „Freilich." „Und o! der Nodelbauer! Schickt der noch in der Nacht eh du kommst nach Lauterbach und läßt sich einen Schimmel holen, damit du ins Haus kommen kannst. Hotto! Schimmele, geh nnr wieder heim," schloß sie fast freudig, und so kehrten sie in Denken und Empfinden wieder in's gewöhnliche Leben zurück und lernten ans ihm ihre Glückseligkeit neu kennen. 16 . Sitücrtrab. „Nicht wahr, es ist kein Traum? Wir sind beide mit einander wach, und morgen wird's Tag und dann wieder ein Tag und so tausendmal fort?" So sprach Barfüßele mit dem Lux, der bei ihr verblieben war, während Johannes drinnen im Stall den Schimmel aufschirrte. Jetzt kam er heraus, packte den Sack auf und sagte: „Da sitz' ich drauf und du sitzest vor mir im Sattel." „Laß mich lieber auf meinen Sack sitzen." „Wie du willst." Er schwang sich hinauf, dann sagteer: „So, jetzt tritt auf meinen Fuß, tritt nur fest drauf und gicb mir deine beiden Hände," und leicht schwang sie sich hinauf und erhob sie empor und küßte sie und sagte dann: „Jetzt kann ich mit dir machen was ich will, du bist in ineiner Gewalt." „Ich fürchte mich nicht," sagte Barfüßele, „und du bist auch in meiner Gewalt." Schweigend ritten sie mit einander durch das Dorf hinaus. Im letzten Hause brannte noch ein Licht, dort wachte die Todteugräberin bei der Leiche der Marann' und Johannes ließ Barfüßele sich auSweincn. Erst als sie über den Holderwasen ritten, sagte 205 Barfüßele: „Da Hab' ich einmal die Gänse gehütet und da Hab' ich einmal deinem Vater zu trinken gegeben aus dem Brunnen dort. Behüt' dich Gott du Holzbirncn- baum, und euch, ihr Felder und ihr Wälder! Es ist mir, wie wenn ich Alles nur geträumt hätte, und verzeih mir nur, lieber Johannes, ich möcht' mich freuen und kann doch nicht und darf doch nicht, wenn ich denk', daß da drinnen eine Todte liegt, es ist eine Sünde wenn ich mich freue und eine Sünde, wenn ich mich nicht freue. Weißt was, Johannes? Ich sag', es ist schon ein Jahr um und ich freue mich; aber nein, über's Jahr ist schön und heut' ist auch schön, ich freue mich heut', just. Jetzt reiten wir in den Himmel hinein! Ach, was Hab' ick da auf dem Holderwasen für Träume gehabt, daß der Kucknk vielleicht ein verzauberter Prinz sei, und jetzt sitz' ich ans dem Gaul und jetzt bin ich Salzgräfin geworden; das freut mich, daß du mich Salzgräfin geheißen hast; ich weiß, daß sie jetzt in Haldenbrnnn darüber spötteln, aber mir ist's recht, daß du mich Salzgräfin geheißen hast. Kennst du denn auch die Geschichte von dem: So lieb wie das Salz?" „Nein, was ist denn das?" „Es ist einmal ein König gewesen und der fragt seine Tochter: wie lieb hast du mich denn? und da sagte sie: ich Hab dich so lieb ... so lieb wie das Salz. Der König denkt, das ist eine einfältige Antwort und ist bös darüber. Es vergeht nicht lange Zeit, da gicbt der König eine große Gasterei und die Tochter macht es, daß alle Speisen ungesalzen auf den Tisch kamen. Da hat's natürlich dem König nicht geschmeckt und er fragt die Tochter: warum ist denn' heut Alles so schlecht gekocht? das 206 schmeckt ja Alles nach gar nichts — und da sagt sie: Seht Ihr nun? Weil das Salz fehlt. Und Hab' ich nun nicht Recht gehabt, daß ich gesagt habe, ich Hab Euch so lieb, so lieb wie das Salz? Der König hat ihr Recht gegeben und darum sagt man noch heutigen Tages: So lieb wie das Salz. Die Geschichte hat mir die schwarze Marann' erzählt. Ach Gott, die kann jetzt nicht mehr erzählen. Da drinnen liegt eine Todte und horch! dort schlägt die Nachtigall, so glückselig. Aber jetzt vorbei. Ich will schon deine Salzgräfin sein, Johannes. Du sollst es schon spüren. Ja, ich bin glückselig, just, o die Marann' hat ja auch gesagt: Gott freut sich, wenn die Menschen lustig sind, wie sich Eltern freuen, wenn ihre Kinder tanzen und singen; getanzt haben wir schon und jetzt komm', jetzt wollen wir singen. Wend' jetzt da links ab in den Wald, wir reiten zu meinem Bruder, sie haben jetzt den Meiler da unten an der Straße. — Sing' Nachtigall! wir singen mit! Nachtigall, ich hör' dich singen, Das Herz im Leib möcht' mir zerspringen; Komm nur bald und sag mir wohl, Wie ich mich verhalten soll!" Und die beiden sangen allerlei Lieder, traurig und lustig, ohne Aufhören, und Barfüßele sang die zweite Stimme ebenso wie die erste. Am meisten aber sangen sie den Ländler, den sie auf der Endringer Hochzeit dreimal mit einander getanzt und so oft sie absetzten, berichtete bald das Eine bald das Andere wie es des Fernen gedacht und Johannes sagte: „Es ist mir schwer geworden, den Ländler aus dem Kopf zu kriegen, denn da bist du immer drin herum getanzt. Ich Hab' keine Magd zur Frau haben wollen, denn ich muß dir nur sagen, ich bin stolz." „Das ist recht, ich bin's auch." Nun erzählte Johannes wie er mit sich gekämpft habe, wie das aber nun gut sei, denn jetzt sei Alles vorbei. Er berichtete, wie er zum ersten und zweiten Male in die Heimath der Mutter geschickt worden, um sich von da eine Frau zu holen. Wie ihm Barfüßele damals beim Anritt in Endringen gleich ins Herz gestiegen sei, er habe es gespürt und sich darum, als er gehört habe, daß sie eine Magd sei, nicht zu erkennen gegeben. Barfüßele berichtete dagegen von dem Benehmen der Rosel in Endringen und wie sie's damals zum erstenmal gekränkt habe, daß die Rosel sagte: Es ist nur unsere ZMgd, und nach allerlei beweglicher Hin- und Widerrede schloß Johannes: „Ich könnte närrisch werden, wenn ich mir denken will, es hätte anders kommen können. Wie könnte das nur sein, ich zöge mit einer Andern als du heimwärts? Wie wäre das nur möglich?" Nach ihrer besonnenen Art sagte Barfüßele: „Denk' nicht zu viel, wie's hätt' anders sein können; so und so und anders. Wie's einmal ist, ist es recht und muß recht sein, sei's Freud' oder Leid, und Gott hat's so gewollt und jetzt ist's an uns, daß wir's weiter recht machen." „Ja", sagte Johannes, „wenn ich die Augen zumache und dich so reden höre, so meine ich, ich höre meine Mutter. Grade so hätte sie auch gesagt. Und auch deine Stimme ist fast so." „Sie muß jetzt von uns träumen," sagte Barfüßele. „Ich glaub's ganz gewiß und fest." Und nach ihrer Art inmitten aller lebenssichern Fassung doch erfüllt von allerlei Wundersamem, mit dem ihre Jugend vollgepfropft war, sagte sie jetzt: „Wie heißt denn dein Gant?" „Wie er aussicht." „Nein, wir wollen ihm einen Namen geben, und weißt du wie? Silbertrab." Und nach der Weise des Ländlers, den sie mit einander getanzt, sang jetzt Johannes immer und immer das eine Wort: Silbertrab! Silbertrab! und Barfüßcle sang mit, und eben jetzt indem sie keinerlei Worte mehr sangen die irgend was sagten, ward ihre Lustigkeit die reine, volle, unbegrenzte, sie konnten allerlei Jubel hineinlegen und hinausklingen lassen. Und wieder hing sich allerlei Jodeln daran; denn es giebt ein Glockengeläute in der Seele, das keinen zusammenhängenden Ton mehr hat, keine bestimmte Weise und doch Alles in sich schließt, und hin und her und auf und ab in Jubeltönen schwang und wiegte sich das Herz der Liebenden. Und wieder ging's an Schelmenlieder und Amrei sang: „Mein'n Schatz halt' ich fest, Wie der Baum seine Aest, Wie der Apfel seinen Kern, Ich Hab' ihn so gern." lind Johannes erwiederte: „In Ewigkeit laß ich inein Schätzele net (nicht) Und wenn es der Teufel am Kettele hätt; Am Kettele, am Schnürte, am Bandele, am Seil', In Ewigkeit ist mir mein Schiitzle nicht feil." Und wieder sang Amrei: „Tausendmal denk ich dran, Wie mein Schatz tanzen kann 'rum und 'nnm, hin und her, Wie ich's begehr'." Johannes erwiederte: „Und alleweil ein bisle lustig Und alleweil fidel, Der Teufel ist g'storben 's kommt niemand in d' HM'!" Und jetzt sangen sie gemeinsam in langgezogenen Tönen das tiefe Lied: „Auf Trauern folgt große Freud, Das tröstet mich allezeit; Weiß mir ein schwarzbraunes Mägdelein Die hat zwei schwarzbraune Aeugelein, Die mir mein Herz erfreut." „Mein eigen will sie sein, Keinem andern mehr als mein, Und so leben wir in Freud und Leid Bis uns der Tod von einander scheidt." Das war ein Helles Klingen im Walde wo der Mondschein durch die Wipfel spielte und an Zweigen und Stämmen hing und zwei fröhliche Menschenkinder mit der Nachtigall um die Wette sangen. — Und drunten beim Meiler saß noch in stiller Nacht der Dami beim Kohlenbrenner und der Kohlenbrenner, der in der Nacht gern sprach, erzählte allerlei Wundergeschichten All er Lach, Barfüßele. 14 aus der Vergangenheit, wo der Wald hier zu Lande noch so geschlossen bestanden war, daß ein Eichhörnchen ohne auf den Boden zu kommen von Baum zu Baum vom Neckar bis zum Bodensee laufen konnte und jetzt eben berichtete er die Geschichte vom Schimmelreiter, der eine Wandlung des alten Heidengottes ist und überall Glanz und Pracht verbreitet und Glück auSgießt. Es giebt Sagen und Märchen, die sind für die Seele was für das Auge das Hincinstarrcn in ein loderndes Feuer: wie das züngelt und sich verschlingt und in bunten Farben spielt, hier verlischt und dort wieder ausbricht und plötzlich wieder Alles in eine Flammcnwogc sich erhebt. Und wendest du dich ab von der Flamme, so ist die Nacht noch dunkler. So hörte Dann zu und so schaute er sich manchmal um, und der Kohlenmathcs erzählte so eintönig fort. Da hielt er inne, dort kam von dem Berge herab ein Schimmel und drauf sang cs so lieblich. Will die Wunderwclt herabsteigen? Und immer näher kam das Pferd und darauf saß ein wunderlicher Reiter, so breit und hatte zwei Köpfe, und daö kam immer näher und jetzt rief bald eine Männerstimme bald eine Frauenstimme: Dann! Dann! Dann! Die beiden wollten in den Boden sinken vor Schreck, sie konnten sich nicht bewegen, und jetzt war es da, und jetzt stieg es ab und: „Dann, ich bin's!" rief Barfüßele und erzählte Alles, was geschehen war. Dami hatte gar nichts zu sagen und streichelte nur bald das Pferd und bald den Hund nnd nickte als Johannes versprach: er wolle ihn zu sich nehmen und ihn zum Almhirten machen, er solle dreißig Kühe ans der Alm haben und Buttern und Käsen lernen. 211 „Du kommst aus dem Schwarzen in's Weiße," sagte Barfüßele, „da könnte man ein Räthsel daraus machen." Dann gewann endlich die Sprache und sagte: „lind ein paar lederne Hosen auch." Alle lachten und er erklärte, daß ihm die Landfricdbäuerin noch ein paar lederne Hosen schuldig sei. „Ich geb' dir einstweilen meine Pfeife, da, das soll die Schwagerpfeife sein," sagte Johannes und reichte Dann seine Pfeife. „Ja, dann hast du ja keine?" sagte Amrei in halber Einrede. „Ich brauch' jetzt keine." Wie selig sprang Dann in die Höhe und in die Blockhütte hinein, mit seiner silbcrbeschlagenen Pfeife, aber man hätte es nicht glauben sollen, daß er einen so fröhlichen Spaß machen könne; nach einer Weile kam er wieder und hatte den Hut des Kohlenmathes auf und seinen laugen Nock an und in jeder Hanv eine lange Fackel. Mit gravitätischem Gang und Ton ließ er nun die Brautleute an: „Was ist das? Da, Johannes, da Hab' ich zwei Fackeln, da will ich dir mit heimleuchteu. Wie kommst du dazu, so mir nichts dir nichts meine Schwester fort- zuuchmen? Ich bin der großjährige Bruder und bei mir mußt du um sie anhalten und ehe ich Ja! gesagt habe gilt Alles nichts." Amrei lachte fröhlich und Johannes hielt förmlich bei Dann um die Hand seiner Schwester an. Dann wollte den Scherz noch weiter treiben, denn er gefiel sich in der Rolle, in der ihm einmal so etwas gelungen war. Aber Amrei wußte, daß da kein Verlaß auf ihn war; er konnte allerlei Albernheit Vorbringen und den 212 Scherz in sein Gegentheil verkehren. Sie sah schon, wie der Dami mehrmals die Hand auf und zumachend nach dem Uhrbehänge des Johannes griff und immer wieder, bevor er es gefaßt, zurnckzog; sie sagte daher streng, wie man einem tollenden Kinde wehrt: „Jetzt ist's genug; das hast du gut gemacht, jetzt laß es dabei!" Dami entlarvte sich wieder und sagte nur noch zu Johannes: „So ists recht! Du hast eine stahlbeschlagcne Frau und ich eine silberbeschlagene Pfeife." Als Niemand lachte, setzte er hinzu: „Gelt, Schwager, das hättest du nicht geglaubt, daß du so einen gescheiten Schwager hast? Ja, sie hat's nicht allein, wir sind in Einem Tops gekocht. Ja Schwager!" Er schien als wollte er die Freude: Schwager! sagen zu können, völlig auskosten. Man stieg endlich wieder auf, denn das Brautpaar wollte noch nach der Stadt und schon als sie ein Stück weg waren, schrie Dami in den Wald: „Schwager! Vergiß meine ledernen Hosen nicht!" Helles Lachen antwortete, und wiederum tönte Gesang und die Brautleute ritten fort und fort in die Mondnacht hinein. 213 17. Weber Äerg und Thal. Es läßt sich nicht so fortleben in gleichem Athem, es wechseln Nacht und Tag, lautlose Ruhe und wildes Rauschen und Brausen und die Jahreszeiten alle. So im Leben der Natur so im Menschenherzen, und wohl dem Menschenherzen, das auch in aller Bewegung sich nicht aus seiner Bahn verirrt. Es war Tag geworden, als die beiden Liebenden vor der Stadt ankamen und schon eine weite Strecke vorher, als ihnen der erste Mensch begegnete, waren sie abgestiegen. Sie fühlten, daß ihre Auffahrt gar seltsam erscheinen mußte und der erste Mensch war ihnen wie ein Bote der Erinnerung, daß sie sich wieder einfinden müßten in die gewohnte Ordnung der Menschen und ihre Herkömmlichkeiten. Johannes führte das Pferd an der einen Hand, mit der andern hielt er Amrei, sie gingen lautlos dahin, und so oft sie einander ansahen, erglänzten ihre Gesichter wie die von Kindern, die aus dem Schlafe erwachen. So oft sie aber wieder vor sich niederschauten, waren sie gedankenvoll und bekümmert um das, was nun werden sollte. Als ob sie mit Johannes schon darüber gesprochen hätte, und in der unmittelbaren Zuversicht, daß er das Gleiche gedacht haben müsse, wie sie, sagte jetzt Amrei: 214 „Freilich Wohl wär's gescheiter gewesen, wir hätten die Sache rnhigcr gemacht: du wärst zuerst heim und ich wär' derweil wo geblieben, meinetwegen wenn nicht anders beim Kohlenmathes im Wald, und dn hättest mich dann abgeholt mit deiner Mutter oder mir geschrieben und ich wäre nachgekommen mit meinem Dami. Aber weißt du, was ich denk'?" „Just alles weiß ich noch nicht." „Ich denke, daß Reue das Dümmste ist, was man in sich aufkommen lassen kann. Wenn man sich den Kopf herunter reißt, man kann Gestern nicht mehr zu Heute machen. Was wir gethan haben, so mitten drin in dem Jubel, das ist recht gewesen und muß recht bleiben. Da kann man jetzt, wenn man ein bischen nüchtern ist, nicht darüber schimpfen. Jetzt müssen wir nur daran denken, wie wir weiter alles gut machen und du bist ja so ein richtiger Mensch, du wirst sehen, kannst Alles mit mir überlegen, sag' mir nur Alles frei heraus. Kannst mir sagen was dn willst, dn thust mir nicht Weh damit; aber wenn du mir etwas nicht sagst, da thust du mir Weh damit. Gelt du hast auch keine Reue?" „Kannst du ein Näthsel lösen?" fragte Johannes. „Ja, das habe ich als Kind gut können." „Nun so sag' mir: was ist das? Es ist ein einfaches Wort, thut man den ersten Buchstaben vorn 'runter, da möcht' man sich den Kopf 'runter reißen und thut man ihn wieder auf, da ist alles fest." „Das ist leicht," sagte Barfüßele, „kinderleicht, das ist Reu' und Treu'." Und wie die Lerchen über ihnen zu singen begannen, so sangen sie jetzt auch das Näthscl- lied und Johannes begann: 215 „Ei Jungfrau, ich will dir was aufzuratheu geben, Wann du es errathest so heirath' ich dich: Was ist weißer als der Schnee? Was ist grüner als der Klee? Was ist schwärzer als die Kohl'? Willst du mein Weibchen sein, Errathen wirst du's wohl." Amrei: „Die Kirschenblust (Bliithe) ist weißer als der Schnee, Und wann sie verblühet hat grüner als der Klee, Und wann sie verreiset hat schwärzer als die Kohl', Weil ich dein Weiblein bin, errathen kann ich's wohl." Johannes: „Was für ein König hat keinen Thron? Was für ein Knecht hat keinen Lohn?" Amrei: „Der König in dem Kartenspiel hat keinen Thron, Der Stiefelknecht hat keinen Lohn." Johannes: „Welches Feuer hat keine Hitz? Und welches Messer hat keine Spitz?" Amrei: „Ein abgemaltes Feuer hat keine Hitz, Ein abgebrochenes Messer hat keine Spitz." Plötzlich schnalzte Johannes mit den Fingern und sagte: „Jetzt gieb Acht," und er sang: „Was hat keinen Kopf und doch einen Hals? Und was schmeckt gut ohne Salz und Schmalz?" Amrei erwiederte rasch: ..Die Flasch hat keinen Kopf und doch einen Hals. Und alles was gezuckert ist schmeckt ohne Schmalz und Salz." „Du hast's nur halb errathen," lachte Johannes, „bist in der Küche stecken geblieben; ich hab's so gemeint: „Die Flasch hat keinen Kopf und doch einen Hals, Und der Kuß von deinem Mund schmeckt ohne Schmalz und Salz." Und nun sangen sie noch den letzten Vers des vielgewundenen Räthselliedes: „Was für ein Herz thnt keinen Schlag? Was für ein Tag hat keine Nacht?" „Das Herz an der Schnalle thnt keinen Schlag. Der allerjüngste Tag hat keine Nacht." „Ei Jungstau, ich kann ihr nichts aufzurathen geben. Und ist es ihr wie mir. so heirathen wir." „Ich bin ja keine Schnalle, mein Herz thnt manchen Schlag, Und eine schöne Nacht hat auch der Hochzeitstag." Am ersten Wirthshause vor dem Thore kehrten sie ein und Amrei sagte, als sie mit Johannes in der Stube war und dieser einen guten Kaffee bestellt hatte: „Die Welt ist doch prächtig eingerichtet! Da haben die Leute ein Haus hergestellt und Stühle und Bänke und Tische nnd eine Küche, darauf brennt das Feuer und da haben sie Kaffee und Milch und Zucker und das schöne Geschirr und das richten sie alles her, wie wenn wir's bestellt hätten, und wenn wir weiter kommen, sind immer wieder Leute da nnd Häuser und alles drin. Es ist grade wie im Mährlein: Tischlein deck dich!" 217 „Aber Knüppel aus dem Sack! gehört auch dazu," sagte Johannes, griff in die Tasche und holte eine Hand voll Geld heraus „ohne das kriegst du nichts." „Ja freilich," sagte Amrei, „wer diese Räder hat, der kann durch die Welt rollen. Sag' Johannes, hat dir je in deinem Leben ein Kaffee so geschmeckt, wie der? Und das frische Weißbrod! Du hast nur zuviel bestellt; wir können das nicht Alles erwachen; das Weißbrod, das steck' ich zu mir, aber es ist schad um den guten Kaffee, o! wie manchem Armen thät der wohl, und wir müssen ihn da stehen lassen und du mußt ihn doch bezahlen." „Das macht nichts, man kann's nicht so genau nehmen in der Welt." „Ja, ja, du hast Recht, ich bin halt noch genau gewöhnt; mußt mir's nicht übel nehmen, wenn ich so was sage, es geschieht im Unverstand." „Das hast du leicht sagen, weil du weißt, daß du gescheit bist." Amrei stand bald auf, sie glühte vor Hitze, und als sie jetzt vor dem Spiegel stand, rief sie laut: „O lieber Gott! bin denn ich das? Ich kenn' mich gar nicht mehr." „Aber ich kenn' dich," sagte Johannes, „du heißt Amrei und Barfüßele und Salzgräfin, aber das ist noch nicht genug, du kriegst jetzt "noch einen Namen dazu: Landfriedbäuerin ist auch nicht übel." „O lieber Gott! kann denn das sein? Ich meine jetzt, es wäre nicht möglich." „Ja es giebt noch harte Bretter zu bohren, aber das sicht mich nichts an. - Jetzt leg' dich ein wenig schlafen, ich will derweil nach einem Bernerwägele umschauen; du 218 kannst am Tag nicht mit mir reiten, und wir brauchen ohnedies eins." „Ich kann nicht schlafen, ich muß noch einen Brief nach Haldenbrunn schreiben; ich bin so fort und Hab'doch auch viel Gutes genossen da, und Hab' auch noch andre Sachen anzugeben." „Ja, mach' das, bis ich wieder komm'." Johannes ging davon, und Amrei schaute ihm mit seltsamen Gedanken nach: da geht er und gehört doch zu dir, und wie er so stolz geht! Ist es denn möglich, daß es wahr ist, er ist dein? Er schaut nicht mehr um, aber der Hund, der mit ihm geht; Amrei winkt ihm und lockt ihn, und richtig, da kommt er zurück gerannt. Sie ging ihm vor das Haus entgegen, und als er an ihr hinauf sprang, sagte sie: „Ja, ja, schon gut, es ist recht von dir, daß du bei mir bleibst, daß ich nicht so allein bin; aber jetzt komm' herein, ich muß schreiben." Sie schrieb einen großen Brief au den Schultheiß in Haldenbrunn, dankte der ganzen Gemeinde für die Wohlthaten, die sie empfangen, und versprach: einstens ein Kind aus dem Ort zu sich zu nehmen, wenn sie es machen könne, und verpflichtete nochmals den Schultheiß, daß man der schwarzen Marann' ihr Gesangbuch unter den Kopf lege. Als sie den Brief zusiegelte, preßte sie ihre Lippen dabei zusammen und sagte: „So, jetzt bin ich fertig mit dem was in Haldenbrunn noch lebt." Sic riß aber doch schnell den Brief wieder auf, denn sie hielt es für Pflicht, Johannes zu zeigen, was sie geschrieben. Dieser aber kam lange nicht, und Amrei erröthete, als die gesprächsame Wirthin sagte: „Ihr Mann hat wol auf dem Amt zu thun?" Daß Johannes zum 219 erstenmale ihr Mann genannt wnrde, das traf sie tief ins Herz. Sie konnte nicht antworten, und die Wirthin sah sie staunend an. Amrei wußte sich vor ihren seltsamen Blicken nicht anders zu flüchten, als indem sie vor das Haus ging und dort auf aufgeschichteten Brettern mit dem Hunde saß und auf Johannes wartete. Sie streichelte den Hund, und schaute ihm tief glücklich iu die treuen Angen. — Kein Thier sucht und verträgt den anhaltenden Menschenblick, nur dem Hunde scheint das gegeben, aber auch sein Auge zuckt bald und er blinzelt gern aus der Ferne. Wie ist doch die Welt auf Einmal so räthselvoll und so offenbar! Amrei ging mit dem Hunde hinein in den Stall, sah zu wie der Schimmel fraß, und sagte: „Ja, lieber Silbertrab, laß dir's nur schmecken, und bring' uns gut heim, und Gott gebe, daß es uns Allen gut geht." Johannes kam lange nicht, und als sie ihn endlich sah, ging sie auf ihn zu und sagte: „Gelt, wenn du wieder was zu besorgen hast auf der Reise, nimmst mich mit?" „So! Ist dir's bang geworden? Hast gemeint, ich war' davon? Ha, wie wär's, wenn ich dich jeA da sitzen ließ' und davon ritt'?" Amrei zuckte zusammen, dann sagte sie streng: „Just witzig bist du nicht. Mit so etwas seinen Spaß haben, das ist zum Erbarmen einfältig! Du dauerst mich, daß du das gethan hast, du hast dir damit was gethan, es ist bös, wenn du es weißt, und bös, wenn du es nicht weißt. Du willst mir davon reiten und meinst. 220 jetzt soll ich zum Spaß heulen? Meinst du vielleicht, weil du den Gaul hast und Geld, wärst du der Herr? Nein, dein Gaul hat uns Beide mitgenommen, und ich bin mit dir gegangen. Wie meinst, wenn ich den Spaß machte und sagen thät': wie wär's, wenn ich dich da sitzen ließ'? Du dauerst mich, daß du den Spaß gemacht hast." „Ja, ja, du sollst Recht haben, aber hör' doch jetzt einmal auf." „Nein, ich red' so lang noch was in mir ist von einer Sache, wo ich die Beleidigte bin, und an mir ist es, von der Sache aufzuhören, wenn ich will. Und dich selber hast du auch beleidigt, Den der du sein sollst und der du auch bist. Wenn ein Anderes was sagt, was nicht recht ist, kann ich drüber weg springen; aber an dir darf kein Schmutzfleckchen sein, und glaub' mir, mit so etwas Spaß machen, das ist grad, wie wenn man mit dem Crucifix da Puppe spielen wollte." „Oho! So arg ist's nicht; aber allem Anschein nach verstehst du keinen Spaß." „Ich versteh' wohl, das wirst du schon erfahren, aber nicht mit so etwas, und jetzt ist's gut. Jetzt bin ich fertig und denke nicht mehr dran." Dieser kleine Zwischenfall zeigte beiden schon früh, daß sie bA aller liebenden Hingebung sich doch vor einander zusammennehmen mußten, und Amrei fühlte, daß sie zu heftig gewesen war, und ebenso Johannes, daß es ihm nicht anstand, mit der Verlassenheit Amrei's und ihrer völligen Hingegebenheit an ihn ein Spiel zu treiben. Sie sagten das einander nicht, aber Jedes fühlte es dem Andern ab. Das kleine Morgenwölkchen, das aufgestiegen war, zerfloß bald vor der helldurchbrechenden Sonne, und Amrei jubelte wie ein Kind, als ein schönes grünes Berner- wägelein kam, mit einem runden gepolsterten Sitz drauf. Noch bevor angespannt war, setzte sie sich hinauf und klatschte in die Hände vor Freude. „Jetzt mußt mich nur noch fliegen machen," sagte sie zu Johannes, der den Schimmel einspannte, „ich bin mit dir geritten, jetzt fahr ich, und nun bleibt nichts als Fliegen." Und im Hellen Morgen fuhren sie auf schöngebahnter Straße dahin. Dem Schimmel schien das Fahren leicht, und Lux bellte vor Freude immer vor ihm her. „Denk' nur, Johannes," sagte Amrei nach einer Strecke, „denk' nur, die Wirthin hat mich schon für deine Frau gehalten." „Und das bist du schon, und darum frag' ich nichts danach was sie alle dazu sagen mögen. Du Himmel und ihr Lerchen und ihr Bäume und ihr Felder und Berge! Schaut her, das ist mein Weiblc! Und wenn sie zankt, ist sie grad so lieb, wie wenn sie einem was Schönes sagt. O meine Mutter ist eine weise Frau, o die hat's gewußt; sie hat gesagt, ich soll darauf achten, wie sie im Zorn weint, da kommt der inwendige Mensch heraus. Das war ein lieber, scharfer, schöner, böser, der heute bei dir heraus gekommen ist, wie du dort gezankt hast. Jetzt kenn' ich die ganze Sippschaft, die in dir steckt, und sie ist mir recht. O du ganze weite Welt! Ich dank' dir, daß du da bist, du Alles, Alles. Welt! Ich frag' dich, hast du, so lang du stehst, so ein lieb Weible gesehen? Juchhe, juchhe!" Und wo Einer am Wege ging, an dem man vorbei fuhr, faßte Johannes Amrei an, und rief: „Schau, 222 schau, das ist mein Weible!" bis ihn Amrei dringend bat, das zu lassen, er aber sagte: „Ich weiß mir vor Freude nicht zu helfen. Ich könnte es der ganzen Welt zurufen, daß Alles mit mir jubelt, und ich weiß gar nicht, wie können die Menschen da nur noch zu Acker fahren und Holz spalten und Alles, und wissen nicht, wie selig ich bin." Amrei sah eine arme Frau am Wege gehen, knüpfte schnell ein Paar ihrer so sehr geliebten Schuhe ab, und warf sie der Armen hin, die den Davoncilendcn staunend nachsah und dankte. Es berührte Amrei wie eine selige Empfindung, daß sie zum erstcnmalc in ihrem Leben eine Werthsache, die sie selber noch Wohl brauchen konnte, verschenkt hatte. Anfangs, als sie es so rasch wcggegcben und darüber nachsann, dachte sie vor Allem nur daran, und das kam noch oft wieder, wie viel eigentlich die Schuhe werth gewesen seien; das Besitzthum wollte sich nicht leicht ablöscn von ihr, sie hatte es zu fest in Gedanken besessen, und sie dachte gar nicht mehr daran, wie viel sie eigentlich an der schwarzen Marann' gcthan; daß sic die Schuhe hergegcben, erschien ihr als ihre erste Wohlthat, und die Empfindung derselben beglückte sie gewiß noch mehr als die Empfängerin; sie lächelte immer vor sich hin, sie hatte ein geheimes Geschenk in der Seele, das ihr Herz in Freuden Hüpfen machte, und als sie Johannes fragte: „Was hast denn? Warum lachst denn immer so wie ein Kind im Schlaf?" sagte sie: „O Gott, es ist ja auch Alles wie ein Traum. Ich kann jetzt herschenkcn. Ich gehe in Gedanken noch jetzt immer mit der Frau, und weiß wie sie sich freut." „Das ist brav, daß du gern schenkst." 223 „O was will denn das heißen: iin Glück herschenken! das ist wie wenn ein volles Glas überfließt: ich bin so voll, ich möcht' gern Alles herschenken, ich möcht' auch wie du gern alle Menschen anrufcn. Ich meine, ich könnte sie alle speisen und tränken. Ich meine, ich säße an einer langen Hochzeittafel ganz allein mit dir, und ich bin so voll, ich kann gar nichts essen, ich bin satt." „Ja, ja, das ist gut," sagte Johannes. „Aber schenk' keine von deinen Schuhen mehr weg. Wenn ich sie ansehe, denk' ich an die vielen schönen guten Jahre, die drin stecken, da kannst dn viele schöne Jahre hernmlaufen, bis sie zerrissen sind." „Wie kommst dn jetzt darauf? Wieviel hundertmal Hab' ich das gedacht, wenn ich die Schuhe angesehen Hab'. Aber jetzt erzähl' mir auch von deinem Daheim, sonst schwätz' ich immer von mir. Erzähl'." Das that Johannes gern, und während er erzählte und Amrci mit weit offenen Angen znhörte, tanzte mitten durch alles in ihren: Geiste immer ein glückseliges Bild neben her, das war die Arme am Wege in den neuen geschenkten Schuhen. Nachdem Johannes die Menschen geschildert, rühmte er vor Allem das Vieh und sagte: „Das ist alles so wohlgenährt und gesund und rund, daß kein Tropfen Wasser drauf stehen bleibt." „Mir will's gar nicht in den Sinn," sagte Amrei, „daß ich auf einmal so reich sein soll. Wenn ich bedenke, daß ich selber so viel eigene Felder und Kühe und Mehl und Schmalz und Obst und Kisten und Kasten haben soll, da mein' ich, ich hätte bisher mein Lebenlang geschlafen, und wäre jetzt ans einmal aufgewacht. Nein, nein, daS 224 ist nicht so. Mir kommt es schrecklich vor, daß ich auf einmal für so Vieles verantwortlich sein soll. Gelt, deine Mutter hilft mir noch? Sie ist ja noch gut bei der Hand. Ich weiß gar nicht, wie man's macht, daß ich nicht Alles an die Armen verschenke; aber nein, das geht nicht, es ist ja nicht mein. Ich hab's ja auch nur geschenkt." „Almosengeben armet nicht! ist ein Sprüchwort meiner Mutter," erwiederte Johannes hierauf. Es läßt sich nicht sagen, mit welchem Jubel die beiden Liebenden dahinfnhren. Jedes Wort machte sie glücklich. Als Amrei fragte: „Habt ihr auch Schwalben am Haus?" und Johannes dieß bejahte mit dem Beisatze, daß sie auch ein Storchennest hätten, da war Amrei ganz glücklich, und ahmte das Storchengeschnatter nach, und schilderte gar lustig, wie der Storch mit ernsthaftem Gesichte auf Einem Bein stehe und von oben herunter in sein Haus schaue. War es eine Verabredung, oder war es die innere Macht des Augenblicks? Sie sprachen nichts davon, wie nun die eigentliche Auffahrt und das Eintreten ins elterliche Haus vor sich gehen sollte, bis sie gegen Abend in den Amtsbezirk kamen, in dem Zusmarshofen lag. - Erst jetzt, als Johannes schon einige Leute begegneten, die ihn kannten, ihn grüßten, und ihn verwundert anschauten, erklärte er Amrei, daß er sich zweierlei ausgedacht habe, wie man die Sache am besten anfange. Entweder wolle er Amrei zu seiner Schwester bringen, die hier abseits wohnte — man sah den Kirchthurm ihres Dorfes hinter einem Vorberge — er wollte dann allein nach Hause und Alles erklären; oder er wolle Amrei gleich mit ins Haus 225 nehmen, das heißt, sie sollte eine Viertelstunde vorher absteigen und als Magd ins Haus kommen. Amrei zeigte ihre ganze Klugheit, indem sie auseinanderfetzte was zu diesem Verfahren bestimme und was daraus hervorgehen könne. Halte sie sich bei der Schwester auf, so hatte sie zuerst eine Person zu gewinnen, die nicht die entscheidende war und es konnte allerlei Hin- und Her- zerrerei geben, die nicht zu berechnen war, abgesehen davon, daß es in späteren Zeiten immer eine mißliche Erinnerung, und in der ganzen Umgegend ein Gerede bleibe, daß sie sich nicht geradezu ins Haus gewagt habe. Da scheine der zweite Weg besser. Aber es gehe ihr wider die Seele, mit einer Lüge ins Haus zu kommen. Freilich habe ihr die Mutter vor Jahren versprochen, daß sie zu ihr in Dienst kommen könne; aber sie wolle ja jetzt nicht in Dienst und es sei wie ein Diebstahl, wenn sie sich in die Gunst der Eltern einschleichen wolle, und sie wisse gewiß, daß sie in dieser Verlarvung Alles ungeschickt thäte. Sie könne nicht gradaus sein, und wenn sie dem Vater nur einen Stuhl stellen wolle, werfe sie ihn gewiß um, denn sie müsse immer dabei denken: Du thust's, um ihn zu hintergehen. Und wenn Alles das auch noch ginge: wie sie denn vor den Dienstleuten erscheinen müsse, wenn sie später hören, daß sich die Meisterin als Magd ins Haus eingeschmuggelt habe und sie könne mit Johannes während der ganzen Zeit kein Wort reden. Diese ganze Auseinandersetzung schloß sie mit den Worten: „Ich Hab' dir das Alles nur gesagt, weil du auch meine Gedanken hören willst, und wenn du etwas mit mir überlegst, so muß ich doch frei herausreden; ich sage dir aber auch gleich: was du willst, wenn du es fest Auerbach, Varfüßele. 15 226 sagst, so thue ich es, und wenn du sagst, so, thu' ich's auch. Ich folge dir ohne Widerrede und ich will's so gut machen als ich kann, was du mir aufcrlegst." ^ „Ja, ja, du hast Recht," sagte Johannes im schweren Besinnen, „es ist beides ein ungerader Weg, der erste weniger; und wir sind jetzt schon so nahe, daß wir uns schnell besinnen müssen. Siehst du dort die Waldblöße da drüben auf dem Berg mit der kleinen Hütte? Du siehst auch die Kühe, so ganz klein wie Käfer? Da ist unsere Frühalm, da will ich unfern Dann hinsetzen." Staunend sagte Amrei: „O Gott wohin wagen sich nicht die Menschen! Das muß aber ein gut Grasgelände sein." „Freilich, aber wenn mir der Vater das Gut über- giebt, führe ich doch mehr Stallfütterung ein, es ist nützlicher; aber die alten Leute bleiben gern beim Alten. Ach! Was schwätzen wir da? Wir sind jetzt schon so nah. Hätten wir uns nur früher besonnen. Mir brennt der Kopf." „Bleib nur ruhig, wir müssen uns in Ruhe besinnen; ich habe schon eine Spur wie's zu machen wär', nur noch nicht ganz deutlich." „Was? Wie meinst?" „Nein, besinn' Du dich; vielleicht kommst du selber draus. Es gehört dir, daß du's einrichtest und wir sind jetzt beide so in Wirrwarr, daß wir einen Halt dran haben, wenn wir Beide zugleich draufkommen." „Ja mir fällt schon was ein. Ta im zweitnächsten Ort ist ein Pfarrer, den ich gut kenne, der wird uns am besten rathen. Aber halt! So ist's besser! Ich bleib' unten im Thal beim Müller und du gehst allein hinauf 227 auf den Hof zu meinen Eltern und sagst ihnen Alles gradaus, rund und klein. Meine Mutter hast du gleich an der Hand, aber du bist ja gescheit, du wirst auch den Vater so Herumkriegen, daß du ihn um den Finger wickelst. So ist Alles besser. Wir brauchen nicht zu warten und haben keine fremden Menschen zu Hülfe genommen! Ist dir das recht? Ist dir das nicht zu viel?" „Das ist auch ganz mein Gedanke gewesen. Aber jetzt wird nichts mehr überlegt, gar nichts; das steht fest wie geschrieben und das wird ausgeführt, und frisch ans Werk macht den Meister. So ist'S recht. O du weißt gar nicht, was du für ein lieber, guter, prächtiger, ehrlicher Kerl bist." „Nein du! Aber es ist jetzt Eins, wir sind jetzt Beide zusammen ein einziger braver Mensch und das wollen wir bleiben. Da guck, hier gieb mir die Hand, so, da die Wiese ist unser erstes Feld. Grüß Gott, Weible, so, jetzt bist du daheim. Und Juchhe! da ist unser Storch und stiegt auf. Storch! Sag' grüß Gott! Da ist die neue Meisterin. Ich will dir später schon noch mehr sagen. Jetzt Amrei, mach' nur nicht zu lang oben und schick' mir gleich Eins in die Mühle; wenn der Roßbub daheim ist, am besten den, der kann springen wie ein Hast. So, siehst du dort das Haus mit dem Storchennest und die zwei Scheuern dort am Berg, links vom Wald? Es ist eine Linde am Haus, siehst du's?" „Ja!" „Das ist unser Haus. Jetzt komm, steig ab, du kannst den Weg jetzt nicht mehr fehlen." Johannes stieg ab und half auch Amrei von dem Wagen und diese hielt das Halsgeschmeide, das sie in 228 die Tasche gesteckt hatte, wie einen Rosenkranz zwischen den gefalteten Händen und betete leise. Auch Johannes zog den Hut ab und seine Lippen bewegten sich. Die Beiden sprachen kein Wort mehr und Amrei ging voraus. Johannes stand noch lange an den Schimmel gelehnt und schaute ihr nach. Jetzt wendete sie sich und scheuchte den Hund zurück, der ihr gefolgt war, er wollte aber nicht gehen, rannte ins Feld abseits und wieder zu ihr, bis Johannes ihm pfiff, dann erst kam das Thier zurück. Johannes fuhr nach der Mühle und hielt dort an. Er hörte, daß sein Vater vor einer Stunde da gewesen sei, um ihn hier zu erwarten; er sei aber wieder umgekehrt. Johannes freute sich, daß sein Vater Wiederwahl auf den Beinen war und daß Amrei nun beide Eltern zu Hause träfe. Die Leute in der Mühle wußten nicht, was das mit Johannes war, daß er bei ihnen anhielt und doch fast auf kein Wort hörte. Er ging bald in das Haus, bald aus demselben, bald ans den Weg nach dem Hofe, bald kehrte er wieder zurück. Denn Johannes war voll Unruhe, er zählte die Schritte, die Amrei ging. Jetzt war sie an diesem Felde, und jetzt an diesem, jetzt am Buchenhage, jetzt sprach sie mit den Eltern ... Es ließ sich doch nicht ausdenken wie es war. 18 . Das erste Herdfeuer. Amrei war unterdeß wie traumverloren dahin gegangen. Sie schaute wie fragend nach den Bäumen auf: die stehen so ruhig auf dem Fleck und die werden so stehen und auf dich niederschauen, Jahre, Jahrzehnte, dein ganzes Leben lang als deine Lebensgenossen; und was wirst du derweil erfahren! Amrei war aber doch schon so alt geworden, daß sie nicht mehr nach einem Halt in der Außenwelt tastete. Es war schon lange, seitdem sie mit dem Vogelbeerbaum gesprochen hatte. — Sie wollte ihre Gedanken wegbannen von Allem was sie umgab, und doch starrte sie wieder hinein in die Felder, die ihr eigen werden sollten und wollte sich immer vordenken, was nun kommen sollte: Eintritt und Empfang, Anrede und Antwort, hin und her. Wie ein Wirrwarr von tausend Möglichkeiten schwirrte Alles uni sie her und sie sagte endlich fast laut und der Silbertrabwalzer spielte sich ihr im Kopfe: „Was da, was da, vorher besinnen? Wenn aufgespielt wird tanz' ich, Hopser oder Walzer. Ich weiß nicht wie ich die Füße setze, sie thun's allein; und ich kann mir's nicht denken, und ich will mir's nicht denken, wie ich vielleicht in einer Stunde den Weg da wieder 230 zurückkehre und die Seele ist mir aus dem Leibe genommen und ich muß doch gehen, einen Schritt nach dem andern. Genug! Jetzt laß kommen, was kommen will; ich bin ja auch dabei." Und es lag noch mehr als diese ausgesprochene Zuversicht in ihrem Wesen; sie hatte wicht umsonst von Kindheit an Räthsel gelöst und von Tag zu Tag mit dem Leben gerungen. Die ganze Kraft dessen was sie geworden, ruhte still und sicher treffend in ihr. Ohne weitere Frage, wie man einer Nothwendigkeit entgegen geht, still in sich zusammcngefaßt, ging sie muthig und festen Schrittes dahin. Sie war noch nicht weit gegangen, da saß ein Bauer mit einem rothen Schlehdornstock zwischen den Füßen und beide Hände und das Kinn darauf stützend am Wege. „Grüß Gott!" sagte Amrei, „thut das Ausruhen gut?" „Ja. Wohin willst?" „Dahinauf auf den Hof. Wollet Ihr mit? Ihr könnet Euch an mir führen." „Ja, so ist's!" grinste der Alte, „vor dreißig Jahren wäre mir das lieber gewesen, wenn mir so ein schönes Mädle das gesagt hätte, da wäre ich gesprungen wie ein Füllen." „Zu denen, die springen können wie die Füllen, sagt man das aber nicht!" lachte Amrei. „Du bist reich," sagte der Alte, der eine müßige Unterhaltung am heißen Mittag zu lieben schien. Er nahm vergnüglich eine Prise aus seiner Horndose. „Woher seht Ihr, daß ich reich bin?" „Deine Zähne sind zehntausend Gulden werth, es gäbe 231 Mancher zehntausend Gulden drum, wenn er sie im Maul hätte." „Ich Hab' jetzt keine Zeit zum Spaßen. Behüt' Euch Gott." „Wart nur, ich geh mit, aber mußt nicht schnell laufen." Amrei half nun dem Alten behutsam auf und der Alte sagte: „Du bist stark." Er hatte sich in seiner neckischen Weise noch schwerer und unbehülflicher gemacht als er war. Im Gehen fragte er jetzt: „Zu wem willst du denn auf dem Hof?" „Zum Bauern und zu der Bäuerin." „Was willst du denn von ihnen?" „Das will ich ihnen selber sagen." „Wenn du was geschenkt haben willst, da kehr' lieber gleich wieder um; die Bäuerin gäb' dir schon, aber sie ist über Nichts Meister, und der Bauer der ist zäh, der hat ein Sperrholz im Genick und einen steifen Daumen dazu." „Ich will nichts geschenkt, ich bring' ihnen was," sagte Amrei. Es begegnete den Beiden ein älterer Mann, der mit der Sense ins Feld ging und der Alte neben Amrei rief ihn an und fragte ihn mit seltsamem Augenzwinkern: „Weißt nicht, ist der geizige Landfricdbauer nicht daheim?" „Ich glaub', aber ich weiß es nicht," lautete die Antwort des Mannes mit der Sense und er ging davon feldein. Es zuckte etwas in seinem Gesichte und noch jetzt als er so hinwandeltc schüttelte es ihm den Rücken ans und nieder, er lachte offenbar und Amrei schaute starr in das Antlitz ihres Begleiters und gewahrte die Schelmerei darin und plötzlich erkannte sie in den eingefallenen Zügen 232 die jenes Mannes, dem sie einst auf dem Holderwasen zu trinken gegeben hatte und leise mit den Fingern schnalzend dachte sie: „Wart', dich krieg' ich" und laut sagte sie: „das ist schlecht von Euch, daß Ihr so von dem Bauer redet zu einem Fremden, wie ich, das Zhr nicht kennet, und das vielleicht eine Verwandte von ihm ist, und es ist auch gewiß gelogen was Ihr saget; freilich soll der Bauer zäh sein, aber wenn's drauf ankommt, hat er gewiß auch ein rechtschaffnes Herz und hängt nur nicht an die große Glocke was er Gutes thut, und wer so brave Kinder hat, wie man die seinen berühmt, der muß auch rechtschaffen sein und es kann sein, er macht sich vor der Welt gern schlecht, weil es ihm nicht der Mühe Werth ist, was Andere von ihm denken, und ich kann ihm das nicht übel nehmen." „Du hast dein Maul nicht vergessen. Woher bist denn?" „Nicht aus der Gegend, vom Schwarzwald her." „Wie heißt der Ort?" „Haldenbrunn." „So? Und bist zu Fuß daher gekommen?" „Nein, es hat mich unterwegs Einer mitfahren lassen, es ist der Sohn von dem Bauern da. Ein richtiger braver Mensch." „So? Ich hätte dich in seinen Jahren auch mitfahren lassen." Man war am Hofe angekommen und der Alte ging mit Amrei in die Stube und rief: „Mutter, wo bist?" Die Frau kam aus der Kammer und die Hand Amrei's zuckte, sie wäre ihr gern um den Hals gefallen, aber sie konnte nicht, sie durfte nicht, und der Alte sagte unter 233 herzerschütterndem Lachen: „Denk nur Bäuerin, das ist ein Mädle aus Haldenbrunn und es hat dem Landfriedbauer und der Bäuerin was zu sagen, aber mir will's nichts davon kund geben. Jetzt sag' du, wie man mich heißt." „Das ist ja der Bauer," sagte die Bäuerin, nahm als Zeichen des Willkomms dem Alten deck Hut vom Kopfe und hing den Hut an das Ofengeländer. „Ja, merkst's jetzt?" sagte der Alte triumphirend gegen Amrei, „jetzt sag' was du willst." „Setz dich," sagte die Mutter und wies Amrei auf einen Stuhl. Mit schwerem Athemholen begann diese nun. „Ihr könnt mir's glauben, daß kein Kind mehr hat an Euch denken können als ich, schon vorher, schon vor den letzten Tagen. Erinnert Ihr Euch des Josenhansen am Weiher, wo der Fahrweg gegen Endringen geht?" „Freilich, freilich," sagten die beiden Alten. „Und ich bin des Josenhansen Tochter." „Guck', ist mir doch gewesen, als ob ich dich kenn'," sagte die Alte. „Grüß Gott!" Sie reichte die Hand und fuhr fort: „Bist ein starkes, saubres Mädle geworden. Jetzt sag', was führt dich denn so weit daher?" „Sie ist ein Stück mit unserm Johannes gefahren," sprach der Bauer dazwischen, „er kommt bald nach." Die Mutter erschrak, sie ahnte etwas und erinnerte ihren Mann, daß sie damals als Johannes weggeritten sei, an des Josenhansen Kinder gedacht habe. „Und ich habe ja auch noch ein Andenken von Euch Beiden," sagte Amrei und holte den Anhenker und ein eingewickeltes Geldstück ans der Tasche. „Das da habt Ihr mir damals geschenkt, wie Ihr zum lctztenmale im Ort gewesen seid." 234 „Guck und hast mich augelogen und hast gesagt, du habest es verloren," schalt der Bauer zu seiner Frau. „Und da," fuhr Amrei fort, ihm den eingewickelten Groschen hinreichend, „da ist das Geldstück, das Ihr mir geschenkt habt, wie ich auf dem Holdcrwasen die Gänse gehütet und Euch am Brunnen Wasser geschöpft Hab'." „Ja, ja, ist Alles richtig, aber was soll denn jetzt das Alles? Was dir geschenkt ist, kannst du behalten," sagte der Bauer. Amrei stand auf und sagte: „Ich habe aber jetzt noch eine Bitte: lasset mich ein paar Minuten reden, ganz frei. Darf ich?" „Ja, warum nicht?" „Schaut, Euer Johannes hat mich mitnehmcn wollen und zu euch bringen als Magd, und ich hält' auch gern bei euch gedient zu andern Zeiten, lieber als sonstwo; aber jetzt wär's unehrlich gewesen, und gegen wen ich mein Lebenlang ehrlich sein will, dem will ich nicht zum erstenmal unehrlich mit einer Lüge gekommen sein. Jetzt mnß alles sonnenklar sein. Mit Einem Wort: der Johannes und ich, wir haben uns von Grund des Herzens gern und er will mich zur Frau haben..." „Oha!" schrie der Bauer und stand rasch auf; man hätte es deutlich sehen können, daß seine frühere Unbc- holfenheit nur geheuchelt war. „Oha!" schrie er nochmals, als ob ihm ein Gaul durchginge. Die Mutter aber hielt ihn bei der Hand fest und sagte: „Laß sie doch ausreden." Und Amrei fuhr fort: „Glaubet mir, ich bin gescheit genug, und ich weiß, daß man eines nicht aus Mitleid zur Schwiegertochter machen kann; Ihr könnet mir was schenken, viel schenken, 235 aber zur Schwiegertochter machen aus Barmherzigkeit, das kann man nicht, und das will ich auch nicht. Ich habe keinen Groschen Geld — ei ja doch den Groschen, den Ihr mir auf dem Holderwasen geschenkt habt, den Hab' ich noch, es hat ihn Niemand für einen Groschen nehmen wollen," sagte sie zum Bauer gewendet, und dieser mußte unwillkürlich lächeln. „Ich habe nichts, ja noch mehr, ich habe einen Bruder, der wohl gesund und stark ist, für den ich aber doch noch sorgen muß, und ich habe die Gänse gehütet und war das Geringste im Ort, das ist Alles; aber das geringste Unrecht kann man mir auch nicht nachsagen, und das ist auch wieder Alles — und was dem Menschen eigentlich von Gott gegeben ist, darin sag' ich zu jeder Prinzessin: ich stell' mich um kein Haar breit gegen dich zurück, und wenn du sieben goldene Kronen auf dem Kopf hast. Es wäre mir lieber, es thäte ein Anderes für mich reden, ich red' nicht gern; aber ich Hab' mein Lebenlang für mich allein Annehmer sein müssen, und thue es heut zum letztenmale, wo sich es entscheidet über Tod und Leben. Heißt das, versteht mich nicht falsch: wollt Ihr mich nicht, so gehe ich in Ruhe fort, ich thue mir kein Leid an, ich springe nicht ins Wasser und ich hänge mich nicht; ich suche mir wieder einen Dienst, und will Gott danken, daß mich einmal so ein braver Mensch hat zur Frau haben wollen, und will annehmen, es ist Gottes Wille nicht gewesen. . . " Die Stimme Amrei's zitterte, und ihre Gestalt wurde größer, und ihre Stimme wurde mächtiger, als sie sich jetzt zusammennahm und rief: „Aber prüfet Euch, fraget Euch im tiefsten Gewissen, ob das Gottes Wille ist, was Ihr thut. Weiter sage ich nichts. — 236 Amrei setzte sich nieder. Alle drei waren still und der Alte sagte: „Du kannst ja predigen wie ein Pfarrer." Die Mutter aber trocknete sich die Augen mit der Schürze und sagte: „Warum nicht? die Pfarrer haben auch nicht mehr als Ein Hirn und Ein Herz." „Ja du!" höhnte der Alte, „du hast ja auch so was Geistliches; wenn man dir mit so ein paar Reden kommt, da bist du gleich gekocht." „Und du thust, wie wenn du nicht gar werden wolltest vor deinem Ende," sagte die Bäuerin im Trotze. „So?" höhnte der Alte. „Guck, du Heilige vom Unterland! du bringst schönen Frieden in unser Haus. Jetzt hast's gleich fertig gebracht, daß die da scharf gegen mich aufsitzt; die hast du schon gefangen. Nun, ihr werdet warten können, bis mich der Tod gestreckt hat, dann könnt ihr ja machen, was ihr wollt." „Nein!" rief Amrei, „das will ich nicht, so wenig ich will, daß mich der Johannes zur Frau nehme ohne Euren Segen, so wenig will ich, daß die Sünde in unseren Herzen sei, daß wir Beide auf Euren Tod warten. Ich habe meine Eltern kaum gekannt, ich kann mich ihrer nicht mehr erinnern; ich habe sie nur lieb, wie man Gott lieb hat, ohne daß man ihn je gesehen hat. Aber ich weiß doch auch, was Sterben ist. Gestern in der Nacht habe ich der schwarzen Marann' die Augen zugedrückt; ich habe ihr mein Lebenlang gethan, was sie gewollt hat, und jetzt, wo sie todt ist, da habe ich doch schon oft denken müssen: wie manchmal bist du unwillig und herb gegen sie gewesen, wie hättest du ihr noch manches Gute thun können, und jetzt liegt sie da, und jetzt ist's vorbei; du kannst nichts mehr thun, und nichts 237 mehr Mitten. Ich weiß, was Sterben ist, und will nicht. . . „Aber Ich will!" schrie der Alte, und ballte die Fäuste und knirschte die Zähne. „Aber Ich will," schrie er nochmals. „Da bleibst, und unser bist! Und jetzt mag kommen,^ was da will, mag reden wer da will. Du kriegst meinen Johannes, und keine Andere." Die Mutter rannte auf den Alten los und umarmte ihn, und dieser, der das gar nicht gewohnt war, rief unwillkürlich: „Was machst du da?" „Dir einen Kuß geben, du verdienst's, du bist braver als du dich gebeu willst." Der Alte, der während der ganzen Zeit eine Prise zwischen den Fingern gehabt, wollte die Prise nicht verschwenden, er schnupfte sie daher schnell und sagte: „Nun, meinetwegen," dann aber setzte er hinzu: „Aber jetzt hast du den Abschied, ich habe eine viel Jüngere, und von der schmeckt's viel besser. Komm her, du verstellter Pfarrer." „Ich komm' schon, aber ruft mich zuerst bei meinem Namen." „Ja, wie heißt du denn?" „Das brauchet Ihr nicht zu wissen, Ihr könnet mir ja selber einen Namen geben; wisset schon welchen." „Du bist gescheit! Nun meinetwegen, so komm her, Söhnerin. Ist dir der Name recht?" Und als Antwort flog Amrei auf ihn zu. „Und ich, ich werde gar nicht gefragt?" schalt die Mutter in Heller Glückseligkeit und der Alte war ganz übermüthig geworden in seiner Freude. Er nahm Amrei an der Hand und sagte in nachspottendem Predigertone: „Nun frage ich Sie wohlehrsame Cordula Katharina, genannt Landfriedbäüerin: wollen Sie hier diese" — er 238 fragte das Mädchen bei Seite — „ja wie heißt du denn eigentlich mit dem Taufnamen?" „Amrei!" Und der Alte fuhr fort in gleichem Tone: „Wollen Sie hier diese Amrei Josenhans von Haldenbrnnn zu Ihrer Schwiegertochter annehmen, sie nicht zu Worte kommen lassen wie Sie bei Ihrem Manne thun, sie schlecht futtern, ausschimpfen, unterdrücken, und überhaupt was man so nennt in das Haus metzgen?" Der Alte schien wie närrisch, es war etwas ganz Seltsames niit ihm vorgegangcn und während Amrei an dem Halse der Mutter hing und gar nicht von ihr los lassen wollte, schlug der Alte mit seinem Nothdornstock auf den Tisch und schrie polternd: „Wo bleibt denn der nichtsnutzige Bub, der Johannes? Schickt uns der Bursch seine Braut auf den Hals und fährt derweil in der Well herum? Ist das erhört?" Jetzt riß sich Amrei los und sagte, daß man sogleich den Roßbub oder ein Anderes nach der Mühle schicken solle, dort warte Johannes. Der Vater behauptete, er müsse mindestens noch drei Stunden da in der Mühle zappeln; das müsse seine Strafe sein, weil er sich so feig hinter die Schürze versteckt habe. Wenn er heimkehre, müsse man ihm eine Haube aufsetzen; überhaupt wollte er ihn jetzt noch gar nicht dahabeu, denn wenn der Johannes da sei, da habe er nichts mehr von der Braut und es sei ihm schon jetzt ärgerlich, wenn er an das Gethue denke. Die Mutter wußte sich indeß hinauszuschleichen und den schnellfüßigen Roßbuben nach der Mühle zu schicken. Jetzt dachte die Mutter daran, daß doch Amrei auch 239 was essen müsse. Sie wollte schnell einen Eierkuchen machen, aber Amrei bat, daß sie ihr gestatte, das erste Feuer im Hause, das ihr was bereite, selber anzuzünden, zugleich auch um den Eltern etwas zu kochen. Es wurde ihr willfahrt und die beiden Alten gingen mit ihr in die Küche und sie wußte Alles so geschickt anzufassen, sah mit einem Blicke, wo Alles stand und hatte fast gar nichts zu fragen und Alles was sie that, that sic so fest und so zierlich, daß der Alte immer seiner Frau zunickte und einmal sagte: „Die ist in der Haushaltung auf Noten eingespielt, die kann Alles vom Blatt weg, wie der neue Schullehrer." Am hell lodernden Feuer standen die drei als Johannes kam. Und Heller loderte die Flamme nicht aus dem Herde als die innerste Glückseligkeit in den Augen Aller glänzte. Der Herd mit seinem Feuer ward zum heiligen Altar, um den andächtige Menschen standen, die doch nur lachten und einander neckten. 240 19. Geheime Schätze. Amrei wußte sich im Hause bald so heimisch zu machen, daß sie schon am zweiten Tage darin lebte, als wäre sie von Kindheit an hier ausgewachsen und der Alte trappelte ihr überall nach und schaute ihr zu, wie sie Alles so geschickt aufnahm und so stet und gemessen vollführte; ohne Hast und ohne Nast. Es giebt Menschen, die wenn sie gehen und nur das Kleinste holen, einen Teller, einen Krug, da scheuchen sie die Gedanken aller Sitzenden auf, sie schleppen so zu sagen Blick und Gedanken der Sitzenden und Zuschauenden mit sich herum. Amrei dagegen verstand Alles so zu thun und zu leisten, daß man bei ihrem Hantieren die Ruhe nur um so mehr empfand und ihr für Jegliches nur um so dankbarer war. Wie oft und oft hatte der Bauer darüber gescholten, daß allemal, wenn man Salz brauche, Eines vom Tische aufstehen müsse. Amrei deckte den Tisch und auf das ausgebreitete Tischtuch stellte sie immer zuerst das Salzfaß. Als der Bauer Amrei darüber lobte, sagte die Bäuerin lächelnd: „du thust jetzt, als ob du vorher gar nicht gelebt hättest, als ob du Alles hättest ungesalzen und ungeschmalzen essen müssen;" und der Johannes erzählte, daß man Amrei auch die Salzgräfin hieße und 241 fügte dann die Geschichte von dem König und seiner Tochter hinzu. Das war ein glückseliges Beisammensein in der Stube, im Hof und auf dem Felde, und der Bauer sagte immer: es habe ihm seit Jahren das Essen nicht so geschmeckt wie jetzt, und er ließ sich von Amrei drei- viermal des Tages, zu ganz ungewöhnlichen Zeiten etwas Herrichten und sie mußte bei ihm sitzen bis er gegessen hatte. Die Bäuerin führte Amrei mit innerstem Behagen in den Milchkeller und in die Vorrathskammern und auch einen großen buntgemalten Schrank voll schön geschichteter Leinwand, öffnete sie und sagte: „Das ist deine Aussteuer; es fehlt nichts als die Schuhe. Mich freut's besonders, daß du dkt deine Dienstschuhe so aufgespart hast. Ich habe da meinen besondern Aberglauben." Wenn Amrei sie über alles fragte wie es bisher im Hause gehalten worden, nickte sie und schluckte dabei vor Behagen, sie drückte aber ihre Freude als solche nicht aus, sondern nur in dem ganzen anheimelnden Ton, mit dem die gewöhnlichsten Dinge gesprochen wurden, lag die Freude selbst als innewohnender Herzschlag. Und als sie nun begann Barfüßele Einzelnes im Hauswesen zu übergeben sagte sie: „Kind, ich will dir was sagen: wenn dir was im Hauswesen nicht gefällt, an der Ordnung wie's bis jetzt gewesen ist, mach's nur ohne Scheu anders wie dir's ansteht; ich gehöre nicht zu denen, die meinen, wie sie's eingerichtet haben, so müsse es ewig bleiben und da ließe sich gar nichts daran ändern. Du hast freie Hand und es wird mich freuen, wenn ich frischen Vorspann sehe. Aber wenn du mir folgen willst, ich rath' dir's zu Gutem, thu's nach und nach." Auerbach, Barfüßele. 16 242 Das war eine wohlthuende Empfindung, in der sich geistig und körperlich jugendliche und altbewährte Kraft die Hand reichten, indem Amrei von Grund des Herzens erklärte, daß sie Alles Wohl bestellt finde und daß sie hochbeglückt und beseligt sein werde, wenn sie einst als allerlebte Mutter das Hauswesen in einem solchen Zustande wie jetzt zeigen könne. „Du denkst weit hinaus," sagte die Alte. „Aber das ist gut, wer weit vor denkt, denkt auch weit zurück und du wirst mich nicht vergessen, wenn ich einmal nicht mehr bin." — Es waren Boten ausgegangen, um den Söhnen und dem Schwiegersöhne des Hauses das Familienereigniß anzukündigen und sic auf nächsten Sonntag nach'Zusmars- hofen zu entbieten und seitdem träppelte der Alte immernoch mehr um Amrei herum, er schien etwas auf dem Herzen zu haben und es wurde ihm schwer, es herauszubringen.— Man sagt von vergrabenen Schätzen, daß darauf ein schwarzes Unthier hockt und in den heiligen Nächten erscheint auf der Oberfläche, wo solch ein Schatz begraben ist, ein blaues Flämmchen und ein Sonntagskind kann es sehen, und wenn es sich dabei ruhig und unerschütterlich verhält, kann es den Schatz heben. Man hätte es nicht glauben sollen, daß in dem alten Landfriedbauer auch solch ein Schatz vergraben wäre und darauf hockte der schwarze Trotz und die Menschenvcrachtung, und Anirei sah das blaue Flämmchen darüber schweben und sie wußte sich so zu verhalten, daß sie den Schatz erlöste. Es ließ sich nicht sagen, wie sie's dem Alten angethan, daß er das sichtliche Bestreben hatte: vor ihr als besonders gut und treumeinend zu erscheinen; schon 243 daß er sich um ein armes Mädchen so viel Mühe gab, das war ja fast ein Wunder. Und nur das war Amrei klar: er wollte es seiner Frau nicht gönnen, daß sie allein als die Gerechte und Liebreiche erschien und er als der Bissige und Wilde, vor dem man sich fürchten müsse; und eben das, daß Amrei bevor sie ihn erkannt, ihm gesagt hatte: Sie glaube, es sei ihm nicht der Mühe Werth, vor den Menschen gut zu erscheinen —, eben das machte ihm das Herz ans. Er wußte, so oft er sie allein traf, jetzt so viel zu reden, es war als hätte er alle seine Gedanken in einem Spartopfe gehabt, den er nun aufmachte: und da waren gar wunderliche alte abgeschätzte Münzen, große Denkmünzen die gar nicht im Umlauf sind, die nur bei großen Gelegenheiten geprägt wurden, auch unvergriffcne und zwar ganz von Silber, ohne Kupferzuthat. Er konnte seine Sache nicht so gut Vorbringen wie damals die Mutter zu Johannes. Seine Sprache war steif in allen Gelenken, aber er wußte doch Alles zu treffen nnd er benahm sich fast als ob er der Annehmer Amrei's gegen die Mutter sein müsse und es war nicht uneben als er ihr sagte: „Schau, die Bäuerin ist die gut Stund' selber, aber die gut Stund' ist noch nicht gut Tag, gute Woch und gut Jahr. Es ist halt ein Weibsbild, bei denen ist immer Aprilwetter und ein Weibsbild ist nur ein halber Mensch, darauf besteh' ich, und da bringt mich keines davon." „Ihr redet uns schönes Lob nach," sagte Amrei. „Ja, es ist wahr," sagte der Alte „ich red' ja zu Dir, aber wie gesagt: Die Bäuerin ist seelengut, nur zu viel, und da verdrießt sie's gleich wenn man nicht macht was sie will, weil sie's doch so gut meint, und sie glaubt, Man wisse nicht wie gut sie sei, wenn man ihr nicht folgt. 24L Sie kann sich nicht denken, daß man ihr eben nicht folgt, weil's manchmal ungeschickt ist was sie will, wenn's sie's auch noch so gut meint. Und das merk' dir besonders: thu' ihr nichts nach grad so wie sie's macht, mach's auf deine eigene Art wie's recht ist, das hat sie viel lieber. Sie hat's gar nicht gern, wenn's den Schein hat als ob man ihr unterthänig sei, aber das wirst du Alles schon merken, und wenn dir was vorkommt, um Gotteswillen, mach' deinen Mann nicht wirbelsinnig; es giebt nichts Aergeres als wenn der Mann dasteht zwischen der Mutter und der Söhnerin und die Mutter sagt: Ich gelte nichts mehr vor der Söhnerin, ja die Kinder werden Einem untreu — und die Söhnerin sagt: Jetzt seh' ich wer du bist, du läßt deine Frau unterdrücken. Ich rathe dir, wenn dir einmal so etwas vorkommt, was du nicht allein klein kriegen kannst, sag's mir im Stillen, ich will dir schon helfen; aber mach' deinen Mann nicht wirbelsinnig, er ist ohnedieß ein bischen stark verkindelt von seiner Mutter, aber er wird jetzt schon herber werden, fahre du nur langsam und laß dich's immer dünken: ich wäre von deiner Familie und bin dein natürlicher Annehmer und es ist auch so: von deiner Mutter Seite her bin ich weitläufig etwas verwandt mit dir." Und nun suchte er eine seltsam gegliederte Verwandtschaft auseinanderzuhaspeln, aber er fand den rechten Faden nicht und verwirrte die Gliederung immer mehr wie einen Strang Garn, und dann schloß er immer zuletzt mit den Worten: „Du kannst mir's aufs Wort glauben, daß wir verwandt sind, ja wir sind verwandt, aber ich kann's nur nicht so aufzählen." Es war nun doch noch vor seinem Ende die Zeit 245 gekommen, daß er nicht mehr blos die falschen Groschen aus seinem Besitzthume herschenkte; es that ihm Wohl, nun endlich das wirklich Geltende und Werthvolle anzugreifen. Eines Abends rief er Amrei zu sich hinter das Haus und sagte zu ihr: „Schau, Mädle, du bist brav und gescheit, aber du kannst doch nicht wißen, wie ein Mann ist. Mein Johannes hat ein gutes Herz, aber es kann ihn doch einmal wurmen, daß du so gar nichts gehabt hast. Da, komm her, da nimm das, sag' aber keiner Menschenseele was davon, von wem es ist. Sag', du habest es mit Fleiß verborgen. Da nimm!" Und er reichte ihr einen vollgestopften Strumpf voll Kronenthaler und setzte noch hinzu: „Man hätte das erst nach meinem Tode finden sollen, aber es ist besser, er kriegt es jetzt und meint, es wäre von dir. Eure ganze Geschichte ist ja gegen alle gewöhnliche Art, daß auch das noch dabei sein kann, daß du einen geheimen Schatz gehabt hast. Vergiß aber nicht, es sind auch zwei und dreißig Federnthaler dabei, die gelten einen Groschen mehr als gewöhnliche Thaler. Heb's nur gut auf, thu's in den Schrank, wo die Leinwand drin ist, und trag' den Schlüssel immer bei dir. Und am Sonntag, wenn die Sippschaft bei einander ist, schüttest du's auf den Tisch aus." „Ich thue das nicht gern, ich mein' das sollte der Johannes thun, wenn's überhaupt nöthig ist." „Es ist nöthig, aber mag's meinetwegen der Johannes thun; aber still, versteck's schnell, da, thu's in deine Schürze, ich hör' den Johannes, ich glaub' er ist eifersüchtig." Die Beiden trennten sich rasch. 246 Noch am selben Abend nahm die Mutter Amrei mit auf den Speicher und holte einen ziemlich schweren Sack aus einer Truhe, das Band daran war auf's Abenteuerlichste verknüpft und sie sagte zu Amrei: „Mach mir das Band auf." Amrei versuchte, es ging schwer. „Wart, ich will eine Scheere nehmen, wir wollen's aufschneiden." „Nein," sagte Amrei „das thu' ich nicht gern; habt nur ein bischen Geduld, Schwieger, werdet schon sehen, ich bring's auf." Die Mutter lächelte während Amrei mit vieler Mühe aber mit kunstgeübter Hand den Knoten doch endlich aufbrachte und jetzt sagte sie: „So, das ist brav und jetzt schau einmal hinein was drin ist." Amrei sah Silber- und Goldstücke und die Mutter fuhr fort: „Schau Kind, du hast am Bauer ein Wunder gethan, ich kaun's noch nicht verstehen, wie er's zugegeben hat; aber ganz hast dn ihn doch noch nicht bekehrt. Mein Mann redet immer drauf herum, daß es doch gar so arg sei, daß du so gar Nichts habest; er kaun's noch nicht verwinden, er meint immer, du müßtest im Geheimen ein schönes Vermögen besitzen und du habest uns nur angeführt, um uns auf die Probe zu stellen, ob wir dich allein ohne Alles gern aunehmen; er läßt sich das nicht aus- reden und da bin ich ans einen Gedanken gefallen. Gott wird uns dieß nicht zur Sünde anrechnen. Schau, das Hab' ich mir erspart in den sechs und dreißig Jahren die wir mit einander Hausen, ohne Unterschleif, und es ist auch noch Erbstück von meiner Mutter dabei. Und jetzt nimm du's und sag nur, es sei dein Eigenthum. Das wird den Bauer ganz glücklich machen, besonders weil er so gescheit gewesen ist und das im Voraus geahnt hat. Was guckst so verwirrt drein? Glaub' mir, wenn ich dir was sage, kannst du es thun, es ist kein Unrecht, ich Hab' mir's überlegt hin und her; jetzt versteck's und red' mir kein Wort dagegen, gar kein Wort, sag mir keinen Dank und gar nichts, es ist ja eins, ob's mein Kind jetzt kriegt oder später, und es macht meinem Mann noch bei Lebzeiten eine Freud'. Jetzt fertig, bind's wieder zu." Am andern Morgen in der Frühe erzählte Amrei dem Johannes Alles was die Eltern ihr gesagt und gegeben hatten und Johannes jubelte: „O Gott im Himmel verzeih mir! Von meiner Mutter hätt' ich so was glauben können, aber von meinem Vater hätte ich mir das nie träumen lassen. Du bist ja eine wahre Hexe, und schau, es bleibt dabei, daß wir Keinem vom Andern etwas sagen und das ist noch das Prächtige, daß Eins das Andere anführen will und Jedes ist wirklich angeführt, denn Jedes muß meinen: Du habest das andere Geld noch wirklich im Geheimen für dich gehabt. Juchhe! Das ist lustig zum Kehraus. —" Mitten in aller Freude im Hause herrschte aber doch auch wieder allerlei Besorgniß. 20. Im Familiengeleise. Nicht die Sittlichkeit regiert die Welt, sondern eine verhärtete Form derselben: die Sitte. Wie die Welt nun einmal geworden ist, verzeiht sie eher eine Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte. Wohl den Zeiten und den Völkern, in denen Sitte und Sittlichkeit noch Eins ist. Aller Kampf, der sich im Großen wie im Kleinen, im Allgemeinen wie im Einzelnen abspiclt, dreht sich darum, den Widerspruch dieser Beiden wieder aufzuheben und die erstarrte Form der Sitte wiederum für die innere Sittlichkeit flüssig zu machen, das Geprägte nach seinem innern Werthgehalte neu zu bestimmen. Auch hier in dieser kleinen Geschichte von Menschen, die dem großen Weltgewirre abseits liegen, spiegelt sich das wiederum ab. Die Mutter, die innerlich am meisten sich freute mit der glücklichen Erfüllung, war doch wieder voll eigenthüm- licher Besorgniß wegen der Weltmeinung. „Ihr habt's doch leichtsinnig gemacht," klagte sie zu Amrei, „daß du so ins Haus gekommen bist und daß man dich nicht abholen kann zur Hochzeit. Das ist halt nicht schön und ist nicht der Brauch. Wenn ich dich nur noch fortschicken könnte auf einige Zeit oder auch den Johannes, daß Alles 249 mehr Schick bekäme." Und dem Johannes klagte sie: „Ich höre schon, was es für Gerede giebt, wenn du so schnell heirathest: zweimal aufgeboten und das drittemal abgekauft, Alles so kurz angebunden, das thun liederliche Menschen." Sie ließ sich aber in Beidem wiederum beschwichtigen und sie lächelte als Johannes sagte: „Ihr habt doch sonst Alles so gut durchstudirt wie ein Pfarrer, jetzt Mutter, warum sollen denn ehrliche Leute eine Sache lassen, weil sich unehrliche dahinter verstecken? Kann man mir was Böses Nachreden?" , „Nein, du bist dein Leben lang brav gewesen." „Gut. Drum soll man jetzt auch in Etwas an mich glauben und glauben, daß das auch brav sei was nicht im ersten Augenmaß so aussehen mag; ich kann das verlangen. Und wie ich und meine Amrei zusammen gekommen sind, das ist einmal so aus der Ordnung, das hat seinen besonderen Weg von der Landstraße ab. Und es ist kein schlechter Weg. Das ist ja wie ein Wunder, wenn man Alles recht bedenkt, und was geht uns das an, wenn die Leute heut' kein Wunder mehr wollen, und da allerlei Unsauberkeit finden möchten? Man muß Courage haben und nicht in Allem nach der Welt fragen. Der Pfarrer von Hirlingen hat einmal gesagt: Wenn heutigen Tages ein Prophet aufstünde, müßte er vorher sein Staatsexamen machen, ob's auch in der alten Ordnung ist, was er will. Jetzt, Mutter, wenn man bei sich weiß, daß etwas recht ist, da geht man grad durch und stößt hüben und drüben weg, was Einem im Weg ist. Laß sie nur eine Weile verwundert dreinglotzen, sie werden sich mit der Zeit schon anders besinnen." 250 Die Mutter mochte fühlen, daß ein Wunder wol als glückliche plötzliche Erscheinung gelten könne, daß aber auch das Ungewöhnlichste sich allmälig doch wieder einstigen müsse in die Gesetze des Herkommens und des gewohnten stetigen Ganges, daß die Hochzeit wol wie ein Wunder erscheinen könne, die Ehe aber nicht, die eine geregelte Fortsetzung in sich schließt. Sie sagte daher: „Mit all den Leuten, die du jetzt gering ansiehst und stolz, weil du weißt, du thust das Rechte, mit denen mußt du doch wieder leben und verlangst, daß sie dich nicht scheel ansehen und dir deine Ehre lassen, und dafür, daß die Menschen das thun, mußt du ihnen das Gehörige auch geben und lassen; du kannst sie nicht zwingen, daß sie an dir eine Ausnahme sehen sollen und du kannst nicht Jedem nachlaufen und ihm sagen: wenn du wüßtest wie's gekommen ist, du würdest mir rechtschaffen Recht geben." Johannes aber erwiederte; „Ihr werdet es erfahren, daß Niemand gegen meine Amrei was haben kann, der sie nur eine Stunde gesehen hat." Und er hatte ein gutes Mittel die Mutter nicht nur zu beschwichtigen, sondern auch innerlichst zu erquicken, indem er ihr berichtete, wie alles das was sie als Mahnung und Erwartung ausgesprochen habe wie „angefremt" (bestellt) eingetroffen sei, und sie mußte lachen als er schloß: „Ihr habt den Leisten im Kopf gehabt nach dem die Schuh da oben gemacht sind, und die drin herumlaufen soll, paßt wie gegossen darauf." Die Mutter ließ sich beruhigen und am Samstag Morgen vor dem Familienrath kam Dami, er mußte aber sogleich wieder zurück nach Haldenbrunn, um dort bei Schultheiß und Amt alle nöthigen Papiere zu besorgen. 251 Der erste Sonntag war ein schwerer Tag auf dem Hofe des Landfriedbauern. Die Alten hatten Amrei angenommen, aber wie wird es mit der Familie werden? Es ist nicht leicht in eine solche schwere Familie zu kommen, wenn man nicht mit Roß und Wagen hineinfährt und allerlei Hausrath und Geld und eine breite Verwandtschaft Bahn macht. Das war ein Fahren am nächsten Sonntag voni Oberland und Unterland her zum Landfriedbauern. Es kamen angefahren die Schwäger und Schwägerinnen mit ihrer Sippe. „Der Johannes hat sich eine Frau geholt und hat sie gleich mitgebracht, ohne daß Eltern, ohne daß Pfarrer, ohne daß Obrigkeit ein Wort dazu gesagt. Das muß eine Schöne sein, die er hinter dem Zaune gefunden." So hieß es allerwärts. Die Pferde an den Wagen spürten, was beim Landfriedbauer geschehen war, sie bekamen manchen Hieb und wenn sie ausschlugen ging es ihnen noch ärger, und wer da fuhr, hieb drauf los, bis ihm der Arm müde wurde und dann gab's noch mauchen Zank mit der Frau die daneben saß und über solch ungebührliches, waghalsiges Dreinfahrcn schimpfte und weinte. — Eine kleine Wagenburg stand im Hofe des Landfriedbauern und drinnen in der Stube war die ganze schwere Familie versammelt. Mit hohen Wasserstiefeln, mit nägelbeschlagenen Schnürschuhen, mit dreieckigen Hüten wo bei dem einen die Spitze, bei dem andern die Breite nach vorn saß, war mau bei einander. Die Frauen pisperten unter einander und winkten dann ihren Männern oder sagten ihnen leise: sie sollten nur sie machen lassen, sie wollten den fremden Vogel schon hinausbeißen, und es war'ein bitterböses Lachen, das entstand. 252 als man bald da bald dort hörte, daß Amrei die Gänse gehütet habe. Endlich kam Amrei, aber sie konnte Niemand die Hand reichen. Sie trug eine große Glasflasche voll Roth- wcin unterm Arme und so viel Gläser und zwei Teller mit Backwerk, daß es schien sie habe ganz allein sieben Hände, jedes Fingergelenk war eine Hand, und sie stellte Alles so ruhig und geräuschlos auf den Tisch, auf dem die Schwiegermutter ein weißes Tuch ausgebreitet hatte, daß sie Alle staunend betrachteten. Sie schenkte ruhig alle Gläser voll, sie zitterte nicht dabei und jetzt sagte sie: „Die Eltern haben mir das Recht gegeben, Euch von Herzen willkommen zu heißen. Jetzt trinket." „Wir sind's nicht gewohnt des Morgens!" sagte ein schwerer Mann mit ungewöhnlich großer Nase und stützte sich auf seinem Stuhle weit aus. Es war Jörg, der älteste Bruder des Johannes. „Wir trinken nur Gänsewein!" sagte eine der Frauen und ein nicht sehr verhaltenes Lachen entstand. Amrei fühlte den Stich wohl, aber sie hielt an sich und die Schwester des Johannes war die erste die ihr Bescheid that und das Glas ergriff. Sie stieß zuerst mit Johannes an: „Gesegne dir's Gott!" Nur halb stieß sie mit Amrei an, die auch ihr Glas hinhielt. Nun hielten es die andern Frauen für unhöflich, ja sogar für sündhaft — denn cs gilt beim ersten Trünke, dem sogenannten Johannestrunke, für sündhaft, nicht Bescheid zu thun — nicht auch zuzugreifen und auch die Männer ließen sich dazu bewegen und man hörte eine Zeitlang Gläser klingen und wieder absetzen. „Der Batcr hat Recht," sagte endlich die alte 253 Landfriedbäuerin zu ihrer Tochter, „die Amrei sieht doch aus, wie wenn sie deine Schwester war', aber eigentlich nock mehr sieht sie der verstorbenen Lisbeth ähnlich." „Ja es ist keines verkürzt. Wenn ja die Lisbeth am Leben geblieben wär', wär' das Vermögen ja auch um einen Theil geringer," sagte der Vater und die Mutter setzte hinzu: „Jetzt haben wir sie aber wieder." Der Alte traf den Punkt, der Alle wurmte, obgleich sie sich alle einredeten, daß sie gegen Amrei so eingenommen seien, weil sie so familienlos dahergckommen. Und während Amrei mit der Schwester des Johannes sprach, sagte der Alte leise zu seinem ältesten Sohne: „Der sieht man nicht an, was hinter ihr steckt. Denk' nur, sie hat im Geheimen einen gehausten Sack voll Kronenthaler gehabt; aber mußt Niemand was davon sagen." Das geschah so unweigerlich, daß binnen wenigen Minuten alle in der Stube es wußten, bis auf die Schwester des Johannes, die sich später viel zu Gute drauf that, daß sie mit Amrei so gewesen sei, obgleich sie geglaubt hatte, daß Amrei keinen Heller besitze. Richtig! Johannes war hinaus gegangen und jetzt kam er wieder mit einem Sacke, auf dem der Name: „Joscnhans von Haldenbrunn" geschrieben war, und er leerte den reichen Inhalt desselben klirrend und rasselnd ans den Tisch und Alles staunte, am meisten aber der Vater und die Mutter. So hatte Amrei also wirklich einen geheimen Schatz gehabt! Denn das war ja viel mehr als Jedes ihr gegeben ! Amrei wagte es nicht anfzuschanen und Jedes lobte sie über ihre beispiellose Bescheidenheit. Nun gelang es Amrei, Alle nach und nach für sich zu gewinnen und als die schwere Familie am Abend Abschied nahm, sagte ihr Jedes im Geheimen: „Schau, ich bin's nicht gewesen, der gegen dich war, weil du Nichts hast, der und der und die und die haben dir's immer vorgehalten. Ich sag' jetzt wie ich früher gedacht und auch gesagt habe: wenn du auch nichts gehabt hättest als was du auf dem Leib trägst, du bist wie gedrechselt für unsere Familie und eine bessere Frau für den Johannes und eine bessere Söhnerin für die Eltern hätt' ich mir nicht wünschen mögen." Das war freilich jetzt leicht, weil sie Alle glaubten, daß Amrei ein namhaftes baares Vermögen beibrachte. — Im Allgäu redete man noch Jahrelang von der wunderbaren Art wie der junge Landfriedbauer sich seine Frau geholt und wie er und seine Frau an ihrer eigenen Hochzeit so schön mit einander getanzt hatten, und besonders einen Walzer, den sie „Silbertrab" nannten, und sie hatten sich dazu vom Unterland her die Musik kommen lassen. Und Dann? Er ist einer der ruhmvollsten Hirten im Allgäu und hat einen hohen Namen, denn er heißt hier zu Lande der „Geierdami", denn Dami hat schon zwei gefährliche Geierhorste ausgehoben zur Rache dafür, weil ihm zweimal nacheinander frischgeworfene Lämmer davon getragen wurden. Wenn es noch Ritterschlag gäbe, er hieße: Damian von Geierhorst; aber der Manuesstamm derer Josenhansen von Geierhorst stirbt mit ihm aus, denn er bleibt ledig, ist aber ein guter Ohm, besser als der in Amerika. Wenn das Vieh gesommert hat, weiß er zur Winterszeit den Kindern seiner Schwester viel zu 255 erzählen vom Leben in Amerika, vom Kohlenmathes im Moosbrunnenwalde und von Hirtenfahrten im Allgäugebirge; da weiß er besonders viel kluge Streiche von seiner sogenannten „Heerkuh", die die tiefklingende Vorschelle trägt. Und Dami sagte einst seiner Schwester: „Bäuerin," denn so nennt er sie stets, „Bäuerin, dein ältester Bub artet dir nach, der hat auch so Worte wie du. Denk' nur, sagt mir der Bursche heute: Gelt Ohm, deine Heerkuh ist deine Herzkuh? Ja, der ist ganz nach deinem Model." Der Landfriedbauer Johannes wollte sein erstes Töch- terchen gerne „Barfüßele" taufen lassen, aber es ist nicht mehr gestattet, daß man neue Namen aus Lebensereignissen bilde; der Name Barfüßele wurde nicht angenommen im Kirchenregister und Johannes ließ das Kind „Barbara" nennen, änderte das aber aus eigener Machtvollkommenheit in: „Barfüßele." H -o cv ^