179
Gotik, die freilich antike Proportionen der romanischen Baukunst aus neuen Kon-struktionsmöglichkeiten heraus wandelte und wandeln mußte. Ein Jahr vor der KölnerAusstellung des Deutschen Werkbundes hatte Gropius im „Jahrbuch des DeutschenWerkbundes" einen lesenswerten Aufsatz veröffentlicht „Die Entwicklung modernerIndustriebaukunst": „Vom sozialen Standpunkt aus ist es nicht gleichgültig, obder moderne Fabrikarbeiter in öden, häßlichen Industriekasernen oder in wohl-proportionierten Räumen seine Arbeit verrichtet. Er wird dort freudiger am Mit-schaffen großer gemeinsamer Werke arbeiten, wo seine vom Künstler durch-gearbeitete Arbeitsstätte dem einem jeden eingeborenen Schönheitsgefühl entgegen-kommt und auf die Eintönigkeit der mechanischen Arbeit belebend einwirkt. Sowird mit der zunehmenden Zufriedenheit Arbeitsgeist und Leistungsfähigkeit desBetriebes wachsen". — „Wohlproportionierte Räume; vom Künstler durchgear-beitete Arbeitsstätte, die dem einem jeden eingeborenen Schönheitsgefühl entgegen-kommt." — Gotische Nurbaukunst, die Schmuck entbehren kann, und modernerZweckbau aus Eisen und Glas, in der geistigen Idee, die sich die Form schafft, sogrundverschieden, verwandt indessen in konstruktiven Dingen, gemeinsam alsKunstwerk im Rhythmus der Erscheinung. Auf das letztere kommt es an imSinne der Berlage und Behrens. Gropius ist vielleicht der denkerisch befähigsteBehrensschüler, berufen, über seinen Lehrer hinauszureifen. Die Zweckmäßigkeitallein macht den Zweckbau noch nicht zum Kunstwerk. Behrens hat einmal gesagt:„Ebensowenig wie die Gesetzmäßigkeit in der Natur schon Kultur bedeutet, ebenso-wenig bedeutet Konstruktion schon Kunst. Deshalb bricht immer und immer wiederdie Sehnsucht nach dem absolut Schönen bei uns durch, weil uns bloße Exaktheitauf die Dauer nicht befriedigen kann". Oder Le Corbusier: „Die Architektur hateine andere Bedeutung und andere Aufgaben, als die Konstruktion zu zeigen undZwecke zu erfüllen. — Zweck hierbei verstanden als Sache der bloßen Nützlichkeit,des Komforts und des praktischen Schicks. — Architektur, das ist Kunst im höch-sten Sinne, mathematische Ordnung, Spekulation, vollendete Harmonie durchdie Proportionalität aller Beziehungen. — Das ist der ,Zweck' der Architektur."Fragen wir, was bedingt die Schönheit unserer neuen Bahnhofshallen, Brücken,Industriebauten usw.? Daß innerhalb des Zwanges der Konstruktion, der Zweck-mäßigkeit und materialgerechter Bearbeitung, der Sparsamkeit der Mittel bei einerHöchstleistung von Spannung und Raum der Baukünstler dem Ingenieur behilflichwar, seiner Konstruktion eine ansprechende und ausdrucksvolle Linienschönheitzu geben. Hier stehen wir erst am Anfange neuer Möglichkeiten, die unbegrenztzu werden scheinen durch neue Konstruktionserfindungen, durch den Beton- undEisenbetonbau.
Betonbauten waren ebenfalls schon den Römern bekannt. Das „Forschungs-institut der Hüttenzementindustrie in Düsseldorf" hat in seinen Sammlungen alsbesonderes Museumstück der Haltbarkeit des Betonbaus ein Stück eines breitenund hohen Kanals einer römischen Wasserleitung, die einst kilometerweit sich durchdie Rheinlande erstreckte. Vor allem aber haben die Römer die Kuppel des Pan-theons zu Rom und anderer Rundbauten und die gewaltigen Wölbungen ihrerThermen aus Beton hergestellt. Über einem hölzernen Lehrgerüst, das die Form