24
9. Der Unterricht in der Erdkunde.
dem eigentlichen Ägypten. — Letzteres liegt am Unterlaufe des Nils und be-ginnt mit dem letzten Wasserfalle des Flusses bei Assuan. Die Bevölkerung,welche im Nilthale und in den Oasen so dicht ist, dafs sie der in den dichtestbevölkerten Strichen Deutschlands gleichkommt (bis 295 Menschen auf i qkm),ist teils arabischer Abkunft, teils Nachkommenschaft der alten Ägypter, diesich ziemlich rein in den bäuerischen Felahin und in den städtischen Kopten(erstere Mohamedaner, letztere Christen) erhalten hat. In den grofsen StädtenKairo und Alexandrien leben viele Europäer. — Im unteren Teile von Nubien,ganz besonders aber im oberen Teile des eigentlichen Ägyptens trifft man aufgrofsartige Reste altägyptischer Baukunst, bedeckt mit teilweise gut erhaltenenBildwerken und mit Hieroglyphenschrift. Die hervorragendste Stelle unterdiesen Ruinen nehmen die von dem alten Theben ein. In Mittelägypten, inder Nähe des alten Memphis und des heutigen Kairo, liegen die eigentüm-lichsten Bauwerke der Welt, die (vierzig, darunter drei sehr hohe) Pyramiden,Grabstätten altägyptischer Könige. — Der ägyptische Staat ist kein selbständiger;er steht unter der Oberherrschaft des türkischen Sultans in Konstantinopelund wird von einem Vicekönige (Khedive) regiert, der seinen Sitz in Kairohat, einer Stadt, die mit ihren 330 000 Einw. im ganzen türkischen Reiche diezweite (nach Konstantinopel) Stelle einnimmt.
k. Geschichtliches: Eine Geschichte hat nur das eigentliche Ägypten.— Die Urbevölkerung dieses Landes ist jedenfalls über die Landenge, welchewie eine Brücke Asien mit Afrika verbindet, in das Nilthal eingetreten undhat hier schon sehr früh eine eigenartige Kultur entwickelt. — Die Abge-schlossenheit (im Osten und Westen Wüsten, im Norden ein mit Häfen geringausgestattetes Meer) des Landes mufste zunächst in den Bewohnern den Sinnfür das Abschliefsen überhaupt erwecken. Daher die streng geschiedenenKasten (zwei Adelskasten, die Priester und die Krieger, und zwei Volkskasten,die Ackerbauer und Handwerker und die Kaufleute, Hirten etc.). — Bezüglichdes Lebens und Strebens mufste für die Bewohner des Nilthaies dieser Flufsbald ein und alles sein, der Ernährer, der Lehrmeister und der Erzieher.Dadurch, dafs er alljährlich das Land durch seinen Schlamm düngte und soohne das Zuthun der Bewohner einen fruchtbaren Ackerboden.,herstellte, aufdem sich ein üppiger Pflanzenwuchs entwickelte, mufsten die Ägypter daraufgeführt werden, Ackerbau zu treiben und ihr Land zu der Kornkammer desAltertums zu machen (Beispiele). Neben die Getreidearten stellten sich baldGespinstpflanzen als Gegenstände des Anbaues. Was Wunder, dafs in kurzerZeit die Weberei das blühendste Handwerk in Ägypten wurde, dessen Er-zeugnis (ägyptische Leinwand, Byssus) berühmt und gesucht war. In denzuletzt berührten Umständen liegt zugleich der Grund, warum in Ägypten dieAckerbauer und Handwerker die erste Volkskaste bildeten. Die Kaufleute,welche die überschüssigen Erzeugnisse des Landes ausführten, waren meistFremde (Phönizier, Griechen), die sich im Lande niederliefsen und als solcheselbstverständlich in wenig hoher Achtung standen. Etwas ähnliches gilt vonden Hirten. Wäre den Ägyptern nicht alle Jahre der Boden durch den Nil-schlamm gedüngt worden, so hätten sie wohl sehr bald sich auch zur Vieh-zucht bequemen müssen, und dann würden sie wohl auch die Hirten in ihrerAchtung etwas höher gestellt haben — Weiter zwang der Nil durch seineÜberschwemmungen die Bewohner seines Thaies, feste Steinbauten aufzuführen,welche den Fluten erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen vermochten,während leichte Holzbauten durch dieselben fortgerissen sein würden DieserUmstand machte die Ägypter zu Bauleuten, und dafs sie in dieser Kunst eineziemlich hohe Stufe der Fertigkeit erreichten, davon zeugen noch heute dieÜberreste ihrer Tempel und Paläste, sowie die Obelisken und Pyramiden. —War die Zeit der Überschwemmung nahe, so galt es für die Ägypter, dieKanäle, in denen sich die befruchtenden Fluten durch das ganze Thal undauch zu den höher gelegenen Stellen desselben verbreiten konnten, wiederherzustellen, ebenso die Schleusen und Schöpfräder. Anfangs mögen sie beidiesen Arbeiten wohl öfters von den Fluten überrascht worden sein; bald aberlernten sie ihre Blicke zum Himmel richten und nach der Stellung der Stern-