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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Formosus erteilten Weihen ungesetzlich sei; doch bedient sich Vulgariusin dieser Schrift durchaus ungenauer Zeitbestimmungen. Er ließ bald einezweite Schrift folgen, die er auf Wunsch eines Diakon Petrus verfaßte,und zwar in dialogischer Form. In diesen Schriften, die eine besondereVorliebe für Reimprosa zeigen, offenbart sich ein kühner Freimut, der daringipfelt, daß als einziger Ausweg in der durch den Streit geschaffenen Lageein allgemeines Konzil hingestellt und außerdem gefordert wird, daß derNachfolger des heiligen Petrus nicht nur die Rechte, sondern auch dieTugenden des Apostels erben müsse. Jedenfalls erregte dies Vorgehen desVulgarius den Zorn dessen, gegen den es sich richtete, nämlich des PapstesSergius III. (904—911), der ihn wahrscheinlich zur Haft in ein Kloster 1 )schickte. Als nun Vulgarius später durch den Papst aufgefordert wurde,in Rom zu erscheinen, suchte er sein unausbleibliches Schicksal, nämlichin Rom seinen Parteistandpunkt wechseln zu müssen, durch schmeich-lerische Briefe und Gedichte an den Papst sowie durch Verwendung desihm befreundeten Bischofs Vitalis abzuwenden. Als er mit diesem Ver-suche Glück hatte, wandte er sich nicht nur an den Papst und den griechischenKaiser Leo mit der Bitte um Unterstützung, sondern er suchte auch dieGunst der Großen Unteritaliens zu gewinnen. Und zwar schrieb er ansie Gedichte in meist künstlichen Metren, an den Kaiser richtete er sogarein Gedicht in der Form einer Pyramide mit längerer Erklärung. 2 ) Indiesen meist kurzen Gedichten legte er sein ziemlich reiches grammatischesund literarisches Wissen nieder, wobei er durch versteckte Anspielungenund rätselähnliche Aufgaben seine geistige Begabung in helles Licht zusetzen suchte. Allen gemeinsam aber ist eine übermäßige Schmeichelei,woraus hervorgeht, daß die italienischen Großen und hohen Kleriker fürdick aufgetragenes Lob wohl noch empfänglicher waren als die Franken.Auch finden sich in den Gedichten allerhand Wortspielereien mit den Namendes Adressaten, sowie zeitgemäße Etymologien, denen eine Erklärung inProsa beigegeben wird. Mit diesen an hervorragende Personen gerichtetenGedichten sind in der Sammlung, die sich in einer Bamberger Handschrifterhalten hat, noch andere Stücke vereinigt, nämlich Gedichte rhetorischenund dialektischen, 3 ) auch christlichen Inhalts, sowie kurze Prosastückeexegetischer und grammatisch-lexikalischer Richtung. Vulgarius bietet hierüberall das für jene Zeiten seltene Beispiel des wissenschaftlich geschultenund belesenen Italieners. Freilich schmückt er sich zuweilen mit fremdenFedern 4 ) und nicht alle der von ihm angeführten Stellen aus der altenLiteratur hat er aus erster Hand. Es bleibt aber doch eine ganz statt-liche Zahl alter Autoren, die er kennt, 6 ) und der wichtigste Befund hierausist, daß er die Tragödien Senecas übermäßig ausschreibt. Und zwar kennt
') "Wohl nach Montecassino, vgl. v. Win-terfeld, PL. 4,407 n. 4.
2 ) Das Vorbild gab ihm Porfyrius, diemathematische Erklärung nahm er aus derArithmetik des Boethius. An den Papst findetsich ein Gedicht in Form einer Orgel.
3 ) Der Rhetor und Dialektiker zeigt sichauch im Eingang von De Formosiana calami-
tate(Mabillon,Vet.anal. 2 p.28B), vgl.aufier-dem p. 31 B.
4 ) So c. 30 (PL. 4, 430) mit einem Zitataus Petron, das aber nach v. Winter fei i(Hermes 33, 506) aus Caper stammt.
6 ) Aufgezähltvon v. W i n t e r f e 1 d, PL. 4,407 f.