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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

dichten entgegen, wo ^ich eine gewisse geistige Schärfe und Hang zurReizbarkeit und zur Spottsucht offenbart, wie auch in seinem für jeneZeiten gewiß seltenen Kunstverständnis. In Germigny unweit von Fleuryließ er nach dem Muster des Aachener Münsters eine äußerst kostbareKirche erbauen, die in ganz Westfranken ihresgleichen nicht hatte. Fernertrug er dafür Sorge, daß prächtige Bibelhandschriften hergestellt wurden,die er noch besonders mit Gedichten ausschmückte; zwei dieser Kleinodehaben sich erhalten. Für seine Tafel ließ er einen kunstreichen Aufsatz 1 )herstellen, dessen oberes Ende eine Tellus krönte, die einen Knaben stillteund einen Korb mit Früchten füllte; sie war umgeben von einer Mengevon Emblemen, die auf spätrömische Auffassung hindeuten, und Theodulfhatte den Künstler bei der Herstellung sich an eine Isidorstelle anlehnenlassen. Mit besonderem Behagen beschreibt er auch eine Metallplatte, aufder in Anlehnung an die Form eines Baumes eine Darstellung der freienKünste zu sehen war. Von Interesse ist auch seine Schilderung eines Ge-fäßes aus Edelmetall, auf dem die Arbeiten des Herkules eingraviert waren,die an einer Stelle durch den Gebrauch des Gefäßes beinahe verwischt ge-wesen seien; jedenfalls war es ein antikes Kunstwerk, das dem DienerTheodulfs für seinen Herrn zur Bestechung angeboten wurde, als diesermit Leidrat zusammen als Königsbote in der narbonensischen Provinz weilte.Nach alledem haben wir uns in Theodulf einen Mann vorzustellen,dessen schöngeistige Veranlagung ihn zum häufigen Genüsse antiker Dich-tung und Kunst trieb, und der infolge seiner ästhetischen Bildung wohl diemeisten seiner Zeitgenossen übersah. Und deswegen stand er bei Karl inbesonders hohem Ansehen, das sich auch auf dessen Nachfolger übertrug,den er gleich nach seinem Regierungsantritt in Orleans mit einem überauslobrednerischen Gedichte begrüßte, das wohl zum Vortrag bestimmt ge-wesen ist 2 ) und für die schwierige sapphische Strophenform ziemlich reinerscheint. Auch noch im Jahre 816 leuchtete ihm die kaiserliche Gunst,denn er holte im Namen Ludwigs den Papst Stephan bei Rheims ein. Aberals im nächsten Jahre die Verschwörung König Bernhards von Italien gegenden kaiserlichen Oheim ausbrach, wurde Theodulf als Mitverschworner seinerÄmter entsetzt und ins Kloster Angers verwiesen. Hier verfiel er in seinerVerbannung in heftige Klagen, und sein Freund Modoin von Autun brachte esbeim Kaiser endlich soweit, daß er sich durch das bloße Eingeständnis seinerSchuld hätte Verzeihung erwirken können. Doch scheint er bei der Behauptungseiner Schuldlosigkeit geblieben zu sein und er ist im Herbst 821 gestorben,nachdem er schon 818 in der Person des Jonas einen Nachfolger erhalten hatte.

Zeugnisse. Theodulf bezeichnet sich selbst mehrmals als Geta oder Getulus, s. Carm.25,165 p. 487; 27, 62 p. 492 und vor allem 28, 139 f. p. 497. wo er erzählt, daß die Restedes gotischen Volkes zu Narbonne (vgl. hierzu Hauck 2,165 n. 3) sich gern unter seine,des Landsmannes, Führung gestellt hätten; dort bezeichnet er die Goten als Hespera turbaund in seinem älteren Epitaph (Mabillon, Analecta vetera p. 377) Vs. 4 heifit es Protulü huncSperia (= Hesperia), im jüngeren (Gallia christiana 8,1422) Vs.l Hesperia genitus; die Zweifelan der spanischen Abstammung (S. Berger. Histoire de la Vulgate p. 157 hält an Septi-manien fest) hat Ch. Cuissaid (Theodulfe eveque d'Orleans, Orl. 1892, S. 4245) gehoben,

1 ) Vgl.Haur^au, Singulariteshistoriqueset litteraires p. 83 ff.

2 ) Daß Theodulfs Gedichte vorgetragen

wurden, geht aus Carm. 25, 203 f. 213 p.hervor.