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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Wertgrundlage jedes Kulturgutes, das Eigenwert besitzt, unbe-gründbar.

Mit Rücksicht auf das Staatsleben bedeutet das: es gibt keine Po-litik ohne Menschen, die den Eigenwert des Staates wollen, und ra-tional begründen läßt sich der Wille zum politischen Eigenwert nicht.Insofern bleibt alles staatliche Leben nicht nur atheoretisch, sondernauch irrational. Wo aber der Staat als Gut von politischen Men-schen gewollt wird, da bemächtigt sich der politische Wille auch derRatio und bildet das Staatsrecht rational aus, so daß nun das poli-tische Leben, zwar nicht infolge des ihm zugrunde liegenden Eigen-wertes und mit Rücksicht auf den letzten gewollten Zweck, wohlaber mit Rücksicht auf die Mittel, welche in den Dienst seiner Ver-wirklichung gestellt werden, ein eminent rationales Gepräge bekom-men kann, so atheoretisch dies Leben bleiben mag.

Die Römer haben es in der Tat verstanden, ihr Rechtsleben in die-sem Sinne gründlich zu rationalisieren. Auf den Eigenwert der Ra-tio, den sie als theoretischer Wert besitzt, kam es ihnen dabei nichtan, und wir verstehen von hier aus sehr gut, weshalb Cicero, wie Dil-they hervorhebt, sich entschuldigt, daß er philosophiere. Er tut dasnicht als bloß wollender, sondern als politischer Mensch. Er tut esalsRömer, wie wir dies Wort verstehen. Das rein theoretischePhilosophieren, das Forschen ohne politischen Zweck mußte ineiner an politischen Werten orientierten Kultur unzweckmäßig undinsofernirrational erscheinen. Tritt aber die Ratio in den Dienstpolitischer Ziele, dann überträgt sich der Wert des Staates auf sie alsMittel zu dessen Verwirklichung, und weil das Leben der zielbewußthandelnden Menschen immer an dem Verhältnis von Zweck und Mit-tel orientiert ist, mußte die Rationalisierung des Rechts bei den Rö-mern zu einem gewollten Mittel im Dienste der Politik werden.

Wir sehen an diesem Beispiel von neuem, wie notwendig es war,bei einer Betrachtung der europäischen Kultur Intellektualismusund Rationalismus auseinanderzuhalten. Die römische Weltan-schauung, die an politischen Werten orientiert ist, liegt von allemIntellektualismus weit entfernt, und sie hat trotzdem ein im hohenGrade rationalistisches Gepräge, und zwar notwendig, denn das völ-lig Irrationale ist mit dem politischen Willen zum Staat ebenso un-verträglich wie mit dem wissenschaftlichen Willen zur Wahrheit.

Bickert, Kant. 6