Druckschrift 
3 (1799)
Entstehung
Seite
148
Einzelbild herunterladen
 

!43

so gut erreicht zu haben. Aber nichts, der musikalischenErziehung der Griechen ähnliches, war unter den Rö-mern vorhanden. Indeß scheint der moralische Charak-ter der Römer, im öffentlichen und Privatleben, demCharakter der Griechen nicht nur gleich gewesen zu seyn,sondern in vielen Rücksichten Vorzüge über ihn gehabtzu haben. Daß sie im Privatleben die Griechen anTugend übertrafen, dieß bezeugen DionysiuS von Hali-karnaß und PolybiuS ausdrücklich, zwey mit beydenNationen wohl bekannte Schriftsteller, und von derbessern Moral, die in dem öffentlichen leben der Römerherrschte, legt der ganze Inhalt ihrer Geschichte, wenner mit den Thatsachen der Griechischen verglichen wird,ein vollgültiges Zeugniß ab. Nichts scheint diese offent-liehe Moral b.y einem freyen Volke sicherer anzuzeigen,als dieMaßigung und Menschlichkeit, welche'die politi-schen Parteyen, worin es getheilt ist, in ihrem Streitegegen einander beweisen. In Griechenland war derStreit solcher Parteyen immer gewaltthätig und blutig.In Rom war bis auf die Zeit der Gracchen noch keinBlut in einem bürgerlichen Zwiste vergossen worden;und von der Zeit dieser Demagogen an kann man denrömischen Freystaat als aufgelöset betrachten. Ungeach-tet deS AnsehnS also, welches Zeugnisse des Plato, Ari-stoteles und Polybius verdienen, und ungeachtet derscharfsinnigen Gründe, mit welchen Montesquieu diesesAnsehe^ unterstüht, wird es uns doch erlaubt seyn zuzweifeln, ob die musikalische Erziehung der Griechen, sogroßen Einfluß, als jene Schriftsteller vorgeben, aufihre Sittlichkeit gehabt habe, da wir die Römer, ohneeine solche Erziehung, im Ganzen weit tugendhafter fin-den als sie. Die Achtung, welche diese alten Weisen

für