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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Doch was bedeutet es, daß wir nicht Geschichte, sondern G e-schichtsphilosophie treiben? Zunächst: wir wollen dieVergangenheit nicht unbefangen oder gar vollständig würdigen, son-dern heben aus ihr das allein heraus, was für unsere Zwecke brauch-bar ist, d. h. wir stellen die Darstellung in den Dienst einer philo-sophisch systematischen, also ungeschichtlichen Erörterung. Aberist das nicht bedenklich? Kann es dabei ohne Willkür abgehen?Haben wir ein wissenschaftliches Recht dazu, ein fast unüberseh-bares Material, das für sich schwerwiegende Eigenbedeutung besitzt,mit philosophischen Begriffen umzuformen, die von außen herange-tragen sind? Kommt das nicht auf eine Vergewaltigung der Ge-schichte oder zum mindesten auf den Versuch heraus,die Fesselnder Wissenschaft abzuwerfen, Arbeit in Spiel, Gewißheit in Mei-nung und Philosophie in Philodoxie zu verwandeln? Wenn unsaber diese Worte Kants einfallen, müssen wir dann nicht davor zu-rückschrecken, bei der Behandlung grade der Kantischen Philosophiezu einer geschichtsphilosophischen Konstruktion zu greifen ?

In der Tat, unser Versuch ist unter wissenschaftlichen Gesichts-punkten fragwürdig. Es empfiehlt sich daher, daß wir über seinenmethodischen Charakter zur vollen Klarheit kommen, ehe wir anseine Ausführung gehen, und vor allem wissen, wie er sich zur empi-rischen Geschichtswissenschaft verhält.

DieGeschichtsphilosophie stand eine Zeitlang in Blüte, galt dann alsveraltet oder unmöglich und erfreut sich neuerdings wieder großer Be-liebtheit. Was jedoch ihren Charakter als Wissenschaft ausmacht,darüber gehen die Meinungen noch weit auseinander. Es werden als ge-schichtsphilosophisch verschiedene Arten von Gedanken bezeichnet,diewenig miteinanderzu tun zu haben scheinen. Unter diesemNamengehen einmal zusammenfassende Darstellungen des historischen Uni-versums oder der Weltgeschichte. Ferner sucht die Geschichtsphilo-sophie Gesetze oder Prinzipien, die allem historischen Leben gemein-sam sind, und endlich werden auch Untersuchungen über die Logikder Geschichtswissenschaft geschichtsphilosophisch genannt J ).

1) Vgl. meine Abhandlung: Geschichtsphilosophie in: Die Philosophie imBeginn des 20. Jahrhunderts. Festschrift für Kuno Fischer. 1905, 2. Auf. 1907 .Ich lasse diese Schrift demnächst in 3. Auflage unter dem Titel: Die Problemeder Geschichtsphilosophie erscheinen.