170 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
so verschwinden im zweiten Gedicht die Gedanken oft geradezu im Wort-schwall. Hervorzuheben wären in beiden Gedichten die häufig mit Glückangewendeten dichterischen Vergleiche wie loh. 2.196; 4, 569; Iust. 3,246.256.Ferner berührt angenehm der Mangel an mythologischem Aufputz, wofürdie christliche 1 ) Frömmigkeit des Dichters einen guten Ersatz bietet; ihreAuslassungen erscheinen zuweilen allerdings mehr als Lückenbüßer wieIust. 4, 290—311. Freilich überbietet Corippus hinsichtlich der Anlehnungan Vorbilder fast alle seine Vorgänger und Nachfolger; er hat sich an diefrühere heidnische und christliche lateinische Dichtung auf das engste an-gelehnt. Hierzu vgl. R. Amann, De Corippo priorum poetarum Latinorumimitatore I. II (Oldenb. 1885. 1888) und M. Manitius, Zeitschr. f. d. österr.Gymn. 37, 82—101. 406. Hingegen ist die Benutzung griechischer Vorbildernicht erwiesen, doch macht Skutsch, Pauly-Wissowa RE. IV, 1242 auf An-klang an eine Stelle aus Eurip. Bacch. aufmerksam. Durch das unausgesetzteAnlehnen an Vorbilder (besonders natürlich Vergil) erklärt sich auch diefür jene Zeit große Korrektheit in grammatischen, metrischen und proso-dischen Dingen; vgl. hierzu Partsch p. 163ff. 182; Petschenig p. 231ff. 247,Skutsch 1243 und besonders E. Appel, Beitr. z. Erklär, d. Corippus mitbesond. Berücks. d. vulgären Elements s. Sprache, München 1904. Eine genaueUntersuchung der epischen Sprache Coripps von A. Welzel (De Claudiani etCorippi sermone epico. Vratisl. 1908) hat ergeben, daß sich der Dichter andie besten Muster anlehnt, aber doch in mancher Beziehung frei verfährt.Das Gedicht In laudem Iustini (und In laudem Anastasii) befand sich 882in Oviedo. s. Manitius, Philol. usw. S. 146.
Einzige Hs.: Matrit. 14, 22 s. LX(-X?)f. 17b—51a (aus Oviedo); sie ist vielleicht mitjenem alten Ovetensis identisch, mindestens aber eine Abschrift. Auch ein von Ruiz ver-wettetes Fragment (3, 271 — 407) weist auf Oviedo, vgl. Ruiz p. 89. Zwei kleine Fragmente(3, 271—288) bieten ein Santonensis und Laurent, plut. 45, 26 s. XII, s. Partsch p. LVI1I.Ausgaben: Ruizius Antv. 1581. Fogginius Rom 1777. — Gesamtausgaben: rec. Jos. Partsch,Berl. 1879 (MG. Auct. ant. 3, 2); rec. M. Petschenig, Berl. 1886 (Berl. Stud. 4, 2). Kri-tisches etc.: M. Petschenig, Wiener Stud. 2. 3. 4: Wiener SB. 109, 631. Aich. f. lat. Lex.3, 150. 284. — Partsch, Saturn Viadrina (1896) 20 ff. Hermes 9, 292 ff. Skutsch, Byzant.Ztschr. 9, 152 f. Ch. Diehl, L'Afrique bvzantine (1896) S. 58. 301. 363. Skutsch bei Pauly-Wissowa 4, 1240 ff.
21. Venantius Fortunatus.
Venantius Honorius Clementianus Fortunatus ist wohl nach 530 inder Nähe von Treviso in Oberitalien geboren. Der Bischof Paulus vonAquileja suchte ihn frühzeitig für den geistlichen Stand zu gewinnen, docher erhielt die weltliche Ausbildung in Ravenna, wo er Grammatik undRhetorik sowie die Anfangsgründe der Rechtswissenschaft erlernte undsich frühzeitig mit Poesie beschäftigte. Von seiner Familie ist nur seineSchwester Titiana bekannt, und die Verhältnisse, in denen er aufwuchs,scheinen keine glänzenden gewesen zu sein. Als er und sein treuer Ge-nosse Felix, später Bischof von Treviso. von einer Augenkrankheit er-
') Ueber die christlich gefärbten Stellen lehnung an die Bibel loh. VIII, 38 f. = Psal.in beiden Gedichten s. Manitius, Gesch. d. ■ 126, 1. V, 524 = los. 10, 12.christl. lat. Poesie S. 407 f. Unmittelbare An- !