IX. Von dem abgestorbenen dresowschen Nebenzweige. Z2l
Nur ein feiner eigenthün^icher Stempel unserer Empfindungen, unsers Wissens —.eine ausgearbeitete Muttersprache — mangelte uns länger als unsern Nachbaren, unddiesem Gebrechen wurde nm so viel später abgeholfen, je mehr wir gewohnt waren, unsaufs Borgen zu legen. Einzelne Wörter entlehnten wir wo wir konnten , oft ohne ihrerzu bedürfen. Latein war die gewöhnliche Zuflucht dessen, der etwas aufsetzen wollte»Wer aber in dieser Sprache als ein anderer Cicero, Tacitus oder Sallufi bewundertwurde, verdiente gemeiniglich Mitleiden in seiner eigenen»
Was man bis gegen den Anfang der letzten Hälfte dieses IahrhunderS deutsch ent-worfen findet, verräth zwar mitten durch den allzuschwarzen Schatten einer finstern Ge-lehrsamkeit, hin und wieder — Stärke der Zeichnung — Natur — Fähigkeit, der,maleinst dem Fremden gleich kommen zu können; — aber die Zuge des Ausgedrucktenfind mehrentheils noch grob, mangeln an Reiz, gehen oft in Verzerrung über, und daöBcßte von dieser Art mit den guten italiänischen, französischen, oder englischen WerkenVerglichen, scheint nur Holzschnitt gegen Kupferstich zu seyu» Endlich haben unsere fol-genden Schriftsteller zu ihrem unvergeßlichen Ruhme uns auch dieses Bedürfnisses entle-digt. Dem Ausländer bleibt keine Ursache mehr übrig, seine Bücher höher als deutschezu schätzen; dem einheimischen Undcutschen, kein Borwand, letztere nicht zu lesen.
Frankreichs Sprache hat sich unter den lebendigen Sprachen zu der fast überallVerstandenen gemacht. Meisterstücke aller Arten find darum geschrieben, sie ist unentbehr-lich für Jemand her sich den Wissenschaften widmet, oder der das erlangen will, was mansein Glück in der Welt machen heißt; und dieselbe verdient ein wesentliches Stück der mehrals gemeinen Erziehung zu bleiben. Auch andere Sprachen können ihren Nutzen haben;nur muß die eigene nicht verschmäht werden»
Der Verfasser dieses Aufsatzes kann diejenigen, für welche er ihn schreibt, nicht ge-nug erinnern, daß es besser sey, die Muttersprache gut, als eine fremde schlecht zu reden;tadelnswürdiger, jene zu vernachlässigen, als löblich diese aus dem Grunde zu lernen; under Host seine Ermahnung werde ihnen desto unverdächtiger scheinen, je offenherziger er ge-steht, daß der Borwurf, wovor er sie bewahren mögtc, ihn grossentheils selbst treffe.
Er bekennt seine Sünde gleichwol nicht aus Eitelkeit, wie die Mvdcndürstigen Schaa-ren unserer verstockten Stutzer, sondern mit aller Reue eines Ueberläuferö, den Heimweh
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