Druckschrift 
Nachrichten über Thomas a Kempis : nebst einem Anhange von meistens noch ungedruckten Urkunden
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

144Zweifel daran ausspricht.!) Die Behauptung ist nicht zugewagt, daß wenn gewisse Zustände der sel. Lidwina in derThat ecstatische gewesen sind, er, als er sie beschrieb, sichetwas ganz Anderes darunter dachte. Fern sei es von uns,seine Ansichten über das Hereinspielen der Geisterwelt indie materielle, als irrig oder, in so fern sie sich über den ge-meinen Volksglauben nicht erhoben, als beschränkt bezeichnenzu wollen. Es durfte dies Moment seiner Auffassung, wennman seinen Standpunkt gehörig beurtheilen will, nicht über-sehen werden. Dem Apologeten sei es ein Nachweis seinernaturwüchsigen Originalität.Ein schulgerechter Theologe ist Thomas a Kempis nichtgeworden. Als Propädentik zur theologischen Wissenschafthatten ihm die frommen Unterweisungen des Priesters Flo-rentius, die Diktate seines Lehrers, dessen lebendige Vor-träge und Auslegungen der beim öffentlichen Gottesdienstebräuchlichen biblischen Perikopen gedient. Was er sich antheologischen Kenntnissen ferner aneignete, schöpfte er aus derh. Schrift und den Werken der Kirchenväter, womit er so-wohl als Abschreiber wie als Geistlicher sein Lebelang be-schäftigt war. Was ihm im Kloster, als Noviz, von seinenLehrern beigebracht ist, war von geringem Belang. Es bezog sich hauptsächlich auf das Praktische des Klosterlebensund des öffentlichen Gottesdienstes. Nirgend beruft sichThomas a Kempis auf das Orakel der damaligen theologi-schen Schulweisheit, den Magister sententiarum. Nirgendblickt etwas hervor, was darthäte, er habe dessen Bekannt-schaft gemacht. Nirgend dämmert auch nur ein Anschein vonder Art und Weise der Gelehrten seiner Zeit sich über Ge-genstände, die in die Gottesgelehrtheit einschlagen, auszudrücken. Daß er nirgend eine von der Kirche als irrig ver-worfene Lehrmeinung vorträgt, versteht sich von selbst. Dieswürde schon längst, wenn es auch seinen Klosterobern undOrdensbrüdern entgangen wäre, entdeckt und gerügt wordensein. Wenn er aber z. B. die Lehrsätze der Sorbonne vomJahre 1398 über den Aberglauben, die sich damals in denHeften eines jeden Lektors der Theologie befunden haben1) Sunt fere omnia omni admiratione digna, meam experien-tiam excedentia, quae majoribus judicanda committo; ebendaselbst.