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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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gültig verstehen. Wer nicht davon überzeugt ist, daß Menschen indieser Weise Bürger zweier Welten, einer wahrnehmbaren sinnlichenund einer verstehbaren unsinnlichen, zu werden vermögen, der kannüberhaupt nicht von einer Wahrheit überzeugt sein, und er sollte da-her von der Wissenschaft seine Hand lassen. Ohne die Voraus-setzung eines Ewigkeitsgehaltes, der uns verständlich ist, hat dieBeschäftigung mit wissenschaftlichem Denken keinen Sinn. Reintheoretische Forschung gibt es nur, wo zeitliche, sinnliche Menschenzeitlose, unsinnliche Wahrheiten suchen.

Trotzdem lassen sich die Werke eines Philosophen noch untereinem anderen Gesichtspunkt betrachten. Der wissenschaftlicheMensch bleibt als Mensch stets ein Bürger zweier Welten, und erwird daher den unsinnlichen Gehalt, den er forschend gefunden zuhaben glaubt, zur Sinnenwelt, in der er lebt, in Beziehung bringen.Hiermit ist nicht gemeint, daß es zeitlose Wahrheiten über zeitlichesSein und Geschehen gibt. Da liegt die Verbindung von vornhereinim Wesen der Sache und braucht nicht erst hergestellt zu werden.Die Beziehung, die wir im Auge haben, reicht weiter. Auch beiWahrheiten über Unsinnliches und Ewiges, ja gerade bei ihnen, kön-nen wir fragen, was sie für das sinnliche Sein in der Zeit bedeuten.Wir müssen eine solche Frage stellen, sobald wir daran denken, daßwir alle in einer geschichtlich, also zeitlich bedingten Welt leben, vonder die Wissenschaft, soweit sie real existiert, nur ein kleiner Teil ist.Ausschließlich auf ihren zeitlos gültigen Gehalt könnten allein diereinen Philosophen ihre Aufmerksamkeit beschränken, und keinwirklich lebender Mensch ist nur Philosoph und forscht nur nachWahrheit. Jeder lebt zugleich in einer umfassenderen Kultur,und er muß daher auch wissen wollen, welche Rolle die Philosophiein der Totalität des geschichtlichen Kulturlebens spielt, in das sieals wirkliche Wissenschaft wie er selber stets verwoben bleibt.

Vom rein theoretischen Standpunkt aus kann das freilich als einesekundäre Frage erscheinen. Aber sie hört darum nicht auf, eine be-rechtigte Frage zu sein. Was hat ein Philosoph mit seinen Werkendem einmaligen Zeitabschnitt des geschichtlichen Lebens zu sagen,in dem er wirkt? Oder: was gehen uns, die wir in dieser einmaligenEpoche der Kultur existieren, für unsere Gegenwart die zeitlos gül-tigen Gedanken der Wissenschaft an? Für die meisten Menschen