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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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und der Mensch zuvor muß fromm sein, ehe er Werke tut, so ist of-fenbar, daß allein der Glaube aus lauteren Gnaden durch Christumund sein Wort die Person genugsam fromm und selig machet, unddaß kein Werk, kein Gebot einem Christen not sei zur Seligkeit,sondern er frei ist von allen Geboten und aus lauterer Freiheit um-sonst tut alles, was er tut, ohne damit zu suchen sein Nutz oder Selig-keit (denn er ist schon satt und selig durch seinen Glauben und Got-tes Gnaden), sondern nur um Gott darinnen zu gefallen.

Was für uns wichtig ist, läßt sich jetzt mit wenigen Worten sagen.Wo solche religiöse Gesinnung herrscht, wird nicht nur die äußereOrganisation der Kirche, wie sie von Rom übernommen war, sondernauch die griechische Wissenschaft, wie das Mittelalter sie in denDienst der Dogmenbildung gestellt hatte, als etwas erscheinen, wasdem Wesen des Christentums im Grunde fremd ist und daher denreligiösen Glauben stört, sobald es in den Vordergrund tritt und Be-deutung für sich beansprucht. Daß Luther nicht nur die römischePolitik bekämpfte, sondern auch die Philosophie ein altes Weibnannte, das nach Griechenland stinkt, bekommt so tiefen Sinn. Eskönnen Konflikte mit der kirchlichen Herrschaftsorganisation in po-litischer und intellektueller Hinsicht nicht ausbleiben, und die Reli-gion, die in der Kulturwelt sich ausgestalten will, muß nach neuenFormen suchen, die ihrem Eigenwesen angemessener sind als die ausder Antike des Griechentums und des Römertums übernommenenGebilde. Wo diese Tendenzen aber durchdringen, geht es mit demMittelalter zu Ende.

Doch noch etwas anderes ist auch hier zu bemerken. Es ergibt sichnicht allein ein Konflikt des religiösen Menschen mit der mittelalter-lichen Kirche, sondern es bleibt zugleich wieder völlig problematisch,wie die Religion sich zu der erneuten griechischen oder modernenWissenschaft der Renaissance und zu dem erneuten römischen odermodernen politischen Leben der nationalen Staaten stellen soll. ImPrinzip tauchen hier also dieselben Schwierigkeiten auf, die wir indem Verhältnis von Wissenschaft und Staat zueinander fanden, undes liegt auf der Hand, daß sie sich noch viel entschiedener geltendmachen müssen, wo die Beziehungen des religiösen Menschen zumwissenschaftlichen und zum politischen Menschen in Frage stehen.Man kann zur mittelalterlichen Vereinigung, sobald jedes Gebiet sich