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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
bis zur Schlacht bei Fontenoy; dieser Stoff war aber Nithard so beschämenderschienen, daß er beschlossen hatte, die Feder niederzulegen. Nur derGedanke, seine Darstellung könne von wenig unterrichteter Seite parteiischfortgeführt werden, bewog ihn dazu, ein drittes Buch hinzuzufügen, dasvon den Folgen jener Schlacht über die Straßburger Eide bis zum RückzugLothars über die Rhone führt. In der Vorrede des vierten Buches deuteter an, daß es ihm am liebsten sein werde, die Welt zu verlassen; dochwerde er, dem Befehl seines Königs getreu, die Darstellung weiterführen,wenn er einige Muße gewinne, um künftige Geschlechter vor Irrtum zubewahren. Das Buch beginnt mit dem gemeinsamen Auftreten Karls undLudwigs zu Aachen 842 und schließt mit der Sonnenfinsternis am 19. März 843.Da sowohl in der einzigen Handschrift eine Andeutung des Schlusses zufehlen scheint, als auch dem Werke selbst das eigentliche Ende mangelt, 1 )so ergibt sich entweder, daß Nithard nicht die letzte Hand an sein Werkgelegt hat oder daß die Handschrift vorzeitig abbricht.
Nithards vier Bücher Geschichten haben gegenüber der eindringendenKritik besonders Meyers v. Knonau und Simsons Stich gehalten, und eshat sich gezeigt, daß der Verfasser ernstlich bemüht ist, die Wahrheit zusprechen und zwar auch in solchen Fällen, wo er nicht als Augenzeugereden konnte. Es ist erstaunlich, daß ein Laie eine solche Arbeit zustandebrachte, und daß ein Graf, der der treueste Anhänger des jungen KönigsKarl war, frei und offen die Wahrheit bekannte. Der Grundgedanke desBuches ist der, zu zeigen, daß Karl und seine Anhänger in ganz ungerechterWeise durch Lothar eine Verfolgung erlitten, und die Ausführung dieserAbsicht erfolgte in der Weise, daß Nithard den inneren Zusammenhang,die wahre Bedeutung der Dinge zutage förderte. 2 ) Dabei wird Karls undLudwigs des Deutschen Wesen in helles Licht gestellt, während LotharsHinterlist und Ränkespiel genügend scharf charakterisiert werden. Daßaber diese Auffassung der handelnden Persönlichkeiten den Tatsachen ent-spricht, wird durch die andern zeitgenössischen Quellen unbedingt erwiesen. 3 )So besitzt Nithards Werk für die Ereignisse in der fränkischen Geschichtevon 830—842 den Rang als wichtigste Geschichtsquelle.
Etwas anders liegt das Verhältnis, wenn wir die Form des Werkesbetrachten. Auch hier, wie schon bei Thegan, muß man sagen, ist einstarkes Abgleiten des historischen Stils zu erkennen. Und das ist um somehr zu verwundern, als doch Nithard in die vornehmsten Kreise gehörteund ihm das von Einhart dargestellte Leben seines Großvaters unmöglichhat verborgen bleiben können. Eine Erklärung findet dies Verhältnis darin,daß Nithard Laie war und trotz sorgfältiger Jugendbildung kaum Zeit zugelehrten Studien gefunden haben wird. So blieb seine Sprache meist ganzeinfach und schmucklos, aber auch ungekünstelt; sie zeigt nichts von demvornehmen Renaissancestil, der von Einhart ausging und über Lupus zu
] ) Das ist auch früher schon mehrfachausgesprochen worden. Die entgegengesetzteAnsicht Meyers v. Knonau (Ueber Nithardsvier Bücher Geschichten) S. 81 und besondersS. 122 N. 487 hat mich nicht überzeugt.
2 ) So Meyer v. Knonau, Ueber Nithardsvier Bücher Geschichten S. 81.
3 ) Das legte Meyer v.Knonan S.83f.eingehend dar.