Druckschrift 
Neue Baukunst in den Rheinlanden : [eine Übersicht unserer baulichen Entwicklung seit der Jahrhundertwende]
Entstehung
Seite
86
Einzelbild herunterladen
 

86

der Backsteinbau am Niederrhein, keine, die bislang so geringe Verbindung mit denWegen der neuen Baukunst in den Rheinlanden gehabt hat. ... Bis in die zweiteHälfte des 19. Jahrhunderts hinein gab es keine Kunst, deren Werke im Semper-schen Sinne so materialgerecht gewesen wäre wie die dieser Backsteinbaukunst."Die Fassaden des niederrheinischen Backsteinbaus sind flach, ohne irgendwelchesstärker ausladende plastische Relief. Die Umrißlinie der Giebel ist in den meistenFällen ohne besonderen dekorativen Hausteinschmuck aus dem kleinen Format desstark sandhaltigen oder auch künstlich gesandeten sog. Klinkers entwickelt, zeigtjedoch eine erstaunliche Erfindungsgabe seltsam abwechslungsreicher .Giebellinien.Um der dunklen Fassadenfläche optisch eine klare innere Gliederung zu geben, be-nutzte man für Profile, Tür- und Fensterrahmen hellen Haustein. Bei einfacherenAnlagen mußten hell oder grün gestrichene Fensterläden den farbigen Reiz derHausteinrahmen ersetzen. Auch mit Backsteinblendrahmen verstand man wirkungs-volle Gliederungseffekte in die Fassade zu tragen. Ornamentaler Schmuck ist indessenäußerst selten verwandt. Hier und da bei stattlicheren Häusern des 17. und 18. Jahr-hunderts nach Amsterdamer Vorbildern wohl Fruchtkränze am Giebel oder unter denFensterbänken. In dieser Spätzeit gliederte man die Fassaden auch wohl mit hellenSandsteinpilastern und gab der Hauptachse einen reicher profilierten Türrahmen. DasStudium der alten niederrheinischen Klinkerbauten zeigte, wie zeitlos im Grundediese in ihrer schmucklosen architektonischen Formensprache und wie wenig siein eine allgemeine Formenlehre einzureihen sind. Da sind Bauten, die ohne weite-res in die Gegenwart zurückzurufen wären, ohne als anachronistische Gebilde auf-zufallen. Vor allem aber zeigte sich, welche erstaunliche Wandelbarkeit, Anpassungund Übertragungsmöglichkeiten für moderne Bauaufgaben der alten heimischenBauweise eigen sind.

Das Echo der niederrheinischen Heimatschutzbewegung waren die beidenStaatsbauten des Gymnasiums mit Direktorwohnung in Wesel (Bild S. 85) und desAmtsgerichtes in Mors (Bild S. 87), die evangelische Kirche in Düsseldorf-Ober-kassel mit Pfarr- und Küsterhaus, Gemeindesälen, Kleinkinderschule usw. vonRudolf Wilhelm Verheyen (f) und Julius Stobbe, die 1906 im Wettbewerbum das Warenhaus Tietz in Düsseldorf mit in engster Auswahl standen (s. S. 27 u.Bild S. 88, 89); man kann im Zusammenhang mit diesen Bauten noch nennen Her-mann Pflaumes Bau der Rückversicherungsgesellschaft in Köln und Müller-Erkelenz' Gebäude der Rheinischen A.-G. für Braunkohlenbergwerk, ebenfallsin Köln 1 , dann das Gymnasium von August Biebricher in Krefeld (Bild S. 90a),den Bau der Emschergenossenschaft in Essen von Wilhelm Kreis (Bild S. 92),ferner Wohnbauten in Krefeld von August Biebricher (Bild S. 90 b, 91), in Essen von

Dort auch andere Beiträge über Backsteinbau von Friedrich Goebel-Emmerich und F. W. Bredt. Vgl.ferner Edmund Renard,Vom niederrheinischen Backsteinbau", Flugschrift des Rhein.Vereins f. Denkmalpflege usw., Mai 1913, und Richard Klapheck,Baukunst am Nieder-rhein", Band I, Düsseldorf 1915.

1Köln. Bauliche Entwicklung 18881927", herausgegeben vom Architekten- und Ingenieur-verein für den Niederrhein und Westfalen. Schriftleitung Dr. Hans Vogts. Dari-Verlag, Berlin-Haiensee, S. 43 und 169.