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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
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Freilich richtet sich das ethische Prinzip derVerbindlichkeit zu-nächst an das einzelne Individuum, das sittlich dann handelt, wennes der Pflicht gehorchen will, und gerade der Begriff der ethischenAutonomie, so antiintellektualistisch er sein mag, scheint zugleich zueiner eminentindividualistischen, d. h. asozialen Ethik zu führenund insofern mit Rücksicht auf die im angegebenen Sinn römischenBestandteile der modernen Kultur unfruchtbar bleiben zu müssen.Doch ist das nur Schein, der wieder mehr durch Kants Buchstabenals durch seinen Geist hervorgerufen wird, und zwar kann man dasschon daran zeigen, daß die Autonomie als Willensbestimmtheit mitRücksicht auf das Kulturleben völlig leer bleibt, sobald man ver-sucht, ihr jeden sozialen Inhalt zu entziehen und sie auf das einzelneIndividuum zu beschränken. Dann vermag nämlich jeder beliebigeWert dem wollenden Subjekt als gesollt oder pflichtgemäß gegen-überzutreten, und die Autonomie wird zur Bestimmung des Begriffsvom spezifisch ethischen Sollen unbrauchbar. Ethisch wäre dannauch die Bejahung eines wahren Urteils oder die Anerkennung einesschönen Gebildes, wenn sie um des Wertes willen erfolgt, den Wahr-heit und Schönheit haben. So aber ist es von Kant nicht gemeint.Schon in seinen Formulierungen deskategorischen Imperativs, sounvollkommen sie in mancher Hinsicht sein mögen, tritt das s o-z i a 1 e Moment zutage, und die Tendenz zur Anerkennung sozialerEigenwerte wird deutlich.

Freilich, das soziale Prinzip hat Kant nicht ausdrücklichformuliert. Es bleibt bei ihm selber noch verdeckt. Doch dieserUmstand ist für unseren Zusammenhang nicht entscheidend. Eskommt darauf an, zu welchen Konsequenzen das ethischeGrundprinzip Kants sachlich hinführt, sobald man es zu Ende denkt.

Zunächst steht fest, daß auch Kant weiß: der Eigenwert der Sitt-lichkeit wird nicht durch vereinzelte Willenshandlungen rea-lisiert, so wenig wie Wissenschaft durch vereinzelte wahre Denkaktezustande kommt. In beiden Fällen entscheidet erst die Totalität,und das bedeutet auf dem ethischen Gebiet, daß nur eine Persön-lichkeit oder ein Charakter sittlich gut genannt werdenkann. Kein Mensch ist in diesem besonderen Moment schonethischzu nennen, und dann in jenem andern nicht mehr. Er verdient dasPrädikat immer erst mit Rücksicht auf sein dauerndes Wesen. So