Otfrid von. Weißenburg.
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im Leben und den Anschauungen des Volkes wurzelt, sondern nur derAusdruck seiner eignen philosophischen und religiösen Überzeugungen ist.Der Grundgedanke, daß der heidnischen Dichtung eine christlich-deutscheentgegengestellt werden müsse, ist ein polemischer und hat seinen Ursprungin den wissenschaftlichen Richtungen der Zeit, die der regsten Beschäftigungmit den Werken der lateinischen Kirchenväter entquellen. So darf eine,wenn auch kurze Betrachtung des Liber evangeliorum hier nicht fehlen,zumal das ausführliche Gedicht sich in breitester Weise an die Werke derlateinischen Literatur anlehnt.
Otfrid scheint aus Weißenburg selbst zu stammen und wurde viel-leicht noch vor 800 geboren. Er wuchs im Kloster Fulda auf, wo erHrabans Unterricht genoß, 1 ) der sich besonders auch auf die grammatischenFächer erstreckte, wie nicht nur aus der Vorrede Otfrids an Liutbert,sondern auch aus dem Evangelienbuch selbst hervorgeht. In Fulda schloßer sich besonders an Hartmut und Werinbert an und diese Freundschaftwurde später, als er nach St. Gallen gekommen war, dort fortgesetzt.Etwa 830 trat er ins Kloster Weißenburg ein, das er noch mehrmals zuneuem Aufenthalt in St. Gallen verließ. Um 854 hatte er sein Buch Liberevangeliorum vorläufig beendet 2 ) und sandte es mit deutschem Widmungs-gedicht, das aber ein lateinisches Akrostichon enthält, an Bischof Salomo I.nachKonstanz zur Revision. Etwa sechs Jahre später vollendete er sein Werk,das er nun den Freunden Hartmut und Werinbert in St. Gallen mit einemebensolchen Gedicht widmete. Ungefähr zwei Jahre, nachdem LiutbertErzbischof in Mainz geworden war, widmete er auch diesem als seinemDiözesanbischofe das Werk, indem er es ihm zur Approbation vorlegte. 3 )Und wohl im Jahre 870 schrieb er an den König Ludwig den Deutschenein deutsches Gedicht mit lateinischem Akrostich und übersandte ihm hier-mit das gesamte Werk.
Zeugnisse. Für das Leben Otfrids kommen die Einleitungen von Kelle und be-sonders von Piper 2 in Betracht, dessen Zeittafel S. [40 (Bd. 1) besonders berücksichtigt ist.Zur Widmung an König Ludwig vgl. W. Luft, Ztscbr. f. deutsch. Altert. 40, 246—253. Dasspäteste Stück des Gedichtes ist 1,1 Cur scriptor hunc librum theotisce dlctaverit. Zur Zeitder einzelnen Widmungen vgl. Schönbach, Ztschr. f. deutsch. Altert. 39, 406—423.
Liber evangeliorum. Ausführlich spricht Otfrid über Veranlassung,Zweck und Einrichtung seines Werkes in dem Brief an Erzbischof Liutbert. 4 )Er erzählt hier, daß er einst, als das Ohr von hochgestellten Geistlichendurch unsittliche Lieder des Volkes beleidigt wurde, von mehreren Brüdernund besonders von einer geistlichen Frau namens Judith 6 ) aufgefordertworden sei. einen Teil der Evangelien in deutschem Gedicht zu besingen,um diese rohen Volksgesänge zu beseitigen, an deren Stelle die Beschäf-tigung mit dem deutschen Gedicht treten möchte. Man müsse das Beispiel
x ) Vgl. MG. Ep. 6,169,4 guia a Rhabano■ ■. die/no vestrae sedis quondam praesule edu-cctta purum mea parvitas est.
2 ) Vgl. Schönbach, Ztschr. f. deutsch.Altert. 39, 413 f.
3 ) Vgl. MG. Ep. 6,169, 3 Hunc igitur 11-brum vestrae sagaci prudentiae probandumcuravi transmittere.
4 ) Neue Ausgabe von Dümmler, MG.Ep. 6,166—169.
5 ) Pipers Ansicht über diese matrona(S. 260]) wird von Schönbach, Ztschr. f.deutsch. Altert. 39, 380 f. widerlegt, der mitRecht eine Frau postuliert, die die einfachenGelübde abgelegt hat oder die eine Religiösewar.