42 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, Ers ter Teil.
materia corporis sui, Organum membrorum et virtutem vitae habentem' wendeter sich zu Gott, dem Schöpfer der Seele, und bringt aus der altenPhilosophie die Unsterblichkeitsbeweise vor. Die Fragen nach der Qualitätund Form der Seele beantwortet er in christlichem Sinne, sie sei Lichtals Ebenbild Gottes und besitze als solches keine Form und Gestalt. Diezwei nächsten Abschnitte befassen sich mit den moralischen und dennatürlichen Tugenden der Seele, während im folgenden der Ursprung derSeele aus Gott abgeleitet wird. Als ihr Sitz wird der Kopf angenommenund das Herz abgelehnt, und dann der ganze Körper in seiner Zweckmäßig-keit als Tempel der Seele betrachtet. Deren Spiegel ist aber das Antlitzund nach dessen Aussehen kann man die bösen und die guten Menschenschnell erkennen. Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Zustandder Seele nach dem Tode und der Hoffnung auf das ewige Leben. Miteinem Gebet, welchem eine kurze zahlensymbolische Betrachtung über dieZwölf vorausgeht, schließt das kleine Werk, dessen Gedanken vielfach aufAugustin und Claudianus Mamertus zurückgehen. Benutzt wurde es inspäterer Zeit öfters, z.B. von Hraban de anima (ed. Colon. 6, 2, 173) undvon Hincmar de div. et multipl. animae ratione c. 2. Die Schrift, 1 ) welcheebenso die antike wie die christliche Literatur zu Rate zieht, steht in derMitte zwischen heidnischer und christlicher Betrachtungsweise und bildetden Übergang von Cassiodors weltlichen Werken zu seiner geistlichenSchriftstellerei.
Historia Gothica. Anecd. Hold. p. 4 ,Scripsit praecipiente Theodorichorege historiam Gothicam originem eorum et loca moresque XII libris annuntians'.Var. praef. p. 4,28 ,Duodecim libris Gothorum historiam deflpratis prosperitatibuscondidisti.' Var. 12,20 p. 377,5, Superatum est exemplum quod in historia nostramagna intentione retulimus- Nam cum rex Älaricus etc.' Var. 9, 25 p. 291 2 ),Tetendit se etiam in antiquam prosapiem^ nostram lectione discens quod vixmaiorum notitia cana retinebat. Iste reges Gothorum longa oblivione celatoslatibulo vetustatis eduxit. Iste Hamalos cum generis sui claritate restituitevidenter ostendens in decimam septimam progeniem stirpem nos habere regalem.Originem Gothicam historiam fecit esse Bomanam etc.' Jordan, praef. p. 53, 4(Mommsen) ,suades ut nostris verbis duodecem Senatoris Volumina de origineactusque Getarum ... in uno et hoc parvo libello choartem'. In jenem SchreibenAthalarichs, das von Cassiodor verfaßt ist, verrät dieser deutlich denZweck seiner Gotengeschichte. 3 ) Das Werk sollte eine Brücke schlagenzwischen den auf ihre Abkunft stolzen Römern und den von ihnen ver-achteten Goten. Das war nicht nur Theoderichs Absicht gewesen, derden gelehrten Cassiodor zu dem Werke aufgefordert hatte, sondern daslag auch vornehmlich als Grundgedanke in der ganzen administrativenTätigkeit des Verfassers. Zu diesem Zwecke wurde von ihm die schonfrüher geglaubte Identität der Geten und Goten wissenschaftlich nachzu-weisen versucht und sogar die Skythen mit beiden Völkern gleichgestellt.
') Hss.Monac. 14728 s. XI. Valentian. 284 I 3 ) Scharfe Kritik des Werkes bei Ludw.
s. IX. Schmidt, Gesch. d. deutschen Stämme bis
2 ) Schreiben Athalarichs an den Senat zum Ausgang der Völkerwanderung 1, 1,17 ff.
über Cassiodor 534. J (Berlin 1904).