EINLEITUNG ZUR ERSTEN REDE GEGEN PHILIPPOS. 105
die fünfte Philippische Rede, das ist in allen unseren Hand-schriften des Demosthenes nichts als der zweite Teil der ersten(§ 30—52). Diese Trennung der Rede in zwei der Zeit wie demWesen nach verschiedene hat in der alten Zeit keinen Beifallgefunden, wenigstens findet sich in den uns erhaltenen Schriftender alten Grammatiker davon keine Spur, im Gegenteil wird ihrin den Scholien sogar geradezu widersprochen. In der neuerenZeit zwar sind einige Male Stimmen zu Gunsten der Ansicht desDionysios laut geworden: allein es bedarf nur eines unbefange-nen und unbestochenen Urteils, um zu erkennen, dafs jene An-sicht ein blofses Hirngespinst und die erste Philippische Rede,wie sie uns vorliegt, ein unteilbares Ganze, aus einem Gusse ent-standen ist. Bekennt man sich aber zu der Meinung des Dionysios,so mufs man auch noch einen Schritt weiter gehen. Weder dieeine noch die andere Hälfte an und für sich ist eine Demosthe-nische Rede im vollen Sinne: der einen würde der Schlufs, deranderen der Anfang fehlen, denn so schliefst weder Demosthenes,noch beginnt er so eine Rede: beides würden also höchstensBruchstücke verschiedener Reden sein. Der Grund jener Tren-nung seihst aber ist neuerdings (von Böhnecke in den Forschun-gen auf dem Gebiete der att. Redner Bd. 1, S. 246 ff.) mit grofserWahrscheinlichkeit in der unkritischen Art und Weise gesuchtworden, auf welche Dionysios die Chronologie der PhilippischenReden des Demosthenes lediglich unter Benutzung der Atthis desPhilochoros festzustellen suchte.
Was die Zeit der Rede anlangt, so scheint man fast allge-mein im Altertum den Ausgang der 107. Olympiade als diesebetrachtet zu haben. Darauf weist sowohl die handschriftlicheÜberlieferung hin, nach welcher die Rede sich unmittelbar an dieolynthischen anschliefst, als auch der Umstand, dafs sie von denGrammatikern, die darin ohne Zweifel an die alexandrinische An-ordnung sich anschlossen, durchgängig als die vierte Philippischegezählt wird. Für eben diese Zeit erklärte sich noch neuerdingsBöhnecke a. 0. S. 222 ff. Dagegen hat Schäfer Dem. 2, 66 ff.(vergl. auch Fuchs, Progr., Urach, Tübingen 1875) in überzeu-gender Weise dargethan, dafs der Zeitpunkt der Rede kein anderersein kann als der von Dionysios a. 0. für ihre erste Hälfte ange-nommene, das Jahr des Archon Aristodemos, 01. 107, 1, Früh-jahr 351. 1 ) Dafür spricht, dafs kein Ereignis zur Sprache kommt,
1) Blafs nimmt mit mehr Recht an, dafs die Rede in die zweiteHälfte des attischen Jahres 351 falle, indem hier auf Philippos’ Erkran-kung angespielt wird.