Druckschrift 
1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
Seite
209
Einzelbild herunterladen
 

Gildas. 209

geführt. Das Mitleid mit dem britischen Volke, das von den beiden höchstenStänden nur in Unrecht und Sünde regiert werde, diktiert dem Gildas denzweiten Teil in die Feder, die sog. Epistola. Es ist eine großenteils aufbiblischer Grundlage beruhende Klage und Vermahnung wider die Königeund Priester, deren lasterhaftes Leben im Gegensatz zum Volke aufgedecktwird. Sie läßt an Schärfe und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig undihr Zweck reißt den Verfasser wohl öfters zur Schwarzmalerei fort. DerTon hängt unzweifelhaft mit der streng asketischen Richtung der keltischenGeistlichkeit zusammen. So finden wir also mehr ein geistlich-politischesRaisonnement als eine wirkliche Geschichtsauffassung, obwohl es dem Gildasan letzterer nicht ganz fehlt, indem er das politische Elend seines Volkesauf einige Hauptursachen x ) richtig zurückführt. Die ganze spätere Ge-schichte der Briten zeigt, wie Gildas mit seinem Urteil recht hatte.

Über seine Quellen 2 ) sagt Gildas c. 4 (p. 29,19 M.), daß sie auf sehrunsicherem Boden fließen ,quantum tarnen potuero non tarn ex scriptis patriaescriptorumve monimetitis, quippe quae vel si qua fuerint, aut ignibus hostiumexusta aut civium exili classe longius deportata non compareant, quam trans-marina relatione, quae crebris inrupta intercapedinibus non satis claret'.Einzelne Stellen sind zurückzuführen auf Orosius, die Chronik des Hiero-nymus 3 ) und auf Rufin hist. eccl., jedoch schließt sich Gildas seinen Ge-währsmännern nie im Wortlaut an. Für die früheren Zeiten erzählt ermehr nach unbestimmten Gerüchten, als daß er sichere Tatsachen gewährt.Bekannt war ihm Vergil, den er dreimal ungenau zitiert, vielleicht Juvenal,ferner Persius oder Martial und Claudian. Auch über den von ihm in derEpistola reichlich benutzten Bibeltext läßt sich kein sicheres Urteil ge-winnen, für einen Teil der Bibelstellen hatte er die Übersetzung des Hiero-nymus, für die andern eine zweite Unterlage. Hierzu und über seinehistorische Glaubwürdigkeit s. Mommsen S. 610. Er selbst nennt seinWerk ,vile quidem stilo' und hat damit richtig geurteilt. Es fehlt ebenso aneiner irgendwie künstlerischen Gestaltung des Stoffes, wie an einer klarenund reinen Sprache. In den nicht biblischen Sätzen überwiegt der Schwulstund der Stil ist zerrissen und ungefüge. Sein Haschen nach Bildern undseine Vorliebe für poetischen Ausdruck teilt er mit der Zeit. 4 )

Fortleben, Handschriften, Ausgaben. Gildas wird bei der Spärlichkeit derälteren britischen Geschichtschreibung ziemlich viel bei Späteren 5 ) benutzt (s. MommsenS. 21 ff.). So von Columban in einem Brief an Gregor I. (MG. Ep. 3, 158, 36), reichlichaber nicht genannt vom Verf. der Hist. Brittonum (Nennius), von Beda hist. Angl. 1, 22,von Alchvine in Ep. 17 (MG. Ep. 4, 47, 17) und Ep. 129 (p. 192, 17), von Wurdisten in derVita Winwaloei (ed. A. de la Borderie, Cartul. de l'abb. de Landevenec) vor 884, vonWermonocus, dem Schüler Wurdistens, in der Vita S. Pauli Leonensis von 884 (das Werkdes Gildas hier: quem Ormestam*) Britanniae vocant), vom Verf. des Liber Landavensis

*) Ebert 1,565 betont richtig, daß hierinschon ein Hauptelement der Artussage zufinden ist.

2 ) S c h o e 11, De eccl. Britonum Scoto-rumque historiae fontibus S. 6 ff.

3 ) Er kennt außerdem die Briefe undde ss. eccl. Ein Zitat aus Philo findet sichnicht in der heutigen Uebersetzung von dessenWerken; es geht aber auf Rufins Kirchen-Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. IX, 2.

geschichte zurück, s. W. L e v i s o n, NeuesArchiv 29, 124 n. 1.

4 ) lieber orthographische Besonderheiten(quorvus= eoi-vus, diferre etc.) s.MommsenS. 24.

6 ) TJeber Aufschriften in alten Katalogens. Manitius, NA. 32, 660.

6 ) Also die irische Bezeichnung von Oro-sius' Geschichtswerk.

14