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Briefe über freie Religion
Entstehung
Seite
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30Gott ist! Denn wären wir Blindgeborene, das Meer un-serer Geistes=Gedanken mit seiner Ebbe und Fluth würde uns dieWelt ersetzen, die sich in unsern Augen doch nur abspiegelt.Unser Wissen und Hoffen händigte uns dann das Pfand der Ewigkeit ein, und versichern würde uns dann, daß eine Gottheitlebe, alles das,Was von Menschen nicht gewußtOder nicht bedacht,Durch das Labyrinth der BrustWandelt in der Nacht.Achter Brief.Die Religion beruht auf einem höheren Gefühl, welchesseine rechtliche Stellung hat. Dieses Gefühl theilt kein Thier mitdem Menschen; es ist der Charakter, der den Letzteren über dasErstere emporhebt. Die Ameise ist fleißiger, der Hamster sparsa-mer, der Hund anhänglicher, das Kameel genügsamer, als derMensch; doch kein Thier ist religiös. Im Bienenstaat herrschtOrdnung; aber in keinem Thierstaate zeigt sich eine Spur vonReligion, weil kein Thier das höhere Gefühl besitzt wie der Mensch,der es daher ebensowohl anwenden soll, wie seine Vernunft. Ver-nunft und Gefühl sind die beiden Fittiche, mittels deren wir unsüber die Sinnlichkeit zu erheben vermögen. Ein Vogel fliegtnicht mit Einem Flügel; und wie das Schiff Ballast einnehmenmuß, so hat das Herz recht viel Religion in sein Innerstes ein-zusenken, wenn es nicht auf dem Lebensmeere untergehn will.Mag also auch eine nicht zu leugnende Aehnlichkeit zwischenMensch und Thier existiren, ihre wesentlichen Verschiedenheitensind noch viel größer. Der Affe zeigt uns manche Geschicklichkeitund drollige Amüsements. Er verbündet sich z. B. mit seinesGleichen und führt die geworbene Schaar gegen eine andere Affen-heerde in den Krieg, das alles unter Beobachtung von diploma-tischen und strategischen Grundsätzen; er thut damit nichts Mensch-liches! Aber der Mensch vollzieht einen thierischen Akk, wenn erin wilder Zerstörungslust auszieht, um seine Brüder zu morden

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