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Briefe über freie Religion
Entstehung
Seite
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10sinnes und heidnischen Aberglaubens wähnt. Ehe die Menschheitaus den verschiedenen Religionen zur Religion, von den Prie-stergöttern zu Gott zurückkehrt, kann es nicht besser werden inder Gesellschaft. Denn Religion ist unerschütterlicher Glaube anGott und seine Leitung, ist das Gefühl der Abhängigkeit der In-dividuen von den Zwecken des großen Ganzen, Religion ist Ach-tung vor den universalen Gesetzen, Religion ist Gemeinsinn, derseine Handlungen stets nach den Bedürfnissen der Allgemeinheitabmißt. Die Republik und Niemand zweifelt daran scheintdie vollendetste Staatsform zu sein, und wir rücken dem Tageentgegen, wo Europa's Völker ihre Verfassungen zu freistaatlichenausbauen werden. Wehe dann diesen Republiken, wenn die Mehr-zahl ihrer Bürger nicht religiös ist, wenn nicht eine großar-tige Anschauung und selbstverleugnende Opferfähigkeit sie beseelt.Dann wird wieder der erbärmlichste Eigennutz, die kleinlichsteSelbstsucht das Tyrannenszepter ergreifen und mit despotischerFaust die junge Freiheit erwürgen; Religion ist das Lebens-blut jeder sozialen Ordnung und Freiheit.Zum alten Voltaire führte man einst einen vielversprechenden Knaben, damit der Patriarch des Unglaubens ihn segne. UndVoltaire legte seine Hände feierlich auf des Kindes Haupt, in-dem er nur die zwei Worte sprach:Dieu! Liberté!Gott!FreiheitIch weiß nicht mehr, welcher späterhin berühmte Mann ausdem Knaben erwuchs.Dritter Brief.Wir denken. Aber auch richtig? Entsprechen unsere Gedan-ken und Vorstellungen der Wirklichkeit? Wenigstens müssen wirdie Fähigkeit besitzen, uns Wahrheiten anzueignen, d. h. wahreSchlüsse zu ziehn. Angenommen: wir wären nicht im Stande,richtige Gedanken zu fassen, so müßte nothwendiger Weise auchdiese Gedankenannahme falsch sein, d. h. aber: wir sind doch be-fähigt, richtig zu denken. Dies schließt nicht aus, daß wir uns