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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
wurde. Jedenfalls schrieb er das kleine Werk kurze Zeit bevor er sichvon der Welt zurückzog, 1 ) aber indem hier schon der Gedanke an Ewigkeitund Unsterblichkeit durchleuchtet, ergibt sich wohl, daß er damals schonentschlossen war, seine Ämter niederzulegen, um den Rest seiner Tagein einem Kloster zuzubringen. Es war aber nicht nur der Gedanke andas Heil seiner Seele, der diesen Plan zur Reife brachte, Cassiodor wolltedie Zeit, die ihm noch beschieden war, in steter Arbeit für die Erhaltungder damals immer mehr absterbenden Bildung hinbringen. Schon einigeJahre früher hatte er sich an den Papst Agapitus (535—536) gewendet,um mit dessen Hilfe eine christliche Universität zu errichten. Denn es habeihn, wie er sagt, mit Schmerz erfüllt, daß er sehen müsse, wie emsig mansich mit der weltlichen Literatur und Wissenschaft beschäftige, währendes für die Auslegung der heiligen Schriften keine öffentlichen Lehrer gebe;nach Art der früheren Hochschule von Alexandria und der jetzigen zuNisibis in Syrien sollten in Rom Vorlesungen in der christlichen Wissen-schaft gehalten werden. Das war ohne Zweifel ein großer Gedanke, dessenVerwirklichung der bald so merklichen Abnahme der wissenschaftlichenStudien kräftig vorgebaut haben würde. Und kein Platz wäre für dieUniversität günstiger gewesen als Rom, der große Büchermarkt der Welt.Aber diese Idee, die eines Cassiodor durchaus würdig war, konnte wegeDder unmittelbar folgenden Kriegswirren in Italien nicht durchgeführt werden,und Cassiodor mußte sich daher mit einer verkleinerten Form seines Planesbegnügen. In der Nähe des heimischen Scyllacium begründete er einKloster, das von nahegelegenen Fischteichen den Namen Vivarium erhielt.Und hier gab er den Mönchen nicht nur durch seine in den zwei BüchernInstitutiones enthaltenen Vorschriften, sondern auch durch sein eignesVorbild das trefflichste Beispiel und die eindringlichsten Ermahnungen zueinem der wissenschaftlichen Beschäftigung geweihten Leben. Sein Rück-zug in das Kloster entstammte sicher dem gewollten Verzicht auf weitereAnteilnahme an dem für ihn unleidlich gewordenen politischen Leben.Und doch war es keine volle Resignation. Der bedeutende Mann hatteeingesehen, daß das Römertum in staatlicher Hinsicht unrettbar verlorensei und deshalb suchte er wenigstens aus dem allgemeinen Untergang diegeistige Kultur der Römer in die Klostermauern zu retten. Und diese Tatentspricht voll der Größe des Mannes, sie ist von weltgeschichtlicher Be-deutung für die ganze folgende Zeit gewesen. — Vom ganzen späterenLeben Cassiodors sind daher auch nur noch literarische Daten bekannt,er selbst hat sie an die Spitze seines Buches De orthographia gestellt.Er erwähnt hier nämlich, daß er während der Zeit seines Aufenthaltesim Kloster verfaßt habe den Kommentar zu den Psalmen, die zwei BücherInstitutionen, eine Erklärung zum Römerbrief, eine Handschrift, in der erdie artes Donati mit ihren Kommentaren und des Sacerdos Buch de
*) Denn es ist in der Aufzählung seinerspäteren Werke (Keil, Gramm, lat. VII. 143)nicht erwähnt. Auch das Werkchen, dasein späterer Exzerpten' Ordo generis Cassio-doriorum genannt hat, fehlt hier. Es ist
nach der Zusammenstellung der Variae ge-schrieben, da sie hier (Anecd. Hold. 4,25)erwähnt werden; Usener streicht allerdingsS. 71 diese Erwähnung als späteren Zusatz.