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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Notker der Stammler. 355

torischer Weise ausübte, hat Notker seine Poesien wirklich erlebt, mögenes Sequenzen, Hymnen oder Gelegenheitsgedichte sein. Und ebenso hervor-ragend ist der Umfang seiner Begabung, er meistert das Lehrgedicht wiedie pointierte poetische Erzählung und in der warm volkstümlichen undtreuherzigen Charakteristik eines geistigen Heroen wie Karls des Großenhat er trotz anscheinender Formlosigkeit Unübertreffliches geleistet. Scharftritt auch in den wenigen Briefen sein Geist und sein Witz hervor, und esist ungemein zu bedauern, daß sein Leben des heiligen Gallus nur in kleinenBruchstücken erhalten ist, die wohl nur von fern die Bedeutung dieserschriftstellerischen Leistung ahnen lassen. Den begabten kirchlichen Dichterbegleitet aber auch ein hohes musikalisches Talent und dies scheint dieUrsache zu seinen frühesten selbständigen Werken gewesen zu sein, indenen sich Dichtung und musikalische Komposition vereinigten und durchdie er den Grund zu einer neuen Dichtgattung legte.

Über seinen Beginn der Sequenzendichtung unterrichtet uns Notkerselbst in einem Briefe an den Bischof Liutward von Vercelli, dem er zwischen884!) und 887 die Sequenzen widmete. Er hatte als junger Mensch denPlan gefaßt, diese langen Gesänge mit Textworten zu begleiten, da siesich dem Gedächtnis so schwer einprägten. 2 ) Zu dieser Zeit war ein Pres-byter aus dem kurz vorher (862) zerstörten Kloster Jumieges nach St. Gallengekommen. In dem Antiphonar, das er mitgebracht, befanden sich aucheinige Sequenzen mit Texten von sehr mangelhaftem Bau, 3 ) und Notkerversuchte sich nun selbst an einigen solchen Stücken, die er seinem LehrerIso zur Begutachtung vorlegte. Dieser machte ihn auf mehrere Mängelaufmerksam, und Notker dichtete dann ein neues Stück, das er dem LehrerMarcellus gab und von jenem den Schülern zur Aufführung mitgeteilt wurde.Zugleich aber forderte ihn Marcellus auf, die Dichtungen zu sammeln undeinem der Großen des Reiches zu widmen. Dieser Aufforderung kam Notkerjedoch erst etwa 885 nach, als ihn sein Bruder Othere gebeten hatte, denBischof Liutward durch eine Dedikation zu ehren. Die Sequenzen selbstsind eigentlich Melodien, die auf dem letzten Alleluia des Graduale alslange Jubilationen gesungen wurden. Notker erhob diese Gesänge zu Kunst-schöpfungen, indem er nach Anweisung des Marcellus jeder Tonbewegungeine eigne Silbe zukommen ließ und eine ganze Reihe eigner Dichtungenschuf, deren jede er in kürzere Tonsätze mit eignem Schlüsse einteilte unddiese Sätze paarweise mit eignen Melodien versah. 4 ) Da die Satzpaareinnerhalb der Sequenz durchaus verschieden sind, so lassen sich die einzelnenSätze keineswegs als Strophen bezeichnen, die aus einzelnen Versen bestehen;denn die Dichtung ist nur gebunden durch die Zahl der Silben, die derMelodie zu entsprechen hat, aber nicht durch die Länge und Kürze derSilben. Die Richtschnur für den Bau ist die Melodie, und daher entbehrtdie Dichtung der metrischen Anlage. Doch gibt die infolge des Wohlklangs

') Nach v.Winterfeld(Ztsckr.f. deutsch.Altert. 47, 328) wahrscheinlich 885.

2 ) Vgl.Schubiger, Die Sängerschule St.Gallens S. 39 und n. 2.

3 ) Vgl. Jak. Werner, Notkers SequenzenS. 101.

4 ) Manche der Notkerschen Sequenzenhaben allerdings noch keine oder nur un-vollständige Wiederholung der Melodiensätze,s. Jak. Werner, Notkers Sequenzen (Aarau1901) S. 121 f.

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