VI Vorwort.
geistige Entwickelung vieler Autoren müßten sich unliebsame Zerreißungendes Stoffes ergeben. Auch würden manche Schriftsteller nicht irgendwiemit Sicherheit örtlich untergebracht werden können, und bei der Unter-teilung des Stoffes wäre man doch wieder auf andere Grundsätze angewiesen;auch führte eine solche Gruppenbildung bezüglich der Biographie und be-treffs der Übersichtlichkeit zu Schwierigkeiten. Das rein chronologischePrinzip konnte aber bei dieser so ungemein divergierenden und expansivenLiteratur nicht in Frage kommen, zumal vieles zeitlich nicht sicher zufixieren ist. Und auch die Anordnung nach dem Grundsatz der Nationalitätläßt sich meines Erachtens nicht leicht durchführen. Für die Zeit bis aufKarl den Großen hat sie Traube allerdings im großen und ganzen inne-gehalten, aber mit dem Beginn des fränkischen Weltreiches würden sichnicht wenig Schwierigkeiten einstellen, und es müßte dann unbedingt zurFusion dieses Grundsatzes mit dem nach der Einteilung in geistige Mittel-punkte geschritten werden. Denn das Frankenreich Karls stellt doch fürlängere Zeit eine geistige Einheit dar, und bei den Wanderungen der Irenund Angelsachsen und bei ihrer festländischen Kolonisation müßte dasnationale Prinzip unbedingt durchbrochen werden. Die von Gröber be-folgte Anordnung ist zwar in ihrer Unterteilung übersichtlich, sie hat aberdas Mißliche, daß bei der Ausführung die eine Periode (Blütezeit) unbedingtzu groß ausfallen würde und die zwei vorbereitenden Perioden räumlichzu weit zurückstehen müßten. Und doch schien mir bei der Verbindungeiner andern chronologischen Einteilung mit der Unterteilung nach Diszi-plinen die größte Übersichtlichkeit über den Stoff gewonnen zu werden,so daß ich mich nach längerem Zögern entschloß, die Gruppierung so vor-zunehmen: mit der Hauptteilung des Bandes nach zwei größeren Periodenwurde die sachliche Unterteilung in ungefähr chronologischer Darstellungüber die einzelnen Autoren verbunden.
Auch über die Reihenfolge der einzelnen Disziplinen ließe sich streiten.Ich wählte sie in diesem Bande nach ihrer Wichtigkeit für die allgemeineliterarische Entwickelung. In der Fortsetzung wird sie anders zu treffensein, da dort noch eine strengere Beschränkung auf die eigentliche Literaturam Platze ist, und die Dichtung im weitesten Sinne des Wortes die Führunggewinnt, die in unsrer Periode noch einen mehr theologischen oder epistolo-graphischen Charakter besitzt. Für die Stellung der Historiographie abererschien mir maßgebend, daß in „Deutschlands Geschichtsquellen im Mittel-alter" von Wattenbach ein vortrefflicher Führer vorhanden ist.
In der Auswahl des Stoffes glaubte ich von der durch M. Schanz ge-troffenen abweichen zu müssen. Denn wenn Schanz in den beiden letztenerschienenen Teilen seiner „Geschichte der römischen Literatur" die christ-lichen Autoren lückenlos einer ausführlichen Analyse unterzieht, so war diesinsofern geboten, als dadurch der ganze geistige Gehalt der patristischenZeit in ausgiebiger Weise vor dem Leser klargelegt wird. Im eigentlichenMittelalter aber sucht man doch meist die eigenen Gedanken auf die Werkeder Väter zu gründen, wenn es auch an neuen Problemen nicht fehlte,die eine neue Behandlung erheischten. Daher konnte hier die eigentlichtheologische Literatur vielfach gekürzt behandelt werden, und nicht wenig