Druckschrift 
Fingerzeige auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen
 

83

geöffnet seien. Hören wir, wie z. B. Wilhelm von Humboldt (Briefe an eineFreundin II. S. 260) sich darüber äußert:Etwas Anderes hat mir immernoch einflußreicher geschienen, als selbst die Schönheit und Pracht der Kir-chen, ich meine den in den meisten katholischen Ländern herrschenden Ge-brauch, die Kirchen den ganzen Tag offen stehen zu lassen.Der Geringste im Volke erhält dadurch einen Ort, wo er unbemerkt ein-sam sitzen und seinen Gefühlen und Gedanken ungestört nachhängcn kann,und gleichsam neben seiner, von allen irdischen Mühseligkeiten durchwim-melten Wohnung eine von diesen allen entblößte Freistatt findet, in derihn Alles auf wahrhaft hohe und würdige Betrachtungen führt. Das be-ständige sorgfältige Verschließen unserer protestantischen Kirchen hat, wieschwerlich abgcleugnct werden kann, etwas Trübes, und macht, daß auchdarin vorhandene Pracht und Kunst nicht wahrhaft zum öffentlichen Genüssekommt. Man gelangt nur durch ausdrückliches Aufschlüßen des Kirchners,den man hcrbeiholcn muß, dazu. In den katholischen Ländern nimmt dasganze Volk einen freieren und freudigeren Anthcil daran, und man würdesehr irren, wenn man glaubte, daß das Volk dagegen unempfindlich wäre."Ich erachte es für überflüssig, dem noch ein Wort bcizufügcn; die Unsittespringt ohnehin schon allzusehr als solche in die Augen. Der Küster hatauch Besseres und Nothwcndigeres zu thun, als den Cicerone der Touri-sten zu spielen, welche überdies in ihren Reisehandbüchern allen erforder-lichen Aufschluß finden und meist von dem stereotypen Geleier recht unan-genehm berührt werden. Er helfe lieber die neugierigen Fremden währenddes Gottesdienstes überwachen, damit dieselben nicht, wie so häufig ge-schieht, durch ihr Verhalten die Andächtigen stören und ärgern. Ichkönnte Dome namhaft machen, in welchen diese Störung sich wohl biszum Scandale steigert, ohne daß Seitens des Aufsichtspcrsonalcs eingc-schrittcn wird, weil dasselbe allzusehr daran gewöhnt ist, die Kirche alsMuseum behandeln zu sehe».

Selbst wenn im Falle des Nichtvcrschlicßens der Kirche ihre Siche--rung es erheischte, daß der Küster während des ganzen Tages (die Mit-tagsstunden ausgenommen) sich darin aufhiclte, so würde er doch seltenohne zureichende Beschäftigung sein, falls er anders seinen Beruf vomrechten Gesichtspunkte aus erfaßt. DaS Sprichwort sagt, daß Alles, wasWerth ist, gcthan zu werden, auch wcrth ist, recht gethan zu werden,zumal, setze ich hinzu, wo es im Dienste Gottes geschehen soll. Wie ge-ringfügig auch die Obliegenheiten eines Küstkrs im Einzelnen sein mögen,dieselben sind so mannichfaltig und solcher Art, daß wenn sie in mög-lichst bester Weise erfüllt werden, doch ein recht tüchtiges Stück Arbeithcrauskommt. Schon allein das Reinh alten der Kirche und ihres Zu-

6 *