105
man müsse sich behelfen, mit dem Gewöhnlichsten vorlieb nehmen, aufbessere Zeiten warten und was dergleichen mehr ist. Diese Einreden oder,besser gesagt, Ausreden haben bereits oben im Allgemeinen ihre Würdi-gung gefunden; darum hier nur noch ein zusätzliches Wort darüber.
In der Regel machen cs sich Diejenigen, welche eiüc solche Toleranzgegenüber dem Häßlichen oder Gemeinen an Tag legen, nicht recht klar,um was cs sich handelt und was sie eigentlich wollen. Will man bloseinen Versuch machen, ob ein Orden irgendwo Wurzel fassen kann, somicthc man erst das erforderliche Gebäude oder errichte äußersten Falleseinen förmlichen Nothbau, der eben blos Schutz gegen Wind und Wettergewährt; nur kein Mittelding, welches doch am Ende zu theucr wird, alsdaß man cs nach wenig Jahren wieder so ohne Weiteres über die Klingespringen lassen könnte! Es wird dann daran geflickt, an- und umgcbaut,bis so viel Geld aufgcwcndct ist, daß man davon etwas durchaus Aechtesaus Einem Gusse für alle Zeiten hätte bauen können, ganz von dem Fallezu schweigen, daß man, um die Misere zu verdecken, zu den Freseomalcrnseine Zuflucht nimmt, die bekanntlich Virtuosen-Prcisc zu führen gewohntsind und für ein paar Cartons mehr rechnen, als die gcsammtc stylgcrechteDecoration einer gesunden gothischcn Architektur gekostet haben würde.Die Richtigkeit der architektonischen Grundformen und Proportionen, derGeschmack in Bezug auf Anordnung und Gruppirung der einzelnen Thcilemachen übrigens keine besonderen Kosten, da die schlechten Architekten indem Einen Punkte der Rechnungen hinter den guten nicht zurückzustehenpflegen. Je leichtfertiger aber hinsichtlich jener wesentlichen Elementeder baulichen Schönheit verfahren wird, um so mehr Aufwand mußman später für parasitischen und deshalb doppelt kostspieligen Schmuckmachen.
Im Mittelalter gab cs bekanntlich wenig Geld, aber desto Mehr wil-lige Herzen und Hände; wo diese sich nicht in hinreichender Zahl finden,beeile man lieber die Errichtung eines Klosters nicht allzusehr, da ja fastniemals ein solches eine absolute Nothwendigkcit ist. Andererseits sei manaber auch nicht überängstlich und fürchte z. B. nicht, daß die Insassen desKlosters sich Alles vom Munde abbrechcn müßten, was auf dessen äußereSchönheit verwendet werde. An den Orden bewahrheitet sich so recht dasWort: „Suchet zuerst daS Reich Gottes, das Uebrigc wird euch hinzu-gcworfen werden." Sobald ein Orden von dieser goldenen Regel abwich,dauerte cs nicht lange und cs wurde ihm seine irdische Habscligkeit ge-nommen, mit all seiner Herrlichkeit ging es zu Ende; und diese Züchti-gung, wenngleich sehr ungerecht auf Seiten derjenigen, welche sic verübten,diente in der väterlichen Hand Gottes dazu, um dem Orden den Schatz