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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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meinen braucht noch kein spezifisch intellektualistischer Zug zusein, denn in der Rechtsordnung und im politischen Leben der Rö-mer bedeutet der Einzelne für sich genommen ebenfalls nichts. DasIndividuum wird nur so weit wichtig, als es sich dem für alle gleich-mäßig geltenden Gesetz unterordnet.

Im Christentum ist es anders. An die Stelle des allgemeinen ver-nünftigen Weltprinzips, wie die Griechen es als Gottheit dachten,setzt es einen persönlichen Gott, der nicht nur für jedes einzelne In-dividuum absolute Redeutung hat, sondern zugleich jedem einzelnenIndividuum absolute Bedeutung verleiht. Das Verhältnis der Liebezu ihm muß sich daher anders gestalten als im antiken Eros, undvollends steht die christliche Gottesliebe zum Prinzip des politischenLebens der Römer im Gegensatz. Für Jesus war das All, zu dem derEinzelne in Beziehung tritt, um seinem Leben Sinn zu verleihen,nicht ein Gegenstand, der sich abstrakt denken oder sonst irgendwiekontemplativ erfassen läßt, noch war es wie der Rechtsstaat der Rö-mer ein Gebilde, dem wir uns dadurch einordnen, daß wir seine über-persönlichen Zwecke zu denen unseres Wollens und Handelns ma-chen, sondern das Universum wurde zum Ausdruck eines persön-lichen Wesens, mit dem den Menschen die denkbar innigste persön-liche Beziehung verbindet, die des Kindes zu seinem Vater.

Für Jesus war es so. Es ist notwendig, daß wir nicht nur vomChristentum im allgemeinen, sondern von Jesus als von einer einma-ligen Person reden, obwohl der Sinn desChristentums in Fragesteht, denn nicht ein abstraktes Prinzip, sondern ein konkretes per-sönliches Leben entscheidet hier. Jesus als Individuum weilte im Allwie im väterlichen Hause *).

Begrifflich formuliert bedeutet das: in der christlichen Religiondreht alles sich um die Gotteskindschaft des Menschen. Doch dürfenwir nicht vergessen, daß ein solcher allgemeiner Begriff hier nichtgenug sagt. Es kommt in jedem besonderen Fall auf den einzelnenkonkreten Menschen an, der sich als individuelle Person mit seinempersönlichen Vater im Himmel durch persönliche Liebe wechselseitig

1) Schon von Paulus ist in diesen und den folgenden Ausführungen absichtlichnicht die Rede und noch weniger von späteren Christen. Das mag gewaltsam undsehrungeschichtlich erscheinen, rechtfertigt sich aber durch den Zweck, denwir bei unserer geschichtsphilosophischen Konstruktion im Auge haben.