— 221 —
Liebe, also zwischen der Prostituierten und ihrem Zuhälter, undbei urningischen Paarungen. ..In der entwürdigenden Knechtschaftder Prostituierten ihrem Zuhälter gegenüber — schreibt er — undin dem brutalen Despotismus, den dieser über sie ausübt, erblickenwir gleichsam ein abscheulich verzerrtes Spiegelbild der reinen Ge-fühle eines Weibes gegen den Mann, dem sie sich zu eigen gegeben,und des sanften* Schutzes, mit dem er ihre Liebe erwidert; und inden obscönen Beziehungen einer Tribade zu ihrer ßuhlin oder einesWüstlings zu seinem Mignon werden wir nur die äusserste Formder Entartung kennen lernen, welcher die Freundschaft zwischenzwei Männern oder zwei Frauen verfallen kann, wenn sie sich mitwidernatürlichen Instinkten mischt.""
Und die Thatsachen folgen dieser Behauptung Bemerkens-wert ist, dass Sighele auch die Entstehung des Gergo (italienischeGaunersprache) aus solchen Paarungen Degenerierter ableitet, dasbis dahin stets nur in zahlreichen Associationen beobachtet undstudiert wurde, während es doch klar ist, dass es gerade in diesenallerkleinsten Gruppen entstehen muss.
Sigheles Buch schliesst mit einem Anhang über die libericidi(Eugelmacher). Er hatte sich mit dem Engelmacherpaar (Vaterund Mutter, die ihr Kind misshandeln) da beschäftigen wollen, avoer von den ..Familienpaaren" handelte, aber die psychologische undsociale Wichtigkeit des Gegenstandes bestimmte ihn dazu, ihn ge-sondert zu behandeln. In der That ist heutzutage diese unerhörte,die Kindheit betreffende Qual eine höchst aktuelle und brennendeFrage. Unser Autor wollte sie hauptsächlich auch deshalb näheruntersuchen, um zu entdecken, warum die Engelmacherei viel öftervon der Mutter als vom Vater ausgeübt wird. Es hängt dies nachSighele von der Thatsache ab, dass das Weib, den heutigen socialenVerhältnissen entsprechend, seine ganze psychische Thätigkeit sozu-sagen einzig und allein auf die Familie beschränken muss und siedaher nicht über viele Dinge und Individuen verteilen kann (wieder Mann); da es sie also auf wenige Personen konzentrieren muss.so folgt daraus mit Naturnotwendigkeit, dass seine Affekte intensiversind, eben weil sie weniger in die Breite gehen. Heftiger im gutenAvie im bösen, ist ihr Herz bald sonnenhell, bald nachtscliAvarz; siefällt ans Anläufen höchster Sanftmut und Milde in die brutalstenAusbrüche raffiniertester Grausamkeit. Engel oder Teufel, erhebtsie sich bis zur Höhe der christlichen barmherzigen Schwester undfällt dann wieder so tief, dass sie den Namen eines Tigers odereiner Hyäne verdiente. Wenn es daher Avahr ist, dass keine Liebeso stark ist, wie die Mutterliebe, so ist es auch ebenso Avahr, dasskein Hass mächtiger als der Mutterhass.