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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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sicht auf sie positive Pflichten, sobald er über das Wesen derKultur nachdenkt.

Ist die Wissenschaft nämlich als besonderes Kulturgut neben an-deren erkannt, und so die wissenschaftliche Auffassung der Welt alseine besondere neben anderen Stellungnahmen zu ihr dargetan, dannmuß auch, ja gerade der theoretische Mensch, der universal denkenwill, die atheoretischen Werte wie die sittlichen, die staatlichen, diekünstlerischen, die religiösen als selbständige Eigenwerte anerkennen,die niemals an dem theoretischen Wert einer bloß intellektuellenVollkommenheit zu messen sind. Sie stellen dann an das Nach-denken durch ihre Eigenart bestimmte Forderungen,denen der Philosoph sich nicht entziehen kann.

Kurz, wenn die griechische Abbildtheorie des Erkennens fällt, zeigtsich die Weltanschauung des Intellektualismus sofort als eng undunzureichend, und ihre Erweiterung wird unter rein theoretischenGesichtspunkten zu einer notwendigen Aufgabe. Daraus ergibt sichvollends die universale Bedeutung des scheinbar so spezialistisch ver-fahrenden und als rationalistisch gescholtenen Kritizismus. Es wirddurch ihn nicht nur die Basis für eine umfassende moderne Wissen-schaftslehre gelegt, sondern eine allseitige Theorie des gesamten Kul-turlebens zur wissenschaftlichen Notwendigkeit.

Andererseits hat die Wissenschaft von ihrem Eigenwert nicht dasGeringste eingebüßt und kann ihr Eigen wesen ungehemmt entfalten.So wenigstens entsprach es der Absicht Kants. Freilich wird bis aufden heutigen Tag bestritten, daß der Kritizismus auch in dieser Hin-sicht wissenschaftlich voll befriedigend sei. Das Erkennen, sagt man,läßt sich nicht in der Weise beschränken, wie Kant es will. BeimUnerkennbaren darf sich die Wissenschaft nie beruhigen. Wir er-örtern auch diesen Punkt noch ausdrücklich, und zwar so, daß wirhierbei wieder zwischen Kants Prinzip und seiner Durchführungin Einzelheiten scheiden.

Einfach bleibt zunächst dies: die kritisch erkenntnis-theoretischbegründete Ueberwindung des Intellektualismus hat mit jenen theo-riefeindlichen Bestrebungen, die in einer theoretisch betrachtetwillkürlichenWeise dasGefühl oder denWillen oder irgend-eine andere irrationale Macht als Weltherrscher proklamieren, nichtsgemein. Diese antirationalistischen Tendenzen mögen den fühlenden

Bickeit, Kant. 11