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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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So befindet sich die wissenschaftliche Philosophie seit Kant nichtetwa im Niedergang oder im Stillstand, sondern geht aufwärts undsteht heute höher als zu der Zeit, da Kant lebte. Das bleibt nur denenverborgen, die unwissend sind. Man darf in der Wissenschaft, dieeine Sache ist, nicht die einzelnen Personen zum Maßstab des Niveausmachen. Es kommt hier allein auf die sachliche Leistung an, und sieerhöht das Niveau der Wissenschaft, auch wenn sie unscheinbar undbescheiden ist, während die großen Worte der überwissenschaft-lichen Weltanschauungsdilettanten, die auf alle Schulphilosophiestolz herabsehend, nur den Schaum von den Wissenschaften ab-schöpfen möchten, um sich daraus eine persönliche Weltanschauungzurecht zu machen, nicht das Geringste zur Erhöhung des wissen-schaftlich-philosophischen Niveaus der Zeit beizutragen pflegen.

Auch wie Kant hierüber dachte, wissen wir, und ein Zeugnis dafürsei endlich diesem Buche noch vorangestellt, damit in dieser Hinsichtebenfalls klar wird, in welchem Sinne sein VerfasserKantianer ist.

Kant wollte es unerörtert lassen,ob der Welt durch große Geniesim ganzen sonderlich gedient sei. Aber über einenSchlag vonihnen,Geniemänner (besser Genieaffen) genannt, derdasmühsame Lernen und Forschen für stümperhaft erklärt, hat er sichunzweideutig geäußert:Dieser Schlag ist, wie der der Quacksalberund Marktschreier, den Fortschritten in wissenschaftlicher und sitt-licher Bildung sehr nachteilig, wenn er über Religion, Staatsverhält-nisse und Moral gleich dem Eingeweihten oder Machthaber vomWeisheitssitze herab im entscheidenden Tone abspricht und so dieArmseligkeit des Geistes zu verdecken weiß. Was ist hiewider anderszu tun, als zu 1 a c h e n und seinen Gang mit Fleiß,Ordnungund Klarheit geduldig fortzusetzen, ohne auf jene GauklerRücksicht zu nehmen?

In der Tat, auch wir wollen über unserePhilosophen auf demWeisheitssitze fröhlich lachen und dann an unsere ernste Arbeitgehen!

Heidelberg, Mitte Mai 1924.

Heinrich Rickert.