Druckschrift 
1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
Seite
443
Einzelbild herunterladen
 

Dhuoda.

443

den König und die Großen des Reiches, für den Vater und die verstorbenenVerwandten, sowie überhaupt für alle Verstorbenen zu beten. Gegen denSchluß hin ergeht sich Dhuoda in allerhand mystischer Zahlensymbolik, 1 )schließlich bittet sie den Sohn auch für ihr Seelenheil zu beten, sowie einvon ihr geschriebenes Epitaph auf ihr Grab zu setzen. Im letzten Kapitelendlich gibt sie dem Sohne Anweisung, in welcher Reihenfolge er beimGesang der Psalmen zu verfahren habe.

Diese Inhaltsangabe erweist, daß die Schrift nicht jeder Dispositionermangelt. 2 ) Geschrieben ist sie ganz im Tone des Geistlichen' und einesehr große Zahl von Bibelstellen 3 ) erscheint darin. Danach ist auch dieAusdrucksweise der Schrift gehalten, sie ist biblisch, ohne daß jedoch dieSprache auf der Höhe der Vulgata steht. Vielmehr ist die Sprache dasVolkslatein, das keinen richtigen Gebrauch der Kasus und keine festenRegeln der Syntax kennt; neben einer Menge von spätlateinischen Wortensind auch einige arabische aufgenommen worden, was bei dem südgallischenUrsprung des Werkes nicht zu verwundern ist. 4 ) Mir scheint es, als habeder Hofkaplan der Gräfin ihr helfend zur Seite gestanden, denn es wäreaußerordentlich, wenn das Buch von ihr allein verfaßt worden wäre; aller-dings könnte die gänzlich verwilderte Sprache auch für das Gegenteilzeugen. Sehr unbedeutend sind die antik-literarischen Kenntnisse Dhuodas,nirgends ist eine vergilische Phrase zu bemerken. Nur aus der christ-lichen Poesie finden sich Spuren, Dhuoda kennt einige Hymnen des Pru-dentius, 5 ) das Paschale Carmen des Sedulius 6 ) und die zwei dem Fortunatzugeschriebenen Kreuzesverse. 7 ) Von der früheren Prosa wird nurDonat 8 )p. 112,6 ff. und Isidor, Etym. 1, 5, 3 p. 77,25 benutzt. 9 )

Wichtiger ist, daß sich bei Dhuoda an einigen Stellen Proben vonvolkstümlicher lateinischer Poesie finden, nämlich p. 47 im Epigramma operissubsequentis, c. 68 De temporibus tuis, c. 69 De versis et litteris compositistuis und c. 73 De epitaphio sepulchri mei ut scribas oro. Hiervon kommenwohl allerdings nur die zwei ersten Stücke in Betracht, da sie allein wirk-liche Verse darstellen sollen. Das erste Gedicht besteht aus distichischenVersen zu je elf oder zwölf Silben, ohne Metrum, aber jedenfalls mit be-absichtigter Alliteration. Das zweite hat ganz unregelmäßig gebildete Lang-zeilen von zwölf bis zwanzig Silben. 10 ) Nirgends aber zeigt sich in diesen

: ) Hierzu vgl. Becker a. a. 0. S. 94f.

2 ) Vgl. Becker a. a. 0. S. 76 ff.

8 ) Die von Bondurand in der Ausgabeangemerkten lassen sich noch bedeutend ver-mehren, lieber die Art und Weise der An-wendung der biblischen Zitate s. Beckera. a. 0. S.81ff.

4 ) Ueber die Sprache s. Becker S. 100f.,der die mangelhafte Ueberlieferung wohl mitRecht hierbei hervorhebt.

5 ) Bondurand merkt nur Stellen aus Ca-them. IX an. Benutzt ist aber auch Cathem. IV(p. 47, 1 B. = Vs. 1; 49, 5 = Vs. 74) und VI(p. 127,3ff. =Vs.l41144; 7f. =147f.). Vgl.auch Becker S. 93.

6 ) Mit Sedul. praef. 11 vgl. p. 51,10B.

') Port. Carm. spur. app. 2, 1. 2 werdenp. 79,3 ff. in Prosa aufgelöst.

8 ) So geht wohl auch die Form mis (=mei) p.49,15 auf Donat zurück.

9 ) Die von Bondurand zu p. 112,18 ff.behauptete "V erwendung von Plinius nat. bist.8,114 ist unrichtig; die Stelle stammt ausAugustin ad Galat. 6,2 (Migne 40,81), wieBeckerS. 90 erwies, und dort geht sie aufphysiologische Literatur zurück.

10 ) Kürzlich hat W. Meyer Klarheit indie höchst wunderlichen rhythmischen Ver-hältnisse gebracht. Erhält die Verse Dhuodasfür rhythmische Adonier, die durch die freienSenkungen der germanischen Rhythmik er-weitert sind. Siehe Nachr. v. d. Kgl. Ges. d.