Druckschrift 
Neue Fortschritte in den Verbrecherstudien
Entstehung
Seite
270
Einzelbild herunterladen
 

270 -

am hellen Tage floriert und zwar in solchem Grade, dass die ehr-lichen Leute und sogar die Beamten selber, die solche geschminktenBerichte an ihre Regierung senden, diesen sogenannten friedlich inden Schafstall zurückkehrenden Schäflein zum Opfer fallen. Sehenwir z. B. was Thomas (Cannibals and convicts, 1886) sagt:

Man kann sich kaum vorstellen, wie verworfen diese Leutesind."

Im Jahre 1884 kam es vor, dass einer dieser Verbrecher48 Stunden nach der Hochzeit seinem Weibe die Gurgel durch-schneiden wollte. Als er dabei ertappt wurde, floh er zu denWilden, die ihn totschössen; aber auch letztere fallen diesen Elendenoft zum Opfer. Straflosigkeit und Nachsicht haben hier eine eigent-liche Anarchie, eine wahre Hölle auf Erden geschaffen".

Mancelon (Les bagnes et la colonisation penale, 1886) erzählt,dass es daselbst Deportierte giebt, die schon mehr als dreimal zumTode verurteilt waren und dann wieder freigesprochen wurden. EinWeib, das zwei Kinder getötet hatte und darnach begnadigt wordenwar, tötete später noch eins.

Sehen wir, wie ein Verurteilter eine jener Ehen beschreibt,von denen der Gouverneur Pardon in seinem offiziellen Bericht(1891) ein so wunderschönes Bild entwirft.

Auf der Insel Nou (Laurent, Les liabitues desprisons, 1890)habe ich einer merkwürdigen Ceremonie beigewohnt, der Hochzeiteines meiner Mitdeportierten. Der Betreffende war ein zu fünfJahren Zwangsarbeit verurteiltes Individuum, weil er le coup duJPere Francis gemacht hatte (welcher darin besteht, dass man einemeine gleitende Schleife um den Hals wirft und dann schnell zuzieht).Er begab sich nach dem Kloster von Bourail in Padoc, um sichdaselbst eine Braut auszuwählen. Die Nonne offerierte ihm ein32jähriges Weib, das wegen Giftmischerei zu fünfzehn JahrenZwangsarbeit verurteilt war."

Das erste Zusammentreffen war äusserst herzlich. Die Braut,die wenig schüchtern war, warf sich dem neuen Ankömmling sofortan den Hals und sprach uugefähr folgendermassen zu ihm:Ach,mein lieber Schatz, liier ist es nichts weniger als lustig, du wirstmich hier wegbringen. Diese dummen, dreckigen (sales) Nonnen!Ich hätte manche von ihnen rösten (griller) mögen. Hast du nichtein wenig Tabak (jierlot) und Papier (fafe)!"

Der Heiratskandidat wollte von dieser liebenswürdigen Person,deren Sprache und Manieren gleich hohe Bildung verrieten, leidernichts wissen. Man bot ihm darauf eine alte Betrügerin (Prosti-tuierte) an, die den lieblichen Namen Rosa führte und zu 8 JahrenZwangsarbeit verurteilt war. weil sie einen Menschen in seinem