140
Zeit nach Möglichkeit loszulösen, d. h. nicht so sehr den „histori-schen“ Kulturphilosophen Kant darzustellen, als vielmehr aus seinenGedanken den „idealen“ Philosophen der modernen Kultur heraus-zuarbeiten. Wie das gemeint ist, wird sofort klar, wenn wir an KantsVerhältnis zur Aufklärung denken. Man hat darüber gestritten, ober noch zu ihr zu rechnen sei oder nicht. Daß er nicht einer dervielen Aufklärer unter anderen war, wird wohl allgemein angenom-men. Aber vielfach sieht man ihn dann als den „Vollender“ der Auf-klärung an, und darin mag etwas Zutreffendes enthalten sein. Dochdiesen Gesichtspunkt können wir hier nicht brauchen. Wir habenvor allem zunächst einmal den Ueberwinder der Aufklä-rung zu betrachten, wobei unter Aufklärung jene Denkweisegemeint ist, die im vorigen Kapitel zu charakterisieren versuchtwurde, und dann müssen wir von hier aus verstehen, wie Kant dieSchranken aller Philosophie, die es vor ihm in Europa gab, mitRücksicht auf die Kulturprobleme prinzipiell durchbrach.
Selbstverständlich leugnen wir dabei nicht, daß Kant in vielenEinzelheiten noch in den Aufklärungstendenzen seiner Zeit befangenblieb. Doch insofern er „Aufklärer“ ist, kann er uns nicht als Philo-soph der modernen Kultur gelten und hat daher für unseren Zu-sammenhang kein Interesse. Mit Rücksicht hierauf gehört er der Ge-schichte an. Wir heben daher mit bewußter Einseitigkeit aus seinenkulturphilosophisch bedeutsamen Gedanken diejenigen heraus, diein die Zukunft weisen. Von ihnen aber sind vor allem diejenigenwichtig, welche die unzweideutig über den früher dargestelltenAntagonismus von Rationalismus und Antirationalismus innerhalbder Aufklärung hinausführen, denn diese eröffnen zugleich ganz neuePerspektiven für eine Philosophie der modernen Kultur überhaupt.
Doch gehen wir dabei nicht so weit, die Gedanken Kants wie einSystem zu behandeln, das nun auf alle Probleme, welche die mo-derne Kultur uns stellt, eine befriedigende Antwort gibt. Abgesehendavon, daß wir ein solches System wohl überhaupt noch nicht be-sitzen, läßt es sich aus Kant jedenfalls nicht herausarbeiten, solangewir uns an die Tatsachen halten. In unserem Zusammenhang könntesich eine systematischeVollständigkeit schon deshalb in keiner Weiseergeben, weil Kant nicht daran gedacht hat, das Problem der mo-dernen Kultur so zu stellen, wie wir es in dieser Schrift versucht