in der „blutrothen" Raute das Sinnbild einer weit klaffenden Wunde, wie sie die Schwerine theils Anderengeschlagen, theils selbst empfangen hätten. Zedier 1 ' dagegen, Sprengel 2 ) und Andere nach ihnen erkennen inder Raute ein redendes Wappen, insofern das Wort „Czweryn" in der slavischen Sprache ein ge-schobenes Quadrat bedeute, das Bild des Wappens daher gleichsam den Namen desjenigen nenne, der dasWappen gefuhrt habe. Diese Annahme darf nicht ohne Weiteres von der Hand gewiesen werden. Es giebtin der slavischen Sprache einen Wortstamm czetw'er, von welchem cztery, czworro d. i. vier abgeleitet ist,und kann nach der Art der slavischen Wortbildung dieser Stamm czetw'er verbunden mit dem Suffixum in,also czetw'erin wohl so viel als ein Viereck im Allgemeinen bedeuten. Zwar finden wir diese Formin der früheren Schreibweise des Familien-Namens Schwerin nicht genau wieder; aber Formen, wie Czwerin,Stzweryn und Szewerin (vgl. S. 3) kommen ihr doch sehr nahe. Auf der anderen Seite bezeichnet in derSprache der Elb-Slaven das Wort Zwierin, Swierin (Polnisch: zwierzyniec) einen Wald, welcher von Thie-ren bewohnt wird, und mittelst dieser Bedeutung erklärt Beyer in seinem Aufsatz über die wendischenSchwerine 3 ' sämmtliche Ortsnamen „Schwerin", sowohl in Meklenburg als auch in den Preussischen ProvinzenPommem, Brandenburg und Posen, als Bezeichnung für einen heiligen Hain, in welchem in heidnischer Zeitdas Ross als ein dem höchsten der Götter, dem slavischen Swantewit, wie nordischen Othin geweihtesThier von dessen Priestern gehegt und gezüchtet wurde.
Wir vermögen nicht zu entscheiden, ob die genannten beiden slavischen Worte einen etymologischenZusammenhang haben und ob sich aus „czetw'erin" das Wort „Zwierin" habe bilden können, oder ob zwischenbeiden nur eine zufällige Form-Aehnlichkeit bestehe; doch kommt diese Frage für den vorliegenden Gegen-stand auch gar nicht in Betracht; denn in Betreff des Familien-Namens wissen wir 4 ', dass er von der ehe-maligen Burg Schwerin in Meklenburg entlehnt ist, gleichviel, was dieser Name für eine sprachliche Be-deutung hat, und in Betreff des Familien-Wappens ist die aufgestellte Ansicht wenigstens nicht durchausunhaltbar, dass die Träger desselben zu seiner Wahl durch die wirkliche oder vermeintliche etymolo-gische Bedeutung des von ihnen angenommenen Namens bestimmt worden seien, mit anderen Worten, dassdas Stammwappen des Geschlechts von Schwerin ein redendes sei.
Aber, wie bemerkt, wir stehen in letzterer Beziehung vor einer Vermuthung, über welche hinausWappen-Erklärungen nur selten geführt werden können, und sind berechtigt (da nun doch einmal das Feldder Combinationen in dieser Beziehung eröffnet ist), derselben eine andere Vermuthung gegenüber zu stellen.Wir stützen dieselbe auf die Voraussetzung, dass in alter Zeit der Ritter, welcher ursprünglich allein Wappenführte, zunächst solche Dinge zu seinem Wappenbilde gewählt haben werde, welche ihm Stand und Beschäfti-gung am unmittelbarsten darboten 5 '. Waren nun die Schwerine von jeher so kriegs- und fehdelustige Ritter,wie wir sie schon im 14. Jahrhundert kennen lernen, so lag ihnen kein Wappenbild näher, als ein Gegenstand,welcher ihnen im Kampfe der unentbehrlichste war, also namentlich eine Waffe. Fassen wir von diesemStandpunkt aus das Schwerin'sche Wappen ins Auge, so werden wir durch dessen Form, zumal durch dieschmaler gehaltene (Siegel 10, 12, 14), unwillkürlich an den Haupttheil der alten steinernen Streitaxtoder des Streithammers erinnert, und wenn der kleine Kreis inmitten der Raute des Siegels von 1443(No. 37) und die Andeutung eines solchen in dem Siegel von 1457 (No. 39) nicht etwa als eine Kugel,sondern als eine Oeffnung angesehen werden darf, die Raute also, um technisch zu sprechen, in den beidenSiegeln „rund ausgebrochen" ist, so sehen wir in dem Wappen mittelst dieser Oeffnung diejenige Stelle anjenem Haupttheil der Streitaxt bezeichnet, welche zur Aufnahme des zur Handhabung der Waffe nothwendigenhölzernen Stieles zu dienen hatte 6 '. Endlich wird bei dieser Deutung nicht minder, wie oben bei der Auf-fassung der Raute als Wunde, die rothe Färbung derselben damit erklärt werden können, dass man dieStreitaxt als geröthet von dem Blute des Feindes sich vorstellte.
Das älteste Siegel der Pommerschen Schwerine, welches sich erhalten hat, hängt an einer Urkunde 7 'vom 13. Decb. 1357 und gehört Bispraw von Schwerin aus der älteren Linie Altwigshagen (Taf. V. 22) an.Von diesem Siegel ab bis zu den Siegeln der neuesten Zeit 8 'ist das Wappenbild, die Raute, dasselbe ge-blieben, wenn wir absehen von den bereits angegebenen Abweichungen in der Form der Raute und davon,dass dieselbe zuweilen mit Röschen oder Kugeln bestreut erscheint, wie in Siegel 11 vom Jahre 1368 9 ',oder mit rechten und linken Schräglinien durchzogen ist, wie in Siegel 16.
1) Universal-Lexicon Bd. 36 S. 450 ff. — 2) Nachrichten vom Geschlechte derer von Schwerin, eine Gelegenheitsschrift.
Vgl. Vorwort. — 3) Siehe Meklenb. Jahrbücher XXXII S. 58 ff. — 4) Aus Abschnitt 1. — 5) Vgl. Bernd, Handbuch der
Wappenwissenschaft S. 53. — 6) Vgl. Bernd, Hauptstücke der Wappenwissenschaft Abth. 2 S. 280. — 7) U. B. II. 144. —
Vgl. Siegeltaf. I No. 10. — 8) Wir geben Abbildungen derselben bis zum Jahre 1699. Vgl. Siegeltaf. III. 62. — 9) Bag-
mihl theilt in seinem Pommerschen Wappenbuch Bd. 3 Siegeltaf. XXIX No. 2 die Zeichnung eines solchen auch aus dem Jahre
1374 mit.