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Choral vorzugsweise als der Gesang der Kirche betrachtet werden muß, sosind darum doch keineswegs so wenig der Volksgcsang als sonstige musika-lische Aufführungen vom Gottesdienste schlechthin ferne zu halten, wie dennauch das Mensuriren des Gesanges an sich keineswegs mit Nvthwcndigkcitdessen Verweltlichung entschließt. Der Choral soll nur stets das Normativabgcben, den Vorrang behaupten. Was insbesondere den mehrstimmigenGesang anbelangt, so sollten vorzugsweise solche Stücke gewählt werden,welche den Choral zur Grundlage haben, wie dies bei so vielen Composi-tioncn aus der sogen. Blüthezeit der Kirchenmusik der Fall ist. Auch an-dere mehrstimmige Compositioncn aus der classtschcn Periode, welche denGeist und die Strenge der vorstehend bezcichncten Gattung an sich tragen(wie z. B. bei so vielen nicht über den Choral gesetzten Werken des Orlandodi Lasso und Palästrina's der Fall ist) sind nicht nur nicht auszuschlicßcn,sondern sogar, wenn in rechter Weise angcwcndct, in hohem Grade em-pfehlenswertst. Haben dieselben auch keine ausdrückliche kirchliche Sanktion,so geht doch ihre Zulässigkeit indircct sowohl auö Erlassen von Kirchenobc-rcn als auch aus der Praxis der Sixtinischen Capelle hervor*). Dahingegenmuß entschieden mit derjenigen Gattung gebrochen werden, welche zur Zeit,leider fast überall, besonders aber in den Kathedralen die herrschende ist.Ihr Grundcharakter ist ein profaner; statt zu erheben und zu beruhigen,regt diese Musik vielmehr auf; sic zieht von dem Gedanken ab, den sierhythmisch verklären sollte. Ihr gegenüber erscheint die Liturgie, die gottes-dienstliche Handlung gradczu als Nebensache: der Conccrtmeister mit seinenFiedeln, Pauken und Trompeten dominirt von der Höhe herab; das Gebetund der Gesang des Priesters werden nur eben geduldet, kaum ist einWort aus seinem Munde gegangen, so bemächtigt sich das Orchester des-selben, zerbricht ihm die Knochen, zerrt cs umher und knetet und verarbei-tet cs so lange, bis auch nicht mehr der leiseste kirchliche Anklang erübrigt.Wo die Mittel nicht gestatten, cs so ins Große zu treiben, tritt meist derOrganist, nach besten Kräften, in die eben charaktcrisirtc Rolle deö
*) Von Carl Proste erscheint in Regensburg eine treffliche Sammlung alter Kirchen-musik unter dem Titel: Hlusico ilivin», sivo Ibesaurus cunceiUuum seloctissimvrmuomni cultui ckivinv totius anni juxt» rilum sonctoo occlesia ecalboiicso insorvientium ob ex-collentissimis superioris ocvi inusicis nuineris bormonicis compositorum (bis jetzt 2 Bde.in 4.). Da das Werk noch fvrterscheint, so kommt vielleicht der Wunsch nicht zu spät,daß der Herausgeber auch in Bezug auf die typographische Ausstattung desselben sichden guten alten Mustern anschließcn und insbesondere die wahrhaft läppischen Verzierun-gen der Initialen entweder durch besser stylisirte ersetzen oder ganz fortlassen möge. So-dann wäre auch für ein correcteres Ucbereinanderreihe» rhythmisch verschieden gegliederterStimmen in mensuraler Beziehung zu der Partitur Sorge zu tragen.