186 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Jedenfalls paßt auch das ganze Wesen dieser Spruchsammlung eherauf Columban, der Ad Hunaldum 17 die Disticha auch benutzt hat. DieSammlung enthält 205 Verse, von denen Baehrens a. a. 0. S. 240ff. denvierten Teil auf die damals noch vollständige Sammlung der DistichaCatonis zurückführt; es ist aber möglich, daß noch weit mehr Verse hier-her gehören. 1 ) Die übrigen gehen auf Bibelstellen, sowie auf die schonoben genannten Dichter zurück, die Columban bekannt waren. Wir findendaher hier dasselbe Centonenhafte, wie in den übrigen Dichtungen Columbans,die auch in der Sammlung benutzt werden, denn Ad Sethum 5 = Monost. 7,und ib. 11 = Monost. 8. Außerdem hat Orientius beigesteuert, wie L. Bellanger(Revue de Gascogne, Avril 1904) entdeckte; nämlich Monost. 78 und 82 sindaus dem Commonit. 2, 240 und 195 genommen. Wahrscheinlich lernteColumban das Werk des Orientius in Gallien kennen, wohin ja fast alleSpuren der Überlieferung führen. Jedenfalls hat sich Columban, der inseiner Spruchsammlung neben den angeführten Quellen hauptsächlich dieBibel stark benutzt, hier nicht eben als Dichter hervorgetan, der Wertder Sammlung besteht einzig in der Aufbewahrung von sonst verlornemMaterial.
Größeren Wert an sich besitzt das Gedicht an einen Fedolius, das indem alten berühmten Berol. Diez B. Santen. 66 s. VIII, in den Sangall. 273und 899 s. IX und X und im Paris. 8303 s. X erhalten ist. Es besteht aus159 adonischen Versen, denen sechs Hexameter angehängt sind. Dies fürganze Gedichte seltene Versmaß hat Columban wohl aus Boethius (De consol.phil. I metr. 7) kennen gelernt und er entschuldigt sich bei Fedolius wegender ungewohnten Form 114 Nam novo, forsan Esse videtur Ista legentiFormula versus und gibt ihm Vs. 118—140 Aufklärung über den Ursprungund über die Zusammensetzung des seltsamen Verses. Der Hauptinhaltist, wie sonst bei Columban, moralischer Tendenz; der Dichter warntden Fedolius vor der Sucht nach Gold, deren Verderblichkeit er mit einerMenge von Beispielen nicht aus der Bibel, sondern aus der antiken Mythologiebelegt, auf welche Kenntnisse er nicht wenig stolz zu sein scheint (34 Nunctibi pauca Tempore prisco Gesta retexam). Hier lehnt er sich außer anVergil an Statius (Vs. 70ff. = Theb. 4, 186ff.) 2 ) und an die Ilias latina(Vs. 73 ff. = IL Iat. 980 f. 1044 f.) an. Hieraus wie aus der Zurückführungder Form auf Sappho erkennt man deutlich, daß Columban mit dem Alter-tum in Berührung zu treten nicht verschmähte, wie das ja auch sonst beiihm hervortritt. Gekannt hat das Gedicht Alchvine, der in seinem an denSchüler Credulus gesandten Gedicht nicht nur die Form nachbildete, sondernauch die Eingangsverse benutzte (Alcuini Carm. LIV, 1—4 Nunc bipedaliCarmine laudes, Credide, didces Mi tibi, ncde Care, canemus, PL. 1, 266).
Außerdem wird dem Columban ein rhythmisches Gedicht von 120 Sieben-silbern trochäischer Struktur beigelegt, 3 ) das im Turic. C. 78. 451 s. IX — X
') So hat auch Dümmler in den Noten J zung von Vs. 2 der Versus Catonis contra
zu seiner Ausgabe PL. 1,275—281 eine MengeEntlehnungen aus den eigentlichen Distichanachgewiesen, wie auch fünf Verse aus derCollectiomonostichorum bei Riese, Anth. 716und Baehrens. PLM. 3, 236, endlich Benut-
luxunam.
2 ) Mit dem wörtlichen Anklang 72 Per-fida coniunx = Theb. 4, 193.
3 ) Nach einem Sangallensis in der Aus-: gäbe von Goldast, Paraenetica vet. 1, 146.