22 Aus Keines Jugendzeit. Keine und Christian Sethe.
Schreib bald, lieber Christian, Ja, willst Du? —
Das ist auch eine herzkränkende Sache, daß sie meineschöne Lieder, die nur sür sie gedichtet habe so bitter undschnöde gedemüthigt und mir überhaupt in dieser Hinsichtsehr häßlich mitgespielt hat. — Aber solltest Du es wohlglauben, die Muse ist mir demohngeachtet jetzt noch weitlieber als je. Sie ist mir eine getreue tröstende Freundinngeworden, die ist so heimlich süß und ich liebe sie rechtinniglich. Wie tief treffen mich jetzt die Worte Goethesim Tasso:
„Alles ist dahin! Nur eines bleibt:
Die Thräne hat uns die Natur verliehen.
Den Schrey des Schmerzes, wenn der Mann zuletzt
Es nicht mehr trägt — Und mir noch über Alles, —
Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
Die tiefste Fülle meiner Roth zu klagen:
And wenn der Mensch in seiner Qual verstummt.
Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide."
Ich dichte viel; denn ich habe Zeit genung, und dieungeheure Handelsspeculationen machen mir nicht vielzu schaffen; — Ob meine jetzigen Poesien besser sind, alsdie frühern weiß ich nicht; nur das ist gewiß, das sie vielsanfter und süßer sind; wie in Honig getauchter Schmerz.Ich bin auch gesonnen, sie balde (das kann indessen dochnoch viele Monathe dauren) in Druck zu geben. Aber dasist die Schwerenothssache: da es dazu lauter Minneliedersind, würde es mir als Kaufmann, ungeheuer schädlich sehn;ich kann Dir dies nicht so genau erklären, denn Du kennstnicht den Geist, der hier herrscht. And gegen Dich kannichs aufrichtig gestehen: außerdem daß in dieser Schacher-stadt nicht das mindeste Gefühl für Poesie zu finden ist, —es sehen denn eigends bestellte und baar bezahlte Hochzeits— Leichen — oder Kintaufs Carminaden, — so hat sichauch noch dazugesellt seit einiger Zeit eine schwüle Spannungzwischen den getauften und ungetansten Juden (alle Ham-burger nenne ich Juden und die ich um sie von den Be-