406 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
trotz der fast nie verhallenden Hage den Eindruck der Würde macht und,ganz abgesehen von den vielfach aus Cicero und Seneca 1 ) eingestreutenZitaten, den philosophisch denkenden Mann erkennen läßt, der sich imersten Buche in der Rolle des Pascasius — es ist die hervorragendstePerson in beiden Büchern — vielfach in allgemeinen Gedanken ergeht,während er im zweiten Buche die Schicksale seines Helden beredt undmanchmal mit Aufwendung nicht geringen Wortprunks darstellt und amSchlüsse sich auf die Wahrheit seiner Erzählung beruft. Das Werk hatsomit ein ganz eignes literarisches Gepräge und steht für seine Zeit einzigda. Es läßt aber deutlich erkennen, daß der Schriftsteller Radbert in denzehn Jahren, seitdem er Adalhards Leben verfaßt, einen namhaften Fort-schritt gemacht hatte: jenes frühere Werk entspringt lediglich dem christ-lichen Vorstellungskreise, das Leben Walas aber trägt mehr einen reinmenschlichen Charakter und verknüpft seine Gedanken inniger mit derantiken Bildung als irgend ein anderes zeitgenössisches Werk.
frach 842 war Radbert selbst Abt von Corbie 2 ) geworden, er behieltdiese Stellung aber höchstens zehn Jahre, dann legte er sie freiwillig nieder.Denn die Abtswürde hatte ihn vielfach in das politische Leben und in dieweltlichen Händel hineingezogen; das war aber nicht nach seinem Geschmack,er sehnte sich wieder nach der früheren wissenschaftlichen Betätigung. Undso unternahm er etwa 856 3 ) die Fortsetzung des Werkes, das er langeliegen gelassen hatte, er schrieb für die Brüder in St. Riquier die Fort-setzung seines Matthäuskommentars. Hiervon scheint er die Bücher 5 bis 8schnell aufeinander geschrieben zu haben, da er in der Vorrede zum neuntenBuch wieder persönliche Dinge in den Vordergrund rückt, wie in dem gehalt-vollen Vorwort von Buch 5, und eigene Schicksale berührt, während dieübrigen Vorreden meist rein sachlich gehalten sind und nur die des zwölftenBuches dem Verfasser Anlaß gibt, in seinem Geiste die ganze geleisteteArbeit noch einmal kurz zu überschauen. Als er mit dem fünften Buchedas Werk fortsetzte, stand er schon in höherem Alter, doch ist sein Todes-jahr nicht bekannt. Radbert ist ohne Zweifel der gelehrteste und amweitesten blickende fränkische Theologe des 9. Jahrhunderts gewesen. Daszeigen nicht nur die oben gekennzeichneten Eigenschaften seiner Werke,sondern ergibt sich auch aus seiner großen Belesenheit. So gibt er Zitateaus allen Stücken des Terenz, er kennt von Cicero den Cato Maior, Deinventione, De officiis, die Rede für Sestius, höchst wahrscheinlich außer-dem die Verrinen und die Rede für Milo, von Seneca die Briefe, De bene-ficiis und De morte Claudii. Vielfach führt er den Vergil an, außerdemkennt er die Distichen Catos, Statius, Juvencus, Sedulius, Fortunat, Ausonius,
') Hierzu kommen zahlreiche Anführungen i 3 ) Daß er nicht mehr Abt war, ergeben
aus Terenz, Ausonius, den Disticha Catonis:das zweite Buch besitzt solche allerdings fastnicht.
2 ) Daß er Diakon geblieben war, zeigtsein Brief an Karl den Kahlen (Ep. 6,135,11abbas ac levita Christi) und der Brief an dieMönche von St. Riquier (Ep. 6,144, 22 et levitaultimus).
die Worte aus der Vorrede zu Buch 5 (Ep. 6,144, 28) Sed quia detis nobis . . . sua Provi-dentia haec otia fecit; ähnlich in der Vorredezu Buch 9 (Migne 120, 643 D) Mihi qnidempost innumeros actus saeculi . . . post solli-citudines tanti regiminis . . . optabile satistandem pmdenti viro concessit otium.