Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
86
Einzelbild herunterladen
 

86

Wir bewegen uns in allgemeinen Begriffen auch dann, wenn wirvon Persönlichkeit oder Individualität sprechen, und das wirklicheIndividuum, meint man mit Recht, ist ineffabile, unsagbar. Wasbedeutet das? Unsagbar hieß auch dasEine Plotins. Meint dasWort etwa in beiden Fällen dasselbe?

Von demEinen läßt sich deswegen philosophisch nichts sagen,weil es keine positiven Bestimmungen gibt, die darauf noch anwend-bar sind. Für Plotins Vernunft zerfällt alles in Subjekt und Objekt,und das Letzte kann weder das eine noch das andere sein. Es liegtjenseits jeder Spaltung. Deshalb bleibt es unbestimmbar, unsag-bar, d. h. von positiven Bestimmungen frei und insofern völlig leer.Wie steht es dagegen mit diesem oder jenem Individuum ? Dem ab-straktesten aller Begriffe tritt es als das absolut Konkrete gegenüber.Für unser unmittelbares Erleben hat es also die größte Fülle vonpositiven Bestimmungen, und nur deswegen bleibt es unsagbar, weilwir mit dem, was darüber zu sagen wäre, niemals an ein Endekommen könnten. Wir tun besser, von vornherein von ihm als voneinem Unsagbaren zu reden, da alle seine Bestimmungen sich dochnicht sagen lassen. Insofern steht das unsagbare Eine zum unsag-baren Individuum im größten Gegensatz, falls man nicht annehmenwill, auch Plotin habe mit dem Einen ein Individuum gemeint.

Den Unterschied kann man in noch anderer Weise zum Bewußt-sein bringen. Das Eine Plotins bleibt dem Denken unerreichbar, weilwir nur denken können, wo das eine sich vom andern unterscheidet,und weil das Letzte das Unterschiedslose sein soll. Jeder Begriff, denwir mit unserem trennenden Denken von ihm bilden, wird deshalbparadox oder führt zum Widerspruch. Die Unsagbarkeit des Indivi-duums dagegen hat mit Widerspruch, solange sie für sich betrachtetwird, gar nichts zu tun. Ja das Individuum darf als Individuum nie-mals paradox genannt werden. Denn das sich Widersprechende istfür das Denken dasUnmögliche, und das Individuum ist seinemBegriff nach das Wirklichste, was sich denken läßt. Seine Unsagbar-keit kann deshalb, auch wenn sie Undenkbarkeit bedeutet, in keinerWeise auf seiner Paradoxie, sondern ausschließlich auf seiner Irra-tionalität beruhen.

Damit sind wir wieder bei dem entscheidenden Punkt angelangt,und wir halten jetzt Irrationalität und Paradoxie auf das Sorgfältigste